Die Ein­la­dung der Kölner Mit­glie­der­initia­tive zur abend­li­chen Dis­kus­si­ons­runde führt weit abge­legen in den Kölner Süden. Ein rot-weißes Banner mit der Auf­schrift FC Rel­oaded“ weist den Weg zu einem alten Pfarr­heim, das genau in diesem Zustand wahr­schein­lich schon Jahr­zehnte an Ort und Stelle steht. Eigent­lich ist das hier For­tuna-Ter­ri­to­rium, doch an diesem Abend sorgt man sich um die Zukunft des 1.FC Köln. Im Saal wird manisch geraucht, ein großes Fass Kölsch soll zur Dis­kus­sion anregen.

Sowohl Pres­se­ver­treter als auch das Prä­si­dium um Wolf­gang Overath wurden ein­ge­laden. Gekommen sind ledig­lich 25 FC-Mit­glieder, die auf den maroden Tischen und Stühlen Platz genommen haben. Wäre er mit einem Unter­hemd gekommen, dann hätte man sich Stefan Müller-Römer mit seiner großen Statur und seiner blonden Mähne auch gut im Ring der World Wrest­ling Fede­ra­tion vor­stellen können. Dabei ist Müller-Römer Rechts­an­walt – und ganz nebenbei auch Spre­cher von FC Rel­oaded“. Er trinkt noch schnell sein Kölsch aus, dann wird die Power­point-Prä­sen­ta­tion auf die Lein­wand pro­ji­ziert. 

In der Dom­stadt han­delt es sich dabei nicht um einen Ein­zel­fall. Es ist ein neuer Trend in der Bun­des­liga, dass Ver­eins­mit­glieder Politik machen. Sie for­dern mehr Mit­sprache im Verein, wollen die Prä­si­dien ent­machten und rufen zur Revo­lu­tion auf. Auch in Stutt­gart, Glad­bach und Ham­burg gab es in jüngster Zeit ähn­liche Initia­tiven, die von mehr oder weniger großem Erfolg geprägt waren. Die Prot­ago­nisten sind keine pöbelnden Ultras mit Kutten und Pyro­technik, viel­mehr hat man es hier mit Juristen und Unter­neh­mern aus der Ober­schicht zu tun.

Revo­lu­tion von der Tri­büne – Die neue Macht der Fans »

In den ver­gan­genen Monaten musste sich die im Dezember gegrün­dete Initia­tive große Kritik gefallen lassen. Wolf­gang Overath hatte die Oppo­si­tion schnell als Stör­feuer aus­ge­macht, die gerade im Abstiegs­kampf für Unruhe sorgte. Als pro­mi­nen­tester Ver­treter äußerte sich Lukas Podolski nach dem Heim­sieg gegen Bremen: Das war heute ein Sieg gegen den Kölner Anwalt!“ Zum Gedan­ken­aus­tausch, wie etwa bei der Stutt­garter Initia­tive, traf man sich bis jetzt nicht. Als Spre­cher bekomme natür­lich ich die Prügel ab“, sagt Müller-Römer, der sich nicht als Person in den Vor­der­grund drängen will, aber, das wird an diesem Abend schnell klar, rhe­to­risch seinen Mit­strei­tern schlicht über­legen ist und des­halb das Wort führt.

Selbst unter den Mit­glie­dern ist FC Rel­oaded“ stark umstritten. Um eine außer­or­dent­liche Mit­glie­der­ver­samm­lung ein­zu­be­rufen, for­derte die Initia­tive vom Verein die Adressen aller Mit­glieder. Der Verein ver­wei­gerte die Aus­gabe der Daten, worauf die Initia­tive eine einst­wei­lige Ver­fü­gung vor Gericht bean­tragte. Viele Mit­glieder reagierten empört, sahen ihren Daten­schutz gefährdet. Müller-Römer sagt: Als Teil eines Ver­eins geht man auch bewusst die Ent­schei­dung ein, über die Belange des Ver­eins infor­miert zu werden.“

Statt auf große Namen setzt man auf Inhalte

Was FC Rel­oaded“ von der viel dis­ku­tierten Glad­ba­cher Initia­tive Borussia“ um Stefan Effen­berg unter­scheidet, ist ein klares Kon­zept. Statt auf große Namen und pom­pöse Pres­se­kon­fe­renzen setzt man in Köln auf Inhalte. Die Initia­tive, bestehend aus etwa 15 Per­sonen, hat für die Prä­sen­ta­tion in mühe­voller Klein­ar­beit die meisten Para­grafen der FC-Sat­zung über­ar­beitet. Das Ziel: Mehr Ein­fluss­mög­lich­keiten für die Mit­glieder – weniger Macht für den Vor­stand. Um die aktu­elle Sat­zung genau bewerten zu können, wurden keine Mühen gescheut. Eine wis­sen­schaft­liche Unter­su­chung der Tech­ni­schen Uni­ver­sität Chem­nitz hat alle Sat­zungen der Bun­des­li­gisten, mit Aus­nahme der Werks­klubs Lever­kusen und Wolfs­burg, spe­ziell auf Mit­glie­der­freund­lich­keit aus­ge­wertet. 

Nach dieser Studie sind wir im Ver­gleich zu den anderen Bun­des­li­gisten mit dem FC klar im Tabel­len­keller“, sagt Müller-Römer. Bei allen Erst­li­gisten sei es jedem Mit­glied alleine mög­lich, einen Antrag auf Sat­zungs­än­de­rung zu stellen. In Köln benö­tige man dazu jedoch 20 Pro­zent der Mit­glieder. Eine beacht­liche Zahl, bedenkt man, dass der FC weit mehr als 50.000 Mit­glieder hat. Ebenso viele Stimmen bräuchte man, um eine außer­or­dent­liche Mit­glie­der­ver­samm­lung ein­zu­be­rufen. Hier sind nur Mön­chen­glad­bach und Stutt­gart schlechter auf­ge­stellt, wo es min­des­tens 25 bezie­hungs­weise 33 Pro­zent der Stimm­be­rech­tigten bedarf. Als beson­ders prekär sieht die Initia­tive Para­graf 19 der Sat­zung: Der Ver­wal­tungsrat, der als Kon­troll­organ des Vor­stands fun­giert, wird in Köln vom Vor­stand selbst vor­ge­schlagen. Overath kann also seine eigenen Kon­trol­leure benennen“, sagt Müller-Römer. Noch mit­glie­der­feind­li­cher geht es hier nur beim FC Bayern, Mainz, Hof­fen­heim, Bremen und Frei­burg zu, da diese Ver­eine über­ra­schen­der­weise über gar kein Kon­troll­organ ver­fügen.

Es sind nur drei der vielen Punkte, die an diesem Abend aus­führ­lich dis­ku­tiert werden. Nicht alle Ver­bes­se­rungs­vor­schläge treffen auch den Nerv der Mit­glieder. Man muss das Prä­si­dium indi­vi­duell wählen, statt im Block“, gibt ein besorgter Fan zu ver­stehen. Man hört den Anwe­senden auf­merksam zu, ver­spricht die Sat­zung ein wei­teres Mal zu über­ar­beiten. Dann geht es weiter mit dem nächsten Para­grafen.

25 Anwe­sende genügen, um stun­den­lang zu dis­ku­tieren

Es gehen vier Stunden ins Land, das Bier­fass neigt sich langsam dem Ende zu und der nur wenige Meter ent­fernte Redner ist durch die Rauch­schwaden im Saal ledig­lich sche­men­haft zu erkennen. Ein Ende der Dis­kus­sion ist aber noch lange nicht in Sicht. Der Abend zeigt, wie kom­plex Ver­eins­sat­zungen for­mu­liert sind, aber auch wie schwierig es ist, alle Inter­essen der Mit­glieder unter einen gemein­samen Nenner zu bekommen. 25 Anwe­sende genügen bereits, um die Prä­sen­ta­tion von wenigen über­ar­bei­teten Para­grafen in einer stun­den­langen Dis­kus­sion aus­arten zu lassen.

Um ihr Vor­haben durch­zu­setzen, muss sich die Mit­glie­der­initia­tive FC Rel­oaded“ um Stefan Müller-Römer wohl oder übel bis zur nächsten Jah­res­haupt­ver­samm­lung im November gedulden. Eine außer­or­dent­liche Mit­glie­der­ver­samm­lung wird es näm­lich vor­erst nicht geben. Die Adressen der Mit­glieder hat der FC auch trotz der Klage noch nicht her­aus­ge­geben. Wie viel Trans­pa­renz ein Bun­des­li­ga­verein ertragen kann, wenn er sport­lich erfolg­reich sein will, wird sich also erst in der Zukunft zeigen.