Der Trai­nings­platz des 1. FC Kai­sers­lau­tern war an diesem herr­li­chen Früh­lingstag schon fast im Schatten des Bet­zen­bergs ver­schwunden. Vögel zwit­scherten von den Bäumen, ein paar Rentner auf der Tri­büne brummten vor sich hin. Die Spieler des ört­li­chen Zweit­li­gisten traten unmo­ti­viert gegen den Ball, ide­enlos standen sie durch­ein­ander gewür­felt auf dem Grün. Ihre Trainer beob­ach­teten das lust­lose Gekicke und genossen augen­schein­lich die warmen Son­nen­strahlen, flachsten unter­ein­ander, lachten. Es erin­nerte nicht viel an das Trai­ning einer abstiegs­be­drohten Mann­schaft, viel­mehr an die lockere Ein­heit einer Spit­zen­truppe, die am Vor­abend das Halb­fi­nale der Cham­pions League gewonnen hatte.

Tat­säch­lich kämpfte der 1. FC Kai­sers­lau­tern zu diesem Zeit­punkt um seine nackte Exis­tenz. Auf dem Papier befand sich die Pro­fi­mann­schaft im freien Fall, dem Verein drohte das Ver­schwinden in der Ver­sen­kung des Ama­teur­sports – doch den Spie­lern und Trai­nern merkte man die gegen­wärtig ernste Situa­tion kei­nes­wegs an.



Die wenigen Kie­bitze, die bereits Fritz Walter die Fuß­ball­schuhe schnüren sahen, hatten den emo­ti­ons­losen Haufen bereits abge­schrieben. Man konnte sie in die hoch­ge­klappten Kragen ihrer Win­ter­mäntel ver­ein­zelnt flu­chen hören. Es müsse schon ein Wunder her, um den Abstieg in die dritte Liga noch ver­hin­dern zu können, raunte der Eine. »Mit dieser Mann­schaft?« wandte sich der Andere fas­sungslos ab. An diesem Nach­mittag im Februar konnten die älteren Herr­schaften noch nichts von Milan Šašić und Stefan Kuntz wissen, sie ahnten nichts von der tur­bu­lenten Auf­hol­jagd – sie glaubten ein­fach nicht mehr an die Ret­tung ihres FCK und stiegen ent­täuscht vom Bet­zen­berg hinab.

Tage später wurde der erfolg­lose Trainer Kjetil Rekdal dann von eben jenem Milan Šašić abge­löst, dem ehe­ma­ligen Tor­hüter aus Kroa­tien, zuletzt Trainer bei TuS Koblenz. Die erste Trai­nings­ein­heit unter Šašić ließ das fröh­liche Gezwit­scher der Vögel vor­erst ver­stummen. Die Rentner hatten sich noch einmal neu­gierig auf­ge­macht, den Berg hinauf. Sie staunten nicht schlecht. Der neue Trainer bellte ener­gisch seine Kom­mandos, pfiff und klatschte, die Spieler gehorchten, fauchten, bissen. Es sah end­lich nach Abstiegs­kampf aus. Šašić ver­bes­serte die Abwehr­ar­beit ent­schei­dend, das Mit­tel­feld stand in den Spielen kom­pakter – jedoch der große End­spurt ließ weiter auf sich warten. Die Mann­schaft sam­melte in der Summe ein­fach zu wenig Punkte, um die Abstiegs­ränge zu ver­lassen.

Stefan Kuntz packte den Verein an seinen Wur­zeln

Im April konnte die Ver­eins­spitze schließ­lich Stefan Kuntz über­zeugen, zu seinem alten Klub zurück­zu­kehren. Ein Glücks­griff. Der ver­lo­rene Sohn kannte den Verein und die Pfälzer aus seiner aktiven Zeit genau, wusste instinktiv, was dem Verein die letzten Jahre fehlte. »Es muss wieder heißen ›Unser FCK‹ und nicht ›die da oben auf dem Berg‹«, sagte der neue Vor­stands­vor­sit­zende. Mit seinem Kon­zept »Lau­terer Herz­blut« sollten Fans, Ver­ant­wort­liche und Spieler enger zusam­men­rü­cken. Stefan Kuntz packte den Verein an seinen Wur­zeln, an seiner ganzen Tra­di­tion und Beson­der­heit, und hauchte der Mann­schaft neues Leben ein. Šašić und seine Spieler setzten auf dem Platz um, was ihnen Kuntz im Büro vor­lebte. Die Pfalz erlebte ihr Happy End. Mit einer unglaub­li­chen Ener­gie­leis­tung und dem viel beschwo­renen Herz­blut gelang es am letzten Spieltag, die Abstiegs­ränge doch noch zu ver­lassen und das ganz große Unglück im aller­letzten Moment abzu­wenden. Die Mann­schaft hatte das Wunder voll­bracht, zusammen mit Stefan Kuntz und Milan Šašić, zusammen mit den Rent­nern vom Trai­nings­platz, zusammen mit all den Fans des FCK.

»Wir können nicht gegen die Gewohn­heiten und die Men­ta­lität des Klubs arbeiten. Wir müssen ver­su­chen, so Fuß­ball zu spielen, wie es die Leute in dieser Region sehen wollen«, sagt Milan Šašić. Stefan Kuntz nickt. Er hat den FCK und die Pfalz wieder mit­ein­ander ver­söhnt. Es sind die Erfah­rungen des Spie­lers Kuntz, von denen der Zweit­li­gist in dieser Zeit pro­fi­tiert. Der Kader wurde in der Som­mer­pause nach den Vor­stel­lungen von Kuntz und Šašić auf­ge­räumt. Das Kon­zept des Erfolg­duos geht auf. Der Verein setzt in Zukunft aus­schließ­lich auf Spieler, die sich mit dem Verein bedin­gungslos iden­ti­fi­zieren, das nötige Herz­blut haben, vor der Ver­ant­wor­tung gegen­über den Fans nicht kuschen. Kampf und Lei­den­schaft und unbe­dingter Sie­ges­wille sollen wieder das Spiel des FCK aus­zeichnen. Den Pfäl­zern gefällts.

Nach dem Unent­schieden zum Auf­takt dieser Saison star­tete die Mann­schaft eine Serie von bisher fünf Siegen. Die Vögel singen wieder auf dem Trai­nings­ge­lände am Bet­zen­berg. Die Rentner sind stolz auf ihre Mann­schaft. Man ist sich der gegen­wär­tigen Situa­tion in Kai­sers­lau­tern bewusst: Der FCK kämpft um den Wie­der­auf­stieg – für die gesamte Pfalz.