Jürgen Klopp ist ratlos. Soeben hat seine Mann­schaft bei Udi­nese Calcio die 0:2‑Heimschlappe aus dem Hin­spiel in der UEFA-Cup-Vor­runde ega­li­siert. Aber wer soll nun im Elf­me­ter­schießen die Ver­ant­wor­tung für den BVB über­nehmen? Nach den Rou­ti­niers Sebas­tian Kehl und Tamás Hajnal wendet sich Klopps Co-Trainer Zeljko Buvac auch an Nuri Sahin. Der Youngster ist erst in der 77. Minute für Alex­ander Frei ins Spiel gekommen. Soll Sahin die Her­aus­for­de­rung annehmen?



Er über­legt. Sagt zunächst ab, über­legt von Neuem – und sagt schließ­lich zu. Jürgen Klopp schlen­dert rüber zu dem 20-Jäh­rigen und erzählt eine wit­zige Anek­dote aus seiner Zeit als Spieler, um Sahin die Anspan­nung vor dem Straf­stoß zu nehmen. Der Twen aber steigt keck auf den kleinen Plausch ein. Kein Zweifel, dieser Junge kann die Ver­ant­wor­tung über­nehmen. Und wie ein Vater seinen Sohn, nimmt nun der Trainer Klopp den Spieler lächelnd in den Arm. Die Szene ist wie das Symbol einer Ver­söh­nung in einer zuletzt wech­sel­haften Bezie­hung zwi­schen dem BVB und seinem Super­ta­lent Nuri Sahin, in die nach einem lei­den­schaft­li­chen Beginn irgend­wann der Alltag ein­ge­kehrt war. 

»Dem Verein etwas zurück­geben«

Einige Tage zuvor am Borussia-Trai­nings­zen­trum in Dort­mund-Bra­ckel. B‑Ju­gend-Spieler schlen­dern gelang­weilt aus der Umkleide wie Halb­starke über einen Rum­mel­platz. Am Ende der Gruppe schält sich Nuri Sahin aus einem Kabi­nen­gang. Fast hätte man den Jung­profi über­sehen, so sehr ähnelt er rein äußer­lich noch den Jugend­spie­lern. Doch die Optik täuscht. Sahin startet gerade in seine vierte Saison als Profi. Und mit knapp 20 Jahren weiß er längst, dass auch die Kar­riere eines Hoch­be­gabten wie ihm nicht vor den Untiefen des Pro­fi­ge­schäfts sicher ist. Er hat früh vom süßen Honig des Star­tums gekostet, hat den Zweifel erlebt, nicht mehr erste Wahl zu sein, und er hat den Mut und die Weit­sicht besessen, neue Wege zu gehen. Nach einem Jahr bei Feye­noord Rot­terdam ist er zurück in Dort­mund. Zurück bei dem Verein, der ihn einst als jüngster Bun­des­liga-Profi aller Zeiten zu einer Berühmt­heit machte.
In den Nie­der­landen hätten sie ihn gerne behalten. In 29 Spielen in der Ehren­di­vi­sion reüs­sierte Sahin in Kom­bi­na­tion mit dem Rou­ti­nier Gio­vanni van Bronck­horst als offen­siver Part der Doppel-Sechs. Doch Sahin kam zurück. »Um dem Verein etwas zurück­zu­geben«, wie er sagt. Wohl auch, weil Feye­noord vom BVB nicht die Kauf­op­tion erhielt, die sich die Nie­der­länder beim Aus­leihen im Sommer 2007 erhofft hatten. Auch die Istan­buler Klubs Gala­ta­saray und Beşiktaş hatten Inter­esse an dem Mit­tel­feld­spieler. Michael Skibbe tele­fo­nierte mehr­fach mit Sahins Berater. Doch die Borussia hatte ihn vor dem Wechsel nach Rot­terdam, in einer Phase, in der es alles andere als gut für ihn lief, mit einem fairen Pro­fi­ver­trag bis 2010 aus­ge­stattet. So leicht wollte sie ihr Super­ta­lent dann doch nicht gehen lassen.

Sahin war so alt wie die milch­bär­tigen Kids, die nun auf dem Platz in Bra­ckel ihre Runden drehen, als er 2005 aus dem warmen Schoß der B‑Jugend in das Hai­fisch­be­cken Bun­des­liga geworfen wurde. Seit dem Winter stand der Verein mit rund 100 Mil­lionen Euro in der Kreide. Schul­den­abbau hieß das Gebot der Stunde. Der dama­lige Coach, Bert van Mar­wijk, machte aus der Not eine Tugend, und inte­grierte eine Reihe Tee­nies in seinen Kader: Marc-André Kruska, Kosi Saka, Sebas­tian Tyralla und eben Nuri Sahin. Was blieb ihm anderes übrig? Zeit­gleich zur Finanz­krise des Klubs holte Sahin bei der U17-Europameisterschaft im Mai 2005 mit der Türkei den Titel. Er wurde zum besten Spieler des Tur­niers gewählt. Die Scouts der inter­na­tio­nalen Top-Klubs begannen, ihm nach­zu­stellen: Chelsea, Man­chester United und Gala­ta­saray fühlten vor. Der FC Arsenal wurde kon­kret und bot 2,8 Mil­lionen Euro für den 16-Jäh­rigen. Und Arsenal-Coach Arsène Wenger sprach einen Satz, ein Kom­pli­ment zwar, das aber schon bald zu einer schweren Last für den Jung­star werden sollte. Er sagte: »Sahin ist momentan welt­weit das größte Talent unter 18 Jahren.«

Der Beginn eines tur­bu­lenten Som­mers, über den Sahin heute sagt: »Ich wünschte, ich hätte die Zeit mehr genießen können.« Bei seinen Eltern in Mein­erz­hagen stand das Telefon nicht mehr still. Men­schen, deren Namen Sahin nie zuvor gehört hatte, behaup­teten, den Kicker an Gott und die Welt ver­mit­teln zu können. Der­weil war der Junge dabei, seine Mitt­lere Reife zu bauen. Dort­mund gab Arsenal einen Korb – und der neue BVB-Geschäfts­führer Watzke ver­kün­dete, dass Nuri Sahin unver­käuf­lich sei, weil die Zukunft der wirt­schaft­lich ange­schla­genen Borussia von Jugend­spie­lern wie ihm abhänge: »Nuri Sahin ist Gold wert. Er ist die Lebens­ver­si­che­rung für die Borussia.« Ein wei­terer gut gemeinter Satz, eine wei­tere schwere Bürde.

Zwei Rekorde auf einen Schlag

Am 23. Juli 2005 war es soweit: Das Super­ta­lent wurde in der 66. Minute im UI-Cup-Rück­spiel des BVB gegen Sigma Olmütz ein­ge­wech­selt. Ein Punkt­spiel in der A‑Jugend hatte er bis zu diesem Zeit­punkt noch nicht gemacht. Fuß­ball-Alma­nache führten ihn fortan als jüngsten Euro­pacup-Spieler aller Zeiten. Der erste in einer Reihe von Super­la­tiven, die nun Schlag auf Schlag folgten: Am 6. August 2005 absol­vierte er im Alter von 16 Jahren, elf Monaten und einem Tag auf der Posi­tion des Sechsers sein erstes Bun­des­liga-Spiel gegen den VfL Wolfs­burg. Sahin spielte gegen Andrés D’Alessandro, machte ihm das Leben schwer und sah sogar Gelb. Nach dem Spiel fragte er den Argen­ti­nier schüch­tern, ob er dessen Trikot haben könne – der schenkte es sauer einem von Sahins Kol­legen. Ende August machte sich bereits DFB-Prä­si­dent Ger­hard Mayer-Vor­felder stark, um ihn zu einer Trai­nings­ein­heit der deut­schen Natio­nal­mann­schaft zu lotsen. Doch die Ent­schei­dung des gebür­tigen Lüden­schei­ders mit tür­ki­schen Eltern war längst gefallen: Am 8. Oktober 2005 lief er mit 17 Jahren, einem Monat und drei Tagen zum ersten Mal für die Län­der­mann­schaft der Türkei auf. In der 85. Minute wech­selte ihn Fatih Terim im Freund­schafts­spiel gegen die DFB-Elf von Jürgen Klins­mann ein. Nur vier Minuten später ließ er Oliver Kahn keine Chance und erzielte das 2:0. Zwei Rekorde auf einen Schlag: Sahin war nun jüngster Natio­nal­spieler und Tor­schütze der Türkei.

Sechs Wochen später machte er die Serie aus Rekorden kom­plett und trug sich beim Spiel des BVB gegen den 1. FC Nürn­berg auch als jüngster Bun­des­liga-Tor­schütze in die Geschichts­bü­cher ein. »Der Hype, der um den Jungen in dieser Zeit gemacht wurde, war nicht mehr normal«, erin­nert sich Dort­munds Manager Michael Zorc. Beim Gast­spiel bei den Bayern ließ Uli Hoeneß nach dem Match in der Kabine Glück­wün­sche an den Youngster aus­richten. »Überall, wo Nuri hinkam, hörte er: unglaub­lich, unglaub­lich, unglaub­lich«, beschreibt Sahins Berater Reza Fazeli den Herbst 2005. Acht Monate vorher war er beim Heim­spiel des BVB gegen den Gast aus Mön­chen­glad­bach noch Ball­junge gewesen.

Der Herbst war der vor­läu­fige Höhe­punkt einer Kar­riere, die bis dato frei von Miss­erfolgen gewesen war: Sahin kam mit vier Jahren zum Fuß­ball, als er im Schlepptau seines Groß­va­ters seinen zwei Jahre älteren Bruder Ufuk vom Trai­ning beim RSV Mein­erz­hagen abholte. Er begann bei den »Bam­binis«, und es dau­erte nicht lange, bis er seine Alters­ge­nossen schwin­delig spielte. Dabei gehörte er damals eher zu den Schmäch­tigen im Team. Schon ab der D‑Jugend wurde sichtbar: In Sahin kul­mi­nierte ein natur­ge­ge­benes Spiel­ver­ständnis mit einer feinen Technik. Mit seinen Eltern und dem Bruder bewohnte er zu dieser Zeit eine Woh­nung in einem Plat­tenbau in der Mein­erz­ha­gener Mozart­straße. Nach der Schule trafen sich die Kinder aus der Nach­bar­schaft vor dem Haus zum Kicken. Ihr Bolz­platz lag auf einer Anhöhe und die Jungs mussten das Gefälle stets in ihre Aktionen ein­kal­ku­lieren. »Seine ein­zig­ar­tige Technik hat er auf diesem Hügel gelernt«, glaubt Bayram Celik, heute Spie­ler­trainer der 1. Herren des RSV Mein­erz­hagen, der Sahin in der C‑Jugend coachte.

Schon in der F- und später auch in der D‑Jugend nahm ein Onkel das Talent mit zum Pro­be­trai­ning bei Borussia Dort­mund. Die Enga­ge­ments schei­terten aber daran, dass der BVB für ein Kind in diesem Alter keinen Fahr­dienst in das 60 Kilo­meter ent­fernte Mein­erz­hagen ein­rich­tete. Und an Mutter Sahin, die ihren Jüngsten nach Fei­er­abend zu Hause haben wollte. Doch dem war längst bewusst, dass er Profi werden wollte. Jeden Nach­mittag spielte er bis zum Ein­bruch der Dun­kel­heit auf der Wiese vor dem elter­li­chen Zuhause, zweimal die Woche trai­nierte er im Verein. »Und wenn die anderen schon in der Umkleide waren, feilte er draußen an seiner Frei­stoß­technik«, erin­nert sich Bayram Celik.

»Ich wollte wissen, ob es auch woan­ders laufen würde«

Beim RSV war er Everybody’s Dar­ling. Schon als D‑Jugendlicher ent­schied er 70 Pro­zent der Spiele mehr oder weniger im Allein­gang. Bayram Celik holte den Elf­jäh­rigen vor­zeitig in die C‑Jugend. Mit Nuris klugen Pässen aus dem Mit­tel­feld auf seinen zwei Jahre älteren Bruder Ufuk im Sturm gelang dem Team der Auf­stieg aus der Kreis- in die Bezirks­liga. Sein Talent blieb nun auch den großen Ver­einen nicht mehr ver­borgen. Sowohl Schalke 04 als auch der BVB buhlten um Sahins Gunst und die seiner Eltern. Die Liebe zur Borussia ent­schied. 2001 erhielt der Zwölf­jäh­rige einen Jugend­för­der­ver­trag in Dort­mund und wurde »Fahr­schüler«. Er wollte die Her­aus­for­de­rung. Sahin: »In Mein­erz­hagen machte ich in jedem Spiel drei, vier Tore und wurde immer gelobt. Ich wollte wissen, ob es auch woan­ders laufen würde.«

Ab Sommer 2001 holte also die nette Mat­hilde Beh­rens den Schüler des Evan­ge­li­schen Gym­na­siums vier Mal die Woche am Nach­mittag zum Trai­ning aus Mein­erz­hagen ab und brachte ihn ins 60 Kilo­meter ent­fernte Dort­mund. Um 21 Uhr lie­ferte sie den Teenie dann wieder bei den Eltern ab. Auf der Rück­fahrt ver­teilte die Fah­rerin Süßig­keiten und hatte ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der puber­tären Talente aus der U14 von Trainer Lars Tie­fen­hoff. Eine glück­liche Zeit. Auch in Dort­mund fand Sahin sofort Anschluss und spielte regel­mäßig. Tie­fen­hoff erin­nert sich: »Es fiel auf, dass er trotz seiner Zier­lich­keit ein tech­nisch höchst beschla­gener Spieler war, der intuitiv viele gute Lösungen für Spiel­si­tua­tionen anbieten konnte.« Um seine Fähig­keiten machte Sahin indes nie viel Auf­he­bens. Die Alpha-Tiere in den Teams waren andere, er gab eher das intro­ver­tierte Genie. Sein Talent machte ihn auch ohne ver­bale Prä­senz auf dem Platz zum Leis­tungs­träger. Wäh­rend andere Jungs in seinem Alter die Zeit nach der Schule mit Mäd­chen und Mofas ver­brachten, pen­delte Sahin nur noch zwi­schen Fuß­ball­platz und Schul­bank. »Es blieb der Frei­tag­abend: Da traf ich mich im Jugend­zen­trum Mein­erz­hagen mit meinen Kum­pels auf eine Runde Bil­lard oder um Play­sta­tion zu spielen.« Auf ein paar Flirts musste der Her­an­wach­sende trotzdem nicht ver­zichten: Die SMS von Mit­schü­le­rinnen oder schwär­menden Mäd­chen vom BVB-Trai­nings­platz beant­wor­tete er auf den Fahrten von und nach Dort­mund. Initia­ti­ons­riten im Zusam­men­hang mit Alkohol und Ziga­retten blieben ihm fremd – nicht zuletzt, weil sie sein Ziel, Profi zu werden, gefährden konnten.

Nach der Mitt­leren Reife ver­ließ Sahin die Schule und das elter­liche Zuhause. Und seine Ent­wick­lung als Fuß­baller beschleu­nigte sich. Er wohnte nun im Jugend­haus von Borussia in einem Fünf-Qua­drat­meter-Zimmer. In der B‑Jugend avan­cierte er unter Trainer Peter Wazinski neben Sebas­tian Tyralla zum abso­luten Top-Star, dessen Fähig­keiten auch Chef­coach Bert van Mar­wijk nicht ver­borgen blieben. Der Nie­der­länder war es aus seiner Heimat gewohnt, schon früh Jugend­spieler an die 1. Herren her­an­zu­führen. Die wirt­schaft­liche Misere, in der sich der BVB in dieser Phase befand, ver­stärkte van Mar­wijks Bemü­hungen um die Jungen. Nach dem über­zeu­genden Auf­tritt bei der U17-EM 2005 bestand für die BVB-Bosse kein Zweifel mehr, dass der B‑Ju­gend-Spieler auch das Her­ren­team, in dem Spieler wie Chris­tian Wörns und Chris­toph Met­zelder den Ton angaben, ver­stärken konnte. Michael Zorc räumt ein: »In der Retro­spek­tive war es viel­leicht einen Tick zu früh. Even­tuell haben der Trainer und ich damals nicht berück­sich­tigt, dass ein Talent in den Nie­der­landen auch immer wieder auf schwä­chere Mann­schaften trifft und Zeit zur Rege­ne­ra­tion hat. In der Bun­des­liga wurde einem Jungen wie Nuri aber von Anfang an in jedem Spiel alles abver­langt.«

Doch das Jahr 2005 war wie ein Rausch. Das Gefühl, das Sahin nach dem ersten Bun­des­liga-Spiel gegen den VfL Wolfs­burg als Krib­beln im Bauch beschreibt, wirkte wie eine Droge. Er sah sich am Ziel seiner Träume, wollte um jeden Preis spielen, und das in ihn gesetzte Ver­trauen wieder und wieder recht­fer­tigen. Auf jedes neue Erlebnis, das Elek­tri­sieren beim Auf­laufen, jedes Hoch­ge­fühl in der Glit­zer­welt der Bun­des­liga folgte im Abstand weniger Tage das nächste. Die Auto­ma­tismen des Pro­fi­fuß­balls absor­bierten den Jung­star im Nu. »Aber wel­cher Spieler in diesem Alter kann auf Dauer ein Niveau wie in der Bun­des­liga immer wieder recht­fer­tigen? Viel­leicht einer wie Mara­dona, aber sonst?«, fragt sich Michael Zorc heute. Doch die Presse jubelte, die 80000 im Sta­dion liebten ihren Nuri und auch die Damen­welt sandte nun dem bis­lang streng auf den Fuß­ball fokus­sierten Deutsch-Türken ab und an ein­deu­tige Signale. Sein fami­liäres und sport­li­ches Umfeld wusste um die Gefahren. Nuri Sahin: »Bei der Mann­schaft waren Herr Zorc, Dede und Roman Wei­den­feller in dieser Zeit wich­tige Stützen für mich. Sie haben mich vor­be­reitet, gewarnt und auch ein Stück weit vor Feh­lern bewahrt.« Der Klub ver­bes­serte 2005 drei Mal die Bezüge in seinem Ver­trag als Jugend­spieler. Wäh­rend das Leben draußen ver­rückt spielte, blieb seine Her­berge, das BVB-Jugend­haus, das letzte Stück Nor­ma­lität in seinem Leben. Sahin muss lachen, wenn er daran zurück­denkt: »Am Wochen­ende spielte ich vor 80000 Men­schen, danach fuhr ich zurück in mein fünf Qua­drat­meter großes Zimmer und um 23 Uhr war Zap­fen­streich.« Am Ende der Saison 2005/06 standen 23 Spiele und ein Tor in seiner Sta­tistik.

Sahin reflek­tierte ständig die Situa­tion, in der er sich befand


Nuri Sahin wurde von einem Tsu­nami aus Popu­la­rität und Zunei­gung über­rascht. Ehr­geizig fügte er sich in sein Schicksal, die Zukunft und die Hoff­nung des maroden Revier­klubs zu reprä­sen­tieren. Aber er war kein Typ wie Lothar Mat­thäus, der schon als Nach­wuchs­spieler seinem Instinkt zum Erfolg alles unter­ordnen konnte und im Pro­be­trai­ning bei Borussia Mön­chen­glad­bach den Schneid hatte, Leit­wolf Berti Vogts brutal umzu­treten. Sahin reflek­tierte ständig die Situa­tion, in der er sich befand. Und anfäng­lich noch unbe­wusst, all­mäh­lich jedoch immer stärker, baute sich in ihm das Gefühl auf, der Erwar­tungs­hal­tung genügen zu müssen. Sein Berater Reza Fazeli sagt: »Er ist eine typi­sche Jung­frau. Er nimmt den Fuß­ball extrem ernst, denkt unglaub­lich viel über sein Han­deln nach und stellt sich in Frage.« Als 17-Jäh­riger versah er seinen Job bei den Profis zwar zuver­lässig, vom Auf­treten jedoch nach wie vor zurück­hal­tend. »Damals hätte ich mich nie getraut, den Trainer von mir aus anzu­spre­chen.« Der für­sorg­liche Coach van Mar­wijk geht von sich aus auf den Nach­wuchs­star zu. Die vielen Vier-Augen-Gespräche, die er im ersten Profi-Jahr mit ihm führte, halfen Sahin ein kon­stantes Selbst­be­wusst­sein auf­zu­bauen.

Mit der Voll­endung des 18. Lebens­jahres star­tete er mit dem BVB in seine zweite Profi-Saison. Inzwi­schen hatte auch bei ihm ein gewisser Gewöh­nungs­ef­fekt ein­ge­setzt. Nicht mehr jedes Spiel war nun wie Geburtstag und Weih­nachten an einem Tag. Die Bun­des­liga war sein Beruf geworden. Er fuhr jetzt einen Audi A4 Cabrio und lebte in einer rich­tigen Woh­nung. Und nach schlechten Spielen wies inzwi­schen auch die Presse mal darauf hin, dass es dem Hoff­nungs­träger mit­unter an einem Fünk­chen Explo­si­vität man­gelte. Wie alt Sahin war, spielte zu dem Zeit­punkt für die Öffent­lich­keit kaum noch ein Rolle. Denn das Team des BVB tat sich schwer. Bert van Mar­wijk, der dann im Dezember 2006 seinen Hut nehmen sollte, hatte jetzt andere Sorgen, als ständig Ein­zel­ge­spräche mit dem stillen Nach­wuchs­star zu führen. Auch Sahins Physis zollte dem anstren­genden Pro­fi­da­sein Tribut. Der Spieler über das zweite Jahr in der Bun­des­liga: »Ich spielte nicht mehr kon­stant. Auf ein gutes Spiel folgten drei schlechte. Ich tat mich sehr schwer mit der Rege­ne­ra­tion. Manchmal war ich schon nach 40 Minuten platt.« Seine kom­plexes Denken, die Fähig­keit, sein eigenes Han­deln zu ana­ly­sieren, wurde nun zu einem Bume­rang. Denn nebenbei nahm er auch wahr, wie Arsenal national und inter­na­tional Erfolge fei­erte – und er war nicht dabei. Er musste erkennen, dass Spieler, mit denen er sich auf Augen­höhe sah, weil er sie von den U17-Tur­nieren kannte, plötz­lich an ihm vorbei zogen und bei inter­na­tio­nalen Spit­zen­ver­einen Erfolge fei­erten. Wäh­rend­dessen stieg Sahin zum Ein­wech­sel­spieler bei einem Team im Nie­mands­land der Liga ab.

»Manchmal frage ich mich, ob ich heute auch dort wäre, wo ein Cesc Fab­regas bei Arsenal, ein Anderson bei Man­chester ist?« Im Hin­ter­kopf die häm­mernde Frage: Wird so ein Angebot wie von Arsenal, so eine Chance jemals im Leben wie­der­kommen?

2005 schien eine Ewig­keit her zu sein. »Im ersten Jahr freute ich mich nach dem Abpfiff direkt auf den nächsten Samstag. Plötz­lich aber bekam ich am Sonntag nach einem Match so seltsam Bammel vorm nächsten Spiel.« Mit dem Ver­lust der Spiel­freude ver­ab­schie­dete sich nach und nach auch das Selbst­be­wusst­sein. »Statt der zün­denden Idee spielte ich lieber einen sicheren Pass.« Doch der Jung­star war gänz­lich uner­fahren darin, unter seinen Mög­lich­keiten zu spielen und seiner Form nach­zu­laufen. Ehr­geizig ver­suchte er, den Erfolg zu erzwingen. Michael Zorc nahm das Talent bei­seite: »Wir sagten Nuri immer wieder, er solle sich nicht so unter Druck setzen. Ein Spieler in seinem Alter muss nicht andau­ernd erste Wahl sein.« Das sah Sahin ganz anders. Er wollte kein Mit­läufer sein, wollte weiter kommen, seinen hart erar­bei­teten Ruhm kon­ser­vieren. Heute sagt er: »Ich hatte damals das Gefühl, ich müsse den Verein auf meinen Schul­tern tragen.« Anfang 2007 trat der sonst so lebens­frohe Deutsch-Türke eine Art innere Emi­gra­tion an. Immer öfter ver­schanzte er sich allein in seiner Woh­nung vor der Glotze. Seine Pro­bleme machte er mit sich selbst aus. Als Jürgen Röber van Mar­wijk als Trainer ablöste, tele­fo­nierte Nuri Sahin mal wieder mit seinem Jugend­coach Bayram Celik: »Nuri sagte, er habe gehört, Röber sei ein harter Hund. Ich glaube, er war froh, dass der schnell wieder weg war.« Der neue Coach setzte sichtbar weniger als sein Vor­gänger auf den Nach­wuchs. Als die Borussia nach acht Spielen unter Röber aber den Abstiegs­rängen gefähr­lich nahe kam, wurde dieser von Thomas Doll ersetzt. Nuri Sahin befand sich der­weil in einem men­talen Tief. Reza Fazeli erin­nert sich, wie sein Schütz­ling in dieser Zeit einen Satz zu ihm sprach, in dem der auf­ge­staute Frust zum Aus­druck kam: »Reza, ich habe genug von Fuß­ball.« Der 35-jäh­rige Spie­ler­ver­mittler, der auch Mesut Özil und Hamit Alt­intop berät, hob nur kurz den Kopf, als wollte er sagen »Red keinen Quatsch« und ant­wor­tete: »Und was tust du da?« Sahin hatte gerade den Fern­seher ange­stellt, um ein Fuß­ball­match anzu­sehen. Beide mussten lachen.

Solche Frust­mo­mente wurden nur noch von der Unter­re­dung über­troffen, zu der Thomas Doll den Youngster nach Sai­son­ende im Sommer 2007 rief. Darin teilte ihm der Coach mit, dass er bis auf Wei­teres nicht mehr mit ihm plane. Zum ersten Mal in seinem Fuß­bal­ler­leben, war Nuri Sahin mit einem kon­kreten Miss­erfolg kon­fron­tiert. Zwei Ver­eine bekun­deten Inter­esse an dem Aus­ge­mus­terten: Gala­ta­saray und Feye­noord Rot­terdam, wo Bert van Mar­wijk inzwi­schen Trainer war. In Abstim­mung mit Michael Zorc und seinem Berater Fazeli beschloss Sahin, dass die nie­der­län­di­sche Hafen­stadt die bes­sere Vari­ante war, um seine Ent­wick­lung vor­an­zu­treiben und sein ange­schla­genes Selbst­be­wusst­sein zu kurieren. Besser als ein Enga­ge­ment in Instanbul, wo die Öffent­lich­keit in der Regel keine große Rück­sicht auf die Uner­fah­ren­heit eines Kickers nimmt.

»Man merkte ihm an, dass er wusste, was er will«

Mit 18 zog er also aus, um den Erfolg zurück zu gewinnen. Und nebenbei auch, um das Genießen zu erlernen. Er ging gewohnt stra­te­gisch vor und machte es sich zur Pflicht, nach jedem guten Spiel zur Beloh­nung shoppen zu gehen. Desi­gner­kla­motten. Er ver­ließ sein gewohntes Umfeld in Dort­mund und auch die Nähe zu Mein­erz­hagen, wo ein Groß­teil des weit­ver­zweigten Sahin-Clans mit mehr als 100 Fami­li­en­mit­glie­dern lebt. Außer zu Sil­vester kehrte er eine ganze Saison lang nicht mehr zurück ins Sauer­land. Sahin über den Wechsel: »Alles war ver­än­dert: Ich lebte im Hotel, musste mich auf eine andere Ver­pfle­gung, eine andere Sprache, einen neuen Freun­des­kreis ein­stellen.« Doch das Expe­ri­ment gelang. Er fand nicht nur schnell Anschluss und Gefallen an der nie­der­län­di­schen Läs­sig­keit – son­dern auch zurück in die Erfolgs­spur. Unter Bert van Mar­wijk machte er 29 Liga-Spiele und holte den nie­der­län­di­schen Pokal. Jan Mas­ten­broek, zuständig für die aus­län­di­schen Spieler bei Feye­noord, lobt Sahin in höchsten Tönen: »Man merkte ihm an, dass er wusste, was er will. Er arbei­tete sehr ehr­geizig und geduldig an seinen Defi­ziten, war dabei aber stets ein sehr ange­nehmer, zurück­hal­tender Typ. Einen wie ihn musste man nie nachts aus einer Disco holen.« In Rot­terdam erhielt er wieder die Wert­schät­zung, die er bis zu seinem 18. Lebens­jahr als Fuß­baller gewohnt war. Und als sei es an der Zeit, mal wieder beson­ders früh dran zu sein, hei­ra­tete er im Herbst 2007 seine 18-jäh­rige Cou­sine Tugba Emini, mit der er seit Ende 2006 liiert war. Sein Ex-Trainer Bayram Celik sagt: »Bei jedem anderen, der mit 19 hei­ratet, hätte ich mich gewun­dert. Aber Nuri gibt die Ehe zusätz­li­chen Rück­halt. Es war eine sehr bewusste Ent­schei­dung: Er wollte ein­fach nach der Arbeit nach Hause kommen und jemand bei sich wissen.« Sein Umfeld ist sich einig, dass er seit der Heirat lockerer geworden sei und das Leben leichter nehme. Michael Zorc will auch eine erhöhte Druck­re­sis­tenz bei ihm aus­ge­macht haben. Und Reza Fazeli ist sicher: »Jetzt hat er das dicke Fell, das er als Profi braucht.« Mit diesem Gefühl kehrte er im Juli nach Dort­mund zurück.

Nach seiner Kar­rie­re­pla­nung gefragt, sagt er: »Ich träume davon, einmal drei, vier Jahre in Eng­land zu spielen. Und am Ende der Lauf­bahn auch noch mal in der Türkei. Aber vorher muss ich dem BVB etwas zurück­geben.« Denn der Durch­bruch, den ihm viele im Verein schon vor Jahren pro­gnos­ti­ziert haben, ist ihm in Dort­mund noch nicht gelungen. Weil er wegen einer Knie­ver­let­zung in der Vor­be­rei­tung fehlte, gehörte er unter Jürgen Klopp bis­lang noch nicht zur Stammelf. Sein ehe­ma­liger U14-Coach Lars Tie­fen­hoff ana­ly­siert: »Nuri ist immer noch ein Getrie­bener, ein Spieler auf dem Sprung zur großen Kar­riere. Es wird sich zeigen, ob er den Sprung schaffen kann.« 

Am Abend des 2. Oktober 2008 in Udine aber gibt Nuri Sahin dem BVB etwas zurück. Nach dem Fehl­schuss von Tamás Hajnal tritt er als zweiter Schütze an den Elf­me­ter­punkt. Er läuft kurz an und ver­senkt den Ball cool im Tor. Der BVB ver­liert den Shoot-Out am Ende zwar, doch wer in diesem Moment genau hin­sieht, kann erkennen: Zurück in die Riege der Mit­spieler am Mit­tel­kreis trottet nicht mehr das schüch­terne Jung­ta­lent von einst, zu seinen Team­kol­legen läuft der gestan­dene Fuß­ball­profi Nuri Sahin. Einer, der mal die Zukunft von Borussia Dort­mund war. Ein 20-Jäh­riger, dessen Zukunft gerade erst beginnt.