Jetzt hält es den Mann mit der Tweed­mütze, dem grünen Parka und der beigen Cord­hose nicht mehr auf seinem Sitz. Mitte 50 ist er und sieht aus, wie auf dem Weg zum Angeln. Aber in diesem Moment ist alle Bie­der­keit ver­gessen, er ist mit­ge­rissen vom Spiel, dem Rhythmus der Trommel und den Gesängen. Als Erster auf der Gegen­tri­büne des Sel­hurst Park springt er auf, streckt die Arme in die Luft, drückt den Rücken durch und singt. Singt laut­hals, dass Crystal Palace der Stolz Süd­lon­dons sei und alle hier wahr­haftig rot­blau.

Dann machen es ihm andere daneben nach, und die Ordner geben es auf, alle ums Hin­setzen zu bitten. Die Erup­tion der Glück­se­lig­keit ist nicht zu stoppen. Ein wun­der­barer Gefühls­aus­bruch! Begeis­tert schleu­dert der Mann mit der Tweed­mütze seine Faust zu denen hin­über, die den Gesang ange­stimmt haben. Ein Zei­chen des Dankes.

Die ein­zige Ultra­gruppe Eng­lands

Schwarz sind die meisten von denen gekleidet, die in der unteren Ecke des Hol­mes­dale Stand zwi­schen Straf­raum und Eck­fahne das Sta­dion zu ent­zünden ver­su­chen. Junge Männer von 17 bis Mitte 30, die das ganze Spiel über dort stehen, obwohl man eigent­lich sitzen müsste. Nur wenige tragen Schals oder Tri­kots, dafür schwenken sie Fahnen in Ver­eins­farben mit dem Logo ihrer Gruppe: Hol­mes­dale Fana­tics. Vor der ein­zigen Ultra­gruppe im eng­li­schen Pro­fi­fuß­ball stimmt einer mit kurz­ge­schnit­tenem Bart, den rechten Fuß auf der Wer­be­bande, den linken auf der ersten Sitz­reihe, einen neuen Gesang an: You say that you love me“. Die auf der Tri­büne, um den Mann mit der Tweed­mütze, echoen zurück: Say that you love me.“ Damit sind nun end­lich alle auf den Beinen, um das Lied zu singen, das bei Crystal Palace seit einem halben Jahr­hun­dert gesungen wird: Glad All Over“ der Dave Clark Five.

Es hat etwas Beglü­ckendes, das sich hier am Oster­montag 2015 zuträgt. In den letzten Jahren sind die Sta­dien der Pre­mier League zu Stim­mungs­fried­höfen ver­kommen. Weit­ge­hend ver­stummt und ohne alles, was das Mut­ter­land der Fuß­ball-Fan­kultur einst aus­ge­macht hat. Und nun das hier: Fahnen und Gesänge auf Steh­plätzen, die keine sein dürften. Men­schen, die sich mit­reißen lassen, manchmal das ganze Sta­dion. Ganz Eng­land wun­dert sich über Crystal Palace, denn inzwi­schen besteht kein Zweifel mehr: Nicht in Liver­pool oder Man­chester, nicht einmal bei den fana­ti­schen Fans von New­castle United ist die Stim­mung bei Heim­spielen am besten, son­dern im Sel­hurst Park. Man kann Palace-Fans nur darum beneiden, dass sie eine mehr als ordent­liche Atmo­sphäre erleben dürfen, wann immer sie ins Sta­dion gehen“, schrieb der Guar­dian“ im Januar, vor allem dank der Hol­mes­dale Fana­tics“.

Teilt den Reichtum, ihr Schweine“

The Lion Inn ist kein beson­ders schöner Pub und etwas abge­legen vom Sta­dion, aber er hat den Vor­teil, dass er geräumig genug ist, dass sich die Stamm­gäste auch von einer großen Gruppe nicht gestört fühlen. Auf dem Tisch vor dem Ein­gang stehen ein paar Farb­dosen, ein Banner ist gerade fer­tig­ge­sprayt worden. Zwei Jungs vor der Tür bitten hinein.

Drinnen unauf­ge­regtes Bier­trinken vor dem Spiel, Quat­schen, ein paar Witze, kein Unter­schied zu anderen Fuß­ball­kneipen. Klar, sie würden gerne reden, sagen die Anführer der Hol­mes­dale Fana­tics, wenn auch mit den ultra-typi­schen Ein­schrän­kungen: keine Namen, keine Fotos. Wir spre­chen nur als Gruppe.“ Sie sind lässig und selbst­be­wusst. Chris, wie wir ihn nennen wollen, ist 27 Jahre alt und Laden­be­sitzer. So alt ist auch Neil, ein Gerüst­bauer mit unge­heuer breitem Kreuz. Alex­andru, 31, ist Per­so­nal­be­rater und spricht Eng­lisch mit leichtem Akzent. Er ist mit seiner Familie 2001 aus Rumä­nien gekommen und scheint der Boss zu sein.

Im Moment genießen die Hol­mes­dale Fana­tics in Eng­land große Auf­merk­sam­keit nicht nur, weil sie im Sel­hurst Park für Stim­mung sorgen. Sie haben auch der Kam­pagne eng­li­scher Fuß­ball­fans gegen die erdrü­ckenden Ein­tritts­preise neuen Schwung ver­liehen. Aus­wärts­fans bei Chelsea müssen inzwi­schen fast 70 Euro bezahlen und bei Man­chester United sogar unfass­bare 80 Euro. Wir können und wollen uns das nicht leisten, so weh es auch tut“, sagt Neil.