Herr Fathi, sind Sie eigent­lich wirk­lich so cool, wie Sie nach außen wirken?
(Lacht) Das sagt man mir nach, ja. Und so bin ich auch gerne. Ich erin­nere mich noch an eine Situa­tion bei einem meiner ersten Spiele als Profi bei Hertha BSC. Da hat Hans Meyer…

…Ihr dama­liger Trainer…
…meinen Puls gefühlt und meinte zu mir: Sag mal, du bist ja viel zu ruhig fürs Spiel.“ Dabei war ich gerade unmit­telbar vor einem Spiel schon nervös, aber ich glaube, ich konnte das immer ganz gut kon­trol­lieren.

Und wie war es im August 2006, als Ihnen der neue Bun­des­trainer Joa­chim Löw gesagt hat: Mach dich bereit, du spielst nach der Pause – und damit klar war, dass Sie Natio­nal­spieler werden?
Inner­lich findet da eine Gefühls­ex­plo­sion statt. Äußer­lich ver­suchst du, dich auf deine Auf­gabe zu fokus­sieren und dadurch eine Balance aus Kon­zen­tra­tion und Emo­tion zu finden.

Sie waren der erste Debü­tant unter Löw als Bun­des­trainer. Bei seinem Debüt wurden Sie zusammen mit Manuel Fried­rich zur zweiten Halb­zeit ein­ge­wech­selt. Wie haben Sie diese Momente in Ihrer Erin­ne­rung abge­spei­chert?

Am beein­dru­ckendsten ist ja die Nomi­nie­rung an sich: dass du über­haupt ein­ge­laden wirst und zur Natio­nal­mann­schaft reisen darfst. Das war krass. Und geil. Wenn du schon mal dabei bist, dann rech­nest du natür­lich auch damit, dass du zum Ein­satz kommst. Es war ja kein super­wich­tiges Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel, son­dern ein Freund­schafts­spiel gegen Schweden. Des­halb hatte ich auf jeden Fall die Hoff­nung, dass meine Anwe­sen­heit wenigs­tens mit ein paar Minuten Spiel­zeit belohnt wird.

Gut rein­ge­kommen, gute Rolle gespielt“

Joachim Löw über Malik Fathi

Wissen Sie noch, wie es kon­kret abge­laufen ist?
Ich muss gestehen, dass die Erin­ne­rungen inzwi­schen sehr blass sind. Ich weiß noch, wie ich mit Jogi Löw an der Sei­ten­linie stehe. Aus dem Spiel selbst habe ich noch zwei, drei Szenen in Erin­ne­rung. Eine Flanke, die ich recht punkt­genau auf Tim Borowski geschlagen habe. Und eine Grät­sche an der Sei­ten­linie, mit der ich den Ball gewinne.

Es war also nicht so, dass Löw Ihnen bei der Ein­wechs­lung gesagt hat: Zeig der Welt, dass du besser bist als Mar­cell Jansen“?
Nein, dann wäre er ja par­tei­isch gewesen. (Lacht) So, wie ich Joa­chim Löw ken­nen­ge­lernt habe, wird er mir viel Glück gewünscht haben. Er freut sich ein­fach für dich, dass du dabei bist, und gibt dir das Gefühl, dass es schon in Ord­nung ist, Teil der Mann­schaft zu sein.

Gab es nach dem Spiel noch Feed­back von ihm?
Nein, es war nicht so, dass er mit mir eine indi­vi­du­elle Ana­lyse gemacht hat. In der Pres­se­kon­fe­renz hat er über mich gesagt: Gut rein­ge­kommen, gute Rolle gespielt. Das war’s eigent­lich. Aber das ist auch legitim. Mehr war in dem Moment nicht not­wendig.

Sie sind damals für Chris­toph Met­zelder nach­no­mi­niert worden. Das heißt, die Ein­la­dung kam relativ kurz­fristig.
Ja, das war gefühlt vom einen auf den anderen Tag. Wenn ich mich recht erin­nere, war die Natio­nal­mann­schaft im Hyatt am Pots­damer Platz unter­ge­bracht. Da bin ich dann hin.

Malik Fathi, 37

geboren und auf­ge­wachsen in Berlin, wurde bei Hertha BSC zum Natio­nal­spieler. Ins­ge­samt machte er zwei Län­der­spiele. Heute ist er Co-Trainer von Her­thas U23.

Das Team hatte sich in Berlin ver­sam­melt, weil es vom Bun­des­prä­si­denten für den dritten Platz bei der WM im eigenen Land mit dem Sil­bernen Lor­beer­blatt aus­ge­zeichnet wurde. Wie haben Sie dieses Tur­nier erlebt?
Das Tur­nier war eine glatte Eins. Das Land ist damals von einer Emo­ti­ons­welle erfasst worden, die nach den Schwie­rig­keiten vor der WM so nicht zu erwarten war. Eine Eins mit Stern­chen wäre es gewesen, wenn die Mann­schaft Welt­meister geworden wäre. Aber auch ohne den Titel ist eine Rie­sen­eu­phorie ent­standen, die Deutsch­land und auch der Natio­nal­mann­schaft gut­getan hat. Ich habe mich auch mal unters Volk gemischt und mir die Spiele beim Public Viewing ange­schaut. Das hatte fast schon was von Sta­di­on­at­mo­sphäre.

Ein paar Wochen später waren Sie selbst Teil dieser Mann­schaft.
Das war schon ein biss­chen sur­real, auch weil ich damals gefühlt nicht meine beste Phase hatte. In den Jahren davor habe ich mich eigent­lich wesent­lich stärker gesehen. Aber manchmal ist das so im Fuß­ball. Viel­leicht war ich schon länger auf dem Zettel, aber es hat ein­fach nicht gepasst. Dann fällt jemand aus, und auf einmal ruft der Bun­des­trainer dich an. Für mich war es eigent­lich nicht greifbar, dass es pas­siert und dann auch noch so schnell. Des­wegen: Eine sehr schöne Über­ra­schung.

Manuel Fried­rich hat im Herbst 2006 gesagt, er habe das Gefühl, als wäre er auch schon bei der WM dabei gewesen.
Das hatte ich nicht. Dazu bin ich zu prag­ma­tisch.

Er meinte wohl die Atmo­sphäre inner­halb der Mann­schaft.

Das war wirk­lich so. Ich bin auch super auf­ge­nommen worden und hatte nie das Gefühl: Da gibt es eine Gruppe im Team, die hat gerade eine geile WM gespielt, und dann kommst du da als kleener Ber­liner Junge an, und die gucken erst einmal von oben auf dich herab. Du warst direkt inte­griert. Das spricht ein­fach auch für den Spirit in dieser Mann­schaft. Für mich war das ein­fach noch mal ein anderes Level, als ich es aus dem Verein gewohnt war. Und zwar in allen Berei­chen. Von der Struktur, der Pro­fes­sio­na­lität, der Qua­lität, im Trai­ning, aber auch im Spiel, vom Umgang in der Mann­schaft. Da sitzt dann ein Michael Bal­lack, der ein­fach eine bru­tale Aus­strah­lung hat. Und trotzdem gehen alle herz­lich mit­ein­ander um.