Das war’s. Der Todes­stern ist explo­diert. Darth Vader ist tot. Der VfL Wolfs­burg hat Felix Magath ent­lassen. Die letzte Schat­ten­ge­stalt unterm grellen Schein­werfer des Bun­des­li­ga­busi­ness ist abge­treten. Der Bruddler unter den Son­ny­boys, der schwei­gende Rache­engel unter den poly­glotten Fuß­ball­ver­käu­fern. Wäh­rend in vielen Redak­tionen gerade Nach­rufe auf eine Trai­ner­lauf­bahn in die Tas­ta­turen gehackt werden, die noch einmal Magaths Mängel im Zwi­schen­mensch­li­chen sezieren, wird es für uns Zeit Danke“ zu sagen.

Kein anderer Prot­ago­nist des deut­schen Fuß­balls hat die Rolle des Böse­wichts je über­zeu­gender gespielt. Mit jeder neuen Saison gab der intro­ver­tierte Tee­trinker aus Aschaf­fen­burg seiner eigen­wil­ligen Figur neue Facetten. Der Fuß­ball lebt von Sym­bolik und kaum jemand beherrschte den Umgang damit besser als Magath – ob bewusst oder unbe­wusst. Als sich sein Quälix“-Image schon langsam abnutzte, lobte er die Arbeit mit Medi­zin­bällen in höchsten Tönen. Später machte er die triste Tra­ban­ten­stadt sogar zum Wall­fahrtsort für Dis­zi­plin und Ein­satz­willen, als er den Mount-Magath“ auf­werfen lies.

Ein men­schen­ver­ach­tender Füh­rungs­stil

Sicher, man kann ihm vieles vor­werfen. Seine Feinde hielten seinen auto­ri­tären Füh­rungs­stil für men­schen­ver­ach­tend. Sein Miss­trauen selbst gegen­über engen Mit­ar­bei­tern soll zwang­haft gewesen sein. Und nie­mand außer ihm selbst war zuletzt noch in der Lage, Phan­tasie für diese Trans­fer­po­litik nach dem Gieß­kan­nen­prinzip auf­zu­bringen. Er galt als intro­ver­tiert, bera­tungs­re­sis­tent und welt­fremd. Seine Methoden als anti­quiert, weit­ge­hend frei von Empa­thie und teils sogar als kon­tra­pro­duktiv für den Erfolg. In seinem Schlussakt als Schleifer tat er es seinem För­derer Branko Zebec gleich und entzog den Profis bei einem Wald­lauf die Was­ser­ra­tion. In heu­tigen Well­ness-Zeiten sind solche Aktionen fürs posi­tive Image wenig för­der­lich. Aber Magath ist lang genug im Geschäft, nicht nur um zu ermessen, dass ein Orga­nismus in der Wohl­stands­ge­sell­schaft es sehr wohl aus­hält, auch mal nichts zu trinken, son­dern auch, wie ihm so eine Anord­nung von Medien aus­ge­legt wird. Denn jemand, der Erst­li­ga­profis Wasser ver­wei­gert, steht fast auf einer Stufe mit einem Dik­tator eines Schur­ken­staats. Magaths Ver­halten legt also die Ver­mu­tung nahe, dass er sich längst in die Rolle des Out­laws gefügt hatte und sich einen Spaß daraus machte, dieser Wahr­neh­mung immer neue Cha­rak­te­ris­tika hin­zu­zu­fügen.

Sein Sar­kasmus trug fast mephis­to­phe­li­sche Züge. Sein Spruch Das Schlech­teste am heu­tigen Spiel ist, dass ich nichts zu meckern habe“ ist nur einer von vielen Beweisen dafür, wie sehr Magath mit seinem Medi­en­bild koket­tierte. Und mit Ironie ist es in diesem Land bekannt­lich immer so eine Sache. Seine Masche, die Worte und Gedan­ken­gänge lang wie Kau­gummi zu ziehen, dieses irr­sin­nige Rühren in der Tee­tasse, um dann doch mit einer Pointe aus­zu­steigen, war nicht jeder­manns Sache, aber den­noch von gran­diosem Unter­hal­tungs­wert. Und wie lautet das erste Gebot des modernen Fuß­balls? Du sollst nicht lang­weilen.“ Richtig! Von ges­tern war dieser Magath defi­nitiv nie.

Auch wenn der Fuß­ball des VfL Wolfs­burg in seiner zweiten Amts­zeit in der Auto­stadt alles andere als eine Offen­ba­rung war – als Person war Felix Magath ein Solitär und als sol­cher hat er seinen Job hier im Enter­tain­ment­mi­lieu mit Bra­vour erle­digt. Der VfL Wolfs­burg hat nicht zuletzt wegen ihm deut­lich an Profil gewonnen. Erst vor einem Jahr sagte Magath in 11 FREUNDE: Der Groß­teil meiner Kar­riere liegt hinter mir. Das gibt mir die Frei­heit, naiv zu sein und die Dinge so zu machen, wie ich sie für richtig halte.“ Aber ein Groß­kon­zern möchte lang­fristig eben nicht als die dunkle Seite der Macht wahr­ge­nommen werden, des­wegen war Magath klar, dass seine Halb­wert­zeit bei aus­blei­bendem Erfolg deut­lich kürzer seine würde als die von umgäng­li­cheren Trai­ner­kol­legen. 

Spieler waren Unter­ge­bene

Er konnte ein­fach kein Kum­peltyp sein. Seine Spieler waren für ihn Unter­ge­bene, die sich seinen Anwei­sungen kom­pro­misslos zu fügen hatten. Er glaubte, dass nur der­je­nige, der in der Lage ist, an seine kör­per­li­chen Grenzen und dar­über hinaus zu gehen, ein höheres Leis­tungs­ni­veau erreicht. Und dass nur so Erfolg in der Gruppe mög­lich ist. Wer seine Regeln ver­stand und sich fügte – wenn er denn geistig und vor allem kör­per­lich dazu in der Lage war –, der bekam seine Chance und durfte teil­haben am Erfolg. Wer nicht, musste mit harten Sank­tionen rechnen.

Einige seiner aktu­ellen Spieler werden heute Abend daheim sicher aus freu­digen Anlass ein Pic­co­lö­chen köpfen. Es sind vor allem die­je­nigen, mit denen Magath nie etwas anfangen konnte, weil sie nicht die von ihm gefor­derte Opfer­be­reit­schaft an den Tag legten. Doch wenn diese Profis die Ent­las­sung des unlieb­samen Vor­ge­setzten als Grund zum Feiern emp­finden, sollten sie zumin­dest bedenken – als Arbeit­nehmer des aktuell Tabel­len­letzten – , dass sie mit jedem Schluck auch Magaths Mei­nung über sie im Nach­hinein noch bestä­tigen. Im Übrigen sollten sie sich bewusst machen, dass dessen Nach­folger Lorenz Gün­ther Köstner auch nicht aus der Kom­fort­zone stammt.

Wie auch immer. Keiner muss befürchten, Magath irgend­wann noch einmal über den Weg zu laufen. Eine Rück­kehr in die Bun­des­liga wird es für ihn wohl nicht mehr geben. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er in seinem Alter nur noch für Ver­eine arbeitet, die ihm die volle Ver­ant­wor­tung als Geschäfts­führer, Manager und Trainer über­tragen. Der Leu­mund, den er sich zuletzt beim FC Schalke 04 und nun auch beim VfL Wolfs­burg erworben hat, wird Ange­bote dieser Art zumin­dest aus der Bun­des­liga über­schaubar halten.

Magath hat sich damit abge­funden. Vor einem Jahr gab er in 11 FREUNDE zu Pro­to­koll: Ich glaube, Wolfs­burg ist meine letzte Sta­tion in der Bun­des­liga.“ Der erfolg­reichste deut­sche Trainer der ver­gan­genen zehn Jahre geht in Rente.