Bas­tian Oczipka, wissen Sie, wie viele Kar­rieren Sie auf dem Gewissen haben?
Eine Rote Karte habe ich noch nie gesehen, also habe ich nie­manden umge­treten. Hm…

Sie haben aber in dieser Saison die meisten Spieler getun­nelt. Acht.
Das ist nicht die erste Saison! Vor ein oder zwei Jahren habe ich das schon einmal geschafft. Dabei ist das Tun­neln gar keine Spe­zia­lität von mir, und schon gar nicht bös­willig gemeint. Oft­mals ist es ein­fach der Situa­tion geschuldet.

Sie pro­vo­zieren Ihre Geg­ner­spieler also nicht, damit diese ihre Beine öffnen?
Nein, meis­tens wollen sie den äußeren Passweg zustellen und fahren des­halb das Bein aus. Sollte ich das jetzt über­haupt ver­raten?

Wir werden auf die Sta­tistik in den nächsten Wochen achten. Aber: Zählt aus Ihrer Sicht der Tunnel, wenn er durch die Beine gespielt wird oder…
… Nein. Danach muss die eigene Mann­schaft im Ball­be­sitz bleiben. Ansonsten war der Tunnel ja sinnlos. Es gibt Spieler, die den Tunnel als kleine Show­ein­lage nutzen, viel­leicht vorher noch tanzen. Aber nur zu Tun­neln, um den Gegen­spieler lächer­lich zu machen, das ist nicht mein Ding.

Ihr schönster Tunnel?
Ach, es waren ein­fach so viele (lacht.). Aber vor zwei Tagen im Trai­ning habe ich noch Guido Burg­staller getun­nelt. In Öster­reich heißt es A Wurzn”, habe ich gelernt. Leider kostet der Tunnel bei uns im Trai­ning nichts, das würde auf Dauer wohl auch zu teuer werden. Aber wenigs­tens musste Burgi eine Extrarunde im Eck­chen drehen. Dafür hat es sich gelohnt.

Ist der Tunnel der stumme Aus­druck des Links­ver­tei­di­gers, doch noch Spaß bei der Arbeit zu haben?
Sie glauben also, dass es eine trost­lose Posi­tion ist? Mein Vor­bild in dieser Sache ist Timothy Atouba, der hat damals beim HSV unglaub­lich viele Tunnel ver­teilt. Aber ich glaube, es liegt tat­säch­lich daran, dass wir Außen­ver­tei­diger nicht über die äußere Linie am Gegen­spieler vor­bei­spielen können, wes­halb wir oft einen Haken schlagen oder in die Mitte passen. So geschieht es dann häu­figer, dass wir jemanden tun­neln.

Sie nennen Timothy Atouba. War er auch Ihr fuß­bal­le­ri­sches Vor­bild?
Ich bin in Ber­gisch-Glad­bach groß­ge­worden, was an der Grenze zu Lever­kusen liegt. Mein Vater hat über 40 Jahre als Che­mie­la­bo­rant im Bayer-Werk gear­beitet, was der Gegen­part zum Knappen im Koh­le­bergbau ist. Er hat mich und meinen Bruder dann auch mit zum Fuß­ball genommen. Ich erin­nere mich an Cham­pions-League-Nächte. Und wie ich Zé Roberto bewun­dert habe, ein spek­ta­ku­lärer Spieler.

Zé Roberto pos­tete dieser Tage ein Foto aus der Qua­ran­täne…
Ja, Wahn­sinn. So gut sehe ich nicht aus. (Über­legt.) Ehr­lich gesagt, so gut sah ich nicht einmal mit 20 aus. Früher war er gar nicht so mus­kulös, das kam erst mit dem Alter. Ich habe noch im Derby zwi­schen dem HSV und FC St. Pauli gegen ihn gespielt. Da war er etwas schmäch­tiger.

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Wer war der kan­tigste Spieler, gegen den Sie je gespielt haben?
Für mich im Eins-gegen-eins war nie­mand schwerer zu ver­tei­digen als Jef­ferson Farfan. Der sah viel­leicht nicht so aus, aber der hatte einen enormen Kör­perbau, eine dicke Kiste und der Antritt war brutal explosiv. Jef­ferson hat die Situa­tionen oft ver­lang­samt, kurz gewartet und dann wieder ange­zogen. Damit hat er mich oft vor­ge­führt, das muss ich zugeben.

Wie haben Sie sich in den letzten Wochen, sozu­sagen im Home-Office, fit gehalten?
Ich muss klar sagen: Es war eine schwere Zeit, weil wir aus dem Alltag gerissen wurden. Das ist nicht anders als bei einem arbeits­losen Men­schen, der plötz­lich seinen Tag neu struk­tu­rieren muss. Uns wird nor­ma­ler­weise alles vor­ge­geben: Früh­stück, Trai­ning, Essen, ab ins Hotel. Jetzt mussten wir unseren Rhythmus selbst suchen. Ich habe in den letzten Wochen begriffen, was ein Kar­rie­re­ende bedeuten würde.