Eigent­lich wollte Thomas Müller schon den Platz ver­lassen, denn er war mit Bar­ce­lonas Keeper Victor Valdes zusam­men­ge­ras­selt und hatte sich dabei leicht am Knie ver­letzt. Müller signa­li­sierte einen Wechsel, und Jupp Heynckes befahl Claudio Pizarro die Trai­nings­jacke aus­zu­ziehen.
 
Doch plötz­lich ent­schied Müller sich anders. Irgendwas sagte ihm, dass er jetzt, in diesem Moment, auf gar keinen Fall vom Feld gehen sollte. Viel­leicht war es die Ahnung, dass gleich eine Flanke in den Straf­raum segelt und er nur noch seinen Fuß hin­halten muss. Ver­mut­lich aber war es der Gedanke, den Kinder haben, wenn sie vor­zeitig von Kin­der­ge­burts­tagen nach Hause geholt werden: Die Ver­zweif­lung, sich von einer Gruppe ver­ab­schieden zu müssen, mit der einem eben noch das Gefühl ver­band, die Welt erobern zu können.
 
Müller blieb also auf dem Feld – und dann sprin­tete David Alaba die linke Seite hin­unter, schoss den Ball in den Fünf­me­ter­raum, und Müller hielt den Fuß hin und schrie so laut, wie er viel­leicht noch nie zuvor geschrien hatte. Es war, als wollte er die Ereig­nisse der ver­gan­genen Tage ein­fach unter die Erde brüllen.

Würde das Mia-San-Mia“-Gebilde fragil werden?
 
Seit Samstag beherrschten Schlag­zeilen die Medien, die andere Klubs schon im ersten Anflug von der Bild­fläche gefegt hätten. Als Bayern-Fan musste man Sorge tragen, dass das sonst so uner­schüt­ter­liche Mia-San-Mia“-Gebilde nun doch fragil würde. Zumin­dest aber, dass das Gewitter um Uli Hoeneß und die täg­lich kol­por­tierten Super­summen die Spieler belas­tete – ent­gegen aller Schwüre und Behaup­tungen.
 
Allein, im Rück­blick wirken die Ereig­nisse vor dem Spiel gegen Bar­ce­lona eher wie Kata­ly­sa­toren, mit­hilfe derer die Mann­schaft über­haupt erst diese immense spie­le­ri­sche Wucht ent­falten konnte. Es waren Stör­feuer, auf die eine Explo­sion unge­ahnten Aus­maßes folgte.
 
Wenn man sich die letzten Spiele des FC Bayern anschaut, macht es den Anschein, als hätte sich eine Spe­zi­al­ein­heit wochen‑, nein mona­te­lang auf genau diesen Ein­satz, dieses Spiel aller Spiele, vor­be­reitet – ohne zu wissen, dass es tat­säch­lich zu dieser Begeg­nung kommt.

6:1, 4:0:, 6:1, 4:0
 
6:1 gewann der FC Bayern gegen Werder, 9:2 gegen den HSV, 4:0 gegen Schalke. In den drei Spielen vor dem Halb­final-Hin­spiel ver­prü­gelte die Elf Wolfs­burg mit 6:1, siegte gegen Nürn­berg 4:0 und gewann 6:1 gegen Han­nover.
 
Trotzdem wusste nie­mand so recht, wie diese Spiele ein­zu­ordnen waren. Bay­erns Kan­ter­siege in der Liga waren im Laufe der Saison Nor­ma­lität geworden. Die Gegner seien zu schlecht, hieß es. Oder eben: Der FC Bayern ist zu gut. Jetzt, einen Tag nach dem Tri­umph gegen Bar­ce­lona, wirkt es, als übten sie in genau jenen Spielen den Ernst­fall, als lotete die schwarze Bestie ihre Gefähr­lich­keit auf bekanntem Ter­rain aus.

Dabei lesen sich einige Zahlen des Cham­pions-League-Halb­final-Hin­spiels wie immer: Der FC Bar­ce­lona hatte 66 Pro­zent Ball­be­sitz und eine Pass­quote von 91 Pro­zent. Allein, der FC Bayern wider­legte die Mär, dass jenes Team gewinnt, das in diesen Werten besser ist. Es siegte die Mann­schaft mit den bes­seren Zwei­kampf­werten, mit weniger Dribb­lings, mit effek­ti­veren Pässen. Der alte Fuß­ball hatte über den neuen gesiegt.
 
Thomas Müller schoss vier Mal aufs geg­ne­ri­sche Tor. So häufig hat seit zehn Jahren kein anderer Spieler in einer Cham­pions-League-Partie einen Barca-Keeper geprüft. Müller gelangen dabei zwei Tore, und man könnte ihn zum Spieler des Spiels küren. Zum Lionel Messi im Bayern-Trikot. Doch wird das dem Spiel gerecht?

Gomez – unge­lenkt, aber gut
 
Selten sah man eine Mann­schaft, die so geschlossen auf­trat und deren Teile per­fekt inein­ander griffen wie den FC Bayern am Diens­tag­abend. Da waren die Innen­ver­tei­diger Dante und Jerome Boateng, die Messi zum Zuschauer degra­dierten. Da war Javier Mar­tinez, der Mann mit der über­ra­genden Posi­ti­ons­spiel und Zwei­kampf­werten. Da war Arjen Robben, der über die rechte Seite fegte wie in besten Tagen, und da war Mario Gomez, der sich auch abseits vom geg­ne­ri­schen Straf­raum ins Spiel zu inte­grieren ver­suchte, was manchmal etwas unge­lenk aussah, aber sei’s drum. Immerhin machte er in den letzten acht Spielen, in denen er von Beginn an spielte, neun Tore.
 
Der Sieg gegen Barca ist auch das Ergebnis einer Saison, in der Egos zurück­standen, die in der Ver­gan­gen­heit oft nach vorne preschten. Arjen Robben hatte bei­spiels­weise seine Phasen in der Saison, in denen er nicht zum Ein­satz kam. Mario Gomez sowieso. Und Jerome Boateng. Manchmal hörte man sie knurren, doch im Ganzen blieben sie relativ still. Es galt, alles diesem einen Ziel unter­zu­ordnen: Dem Sieg der Spe­zi­al­ein­heit gegen die ver­meint­lich beste Mann­schaft der Welt.

Ich bin mir nicht sicher, ob dies unser bestes Spiel war“
 
Natür­lich, man kann nun über Schieds­rich­ter­ent­schei­dungen dis­ku­tieren, dar­über, dass zwei Tore irre­gulär fielen. Gerard Pique verbat sich diese Fragen. Er sagte: Wir haben eine Tracht Prügel kas­siert. Es gibt keine Aus­reden.“ Das, was wirk­lich Angst macht, ist aller­dings die Aus­sage von Javier Mar­tinez. Der sagte: Ich bin mir nicht sicher, ob dies unser bestes Spiel war.“
 
Eine Aus­sage, die ange­sichts Bar­ce­lonas Vor­herr­schaft in den ver­gan­genen Jahren bei­nahe arro­gant klingt. Das letzte Team, das in der Cham­pions League mit 4:0 gegen die Kata­lanen gewonnen hat, war Dynamo Kiew. Im November 1997.