1.
Paul Breitner
Dass ein Abschieds­spiel für Paul Breitner kein gewöhn­li­ches Abschieds­spiel werden konnte, war ja schon von vorn­herein klar. Also brach Karl-Heinz Förster (Welt­aus­wahl) seinem Gegen­spieler Kalle del´Haye (Bayern Mün­chen) bei einem Kopf­ball­duell die Nase, schoss Franz Becken­bauer ein Eigentor (End­stand 3:2 für die Welt­aus­wahl) und durfte Sepp Maier – seit seinem schweren Auto­un­fall im Sommer 1979 kein Profi mehr – nicht bei den seinen alten Kol­legen aus Mün­chen mit­spielen (son­dern nur“ in der Welt­aus­wahl), weil die gestrengen Beton­köpfe beim DFB einem Ama­teur nicht gestatten wollten, in einer Profi-Mann­schaft mit­zu­spielen. Breitner („Ich bin zu 85 Pro­zent Geschäfts­mann und zu 15 Pro­zent Fuß­ball­star“) ver­diente trotzdem abzüg­lich aller Abgaben 600.000 Mark und durfte sich um zwei Uhr mor­gens im Salon Che­rubin“ des Mün­chener Hotels Vier Jah­res­zeiten“ auch noch von Kumpel Udo Jür­gens berie­seln lassen. Nett: Extra für Frei­bier-Paule“ hatte der Schla­ger­star seinen Hit vom ehren­werten Haus“ sprach­lich leicht umge­wan­delt. Und so grölte die ganze Par­ty­schar: Er sagte nicht zu allem ja / Er war kein Paulus aus der Bibel / Und auch gewiss kein Saul / kein anderer zeigte so viel Mut / Wie unser ehren­werter Paul!“

2.
Johan Cruyff
Es sollte ein Freu­den­fest werden – und endete in einem Schlacht­fest“ (Die Welt). Mit 8:0 rasierte der FC Bayern Gegner Ajax Ams­terdam 1978 im Abschieds­spiel für Alt­meister Johan Cruyff, ein ein­ma­liger Ver­stoß gegen den Kodex der heiter-kum­pe­ligen Und-Tschüss-Sausen. Erst später kam heraus: Hol­län­di­sche Fans hatten Breitner und Co. bereits am Flug­hafen mit wüsten Beschimp­fungen emp­fangen, auf dem Trai­nings­platz begrüßte man die Deut­schen gar als Nazi-Schweine“. Die Bayern schworen Rache – und legten den ver­dutzten Ams­ter­da­mern acht Eier ins Nest. Vor­schlag zur Güte: Beim nächsten Mal ein­fach wieder die Welt­aus­wahl ein­laden.

3.
Pelé
Ozon­loch, George W. Bush, Base­ball – man kann den US-Ame­ri­kaner ja viel vor­werfen, nicht aber, dass sie nicht in der Lage wären, ein Abschieds­spiel zum emo­tio­nalen Mega-Event auf­zu­pimpen. 1977 ver­ab­schie­dete sich mit Pelé der viel­leicht beste Fuß­baller der Welt und das musste natür­lich groß gefeiert werden. 75.646 Zuschauer im New Yorker Giant-Sta­dium waren Zeugen, als der Groß­meister zum letzten Mal den (Kunst-)Rasen betrat und den kun­ter­bunten Abend mit einer bewe­genden Rede ein­lei­tete. Minu­ten­lang kämpfte Pelé mit seinem Schul­eng­lisch und den Tränen, begeis­terte letzt­lich aber mit phi­lo­so­phi­schen Ergüssen („In mir stirbt heute ein Stück“) und outete sich dann auch noch als Ober-Hippie. Liebe ist alles was zählt im Leben“, lei­tete Pelé seine Schluss­worte ein, nur um dann einen LOVE!“-Wechselgesang mit dem Tri­bü­nen­volk anzu­stimmen. Fuß­ball wurde schließ­lich auch noch gespielt, in seinem 1363. Spiel gelang dem Bra­si­lianer das 1278. Tor mit einem 30-Meter-Frei­stoß, Papa Joao Ramos do Nasci­mento durfte zur Halb­zeit das Trikot des Soh­ne­manns als Geschenk für dessen Pri­vat­mu­seum ent­gegen nehmen, der ange­schla­gene Franz Becken­bauer rui­nierte sich fast die ohnehin geschä­digte Achil­les­sehne und Ende sangen noch einmal alle Pelés Fare­well-Song“. Geht es denn schöner?

4.
Lew Jaschin
Wenn Kli­schees klebrig werden wie Eistee mit Honig: 1971 wollte der sowje­ti­sche Aus­nah­me­tor­wart Lew Jaschin seinen Abschied stil­voll feiern und lud dafür eine Welt-Elf“ nach Moskau. So aber nicht“, maulten die Offi­zi­ellen der FIFA und ent­schieden im Stile von rou­ti­nierten Schreib­tisch­tä­tern: Die Welt-Elf darf nicht Welt-Elf heißen.“ Dieser Name, so die Gag-Appa­rate des Welt­fuß­ball­ver­bands, käme dann doch der FIFA-Aus­wahl“ zu nahe. Warum auch immer. Jaschins Spiel fand trotzdem statt und die Medien nannten die exklu­sive Aus­wahl inter­na­tio­naler Stars ein­fach? Richtig, exklu­sive Aus­wahl inter­na­tio­naler Stars. Würg.

5.
Zico
Als 1990 Bra­si­liens Welt­fuß­baller Zico leise Servus sagen wollte, war auch Uns“ Kalle Rum­me­nigge ein­ge­laden. Für die Welt am Sonntag“ tex­tete Kolum­nist Rum­me­nigge anschlie­ßend begeis­tert: Ein wun­der­schöner Abend, um halb zehn noch 28 Grad warm, ein satter, voller Mond am Himmel. Elek­tri­sie­rende Samba-Rhythmen hallten durch das berühmte Mara­cana-Sta­dion.“ 200.000 Men­schen ver­ab­schie­deten den Volks­held, eine unglaub­liche Zahl“ fand auch Rum­me­nigge, der die neu­gie­rigen Leser dann auch gleich mit einem über­ra­schenden Ver­gleich über­zeugte: Am Sonntag vor Zicos Abschied sahen ledig­lich 20.000 den lokalen Fuß­ball-Schlager Flu­mi­nense gegen Fla­mengo. Das Fuß­ball-Para­dies Bra­si­lien stirbt.“ Amen.

6.
Dieter Müller
Alain Giresse, Jean Tigana, Franz Becken­bauer, Karl-Heinz Rum­me­nigge, Pierre Litt­barski, Thomas Häßler, Uwe Seeler, Gerd Müller, Oleg Blochin, Paolo Rossi, Jean-Marie Pfaff, Sepp Maier – die Liste ver­dienter Spit­zen­fuß­baller, die Dieter Müller im Juni 1989 am Bie­berer Berg ver­ab­schieden wollten, war lang. Dass trotzdem nur 15.000 Men­schen dem Spek­takel bei­wohnen wollten, kom­men­tierte Müller-Kumpel Tigana anschlie­ßend gewohnt griffig: Der Dieter ist ein ganz lieber Mensch. Viel­leicht sogar zu lieb“, und meinte damit den Geschäfts­sinn des Offen­ba­cher Idols, der den Erlös seines Abschieds­spiel generös in eine beein­dru­ckende Pyro-Show und eine ordent­liche After-Abschieds­spiel-Sause in einer Frank­furter Edel­disko inves­tierte.

7.
Uli Stie­like
Warme Worte müssen erstmal gelernt sein, aber Gil­bert Fac­chinetti, Prä­si­dent von Neu­chátel Xamax, zeigte Talent, als er im Mai 1989 seinen Spieler Uli Stie­like vor 12.300 Zuschauern wür­de­voll ver­ab­schie­dete. Ich habe große Men­schen ken­nen­ge­lernt“, sprach Fac­chinetti mit Tränen in den Augen vor dem Anstoß zwi­schen Stie­likes schwei­ze­ri­schen Arbeit­ge­bers Xamax und der Equipe des Etoiles“, der Welt­aus­wahl“ (hatte die FIFA nichts dagegen?), die aber nur mit­tel­mä­ßige Fuß­baller waren. Ich habe große Fuß­baller ken­nen­ge­lernt, die mit­tel­mä­ßige Men­schen waren. Stie­like war als Fuß­baller und Mensch außer­ge­wöhn­lich.“ Schluchz. Als sich Stie­like dann nach 71. Minuten aus­wech­seln ließ, Schiri Sandoz zum Abschied die Hand drückte und samt Spiel­ball in die Kata­komben ent­schwand, da heulte sicher­lich nicht nur sein Prä­si­dent.

8.
Rudi Völler
Welch ein Abschieds­fest für Rudi Völler, immerhin der Mann, der Deutsch­land zum Welt­meister gestol­pert hatte: Bun­des­trainer Berti Vogts hatte sich was ganz Raf­fi­niertes ein­fallen lassen und erklärte ein­fach ein Test­spiel gegen Mexiko am 14. Oktober 1992 zu Tante Käthes“ Ehren­runde. End­ergebnis: 1:1. Gähn. Nur einer wird sich an diesen Kick sicher­lich noch heute erin­nern: Heiko Scholz. Der inzwi­schen 26-jäh­rige ehe­ma­lige DDR-Aus­wahl­ki­cker durfte gegen Mexiko sein erstes, aber auch letztes Län­der­spiel bestreiten. kicker“-Autor Günter Wiese 2008 über den emo­tio­nalen Moment der Nomi­nie­rung: Die Natio­nalelf bereitet sich in Freital bei Dresden aufs Spiel vor. Berti Vogts, geplagt von Per­so­nal­sorgen, geht über den Platz auf Scholz zu, nimmt den damals 26-Jäh­rigen zur Seite – und flüs­tert: ´Heiko, du spielst morgen!´ Das Herz schlug bumm­bumm.“ Pulit­zer­preis­ver­dächtig.

9.
Pierre Litt­barski
Kurz vor seinem Wechsel auf die andere Seite des Pla­neten, wollte sich Kölns All­time-Dribbler Pierre Litt­barski von der großen deut­schen Bühne ver­ab­schieden. Also lud sein Klub, der 1. FC Köln, alles was Rang und Namen hatte, ins Mün­gers­dorfer Sta­dion. 20.000 Zuschauer kamen, riefen artig das fix ange­lernte Ari­gato – danke, Litti!“ und freuten sich ange­messen über das 5:2 ihrer Kölner gegen die All-Star-Mann­schaft“ samt Uwe Bein, Lothar Mat­thäus und Thomas Häßler. Eben­falls ein­ge­laden: De Höhner“, die extra für den nach Japan abwan­dernden Volks­helden ein kleines Lied­chen kom­po­niert hatten. Aus­züge: Ich bin ´ne kleine Mann und spiele abjetzt in Japan; Saynonara, Litti, und danke schön, hier in Kölle werden wir uns wie­der­sehen.“ War sicher nett gemeint.

10.
Rudi Wimmer
Was um alles in der Welt den Tor­wart Rudi Wimmer geritten hatte, zu seinem Abschieds­spiel im Karls­ruher Wild­park aus­ge­rechnet den Mann ein­zu­laden, der ihm 20 Jahre lang den Sprung in die Natio­nal­mann­schaft ver­wehrt hatte, wird wohl auf ewig sein Geheimnis bleiben. So es der reine Show-Faktor war, hat Sepp Maier jeden­falls alles dafür getan, seinen Ansprü­chen gerecht zu werden. Der Abschieds­kick Wim­mers im Herbst 1984 geriet zum großen Gag-Feu­er­werk des Alt­meis­ters Maier, der die Zuschauer mit einem Pot­pourri seiner lus­tigsten Streiche bes­tens unter­hielt. Wäh­rend also Wimmer ein­fach nur wür­de­voll Tschüss“ sagen wollte, stellte sich Maier beim Abstoß auf den Ball, rannte bei Eck­bällen der eigenen Mann­schaft mit nach vorne und setzte sich bei Angriffen der Kol­legen ent­spannt auf die Ersatz­bank. Irre komisch. Wimmer durfte immerhin einen Elf­meter ver­senken und sich nach 50 Minuten unter Bei­fall aus­wech­seln lassen. Dass aus­ge­rechnet in seinem letzten Spiel die legen­däre halb­lange Tor­wart­hose riss – geschenkt. KSC-Prä­si­dent Roland Schmider nahm den his­to­ri­schen Stoff­fetzen trotzdem gerührt in Emp­fang.