Ob er blind sei, will der junge Mann von

wissen. Der reagiert nicht. Dann wieder: Schiri, bist du blind?“ Knaack bleibt cool. Erst als ein Spieler zum dritten Mal hin­ter­ein­ander eine Ent­schei­dung kom­men­tiert, diesmal sogar nicht jugend­frei, bleibt ihm keine andere Wahl: er zeigt ihm Gelb-Rot.

Eine gute Stunde später steht Lothar Knaack im Innen­raum des Sta­dion Wannsee, das Pokal­spiel zwi­schen den Reser­ve­mann­schaften von Wannsee und Lich­ter­felde hat er ohne grö­ßere Zwi­schen­fälle zu Ende gebracht. Knaack zieht zufrieden Bilanz: Ein paar Gelbe und zwei Gelb-Rote Karten – ein guter Tag“, sagt er. In der Fuß­ball-Bun­des­liga wäre das was anderes, aber hier, bei den Ama­teuren, da geht das in Ord­nung, findet er.

Ins Kran­ken­haus geprü­gelt

Ein paar Gelbe und zwei Gelb-Rote Karten – das ist inzwi­schen normal in Berlin
So wie bei Lothar Knaack hat sich die Wahr­neh­mung von vielen Ber­liner Schieds­rich­tern geän­dert. Zwei Platz­ver­weise, beide wegen Schieds­rich­ter­be­lei­di­gung, gehören inzwi­schen zum Alltag. Seit zehn Jahren ist Knaack Schieds­richter. Ein großer, kräf­tiger Mann, dem man seine Ver­gan­gen­heit als Tor­hüter in den höchsten Ber­liner Ama­teur­spiel­klassen ansieht. Vor ihm haben die Spieler Respekt, tät­lich ange­griffen wurde er noch nie. Spiele leitet Knaack noch immer mit Lei­den­schaft, aber seit sein Sohn die Schieds­rich­terei auf­ge­geben hat, betrachtet er das Geschehen auf den Plätzen kri­ti­scher.

Denn es kann auch schlimmer zugehen auf den Plätzen. Im Sep­tember wurde der Schieds­richter Gerald Bothe von einem Spieler einer Alt-Herren-Mann­schaft ins Kran­ken­haus geprü­gelt, weil er ihn vom Platz gestellt hatte. Bothe würde heute viel­leicht nicht mehr leben, wenn unter den Spie­lern nicht zufällig ein Sani­täter gewesen wäre, der ihm die ver­schluckte Zunge wieder aus dem Rachen geholt hätte. Der Fall sorgte für Bestür­zung, einige Schieds­richter wollten streiken. So weit ist es nicht gekommen, trotzdem wird es an diesem Wochen­ende eine Pro­test­ak­tion geben.

Alle Spiele, von der Berlin-Liga bis zur Kreis­klasse, werden in der zehnten Minute für einige Zeit unter­bro­chen; der Schieds­richter wird dann das Spiel­feld ver­lassen und die Spieler im besten Fall zum Nach­denken bewegen. Es geht darum, ins Gespräch zu kommen und wieder Respekt für­ein­ander zu ent­wi­ckeln“, sagt Bodo Brandt-Chollé, der beim Ber­liner Fuß­ball-Ver­band (BFV) die Schieds­richter betreut. Auch die Ber­liner Pro­fi­schieds­richter Felix Zwayer und Daniel Sie­bert werden die Aktion unter­stützen und Spiele in den unteren Klassen leiten.

Viel zu wenig Schieds­richter

Gewalt gegen Unpar­tei­ische ist zum Pro­blem geworden im Ama­teur­fuß­ball, nicht nur in Berlin. Bei­nahe wöchent­lich gibt es Mel­dungen von Spiel­ab­brü­chen, Mas­sen­schlä­ge­reien und Poli­zei­ein­sätzen – egal ob aus Bayern, Hessen oder anderen Teilen der Repu­blik. Erst kürz­lich wurde ein Fall aus Nord­rhein-West­falen bekannt, wo ein Schieds­richter zuerst nie­der­ge­schlagen und anschlie­ßend mit Tritten mal­trä­tiert wurde. Beim BFV hat die raue Umgangs­weise auf den Plätzen dazu geführt, dass immer weniger Leute Lust haben, Schieds­richter zu werden. Das Pro­blem wird für uns immer größer, wir haben jetzt schon viel zu wenige Schieds­richter“, sagt Brandt-Chollé.

Das Vakuum führt dazu, dass die, die noch da sind, Leute wie Lothar Knaack, oft mehr­mals an zwei Tagen im Ein­satz sind. Ein Wochen­ende kann dann so aus­sehen: Am Vor­mittag ein Junio­ren­spiel in Lich­ten­rade, Nach­mit­tags dann Kreis­liga A in Hohen­schön­hausen. Der Sonntag beginnt mit einem Senio­ren­spiel in Neu­kölln und endet mit einem Duell in Hohen Neu­en­dorf. Die Spiel­orte wech­seln, Beschimp­fungen bleiben. Die elf Euro, die ein Schieds­richter pro Ein­satz vom Ver­band bekommt, ent­schä­digen da kaum.

Ver­pflich­tung für die Ver­eine

Ich kann ver­stehen, wenn einer dazu keine Lust hat“, sagt Lothar Knaack. Wer will sich in seiner Frei­zeit schon bepö­beln oder gar ver­prü­geln lassen?“. Sein Sohn jeden­falls nicht.

Vor vier Jahren meldet sich Dominik Knaack zum Schieds­rich­ter­lehr­gang an. Der 15-Jäh­rige spielt zu diesem Zeit­punkt als Ver­tei­diger in der Jugend des BSC Reh­berge. Als man ihn fragt, ob er Schieds­richter werden will, wil­ligt er trotz anfäng­li­cher Skepsis ein. Der BVF ver­pflichtet seine Ver­eine, pro gemel­deter Mann­schaft jeweils einen Schieds­richter zu melden. Aus­ge­nommen sind alle Teams unter­halb der C‑Jugend. Im Regel­fall bringt es ein durch­schnitt­li­cher Ber­liner Klub auf zwei Män­ner­teams und jeweils eine Mann­schaft in der A‑, B- und C‑Jugend. Macht fünf Schieds­richter, die zu stellen sind. Erfüllt ein Verein das Kon­tin­gent nicht, wird eine Geld­strafe fällig – pro feh­lendem Schieds­richter 100 Euro.

Lange Liste der Aus­reden

Gerade klei­nere Klubs setzt diese Rege­lung unter Druck. Weil sich nur selten Leute für die Aus­sicht, Schieds­richter zu werden, begeis­tern lassen, schi­cken die Ver­eine oft Leute, die eigent­lich keine Lust haben und nur teil­nehmen, damit ihr Verein keine Strafe zahlen muss. Wenn der Ver­band diese Leute dann an den Wochen­enden nach ihrer Ver­füg­bar­keit fragt, lehnen sie meist ab. Arbeit, Fami­li­en­an­ge­le­gen­heiten, Krank­heit – die Liste der Aus­reden ist lang. Manchmal hört man im Hin­ter­grund noch die Dis­komusik laufen, wenn sie per Handy absagen“, sagt Bodo Brandt-Chollé.
In der ver­gan­genen Saison pfiffen 151 Schieds­richter weniger als sechs Spiele.

Auf Dominik Knaack trifft das nicht zu. Mit der Zeit findet er Spaß am Schieds­rich­ter­sein. Die Lehr­gänge, der Zusam­men­halt unter­ein­ander, das war toll“, sagt er. Wenn er einen Rat braucht, ist sein Vater für ihn da. Zuerst läuft es auf den Plätzen auch ganz gut, aber nach einiger Zeit ebbt die Begeis­te­rung ab. Knaack wird des öfteren ange­pö­belt und belei­digt. Da fragt man sich dann, warum man das eigent­lich macht“, sagt er. Man kann seine Frei­zeit auf jeden Fall ange­nehmer ver­bringen.“

Weil Dominik Knaack zu diesem Zeit­punkt noch min­der­jährig ist, leitet er nur Spiele bei den Junioren. Es sind nicht die Kinder, die ihm zu schaffen machen, son­dern die Eltern. Sie ver­su­chen von außen Ein­fluss zu nehmen, kom­men­tieren jede Ent­schei­dung und tragen dazu bei, dass die Atmo­sphäre hitzig wird. Als die Frei­zeit mit Beginn seiner Aus­bil­dung immer knapper wird, hört Dominik Knaack als Schieds­richter auf.

Die Pro­blem-Eltern

Nicht selten tragen die Eltern zu einer hit­zigen Atmo­sphäre bei
Die Eltern sind tat­säch­lich eine Gruppe, die den Schieds­rich­tern das Leben oft erschweren“, sagt Bodo Brandt-Chollé. Man glaubt gar nicht, wie sich Erwach­sene in Gegen­wart ihrer Kinder auf­führen können.“ In Berlin gibt es bisher nur wenige Ver­eine, die ver­su­chen, die Schieds­richter zu unter­stützen. Beim 1. FC Schö­ne­berg hatte man mal einen Eltern­f­an­block“ geschaffen, wo alle Eltern zusam­men­standen und ihre Kinder anfeuern konnten – wie rich­tige Fans eben.

Direkt ans Spiel­feld durften sie aber nicht. Inzwi­schen ist das Pro­jekt wieder ein­ge­stellt. Dabei sei so etwas sinn­voll, findet Dominik Knaack. Genau wie die Aktion am Wochen­ende. Viel­leicht beginnen einige dann wirk­lich, mal nach­zu­denken“, sagt er. Ohne Schieds­richter gibt es schließ­lich keinen Fuß­ball.“

Wenn er seine Aus­bil­dung beendet hat, will Dominik Knaack viel­leicht wieder auf den Fuß­ball­platz zurück­kehren. Aber nur als Spieler.