Bris­bane, 17.05.2012

Auf dem Boden vor mir steht der halb gepackte Koffer. Der Count­down läuft. Das letzte Spiel ist gespielt. 1:1 in der Cham­pions League ges­tern Abend gegen den FC Peking. Wir haben die Chi­nesen an die Wand gespielt, hatten etwa 15:1 Chancen. Da ist ein Punkt schon ver­dammt wenig. Einerlei, jetzt ist Urlaub ange­sagt. In rund 36 Stunden geht es Rich­tung Heimat. Heimat! Längst hat sich in die unter­schwel­lige Sehn­sucht eine aus­ge­wach­sene Vor­freude gemischt. 13 Monate war ich nicht mehr in Deutsch­land. So lange wie nie zuvor in meinem Leben.

Ver­mut­lich kennt das jeder. Je weiter, je länger man von zu Hause weg ist, desto mehr kann man dieser abs­trakten Begriff­lich­keit abge­winnen. So sehr ich mich als Wel­ten­bürger fühle, so groß meine Neu­gier auch sein mag, noch viele Ecken dieses Pla­neten kennen zu lernen – so sehr haben mich die Monate in Aus­tra­lien doch zu einem Bayern gemacht. Viel­leicht mehr als ich es jemals war. Out of Rosen­heim! Aus der Ferne bekommt Deutsch­land deut­lich mehr Kontur. Echte Errun­gen­schaften treten hervor – rein sub­jektiv, ver­steht sich.

Schwarz­brot und Rätsel

Was hätte ich in den letzten Wochen für das baye­ri­sche Natio­nal­ge­richt gegeben. Was so kli­schee­haft klingt, ist doch die pure Wahr­heit. Meine erste Amts­hand­lung dahoam“: bei Mama eine Weiß­wurscht essen. Ein paar Wochen Pause von dem frit­tierten Zeug und den ganzen Bur­gern – herr­lich. Wer sich wie ich mal ein Jahr lang von Toast­brot ernährt hat, wird nach­voll­ziehen können, warum ich nachts längst von Schwarz­brot träume. Und ich freue mich auf Was­ser­burg. Das Stadt­bild. Die bunten Häuser – Orna­mente an den Wänden, Stuck an den Decken. Bris­bane hin­gegen ist vor allem nachts schön. Der Sinn für eine gewisse euro­päi­sche Ästhetik kann einem hier unten auf Dauer schon abhanden kommen.

Noch etwas Baye­ri­sches kann ich kaum erwarten. Das Kreuz­wort­rätsel im SZ-Magazin. Auch ein Stück Heimat für mich. Man kann es sich zwar auch über das Internet aus­dru­cken. Die edle Druck­ware aller­dings im Ori­ginal in den Händen zu halten, ist ein ganz anderes sinn­li­ches Erlebnis. Wer mich also in der nächsten Woche in Was­ser­burg im Café sitzen sieht, aus­ge­rüstet mit Weiß­wurst und SZ-Rätsel, sollte davon aus­gehen, dass ich gerade wunschlos glück­lich bin.

Finale mit Weiß­bier in Sin­gapur

Zum Finale dahoam“ wird es leider nicht ganz rei­chen. Da ich mir dieses Spiel der Spiele aber kei­nes­falls ent­gehen lassen kann, musste ich schon mein ganzes logis­ti­sches Geschick in die Waag­schale werfen. Nun fliege ich am Samstag zusammen mit meinem Team-Kol­legen Besart Berisha nach Deutsch­land. Bessie hat seinen ersten Wohn­sitz in Gütersloh, wo er wäh­rend seiner Bie­le­felder Zeit ein Haus gekauft hat. Er hat sich auf Anhieb in den Land­strich ver­liebt und ist nun ein begeis­terter Ost­west­fale.

Unseren Flug haben wir geschickt rund um das Cham­pions League Finale herum gebucht. Wir fliegen nach Sin­gapur, wo wir eine ganze Nacht ver­bringen – inklu­sive Finale und ver­mut­lich auch dem ein oder anderen Erdinger Weiß­bier – und am nächsten Tag geht’s weiter nach Mün­chen.

Diesen euro­päi­schen Fuß­ball habe ich wirk­lich auch ver­misst. Und Fern­seh­abende in guter Gesell­schaft. Ver­mut­lich habe ich mich noch nie so sehr auf eine EURO gefreut. Hier bin ich meist mitten in der Nacht auf­ge­standen, um Spiele wie das Pokal­fi­nale live zu ver­folgen. Hun­de­müde und ganz allein habe ich dann dem Amei­sen­zirkus auf meinem Laptop gefrönt. Auf Dauer ein reich­lich tristes Unter­fangen.

Ver­ständnis für die Bra­si­lianer

Noch etwas zum Thema Per­spektiv-Wechsel. Oder eher Doppel-Moral? Ich habe mich zu Bun­des­liga-Zeiten immer über die eigen­mäch­tige Urlaubs­ver­län­ge­rung diverser Süd­ame­ri­kaner echauf­fiert. Nachdem sich nun aber mein eigener Hori­zont buch­stäb­lich um 16.000 Kilo­meter ver­schoben hat, muss ich doch ein­räumen, dass ich diese ver­meint­lich halb­sei­dene und objektiv betrachtet gleichsam unpro­fes­sio­nelle Hal­tung emo­tional mitt­ler­weile durchaus nach­voll­ziehen kann.

Mein alter Weg­ge­fährte Chris­toph Daum hat vor Jahren in Deutsch­land das india­ni­sche Sprich­wort berühmt gemacht, dem­zu­folge man erst über einen Men­schen urteilen sollte, wenn man einen Tag seine Mokas­sins getragen hat. Ich kann diese blu­mige Daum’sche Formel nur bestä­tigen. Nur allzu gerne würde ich eine Woche mehr Hei­mat­ur­laub in Anspruch nehmen, fände es ein­fach nur fair, diesen Bonus zu erhalten – bedenkt man allein die erheb­li­chen Zeit­ein­bußen durch Reisen und Jetlag, die ich in Kauf nehmen muss.

Die Sache mit der Hoch­zeit der Oma

Ich fürchte aller­dings, ich würde in Down Under auf ähn­lich viel Ver­ständnis stoßen wie Rafinha sei­ner­zeit auf Schalke oder Ailton in Bremen – falls ich wirk­lich aus Ver­sehen“ den fal­schen Rück­flug buchen würde – oder wahl­weise mit der Hoch­zeit meiner Oma oder einem Flug­lot­sen­streik im zen­tral-ger­ma­ni­schen Dschungel argu­men­tiere. Und bis ich den Aus­sies das mit Daums Mocas­sins erklärt habe, haben sie das fäl­lige Buß­geld längst von meinem Konto abge­bucht.

Wenn man so lange weg war, erscheinen einem selbst die größten Bana­li­täten plötz­lich neu und groß­artig. Wieder auf einem Kon­ti­nent zu sein, auf dem man andere Städte ohne Wei­teres mit dem Auto errei­chen kann, ist schon spek­ta­kulär. So werde ich nach ein paar Wochen in Bayern sicher auch nach Köln hoch düsen. Der zweite Ort der Repu­blik, der mir richtig gefehlt hat. Die Stadt, die Leute. Hier unten konnte ich ja immer nur die zwei­fel­haften News rund um den FC ver­folgen.

(Un-)Kultur in Köln

Was da in der abge­lau­fenen Spiel­zeit an Fluk­tua­tion in der Klub­füh­rung, Eska­paden der Spieler und extremen Leis­tungs­schwan­kungen abge­laufen ist, war schon FC in Rein­kultur. Alles wie gehabt. Und sogar noch ne Schippe drauf. Es gab in Köln ja immer ein gewisses Auto­ri­täts­va­kuum. Dadurch, dass alles öffent­lich war und somit auf jeden drauf gehauen werden konnte, gab es keinen, der über jeden Zweifel erhaben war. Eine unan­ge­foch­tene Instanz, an die sich alle halten. Daraus hat sich meines Erach­tens diese Men­ta­lität ent­wi­ckelt, dass jeder machen kann, was er will. Ich habe es in meiner Kölner Zeit erlebt. Es wurde eine gewisse Kultur“ von einer Spiel­er­ge­nera­tion zur nächsten wei­ter­ge­geben. Und es hatte nie wirk­lich Kon­se­quenzen. Da passt man sich ganz schnell an.

Inso­fern kann der Umbruch gar nicht radikal genug sein. Für mich geht es aber gar nicht so sehr um den Trainer. Sol­bakken war auch ein guter Coach. Das Pro­blem in Köln ist doch das Umfeld. Das hat sich ja noch nie wirk­lich der Demon­tage eines Trai­ners ent­gegen gestellt. Sobald der auch nur ein kleines Zei­chen von Schwäche zeigt, wird er von den Medien ange­schossen und trai­niert fortan auf Bewäh­rung. Und das merken die Spieler.

Sie wissen, dass sie sich gar nicht zu 100 Pro­zent ein­bringen müssen, da ohnehin erstmal der Trainer geop­fert wird. Als jetzt kurz­fristig das Gerücht die Runde machte, man wolle Chris­toph Daum als Sport­di­rektor zurück­holen, dachte ich mir – na, dann komm ich auch zurück. Aber im Ernst. Ein kom­pletter Neu­an­fang scheint wirk­lich das einzig Rich­tige. Es wird span­nend sein, die neue Ent­wick­lung zu beob­achten.

Mein Treffen mit Stani

Stani ist auf jeden Fall ein richtig cooler Typ. Einer der wenigen Echten“ im Fuß­ball­busi­ness. Einer, der sich wenig ver­stellt, unheim­lich sym­pa­thisch. Und, soweit ich das beur­teilen kann, ein Super-Trainer. Er wollte mich im Sommer 2009 unbe­dingt zum FC St. Pauli holen. Wir haben uns in Ham­burg getroffen, uns lange unter­halten – da hat schon alles gepasst. Aber dann kam das Angebot meines Freundes Michael Oen­ning aus Nürn­berg, da war meine Ent­schei­dung schnell klar. Hin­terher ist man immer schlauer. Ande­rer­seits, wenn ich nicht nach Nürn­berg gegangen wäre, wäre ich jetzt viel­leicht gar nicht in Aus­tra­lien.

Chris­toph Daum würden an dieser Stelle sicher ein paar Apho­rismen über Umwege zum Ziel ein­fallen. Ich ver­kneife mir das und richte meinen Blick auf das nächste Ziel: Dahoam. Über den kleinen Umweg Sin­gapur – und das Finale dahoam“.

An dieser Stelle schreibt Thomas Broich über seine Erleb­nisse mit Bris­bane Roar, die momentan in der AFC Cham­pions League spielen. Wir ver­losen dazu jedes Mal eine signierte DVD des sehr sehens­werten Doku­men­tar­films von Aljoscha Pause über Thomas Broich: Tom meets Zizou“. Schickt eine Mail mit Name und Adresse an: quiz@​11freunde.​de. Stich­wort: Roar!