Nach dem Vor­mit­tags­trai­ning bleibt Jan Schlaud­raff noch ein wenig auf dem Platz. Gemeinsam mit Didier Ya Konan schießt er Elf­meter. Schlaud­raffs Schüsse sind hart und plat­ziert, aber irgendwie bekommt Keeper Ron Robert Zieler immer noch die Hände dran. Schlaud­raff lacht und flucht und gibt nicht Ruhe, bis er schließ­lich doch noch einen Elf­meter ver­wan­delt. Als die beiden Stürmer den Platz ver­lassen, sind sie im Nu von Kin­dern umringt, Filz­stifte und Diddl maus-Blöcke werden ihnen erwar­tungs­voll ent­ge­gen­ge­streckt. Ya Konan beginnt zu krit­zeln, Schlaud­raff hin­gegen schlän­gelt sich an den Kin­dern vorbei, mit dem Hin­weis: Das kann der Ya Konan viel besser.“

Es bleibt den Kie­bitzen am Trai­nings­platz von Han­nover 96 über­lassen, Schlaud­raffs Ver­halten ein­zu­ordnen. Gehört es nicht zu den Pflichten eines Profis, jeder­zeit Auto­gramm­wün­sche zu erfüllen? Tut er ande­rer­seits nicht gut daran, rasch in der Kabine zu ver­schwinden, weil ein ver­schwitzter Spieler nicht in der Kälte her­um­stehen sollte? Oder ist es sogar Aus­weis einer neuen Beschei­den­heit, wenn er Ya Konan die Sze­nerie über­lässt. Es ist alles eine Frage der Per­spek­tive, wie schon so oft in Jan Schlaud­raffs Kar­riere.

Jan Schlaud­raff – ein vor­lautes Genie

Um das fest­zu­stellen, muss man nur die Weg­ge­fährten befragen. Ein Genie“, sagt Jugend­trainer Guido Fring über seinen ehe­ma­ligen Schütz­ling. Ein biss­chen vor­laut“, nennt ihn sein frü­herer Mit­spieler Erik Meijer. Manchmal über­ra­gend, manchmal nach­lässig“, cha­rak­te­ri­siert ihn der ehe­ma­lige Ale­mannia-Chef­trainer Dieter Hecking. Dem fliegt alles ein­fach so zu“, glaubt Jörg Jakobs, Heckings Co-Trainer in Aachen.

Tat­säch­lich fällt Jan Schlaud­raff schon in der Jugend vieles leichter als seinen Mit­spie­lern. Bei ihm wirkt alles spie­le­risch. In der A‑Jugend, in seiner letzten Saison beim Hei­mat­verein Hassia Bingen gelingt ihm in jedem Spiel min­des­tens ein Treffer. Jugend­trainer Fring erin­nert sich an einen toll­kühnen Solo­lauf an der Grund­linie, sechs Gegen­spieler umkurvt er so mühelos, als fahre er mit Skiern durch Sla­lom­stangen. Die Zuschauer wit­tern Ego­ismus, pöbeln: Aus­wech­seln!“ Dann schießt er den Ball ein­fach ins Tor.

Er ver­suchte Ältere zu belehren

Es ist nicht nur der Fuß­ball, der ihm leicht­fällt. Eines Abends ver­ab­redet er sich mit Guido Fring zum Bad­minton. Der Trainer ist ein regel­mä­ßiger Spieler, Jan Schlaud­raff kennt Bad­minton nur aus dem Sport­un­ter­richt und scheucht Fring schon nach wenigen Minuten über den Platz, als habe er nie etwas anderes gemacht.

Und doch gibt es schon in den frühen Jahren Momente, die Fring nach­haltig irri­tieren. Häufig ver­suchte er den Älteren zu erklären, was sie falsch machen“, erin­nert sich der Trainer. Er ver­bannt ihn für kurze Zeit in die zweite Mann­schaft und sieht natür­lich doch, wel­ches Talent in Schlaud­raff steckt. Als die A‑Jugend von Mainz 05 gegen den FC Bayern antritt, nimmt ihn der Trainer mit und zeigt auf die großen Stars, auf Gio­vane Elber und Mehmet Scholl: Guck Jan, da könn­test du auch spielen.“

Aus dem Kon­junktiv wird ein Indi­kativ. 2002 wech­selt Jan Schlaud­raff zu Borussia Mön­chen­glad­bach, wo er zunächst bei den Ama­teuren kickt und dann von Coach Hans Meyer rasch zu den Profis geholt wird. Doch die Kar­riere scheint schon in der Win­ter­pause 2004/05 wieder zu Ende zu sein, kaum dass sie begonnen hat. Schlaud­raff liegt – wieder daheim im Wes­ter­wald – meh­rere Wochen im Bett, nur mühsam kann er gehen. Die Ärzte haben eine Virus­in­fek­tion unter­schätzt und mit Anti­bio­tika behan­delt. Es bil­dete sich Wasser in den Gelenken. Der 21-Jäh­rige pau­siert elf Monate mit einer Arthritis. Ich hab damals geglaubt, dass ich nie wieder Fuß­ball spielen werde, ich habe ans Auf­geben gedacht“, sagt er heute. Viel­leicht lag es daran, dass ich vorher zu wenig trai­niert habe, noch in der A‑Jugend nur dreimal die Woche.“ Erst­mals kommt dem schlak­sigen Jungen der Gedanke, dass sein Körper womög­lich nicht gemacht ist für den kräf­te­zeh­rende Pro­fi­fuß­ball.

Per­fekte Ball­be­hand­lung, aber kein Körper für den Pro­fi­sport

2004 holt Dieter Hecking ihn nach Aachen. Es soll ein Neu­an­fang sein, aber ihn plagen die alten Pro­bleme. Als er begann, an sich zu arbeiten, wurde er für uns zu einem der wich­tigsten Spieler. Dabei sah es zunächst ganz anders aus: Nach einem halben Jahr wollten Jörg Schmadtke und ich ihn wieder nach Hause schi­cken“, sagt der Trainer. Jan Schlaud­raff wiegt da gerade mal 67 Kilo­gramm bei einer Kör­per­größe von 1,80 Meter. Er ist zwar schnell, auch Hecking gefällt die nahezu per­fekte Ball­be­hand­lung, aber sein Körper hält nicht Schritt. Hinzu kommt eine Hal­tung, die ihm von vielen als Arro­ganz und Über­heb­lich­keit aus­ge­legt wird. In man­chen Begeg­nungen trabt er lustlos über den Platz, die Schul­tern hängen tief; wenn ein Pass nicht in den Lauf gespielt wird, ver­zieht er das Gesicht. Es gab zwei Jans: den lau­ni­schen und den genialen“, erin­nert sich Erik Meijer. Für mich war das irgend­wann okay, ich war­tete ein­fach lange genug auf den zweiten.“ Auch die Kol­legen arran­gieren sich damit, Schlaud­raff ist eben der begna­dete Spieler hinter den Spitzen, dem sie die künst­le­ri­schen Pausen nach­sehen und dem Was­ser­träger wie Chris­tian Fiel oder Reiner Plaß­hen­rich klaglos den Rücken frei­halten.

Doch Schlaud­raff wirkt in dieser Zeit nicht nur lau­nisch oder genial, son­dern mit­unter beleh­rend. Er stellt, so erzählen es Mit­spieler von damals, in der Kabine Alt­vor­dere an den Pranger. Er spricht mit Willi Land­graf oder Erik Meijer, den selbst­be­wussten Brust-raus-Typen der alten Schule, als seien sie seine Lehr­linge. Und so werden selbst harm­lose Stil­übungen zum Poli­tikum. Einmal, in einem Test­spiel, ermun­tert ihn Coach Hecking, eine Ana­lyse anzu­fer­tigen. Anschlie­ßend soll er diese in der Kabine vor­tragen. Ich glaube, Hecking war ziem­lich angetan“, sagt Schlaud­raff heute. Die Mit­spieler sind es nicht. Es ist wieder eine Frage der Per­spek­tive.

Sein Berater Man­fred Schulte hat in dieser Zeit einen anstren­genden Job. Er bringt dem jungen, dick­köp­figen Talent die Regeln des Geschäfts bei, deren wich­tigste ist, dass ein Nach­wuchs­spieler nicht die eta­blierten Platz­hir­sche zu atta­ckieren hat. Heute glaubt Schlaud­raff, einen Lern­pro­zess durch­ge­macht zu haben. Irgend­wann hab ich mich mit meiner Mei­nung zurück­ge­halten, und wenn ich ein großes Pro­blem hatte, dann regelte ich das unter vier Augen.“ Er sagt das in einem Bespre­chungs­raum des 96-Sta­dions und lächelt. Wieder ist es dem Betrachter über­lassen, ob er einen spöt­ti­schen Zug um die Mund­winkel ent­de­cken möchte oder nicht.

Jan hat den Soli­dar­pakt ver­lassen“

Er hätte im Rück­blick zumin­dest Anlass für ein wenig milden Spott über die Auf­ge­regt­heiten des Pro­fi­ge­schäfts. Bei Ale­mannia Aachen etwa ist Schlaud­raff in rasendem Wechsel mal Held und mal Schurke, bis­weilen auch beides gleich­zeitig. Im Spät­herbst 2006 hat er eine sehr gute Zweit­li­ga­saison gespielt, mit elf Toren ist er maß­geb­lich am Auf­stieg der Ale­mannia betei­ligt. Nach nur fünf Bun­des­li­ga­spielen beruft ihn Joa­chim Löw, zur all­ge­meinen Über­ra­schung, in die Natio­nal­mann­schaft. Als er zurück­kehrt, sus­pen­diert ihn Trainer Michael Front­zeck aus Dis­zi­pli­nar­gründen“ für ein Spiel. Jan hat den Soli­dar­pakt ver­lassen“, erklärt Manager Jörg Schmadtke staats­tra­gend. Doch was macht der Geschol­tene? Hockt nicht, wie jeder andere sus­pen­dierte Profi es getan hätte, schlecht­ge­launt auf der Tri­büne, son­dern steht beim Aus­wärts­spiel in Dort­mund im Trai­nings­anzug und Schlappen am Mann­schaftsbus und begrüßt die Mit­spieler. In Wahr­heit“, so Co-Trainer Jakobs, konnte nie­mand Jan wirk­lich böse sein. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sein Charme ihm zu viel Ein­fluss auf die Mit­spieler erlaubt.“

Kurz danach ist Schlaud­raff schon wieder Held. Im Pokal­spiel gegen Erz­ge­birge Aue umkurvt er die kom­plette Defen­siv­reihe in schwin­del­erre­gendem Tempo und trifft in der 120. Minute zum 4:2. Drei Wochen später setzt er noch einen drauf, umspielt gegen Werder Bremen drei Gegner und lupft den Ball gefühl­voll über Tim Wiese zum zwi­schen­zeit­li­chen 2:1. Der Bremer Keeper gibt hin­terher aner­ken­nend zu Pro­to­koll: Wenn das gewollt war, dann darf er nicht in Aachen spielen, son­dern bei Real Madrid.“ Schlaud­raff begreift spät, was ihm da gelungen ist: Erst als ich in die Kabine kam und mein Handy anmachte – ich hatte 35 neue Nach­richten.“ Und immer noch nicht genug: Am 20. Dezember kommen die Bayern, Schlaud­raff gewinnt hinter der Mit­tel­linie einen Zwei­kampf gegen Mark van Bommel, tun­nelt dann Daniel van Buyten, hängt Willy Sagnol ab und ver­lädt schließ­lich auch noch Michael Ren­sing. Drei Tore, die aus dem Schlaks, dessen Körper eigent­lich nicht für höher­klas­sigen Fuß­ball geschaffen ist und der bis­weilen immer noch unlustig über den Platz schleicht, die hei­ßeste Per­so­nalie der Liga machen.

Wenige Tage später ruft Uli Hoeneß an und unter­breitet ihm ein Angebot. Schlaud­raff hat vom Inter­esse der Bayern gehört, als der Manager aber tat­säch­lich am Apparat ist, glaubt er zunächst an einen Scherz der Kum­pels. In der Win­ter­pause gibt er bekannt, dass er zum FC Bayern Mün­chen wech­seln wird. Der Transfer bereitet aber­mals die Bühne für den Auf­tritt des Schurken Schlaud­raff. In der Rück­runde läuft alles schief. In den letzten acht Spielen holt die Ale­mannia nur noch einen Punkt und stürzt vom 9. auf den 17. Tabel­len­platz ab. Die Suche nach dem Schul­digen zei­tigt rasch Ergeb­nisse: Jan Schlaud­raff. Weil er nicht mehr trifft, weil er angeb­lich mit den Gedanken schon in Mün­chen ist. Er ließ sich hängen. Wir ver­suchten mit allen Mit­teln, an ihn ran­zu­kommen, doch es gelang uns nicht“, sagt Meijer. Und irgendwo in den Kata­komben sagt ein Ver­trauter nach dem letzten Spiel: Du bist schuld am Abstieg!“ So ein­fach ist das manchmal, so ein­fach hat man es sich zumin­dest gemacht. Schlaud­raff lächelt heute über den Ver­such, das Ver­sagen einer Mann­schaft ihrem besten Stürmer anzu­hängen.

Eine bis­weilen pro­vo­zie­rende Unbe­küm­mert­heit

Er erweckt dabei nicht den Ein­druck, als beschäf­tige ihn die Aachener His­torie noch son­der­lich. Abge­hakt all das: die schiere Spiel­freude des Herbstes und der Frust des Früh­jahrs, der Hype nach den Traum­toren und die Schlag­zeilen, als er im Februar 2007 mit seinem Team­kol­legen Marius Ebbers den neuen Por­sche alko­ho­li­siert zu Schrott fährt. Abge­hakt mit einer Non­cha­lance, die viel­leicht mehr als alles andere bestim­mend für Schlaud­raffs Auf­fas­sung vom Fuß­ball ist. Dem bit­teren Ernst, mit dem die meisten seiner Kol­legen ihren Job ver­richten, setzt er eine bis­weilen pro­vo­zie­rende Unbe­küm­mert­heit ent­gegen. Ganz so, als sei Fuß­ball nur ein Spiel.

Das gilt nicht nur für den unschönen Aus­klang in Aachen, son­dern auch für seine miss­ra­tene Stipp­vi­site beim FC Bayern. Wer es als Talent bei den Münch­nern nicht geschafft hat, gilt im Fuß­ball­ge­schäft schnell als gewogen und für zu leicht befunden. Manch einer erholt sich Zeit seiner Kar­riere nicht mehr. Schlaud­raff hin­gegen kann heute so beschwingt und humor­voll vom Jahr in Mün­chen erzählen wie Schüler von der letzten Klas­sen­fahrt. Dabei ist die Epi­sode beim Rekord­meister, als nächster logi­scher Kar­rie­re­schritt geplant, letzt­lich zum mit­tel­schweren Fiasko geworden. Denn der Transfer war für den FC Bayern vor allem ein Arm­drü­cken mit der Kon­kur­renz. Nach der Ver­trags­un­ter­schrift froh­lockt Manager Hoeneß: Es war unser kleiner Ehr­geiz zu zeigen, dass der FC Bayern immer noch alle Trümpfe in der Hand hat, wenn er einen Spieler wirk­lich will.“

Ernüch­tert muss der Neu­zu­gang anschauen, dass die Münchner in den fol­genden Monaten noch ein paar andere Spieler wirk­lich wollen und sich eine halbe Welt­aus­wahl zusam­men­kaufen. Auch Luca Toni, Franck Ribery und Miroslav Klose wech­seln an die Säbener Straße. Ein Band­schei­ben­vor­fall macht aus dem Bank­drü­cker zudem bis weit in den Herbst hinein einen Reha-Pati­enten, der Anschluss an das Team ist da längst ver­loren. Nach zwölf Monaten und gerade einmal acht Bun­des­li­ga­spielen für die Münchner wech­selt Jan Schlaud­raff nach Han­nover.

Dort wirkt inzwi­schen sein frü­herer Trainer Hecking. Ich bin über­zeugt, dass er uns durch seine Spiel­weise wei­ter­helfen wird“ sagt er, doch er sieht sich getäuscht. Diesmal ist es die Leiste, die ope­riert werden muss. Dann fällt Schlaud­raff unan­ge­nehm auf, weil er wieder einmal lustlos über den Platz schleicht. Mirko Slomka, der 96 inzwi­schen über­nommen hat, streicht ihn mehr­fach aus dem Kader. Er hat lei­den­schaftslos trai­niert. Das können wir im Abstiegs­kampf nicht gebrau­chen“, heißt es.

Von der per­sona non grata zum unver­zicht­baren Stürmer

Zu Beginn der Saison 2010/11 scheint das Ver­hältnis zum Trainer und zu Manager Jörg Schmadtke zer­rüttet. Eben ist er noch in den Mann­schaftsrat gewählt worden, da legt ihm der Coach einen Wechsel nahe, und Prä­si­dent Martin Kind lässt sich gar zur Pro­gnose hin­reißen, Schlaud­raff werde kein ein­ziges Spiel mehr für 96 machen. Um ihn nur zehn Monate später für unver­zichtbar“ zu erklären. Zehn Monate, in denen Schlaud­raff als Aus­wech­sel­spieler seine Chance nutzt. Er wird als hän­gende Spitze zur festen Größe eines Teams, das um die euro­päi­schen Plätze mit­spielt. Es sind zehn Monate, in denen Schlaud­raff wieder das zeigt, was ihn als Fuß­baller aus­zeichnet: Tempo, Technik und Spiel­freude.

Im Herbst 2011 ist Han­nover 96 in der Liga immer noch vorne mit dabei. In der Europa League hat Schlaud­raff sein Team mit zwei Toren gegen Sevilla in die Grup­pen­phase geschossen. Kör­per­lich fühlt er sich erst­mals richtig gut, er bringt es nun sogar auf 72 Kilo, und sport­lich läuft es prima. Das muss nicht so bleiben. Jan Schlaud­raff weiß das. Er nimmt’s leicht.