Seite 3: "Geile Kiste heute!"

Knapp zehn Minuten später das 2:0, ein wenig anders: Sami Khe­dira, Mesut Özil und Thomas Müller lei­teten den Treffer mit kurzen, schnellen Pässen auf der rechten Außen­bahn gemeinsam ein. Müller gab nach einem feinen Außen­ris­t­pass von Miroslav Klose die Vor­lage auf Lukas Podolski – dessen Schuss von links unhaltbar für James im langen Eck ein­schlug. Viel ent­schei­dender als diese ein­zelnen Aktionen war aller­dings das Bild, das die deut­sche Mann­schaft abgab in diesem Spiel: Sie ver­mit­telte das Gefühl, jeden Gegner besiegen und vor allem her­spielen zu können. Sie haben sie spie­le­risch beherrscht“, sagte Günter Netzer im TV-Studio.

Geile Kiste heute!“

Thomas Müller

Davon zeigte sich auch Oldie Miroslav Klose beein­druckt. Ich habe immer wieder betont, dass wir eine klasse Mann­schaft haben. Das hat mir heute sehr impo­niert“, sagte er im Anschluss an die Partie. Oder in den Worten des Mannes, der an diesem 27. Juni beson­ders glänzte: Geile Kiste heute!“ Klar, Thomas Müller.

Schon gegen Aus­tra­lien hatte er seine Qua­li­täten ange­deutet und nicht nur ein Tor vor­be­reitet, son­dern auch eins geschossen. Gegen Eng­land aller­dings erreichte auch er ein neues Niveau: Ein Jahr zuvor erst von den Bayern-Ama­teuren in die A‑Mannschaft hoch­ge­zogen worden, bestimmte er in seiner mitt­ler­weile so bekannten Art das Spiel. Machte den Raum­deuter, legte das 2:0 von Lukas Podolski vor und schoss die nächsten beiden selbst. Thomas Müller ver­kör­perte die Ent­schlos­sen­heit von 2014 schon vier Jahre vorher. Und sie über­trug sich auf die ganze Mann­schaft.

Wem­bley 2.0

Es hätte aller­dings auch anders kommen können. Beim Stand von 2:0 führte Eng­land eine Ecke kurz aus, im Rück­raum des deut­schen Straf­raums blieb Mat­thew Upson sträf­lich unge­deckt, der zum Anschluss­treffer ein­nickte. In die kurze Rat­lo­sig­keit nach dem 2:1 fiel eine Szene, die diesen Junia­bend zum Mythos werden ließ: Der Aus­gleich.

Bezie­hungs­weise der ver­meint­liche Aus­gleich. Aus 17 Metern traf Frank Lam­pard die Unter­kante der Latte. Der Ball prallte von dort auf den Boden, wieder an die Latte, bevor Manuel Neuer ihn greifen konnte. Lam­pard und die Fans der Three Lions jubelten, waren außer sich – das Spiel jedoch ging weiter. Kein Tor. Obwohl der Ball deut­lich hinter der Linie auf­ge­kommen war. It’s 1966 all over again!“, rief der eng­li­sche Kom­men­tator in sein Mikrofon. Wem­bley 2.0. Klar ist: Mit VAR und Tor­li­ni­en­technik wäre diese Geschichte wohl anders ver­laufen.