Es war zu Beginn der ver­gan­genen Saison. Die ganze Bun­des­liga lag Franck Ribéry zu Füßen. Jeden Tag erschienen exklu­sive Geschichten über den neuen Super­star des FC Bayern, und natür­lich blieb dabei nicht uner­wähnt, dass der Fran­zose vor wenigen Jahren zum Islam kon­ver­tiert war, mit einer alge­ri­schen Frau ver­hei­ratet ist und den mus­li­mi­schen Namen Bilal trägt. Als sich seine Leis­tungen nach ein paar Spielen vor­über­ge­hend nor­ma­li­sierten, sich die Gegen­spieler wohl auch ein wenig auf ihn ein­ge­stellt hatten, dau­erte es nicht lange, bis einige Reporter die Ursache für das ver­meint­liche Leis­tungs­tief prä­sen­tierten: der mus­li­mi­sche Fas­ten­monat Ramadan hatte begonnen, und Ribéry, so die Annahme, war davon geschwächt.



Der Ramadan ist der neunte Monat des isla­mi­schen Mond­ka­len­ders. Der Koran gebietet, dass jeder Muslim ab der Pubertät in diesem Monat jeweils von Son­nenauf- bis Son­nen­un­ter­gang zu fasten hat und weder essen noch trinken darf. Aus­nahmen bestehen haupt­säch­lich für Kranke und Schwerst­ar­beiter, denen bei Ein­hal­tung der Fas­ten­re­geln gesund­heit­liche Schäden drohen würden. Die ver­säumten Tage müssen dann jedoch nach­ge­holt werden. Auf diese Aus­nah­me­re­ge­lung berufen sich auch viele der mus­li­mi­schen Spieler in Deutsch­land. So auch Franck Ribéry, der die alar­mierten Bayern-Fans schnell beru­higen konnte. »An freien Tagen faste ich, an Spiel­tagen nicht.«

»Wenn du die ersten Tage geschafft hast, kommst du in einen Rhythmus«

Abde­laziz Ahanfouf ist seit 13 Jahren Fuß­ball­profi und streng gläu­biger Moslem. In all den Jahren hat er noch nie mit dem Fasten aus­ge­setzt. Zuletzt sorgte der Deutsch-Marok­kaner für Schlag­zeilen, als er im Dezember 2007 bei einem schweren Auto­un­fall mit seinem Wagen unter einen Sat­tel­schlepper geriet und meh­rere Tage in Lebens­ge­fahr schwebte. Kurz darauf wech­selte er trotz seiner schweren Gesichts- und Kopf­ver­let­zungen von Arminia Bie­le­feld zum SV Wehen Wies­baden, der nur wenige Kilo­meter von seinem Geburtsort Flörs­heim behei­matet ist. »Ich wollte nur noch nach Hause«, begründet er seinen Wechsel in die 2. Liga. Inzwi­schen geht es ihm wieder gut. Nun steht, rund zwei Wochen nach Sai­son­be­ginn, die mus­li­mi­sche Fas­ten­zeit auf dem Plan. Für Ahanfouf kein Pro­blem. »Ich ziehe das auf jeden Fall durch. Ich freue mich sogar darauf, auch wenn die ersten Tage schwierig sind.«
Natür­lich weiß auch der Deutsch-Marok­kaner um die Mög­lich­keit, ver­säumte Tage nach­zu­holen, doch davon will der 30-Jäh­rige auch wei­terhin keinen Gebrauch machen. »Wenn du die ersten Tage geschafft hast, kommst du in einen Rhythmus, in dem es leichter wird. Natür­lich zwickt es dann einmal hier oder tut es da weh, aber man gewöhnt sich an alles.« In diesem Zusam­men­hang ver­weist er auf die genauere Bedeu­tung des Ramadan. Das Fasten stellt keinen Selbst­zweck dar, son­dern ist viel­mehr eine Art Got­tes­dienst zwi­schen Allah und dem Gläu­bigen, der in dieser Zeit die Armut und den Hunger anderer am eigenen Körper erlebt. Zudem ist es nur eine der fünf Säulen des Islam. Die anderen – Glau­bens­be­kenntnis, Gebet, die Bereit­schaft, an Bedürf­tige zu spenden, und eine Pil­ger­fahrt nach Mekka – sind ebenso wichtig, will man nach dem Tod ins Para­dies ein­ziehen. »Es geht im Ramadan nicht nur ums Essen und Trinken. Es geht in diesen vier Wochen um abso­lute Rein­heit, darum, nicht böse zu sein und nichts Böses zu denken, nicht zu flu­chen und auf gar keinen Fall zu lügen«, erklärt Ahanfouf, »wenn du das machst, dann kannst du auch gleich essen.«

Den­noch fragt sich der ambi­tio­nierte Hob­by­sportler, der meist schon nach 15 Minuten Stand­fuß­ball zum iso­to­ni­schen Durst­lö­scher greift, wie man harte Übungs­ein­heiten und Spiele voll­kommen ohne Flüs­sig­keits­zu­fuhr durch­stehen soll. Ahanfouf beant­wortet diese Frage mit seiner reli­giösen Über­zeu­gung: »Es ist reine Glau­bens­sache. In den ersten Jahren gab es schon Tage, an denen ich dachte: ›Leck mich am Toupet! Wie soll ich das schaffen, ich kann nicht mehr!‹ Mit der Zeit ist es aber leichter geworden.«

Er ver­sucht in diesen Zeit­räumen mög­lichst viel zu schlafen und räumt ein, dass er im Trai­ning mit­unter schon mal einen Schritt weniger gehe als außer­halb des Ramadan. Pro­bleme mit seinen Kol­legen gab es des­wegen aber noch nie. »Wenn es im Spiel darauf ankommt, gebe ich Vollgas, solange es geht. Und wenn es dann mal nur für sechzig oder siebzig Minuten reicht, dann ist das eben so.«

Die Sport­me­dizin sieht das ein wenig kri­ti­scher. Kein Wunder, steht doch so ziem­lich jede ernäh­rungs­wis­sen­schaft­liche Studie in direktem Gegen­satz zu den Regeln des Koran. Sport­me­di­ziner emp­fehlen, über den Tag ver­teilt klei­nere Nah­rungs­por­tionen zu sich zu nehmen und zu trinken, bevor ein Durst­ge­fühl ent­steht, damit der Blut­zu­cker­spiegel des Kör­pers keinen zu großen Schwan­kungen unter­liegt und die Ener­gie­spei­cher des Kör­pers regel­mäßig wieder auf­ge­füllt werden. Das ist im Ramadan nicht mög­lich. Für den Körper eines fas­tenden Sport­lers steht des­wegen Schwerst­ar­beit an, denn durch den unaus­ge­gli­chenen Flüs­sig­keits­haus­halt dickt das Blut ein und erfor­dert eine höhere Herz­tä­tig­keit, was im Extrem­fall zum Kreis­lauf­kol­laps führen kann.

Abde­laziz Ahanfouf kennt die Ein­wände und Ernäh­rungs­stu­dien, die er außer­halb der Fas­ten­zeit auch befolgt. Auch im Ramadan berück­sich­tigt er sie, so weit es geht, nur eben zu anderen Zeiten. So steht er schon vor Son­nen­auf­gang auf und früh­stückt so aus­giebig wie mög­lich, wobei er darauf achtet, seinem Körper genug Koh­len­hy­drate zuzu­führen. Mit­unter steht des­wegen neben dem Müsli auch ein Teller Nudeln auf dem Früh­stücks­tisch. Auch abends geht der Fuß­baller nach einem genauen Plan vor, um seine Ener­gie­spei­cher auf­zu­füllen. Er isst nicht mit einem Schlag sehr viel, nur um den Hunger zu befrie­digen, son­dern startet mit einer Suppe, gefolgt von klei­neren Häpp­chen, ehe er wieder eine Pause ein­legt. Erst nach einigen Stunden isst er dann erneut etwas. Auch seinen Was­ser­haus­halt regelt er mit Bedacht. Sechs bis sieben Liter Flüs­sig­keit führt er sich abends zu, ver­teilt auf zahl­reiche klei­nere Ein­heiten.

»Der Ver­zicht auf Flüs­sig­keit ist aus sport­me­di­zi­ni­scher Sicht bedenk­lich«

Für Markus de Marées, Medi­ziner an der Deut­schen Sport­hoch­schule Köln, ein annehm­barer Kom­pro­miss. Eine all­ge­meine Aus­sage hält er für schwierig. »Es hängt vieles von der Kon­sti­tu­tion des Sport­lers, den Tem­pe­ra­turen und der Inten­sität des Trai­nings ab.« Den Ver­zicht auf Nah­rung hält er bei einem gesunden Pro­fi­sportler für prak­ti­kabel, auch wenn die Rege­ne­ra­ti­ons­fä­hig­keit leiden könne. Beim Trinken sei es schon schwie­riger. »Der Ver­zicht auf Flüs­sig­keit tags­über ist aus sport­me­di­zi­ni­scher Sicht schon bedenk­lich. Wenn es der Glaube jedoch gebietet, dann scheint mir das ein guter Weg zu sein«, meint er zu Ahanfoufs Methode.

Am Ende zählt, wie immer im Fuß­ball, ohnehin nur die Leis­tung, und Ahanfouf kann auf eine pas­sable Tref­fer­quote wäh­rend des Fas­ten­mo­nats zurück­bli­cken. »Glaube ver­setzt Berge«, lautet sein Motto. Beson­ders gut erin­nert er sich noch an ein Spiel für Duis­burg gegen Trier, bei dem er mit leerem Magen drei Treffer zum 4:3‑Sieg der Zebras bei­steu­erte.
Markus »Malik« Zschie­sche war lange Zeit skep­tisch, was den Islam betrifft. Der 26-Jäh­rige, der einst in der Jugend von Hertha BSC spielte und später über Pader­born, Neu­münster und Neu­ruppin bei Union Berlin lan­dete, wuchs im Ber­liner Wed­ding auf, wo er viele tür­ki­sche und ara­bi­sche Freunde hatte. So kam er mit dem Glauben in Berüh­rung. Doch das nega­tive Bild der Reli­gion, das er aus den Medien kannte, blieb stets in seinem Hin­ter­kopf. Erst 2002, als er in Pader­born zum ersten Mal auf sich allein gestellt war, beschloss er, sich die Sache genauer anzu­sehen. 2003 kon­ver­tierte er zum Islam und nahm den Namen Malik an. An die Fas­ten­re­geln des Ramadan hält er sich seit 2005. »Das ist eine Ent­wick­lung, die man durch­macht, Schritt für Schritt. Jedes Jahr fes­tigt sich der Glaube ein biss­chen mehr, und es wird ein biss­chen leichter. Man kommt da nicht von null auf hun­dert.«

Er ver­sucht, den Ramadan so gut wie mög­lich ein­zu­halten, doch wenn er merkt, dass ihm die Kraft fehlt, unter­bricht er das Fasten und holt es später nach. Mit den Mit­spie­lern bei Union hat er dar­über gespro­chen und meist Kopf­schüt­teln geerntet, gepaart mit Bewun­de­rung, wenn er es doch durchzog. Dem Trainer gegen­über hat er es nicht an die große Glocke gehängt. Als Union ihm in der Win­ter­pause mit­teilte, dass man nicht länger mit ihm plane, wech­selte er zum Regio­nal­li­gisten Tür­ki­y­em­spor Berlin. Hier gehört der Ramadan zum Alltag. Manager Fikret Ceylan weiß gar nicht genau, wie viele Mus­lime er der­zeit unter Ver­trag hat, es inter­es­siert ihn auch nicht beson­ders. Zehn etwa seien es wohl dieses Jahr, wovon aber nicht mehr als zwei oder drei den Ramadan durch­ge­hend ein­halten würden. In den ver­gan­genen Jahren waren es schon einmal mehr. Beim Ver­band des­wegen um Spiel­ver­le­gungen zu ersu­chen, käme Ceylan nicht in den Sinn. »Wir sind ein deut­scher Verein. Wo soll das hin­führen? Dass plötz­lich jüdi­sche Spieler an bestimmten Tagen nicht mehr spielen wollen oder christ­liche Spieler sagen: ›Bloß nicht am Sonntag, da muss ich in die Kirche‹? Das geht nicht.« Mit­unter bittet Ceylan seine Leute, an Spiel­tagen mit dem Fasten aus­zu­setzen. Lehnen diese ab, ist das Thema erle­digt. »Das muss jeder für sich ent­scheiden. Im schlimmsten Fall ver­lieren wir dann eben mal ein Spiel mehr.« Ver­denken kann es der Manager den Spie­lern jeden­falls nicht, und auch Abde­laziz Ahanfouf ist kein Freund von Fas­ten­tagen, die nach­ge­holt werden müssen: »Wenn der Ramadan vorbei ist, dann will ich wieder normal früh­stü­cken.«