Claudia Kro­bitzsch, beim Spiel Deutsch­land gegen Por­tugal hielt ein Fan eine Reichs­kriegs­flagge hoch. Ist das wieder trau­riger Alltag bei Spielen der DFB-Elf?
Eine Reichs­kriegs­flagge habe ich lange nicht mehr gesehen. Das hatte für mich ebenso eine neue Dimen­sion wie die deut­schen Fans, die sich vor dem Spiel gegen Ghana mit schwarzer Farbe anmalten. Diese Praxis erin­nert an das Black­fa­cing, ein Stil­mittel des Thea­ter­schau­spiels mit Ursprung in den USA des 19. Jahr­hun­derts, das sich ras­sis­ti­scher Ste­reo­type bedient und mit dem sich weiße Dar­steller über Schwarze lustig machten.
 
Sie haben die Fifa auf beide Vor­fälle hin­ge­wiesen und auch das Foto von der Reich­kriegs­flagge am Dienstag an den Ver­band geschickt. Was ist darauf zu sehen?
Die Fahne wurde wäh­rend der Hymnen hoch­ge­halten und hat eine Spann­weite von etwa 1,50 Meter. Der Halter ist offen­sicht­lich Deut­scher, wir konnten ihn jedoch keiner bestimmten Fan­klub-Gruppe zuordnen.
 
Beim Spiel gegen Ghana stürmte zudem ein Mann aufs Feld, bei dem nicht ganz sicher ist, welche Bot­schaft er ver­mit­teln wollte.
Der Flitzer soll ein Pole sein, der davon spricht, dass er nur seine Tele­fon­nummer und Email-Adresse auf den Bauch gekrit­zelt hat – dum­mer­weise mit den Kom­bi­na­tionen HH, SS und CC, also mit Codes, die häufig von Neo­nazis ver­wendet werden. Mehr können wir dazu bis­lang noch nicht sagen.
 
Dis­kri­mi­nie­rende Bot­schaften sind beim Fuß­ball aller­dings kein rein deut­sches Pro­blem. Wurden Sie auch über Vor­fälle aus anderen Sta­dien infor­miert?
Wir haben auch Fran­zosen oder Bel­gier gesehen, die sich schwarz ange­malt haben. Bei Spielen der rus­si­schen Natio­nalelf hingen Fahnen mit Kel­ten­kreuzen, bei Spielen der Kroaten haben wir kroa­ti­sche Fans mit faschis­ti­schen Usta­scha-Flaggen gesehen und bei Spielen Mexikos wurde der geg­ne­ri­sche Tor­hüter mit homo­phoben Rufen („Puto“, Schwuchtel, d. Red.) belei­digt. Beson­ders absurd ist zudem das Foto eines offenbar kolum­bia­ni­schen Fans, der mit einem Umhang voller Haken­kreuze ins Sta­dion gelangte.
 
Die Auf­klä­rung in den natio­nalen Ver­bänden scheint dem­nach sehr unter­schied­lich. Wer tut was gegen das Pro­blem?
Das Enga­ge­ment der Ver­bände gegen Dis­kri­mi­nie­rung im Sta­dion ist sehr unter­schied­lich. Viele stehen dem Pro­blem hilflos gegen­über, andere negieren, dass sie ein Pro­blem haben. Auch wenn es bei deut­schen Fans immer wieder zu Ver­feh­lungen kommt, muss man sagen, dass der DFB gute Fan­ar­beit leistet – wenn er nicht gerade anti­ras­sis­ti­sche Banner in Sta­dien über­hängt. Er ist bei jedem Tur­nier mit einem Fan­be­treuer-Team der KOS (Koor­di­na­ti­ons­stelle Fan­pro­jekte, d. Red.) vor Ort. Das machen neben den Deut­schen nur die Eng­länder und die Nie­der­länder.
 
Trotzdem: Black­fa­cing, ein Flitzer mit mehr­deu­tigen Bot­schaften, eine Reichs­kriegs­flagge. Müssen wir uns Sorgen machen?
Ich würde nicht sagen, dass die Ras­sisten mehr geworden sind. Sie sind nur sicht­barer geworden.
 
Inwie­fern?
Dieses Tur­nier ist eine WM des Social Media. Zum einen ist Twitter mitt­ler­weile überall auf der Welt sehr beliebt und nicht mehr so eine Geek-Ver­an­stal­tung wie noch vor vier Jahren. Daher haben natür­lich auch die Ras­sisten einen neuen Kanal gefunden, um ihren Humbug zu ver­breiten. Zum anderen wird Twitter heute viel stärker von den großen TV-Sta­tionen oder Zei­tungen wahr­ge­nommen. Das heißt: Alles, was abseits des Platzes pas­siert, geschieht unter einer viel grö­ßeren Lupe.
 
In sozialen Netz­werken waren in vor dem Deutsch­land-Ghana-Spiel Sätze zu lesen wie Hof­fent­lich sterben ein paar Schwarze an Aids“. Später ent­schul­digte sich die Ver­fas­serin, eine Schü­lerin, für diesen Satz.
Natür­lich ist es ein Pro­blem, dass vielen jungen Men­schen in der sozialen Medi­en­welt der Weit­blick fehlt. Viele posten da aus Nai­vität und Dumm­heit. Doch mein Mit­leid mit dem dar­auf­fol­genden Shit­s­torm hält sich wirk­lich in Grenzen. Auch eine Schü­lerin muss wissen, dass man nie­mandem den Tod wünscht.
 
Seit einigen Jahren doku­men­tiert Ihre Netz­werk­or­ga­ni­sa­tion Foot­ball Against Racism in Europe“, FARE, solche Ver­feh­lungen. Wie funk­tio­niert das genau?
Das FARE-Netz­werk hat vor einigen Jahren ein soge­nanntes Moni­to­ring-Pro­gramm ent­wi­ckelt. Bei der EM 2012 haben wir pro Spiel zwei Mit­ar­beiter ins Sta­dion geschickt. Das waren stets geschulte Leute aus den jeweils gegen­ein­ander spie­lenden Nationen. So konnten wir sicher sein, dass die Leute die Sym­bole oder Slo­gans ver­stehen und zudem in kul­tu­relle Kon­texte ein­ordnen konnten. Nach den Spielen haben wir dann detail­lierte Berichte ange­fer­tigt und samt Fotos oder Videos an die Uefa geschickt.
 
Von der Fifa hieß es bis­lang stets nur, man werde die Vor­fälle unter­su­chen. In puncto Black­fa­cing wird es keine wei­teren Ermitt­lungen geben. Wie sieht die Kom­mu­ni­ka­tion mit dem Ver­band kon­kret aus?
Wir schi­cken unsere Reports an die Social-Respon­si­bi­lity-Stelle des Ver­bandes und bekommen auch Feed­back. In man­chen Fällen werden auch Ermitt­lungen ein­ge­leitet. Wenn der Ver­band bei der jet­zigen WM gemäß ihrer Null-Tole­ranz-Politik oder dem Credo No to racism“ han­delt, führt eigent­lich kein Weg an Kon­se­quenzen für den Reichs­kriegs­flag­gen­halter vorbei.
 
Im Gegen­satz zur EM 2012 sind Sie mit Ihren Mit­ar­bei­tern dieses Mal nicht in den Sta­dien. Wieso?
Wir haben der Fifa ein Angebot gemacht, dass wir Beob­achter nach Bra­si­lien schi­cken, doch wir erhielten eine Absage. Ein­zige Begrün­dung: Man brauche uns nicht. Wir sind also darauf ange­wiesen, dass uns Leute auf dis­kri­mi­nie­rende Inhalte auf­merksam machen.

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Foot­ball Against Racism in Europe“ (FARE) bekämpft Ras­sismus und Aus­län­der­feind­lich­keit im Fuß­ball. Das Netz­werk wurde im Februar 1999 auf Anre­gung von Fan­gruppen aus ver­schie­denen Teilen Europas in Wien unter Teil­nahme u.a. von Fuß­ball­ver­bänden sowie Spie­ler­ge­werk­schaften gegründet.