Herr Nollau, wie erklären Sie sich, dass Leipzig, trotz unter­klas­sigen Fuß­balls, ein so großes Gewalt­po­ten­tial in den Fan­szenen hat?

Im Ver­gleich zu den großen Fuß­ball­städten, die ihre Sta­dien mit Zehn­tau­senden gefüllt haben, ist in Leipzig der pro­zen­tuale Anteil an ultra- oder erleb­nis­ori­en­tierten Anhän­gern natür­lich sehr groß. Des­halb fallen diese Grup­pie­rungen hier stärker ins Gewicht. Ob sie fak­tisch auch größer sind als in Mün­chen oder Berlin, wage ich zu bezwei­feln.



Ein Pro­blem ist auch, dass es zwei etwa gleich­große Ver­eine gibt. Würde die Hege­monie eines Ver­eins der Gewalt Ein­halt gebieten?

Eine Fusion oder ein Retor­ten­klub würde in Leipzig nicht funk­tio­nieren. Die Stadt ist in grün-weiß und blau-gelb geteilt. Bevor hier Kinder von Lok-Fans »Mama« oder »Papa« sagen können, können sie »Chemie-Schweine raus« sagen. Ein instal­lierter Klub würde das Sta­dion nur im extremen Erfolgs­fall füllen. Und die gewalt­be­reiten Fans würden sich ein anderes Feld suchen. Das Pro­blem wäre dadurch nicht besei­tigt. Wer das behauptet, ist kein Kenner der Leip­ziger Fuß­ball­szene.

Wenn man sich die Nach­richten um ihren Verein ansieht, muss man um die Exis­tenz des 1. FC Lok Angst haben.

Die Leute bei Lok, die man der Kate­gorie C zuordnet, hätten im Zusam­men­spiel mit der Medi­en­be­richt­erstat­tung viel­leicht die Macht, den Verein über den Abgrund hinaus zu stoßen.

Macht es sich der Verein nicht zu leicht, wenn er immer mit dem Finger auf die Medien zeigt?

Ich möchte Ihnen ein Bei­spiel geben, denn meiner Mei­nung nach trägt der regio­nale Sender MDR mit seiner undif­fe­ren­zierten und bou­le­var­desken Bericht­erstat­tung viel zum Image des Ver­eins bei. Keine Frage ist, dass in der »Sach­sen­stube« ein­deutig Grenzen über­schritten wurden. Aber am Tag nach dem Über­fall auf die Sach­sen­stube war ich in Leutzsch vor Ort, und dort hatte der MDR nur die Sorge, dass die kaputt geschla­genen Autos auch stehen bleiben, damit die Kame­ra­leute ihre Bilder schießen konnten. Das ist doch bezeich­nend.

Also findet von Seiten der erleb­nis­ori­en­tierten Anhänger doch eine mut­wil­lige Schä­di­gung ihres Ver­eins statt?

Keiner dieser so genannten Fans hat eigent­lich bewusst vor, den Verein zu zer­stören. Aller­dings wird es doch irgendwie in Kauf genommen und ris­kiert, da die Ran­dale bewusste Hand­lungen sind. Diesen Anhän­gern müsste aber schon klar sein, dass sie den Verein durch ihr Ver­halten schä­digen. Das ist das Uner­klär­liche für mich.

Sie sagen, dass keiner der Ran­da­lierer den Verein zer­stören will. Trotzdem muss den Kra­wall­ma­chern doch klar sein, dass die Riva­lität der beiden Fan­lager in den ver­gan­genen Jahren an Inten­sität extrem zuge­nommen hat.

Früher gab es auch schon eine Riva­lität, die über das Sport­liche gegangen ist. Es gab regel­rechte Hetz­jagden in den Acht­zi­gern. Aber wenn Ber­liner Mann­schaften zu Gast waren, egal ob bei Lok oder Chemie, oder Lok im Euro­pa­pokal gespielt hat, haben Fans beider Ver­eine für das Leip­ziger Team gehalten. Heute ist bloß wichtig, dass Chemie ver­liert. Die Qua­lität hat sich dahin­ge­hend ver­schärft, dass Emo­tionen und Hass gegen den Rivalen ein­fa­cher geschürt werden können als es früher der Fall war.

Welche Rolle spielt dabei die Poli­ti­sie­rung beider Kurven?

Es gibt genü­gend alte Che­miker, denen die linken und anti­fa­schis­ti­schen Parolen, die durch die »Dia­blos« ins Sta­dion getragen werden, richtig auf den Sack gehen. Es wird auch von außen viel Politik ins Sta­dion getragen. Die »Dia­blos« haben meiner Ansicht nach viel Lob­by­ar­beit betrieben, um eine linke Kli­entel anzu­ziehen – zumal Lok ja auch als rechter Verein ver­schrien ist.

Sie sind jetzt nur auf die linken »Dia­blos« ein­ge­gangen. Aber Lok hat auch ein großes poli­ti­sches Pro­blem mit rechts­ex­tremen Fans.

Bei uns im Sta­dion hat das poli­ti­sche nicht zuge­nommen. Aber viele ten­dieren sicher­lich als Gegen­part zu den linken Ten­denzen nach rechts. Auch wenn ich der Mei­nung bin, dass viele über­haupt nicht wissen, was sie da schreien.

Aber rechte Ten­denzen in Loks Fan­kurve sind unbe­streitbar. Was ent­gegnen Sie per­sön­lich oder ihre nor­malen Fans diesen?

Es gibt bei uns im Verein auch linke Fans, die ihre Hal­tung auch nicht ver­ste­cken und ihren Unmut offen zeigen, wie z. B. gegen diese idio­ti­sche Haken­kreuz-Aktion vor ein paar Jahren. Ich habe auch den Ein­druck, dass ich zum Bei­spiel bei unserer Ultra-Grup­pie­rung »Blue Side LOK« auf Ver­ständnis für unser Anliegen stoße und auch wäh­rend der Spiele in der Kurve auf die Sen­si­bi­lität bestimmter Aktionen hin­weise.

Die große Mehr­heit schweigt den­noch bei rechten Parolen.

Unsere ganz nor­malen Fans haben das Bewusst­sein, dass rechte Parolen im Sta­dion schnell auf den Verein zurück­ge­führt werden und ihn bedrohen. Sie schreiten dann auch verbal ein. Es kann aber nicht die Auf­gabe des Fans sein, seinen Neben­mann poli­tisch zu erziehen. Der Fan will zum Fuß­ball gehen, ein schönes Spiel sehen, ein Bier trinken und danach unbe­schadet nach Hause gehen. Er will sich mit Sicher­heit nicht in Gefahr begeben, in Strei­tig­keiten zu geraten. Die besteht immer, da sich einige, gerade im alko­ho­li­sierten Zustand, nichts sagen lassen. Hier ist die Politik gefragt, die Gesell­schaft, die Medien.

Viel Kritik fällt auf die Justiz ab, der zu lasche Aus­le­gung der Gesetze vor­ge­worfen wird.

Solange der Gesetz­geber nicht schärfer gegen diese Aus­wüchse der Gewalt vor­geht, brau­chen wir uns nicht dar­über zu wun­dern. Die Polizei berich­tete auf meine Nach­frage, wieso das Video­ma­te­rial von den Aus­schrei­tungen am 10. Februar 2007 nach dem Pokal­spiel gegen Aue nicht aus­ge­reicht hat, um här­tere Strafen aus­zu­spre­chen als diesen berüch­tigten Besin­nungs­auf­satz, Fol­gendes: Der Täter muss vom Auf­heben des Steins über den Abwurf bis hin zum Treffer gefilmt werden, damit die Beweis­kette lückenlos und somit Straf­recht­lich und vor Gericht rele­vant wird. Bei so einer Gesetz­ge­bung tut es mir leid. Wenn ich ins Auto steige, bin ich bei einem Unfall auto­ma­tisch Mit­schuld, aber der Abwurf eines Steines reicht nicht aus.

Nach dem Über­fall auf die Sach­sen­stube gibt es immer noch die Befürch­tung, dass es zu einem Gegen­schlag in Rich­tung Lok kommen wird. Sehen Sie das genauso?

Ich denke nicht, dass es einen Gegen­schlag geben wird, da die Frage des Stär­keren hier eigent­lich geklärt ist. Wenn, dann pas­siert so etwas nur in Form von Gue­rilla-Schlägen.