Markus Babbel, am letzten Bun­des­li­ga­spieltag reisen Sie als Hof­fen­heimer Trainer nach Berlin. Fünf Monate nach ihrer spek­ta­ku­lären Ent­las­sung können Sie Hertha in die Zweite Liga schießen. Was glauben Sie, wie das Publikum Sie emp­fangen wird?
Markus Babbel: Ich stelle mich schon auf Gegen­wind ein, auch wenn es mich natür­lich freuen würde, wenn es anders kommen sollte. Immerhin hatte ich hier eine tolle Zeit, ich habe ehr­liche Arbeit abge­lie­fert und meine Ver­spre­chen gehalten. Das war im ersten Jahr der Auf­stieg in die Bun­des­liga und wäre im zweiten der Nicht­ab­stieg gewesen. Ich denke, mit 20 Punkten waren wir auf einem sehr guten Weg. Wenn ich so sehe, wie Hertha jetzt dasteht, war unsere Hin­runde doch ganz ordent­lich. Nein, wir wären hun­dert­pro­zentig nicht abge­stiegen, da hätte ich alles drauf gewettet. Es hat ein­fach super gepasst zwi­schen Mann­schaft und Trai­ner­team.

Dann gibt es doch keinen Grund für einen unfreund­li­chen Emp­fang.
Es werden nun mal leider gezielt Sachen über mich in Umlauf gebracht, die nicht der Wahr­heit ent­spre­chen. Man­ches geht tief in die Pri­vat­sphäre, anderes betrifft meine Arbeit als Trainer. Ich hoffe ein­fach, dass die Fans mich an dem messen und bewerten, was ich sport­lich abge­lie­fert habe. Ich denke, in der Rück­be­trach­tung war das nicht so schlecht.

Ihre Tren­nung von Hertha wirft bis heute Fragen auf. Erzählen Sie doch mal, was genau damals pas­siert ist.
Es war Mitte November – ent­schul­digen Sie bitte, ich weiß nicht mehr genau ob Dienstag oder Mitt­woch, das hat ja einer Ihrer Kol­legen auf­ge­griffen und gegen mich ver­wendet, so nach dem Motto: Wenn er da schon etwas Fal­sches sagt, dann muss er ja lügen… Ich bin also Mitte November in das Büro von Michael Preetz mar­schiert und habe ihm gesagt, wie meine Zukunft aus­sehen wird.

Dass Sie Ihren im Sommer aus­lau­fenden Ver­trag nicht ver­län­gern wollen.
Es war ein­fach ein Bauch­ge­fühl. So über­zeugt ich von der Auf­gabe in meinem ersten Ber­liner Jahr war, so über­zeugt war ich diesmal davon, dass es nicht mehr passt. Michael Preetz hat mich gebeten, erst einmal Still­schweigen zu bewahren. Er hat gesagt: Du kennst die Ber­liner Presse nicht! Die machen Druck! Himmel, ein Trainer, der nicht bleibt, was glaubst du, was pas­siert, wenn wir zwei, drei Spiele ver­lieren! Ich hab gesagt: Dann kannst du immer noch reagieren, lass uns doch erst mal die Rück­runde in Angriff nehmen.

Gab es noch ein wei­teres Gespräch über diese Ange­le­gen­heit?
Ja, einen Monat später. Er hat gesagt, er müsse mich jetzt offi­ziell fragen, ob ich wirk­lich nicht wei­ter­mache. Der Prä­si­dent wolle Bescheid wissen.

Was haben Sie geant­wortet?
Sag mal, Michael, was glaubst du denn, was ich dir erzähle? Ich habe dir vor vier Wochen Bescheid gesagt, wenn du die Gre­mien nicht infor­mierst, ist das dein Pro­blem!

Es wurde aber zu Ihrem Pro­blem. Im Raum stand die Geschichte vom wan­kel­mü­tigen Trainer, der sich nicht ent­scheiden kann oder auf andere Ange­bote wartet, vom FC Bayern oder von Schalke 04.
Eine Anfrage von Schalke gab es wirk­lich, aber das war für mich kein Thema. Ich hätte das Ding in Berlin wahn­sinnig gern durch­ge­zogen. Die Mann­schaft lag mir sehr am Herzen, wir waren eine Ein­heit. Aber es ist halt anders gekommen. Der Verein ist happy, dass er mich los ist. Und ich bin happy, dass ich in Hof­fen­heim arbeiten darf. Die Leute bei Hertha sind selbst ver­ant­wort­lich für die aktu­elle Situa­tion und für das, was sie nach der Tren­nung von mir gemacht haben. Ich emp­finde keine Scha­den­freude, dafür liegt mir der Verein zu sehr am Herzen. Aber die Art und Weise der Tren­nung hat mir Vieles viel leichter gemacht.

Was denn?
Viele haben mich gefragt: Wie kannst du über­haupt nach Berlin so schnell einen neuen Job anfangen? Ganz ein­fach: Ich konnte die Sache emo­tional abhaken, eben weil sie nicht kor­rekt gelaufen ist. Beim VfB Stutt­gart…

… wo Sie Ende 2009 ent­lassen wurden…
… war alles sauber, aber es hat auf dem Platz ein­fach nicht mehr funk­tio­niert. Da musste man einen Cut machen. Aber ich hätte damals nie nach ein paar Wochen einen neuen Job anfangen können, das hätte ich vom Kopf her ein­fach nicht geba­cken bekommen.

Warum wollten Sie denn nun nicht in Berlin bleiben?
Ich wollte mich sport­lich wei­ter­ent­wi­ckeln. Und meine Vor­stel­lungen davon, wie die Dinge hier wei­ter­laufen sollten, haben nicht mit denen von Hertha zusam­men­ge­passt. Ich hätte schon ein paar Leute anders posi­tio­nieren müssen, und ich wusste, dass das nicht gegangen wäre. Weil es der Verein nicht mit­ge­tragen hätte. Der Verein ist so, wie er ist, und Markus Babbel ist so, wie er ist. Ich konnte mich mit man­chen Dingen nicht iden­ti­fi­zieren.

Es heißt, Sie seien mit der Zusam­men­stel­lung des Kaders nicht ganz ein­ver­standen gewesen. Es wurden Spieler geholt, von denen sie nicht so begeis­tert waren.
Sagen wir mal so: Am Ende habe ich alles mit­ge­tragen. Trainer kommen und gehen, der Verein bleibt. Und wenn der Verein der Mei­nung ist, dass er die rich­tigen Leute ver­pflichtet, dann ist es an mir, sie so ein­zu­bauen, dass sie uns auch wei­ter­bringen. Fertig.

Gibt es in Berlin eine Phi­lo­so­phie?
Das ist ein großes Wort. Ich tue mich schwer mit Phi­lo­so­phien über die nächsten fünf oder zehn Jahre.

Es reicht ja schon eine Stra­tegie für die nächsten zwei oder drei Jahre.
Für uns wäre es ent­schei­dend gewesen, erst einmal in der Bun­des­liga zu bleiben. Und dann Stück für Stück zu ver­su­chen, junge Leute ins Boot zu holen, sie groß zu machen und dann mit Gewinn zu ver­kaufen. Irgendwie muss der Verein ja runter von seinen Schulden. Die nächsten Jahre wären sehr schwer gewesen. Ich hatte meine Vor­stel­lungen und mir war klar, dass ich sie hier nicht umsetzen kann. Des­wegen wollte ich den Ver­trag nicht ver­län­gern. Ist das so schlimm? Wenn bei einem Spieler der Ver­trag aus­läuft, dann geht er halt im Sommer. Nur beim Trainer wird so eine Staats­af­färe daraus gemacht, dass man ihn sofort raus­schmeißen muss. Tut mir leid, das kapiere ich bis heute nicht.

Das mit dem Raus­schmiss kam nach dem letzten Hin­run­den­spiel. Weil Sie Ihr Schweigen gebro­chen haben.
Ich hatte lange genug rum­ge­eiert, und zur selben Zeit hat der Verein schon mit einem neuen Trainer ver­han­delt. Das weiß ich nach einem Tele­fonat mit Michael Skibbe…

… Ihrem zwi­schen­zeit­li­chen Nach­folger.
Der war schon ein wenig ver­wun­dert, als Michael Preetz ihn kurz vor unserem letzten Hin­run­den­spiel in Hof­fen­heim anrief und auf ein Enga­ge­ment in Berlin ansprach. Die beiden haben sich noch vor dem Hof­fen­heim-Spiel getroffen, das war ja alles in den Zei­tungen nach­zu­lesen. Tja, und dar­aufhin ist es mit uns leider etwas unrühm­lich zu Ende gegangen.

Prä­si­dent Gegen­bauer hat Sie als Lügen­baron hin­ge­stellt.
Ich bin nach dem Spiel gefragt worden, wie es denn nun wei­ter­gehen würde. Und habe eine ehr­liche Ant­wort gegeben, mit Ver­weis auf das Gespräch Mitte November. Ich hatte mich lange genug ver­bogen, gegen mein Natu­rell, allein aus Respekt vor dem Verein. Aber als ich dann merkte, dass nicht ehr­lich mit mir umge­gangen wurde und hin­tenrum schon ein neuer Trainer im Anmarsch war – nicht mit mir! Auf der Brenn­suppe bin ich auch nicht daher geschwommen.

Auf der Brenn­suppe…?
Soll heißen: Ich bin doch nicht blöd! Es war ja auch nicht so, dass der Verein mir nach dem Auf­stieg sofort einen neuen Ver­trag ange­boten hat. Man hat sich gedacht: Wir schauen uns den Kame­raden erst mal an, ob er uns da oben halten kann. Irgend­wann war der Druck so groß, da mussten sie mir ein Angebot machen. Aber das war erst im Oktober. Ich habe mich bedankt, dar­über nach­ge­dacht und dann abge­sagt. Wel­chen Grund sollte ich denn haben, mir diese Geschichte aus­zu­denken?

Es sah lange Zeit so aus, als würde kein Blatt Papier zwi­schen Sie und Michael Preetz passen. Gab es einen bestimmten Augen­blick, in dem Ihr Ver­hältnis irrepa­ra­blen Schaden nahm?
So etwas geht nicht von heute auf morgen. Aber es gab schon Situa­tionen, wo ich mich gefragt habe: Was hat er vor? Ich bin ein Typ, der viel beob­achtet, sieht und abspei­chert. Aber dann kommen wich­tige Spiele und du ver­drängst es wieder.

Hatten Sie nach Ihrer Ent­las­sung noch ein Gespräch mit Michael Preetz?
Nein, und ich habe da auch über­haupt keinen Bedarf.

Und mit Werner Gegen­bauer?
Auch nicht.

Gab es Rück­mel­dungen aus der Branche?
Die gab es. Von Freunden und Kol­legen, aber auch von Leuten, die ich schon sehr lange kenne, die ich aber eine Weile nicht gesehen habe. Auch für die war sofort klar: Natür­lich ist es so, wie du sagst, Markus, da gibt es keine zwei Mei­nungen!

Hat sich auch jemand aus der Mann­schaft gemeldet?
Ja. Die Spieler wissen ganz genau, was pas­siert ist. Aber ich will das jetzt auch nicht auf­bau­schen, denn ich bin alles andere als begeis­tert davon, was da abge­laufen ist. Das Letzte, was ich wollte, war ein vor­zei­tiger Abschied.

Sie sind nicht der erste Trainer, der im Unfrieden von Michael Preetz geschieden ist. Lucien Favre…
… ach, hören Sie bloß auf! Was glauben Sie, was ich mir in meiner Ber­liner Zeit über Lucien Favre anhören musste. Heute weiß ich: alles erstunken und erlogen. Ich glaube kein Wort davon! Schauen Sie sich an, was für groß­ar­tige Arbeit er in Mön­chen­glad­bach leistet.

Favre musste im Herbst 2009 nach einer Nie­der­lage in Hof­fen­heim gehen, nach der so genannten Tee­kü­chen-Affäre. Angeb­lich hat er noch in der Tee­küche des Hof­fen­heimer Sta­dions um seine Ent­las­sung gebeten. Favre bestreitet ener­gisch, dass so ein Gespräch über­haupt statt­ge­funden hat.
Wissen Sie was? Ich bin ja jetzt schon ein paar Wochen hier, aber eine Tee­küche habe ich in unserem Sta­dion noch nicht gesehen.