Als Berti Vogts bei der Euro 1992 mit der Natio­nalelf das Finale erreicht hatte, spöt­telte der Ter­rier“: Wir haben unser Ver­spre­chen gehalten und sind zur Revanche im End­spiel ange­treten, die Hol­länder nicht.“ Deutsch­land war vom Oranje-Team in der EM-Vor­runde mit 1:3 gede­mü­tigt worden und hoffte auf Rache gegen den Lieb­lings­feind. Doch nun war die Elftal“ gegen Däne­mark im Elf­me­ter­schießen aus­ge­schieden.

Seit Frei­tag­abend wird nie mehr jemand sagen, dass die Nie­der­länder sich irgend­einem heiß­blü­tigen Duell mut­willig ent­zieht. Seit Mitte Mai hatte Coach Louis Van Gaal seine Spieler minu­tiös auf die schwere Auf­gabe im Auf­takt­spiel gegen Welt­meister Spa­nien vor­be­reitet. Der 62-Jäh­rige hatte seine Elf vom erprobten 4 – 3‑3-System auf ein defen­sives 5−3−2 umpolt. Dafür kas­sierte er von Alt­vor­deren wie dem zwei­fa­chen Vize­welt­meister Arie Haan ent­spre­chend Prügel: Eine Tod­sünde.“ Er fragte also seine beiden Kapi­täne, Arjen Robben und Robin Van Persie, ob sie mit seiner Ent­schei­dung ein­ver­standen seien. Und zog schließ­lich seinen Stiefel durch.

Was war denn heute los, Herr van Gaal?

Bei der Pres­se­kon­fe­renz nach dem 5:1‑Kantersieg war er den­noch regel­recht geplättet von der Art, wie sein Plan ein­ge­schlagen hatte. Auf die Frage, was denn heute los gewesen sei, rieb er sich immer noch die Augen: Wir haben fünf Tore geschossen und nur eins gefangen.“

Doch je länger die Pres­se­kon­fe­renz dau­erte, desto selbst­be­wusster ver­kaufte er seine Ideen. Er sprach voller Hoch­ach­tung von seinen Spie­lern, weil sie bereit gewesen seien, sich blind in den Dienst der Sache zu stellen. Er habe gewusst, wenn die zen­tralen Offen­siv­spieler – Robben, Van Persie und Snejder – mit ihrem abso­luten Willen nach­setzen würden, seien Tore dieser Art und Anzahl mög­lich. Spa­nien habe exakt so gespielt, wie er es vor mehr als einem Monat erwartet habe. Die Tore von Van Persie und Robben,“ so das selbst­er­nannte Fei­er­biest fast rühr­selig, waren ein­fach wun­der­voll“.

Über­haupt Robben blüht unter der rigiden Füh­rung Van Gaals er am Ende einer stra­pa­ziösen Saison noch mal auf. Wenn sein kon­ge­nialer Sturm­partner besser stand, schob er Van Persie den Ball rüber. In Mün­chen eilt dem glatz­köp­figen Nie­der­länder der Ruf eines rück­sicht­losen Ego­isten voraus, der jeden mög­li­chen Treffer auf seinem Konto ver­bu­chen will. Im Match gegen Spa­nien aber rackerte er bis an die Grenzen zum Ermü­dungs­bruch, brachte seine Kol­legen in Stel­lung und schoss am Ende selbst zwei Tore. So wie er sich im Cham­pions League Finale 2013 mit dem Sieg­treffer gegen den BVB für seinen ver­schossen Elf­meter im Finale dahoam“ revan­chierte, ver­ab­schie­dete er sich nun von seinem Trauma, den Nie­der­landen wegen einer ver­ge­benen Groß­chance im WM-Finale 2010 gegen Spa­nien den Titel gekostet zu haben.

Der Grund für soviel Spiel­freude liegt womög­lich auch in Van Gaal behut­samer Pflege seiner Eleven. In der Nacht vor dem Auf­ein­an­der­treffen hatte er seinen Jungs den Besuch ihrer Frauen erlaubt. Ich sehe den Spieler als Ganzes: die Physis muss bei diesen Bedin­gungen in Bra­si­lien stimmen, aber auch die Psyche,“ sagt der nach­sich­tige General, die Spieler sollen glück­lich sein.“ Und so haben sie auf dem Platz gegen Spa­nien auch gewirkt.

Heißer WM-Titel-Kan­didat

Nun aber hat sein Gedanke, sich in der Vor­be­rei­tung aus­schließ­lich auf Spa­nien zu kon­zen­trieren die Kon­se­quenz, dass der zukünf­tige Man­U­nited-Coach mit seinem Team gegen Aus­tra­lien einen Neu­start unter­nehmen muss. Gegen Spa­nien brauchten die Hol­länder nur auf ihnen Bekanntes zu reagieren, um den Weg ins Spiel zu finden. Gegen den Außen­seiter aus Ozea­nien aber wird die Elftal“ die­je­nige sein, die dem Gegner zeigen muss, wo der Hammer hängt.

Doch davor ist Van Gaal nicht bange: Wir haben genug Spieler“, sagt er, die erfahren genug sind, sich nicht in der Euphorie zu ver­lieren.“ Jour­na­listen müssen da weniger vor­sichtig sein. Das Fazit lautet des­halb: In dieser Form sind Van Gaals Nie­der­lande ein heißer Kan­didat auf den Titel.