Gegen Mit­ter­nacht kocht Tomas Ron­cero vor Wut. Ist schließ­lich ein Skandal, was sich gerade zwi­schen Real Madrid und dem FC Bar­ce­lona abge­spielt hat. Platz­ver­weis gegen Sergio Ramos, Reals Ver­tei­diger. Zwei der drei Tore von Lionel Messi durch Elf­meter. Merk­würdig! Ron­cero, der Fuß­ball­re­porter, wit­tert eine Ver­schwö­rung.

Er lässt sich eine Kamera bringen, direkt vor seinen Schreib­tisch, mitten im Groß­raum­büro der spa­ni­schen Sport­zei­tung As“. Um ihn herum häm­mern die Kol­legen auf ihre Tas­ta­turen. In einer Stunde ist Redak­ti­ons­schluss. Aber Ron­cero, 48 Jahre alt, kann jetzt nicht schreiben. Er muss erst seinen Frust los­werden über Reals 3:4‑Niederlage und die aus seiner Sicht selt­samen Begleit­um­stände. Also beginnt er, in die Kamera zu spre­chen. Sie ist in den nächsten fünf Minuten sein Ventil. Es folgt eine Wut­rede, die an zwei Per­sonen gerichtet ist: Alberto Undiano, den Schieds­richter des Spiels. Und Vic­to­riano San­chez Arminio, den Schieds­rich­ter­chef der Pri­mera Divi­sion.

Nie­mand kann die Erup­tion stoppen

Ron­cero beginnt gefasst, ein­sichtig. Keine Frage, Barça hat gut gespielt. Für sie ging es um alles, klar.“ Pause. Aber …“ Ron­cero holt tief Luft. Die Hälfte der Barça-Tore kam durch Elf­meter zustande – kurios.“ Er redet über einige andere strit­tige Szenen: Hand­spiel von Cesc Fabregas, Foul von Gerard Pique an Gareth Bale im Straf­raum. Nie gab es Elf­meter für Real. Ron­cero gerät in Rage. Irgend­wann fährt er mit der rechten Hand über seinen linken Oberarm, als würde er einen Fussel abstreifen. Das war es, was Sergio Ramos bei Neymar gemacht hat. Mehr nicht! Und Undiano? Gibt Rot. Da ver­än­derte sich der Cla­sico! Ver­än­derte sich die Liga! Ver­än­derte sich das Leben!“

Nun bricht es vul­kan­artig aus Ron­cero heraus. Nie­mand kann seine Erup­tion stoppen. Undiano hat vor einigen Jahren schon einmal den Ver­lauf einer Meis­ter­schaft ver­än­dert. Welch Zufall!“ Ron­cero reißt seine tief­braunen Augen weit auf, ges­ti­ku­liert wild mit den Händen, und mit ziga­ret­ten­ge­teerter Stimme bellt er: Ganz ruhig Vic­to­riano. Die Liga ist deine. Schon seit vielen Jahren. Aber deine Liga ist nicht die wahre Liga. Und wir Madri­di­stas wissen das.“ Wei­tere Tiraden gegen San­chez Arminio folgen. Bis Ron­cero mit den Worten schließt: Que penita me das, Vic­to­riano.“ Du tust mir echt leid, Vic­to­riano. Dann klopft er sich mit der Hand aufs Herz und wendet sich von der Kamera ab.

El Cla­sico. Real Madrid gegen den FC Bar­ce­lona. Spa­nien spielt ver­rückt. Und mit­ten­drin die vier großen Sport­zei­tungen des Landes: As“ und Marca“ aus Madrid, Mundo Depor­tivo“ und Sport“ aus Bar­ce­lona. Jedes Blatt hält mehr oder minder fana­tisch zum Team aus der eigenen Stadt. Zusammen kommen sie im Durch­schnitt auf knapp eine Mil­lion ver­kaufte Exem­plare – pro Tag. Ihre Reich­weite ist aber deut­lich größer, weil die Zei­tungen so gut wie immer in den Bars aus­liegen, wo sie von meh­reren Men­schen gelesen werden.

Man stelle sich vor, Werner Hansch würde pol­tern

Auf dem Platz mögen Cris­tiano Ronaldo und Lionel Messi die Stars sein. Pro­du­ziert werden die Schlag­zeilen jedoch von Men­schen wie Tomas Ron­cero, Carmen Colino, Joan Poqui oder Fran­cesc Perearnau. In ihren Köpfen ist stets Cla­sico. Real gegen Bar­ce­lona, an 365 Tagen im Jahr. Wenn die beiden Giganten des Welt­fuß­balls auf­ein­an­der­treffen, geht es in den Zei­tungen min­des­tens genauso hitzig zu wie auf dem Rasen. Mit ihren Mei­nungs­bei­trägen pola­ri­sieren die Jour­na­listen, heizen die Atmo­sphäre auf. So funk­tio­niert Zei­tung in Spa­nien. Man kauft sich ein bestimmtes Blatt, um seine Mei­nung zu bestä­tigen. Nicht, um sich eine Mei­nung zu bilden.

Wer begreifen will, warum der Ton bei As“ oder Mundo Depor­tivo“ ist, wie er ist, muss die Jour­na­listen ver­stehen, die dort arbeiten. Wer sind sie? Was bewegt sie? Wie viel Authen­ti­zität steckt in den Bei­trägen? Wie viel ist Show? Um die Auf­lage in die Höhe zu treiben. Zei­tungen sind immer auch Abbilder der Men­schen, die sie machen. Nicht nur in Spa­nien.

Wer ist also dieser Mann, der vor lau­fender Kamera wütet, Schieds­richter und den Ver­band kri­ti­siert und Ver­schwö­rungs­theo­rien andeutet? Also Dinge tut, die woan­ders fremd erscheinen. Man stelle sich vor, Werner Hansch würde nach einem Spiel zwi­schen Schalke 04 und dem FC Bayern pol­tern: Und Gagel­mann? Gibt Rot. Da ver­änderte sich die Bun­des­liga! Ver­än­derte sich das Leben! Du tust mir echt leid, Her­bert Fandel!“

Tomas Ron­cero ist bei As“ das, was Cris­tiano Ronaldo bei Real Madrid ist: der, um den sich alles dreht. Ich bin dankbar für die Auf­merk­sam­keit, die er uns bringt“, sagt seine Chefin Carmen Colino über ihn. Sie leitet die Sección Real Madrid“. Auf ihrem Schreib­tisch steht eine große Man­ga­puppe mit über­di­men­sio­nalen, weit auf­ge­ris­senen Augen. Die Papp­figur trägt ein Real-Trikot. Unter den Madrider Jour­na­listen ist Ron­cero viel­leicht der bekann­teste. Der extremste ist er in jedem Fall.

Wehe dem, der Real Böses will. Dann ver­steht Ron­cero keinen Spaß, und seine Tas­tatur wird zur Schnell­feu­er­pis­tole. Darauf ein­ge­stellt, den Gegner mit Worten unter Beschuss zu nehmen. Was er sagt, ist Gesetz. Ron­cero, der She­riff des Madri­dismo. Seine Wut­rede nach dem Spiel wurde inner­halb weniger Minuten zig­tau­send Mal geklickt. Sie hilft den Fans, Wunden zu heilen. Weil der Jour­na­list bestä­tigt, was sie denken. Haben wir doch gleich gesagt: Der Schieds­richter war schuld!“

Arbeit nicht am Schreib­tisch, son­dern an einem Schrein

Ron­cero, 48, ist eine impo­sante Erschei­nung. Knapp 1,90 Meter groß, schlanke Figur, fester Hän­de­druck, zackiger Schritt. Am Tag des Cla­sicos trägt er ein weißes Hemd mit schwarzer Stoff­hose. Dazu einen Schlips mit dem Ver­eins­logo von Real Madrid. Im Sta­dion hatte er noch seinen weißen Seiden­schal dabei. Als Glücks­bringer. An den beiden Enden prangt das Kon­terfei von Cris­tiano Ronaldo. Später in der Redak­tion legt er den Schal über seinen Com­pu­ter­bild­schirm, auf dem sich bereits drei an­dere Schals von Real Madrid befinden. Ron­cero ist viel­leicht der ein­zige Jour­na­list der Welt, der nicht an einem Schreib­tisch arbeitet, son­dern an einem Schrein. Überall stehen Bilder von ihm. Meis­tens ist er darauf mit Spie­lern von Real Madrid zu sehen. Dazu stehen kleine Sta­tuen an seinem Platz. Von di Ste­fano, vom Ber­nabeú. Hei­li­gen­ver­eh­rung.

Reals Sta­dion ist für ihn nach wie vor ein mys­ti­scher Ort. Als kleiner Junge nahm ihn sein Vater das erste Mal dorthin mit. Wie alt genau er da war, weiß er nicht mehr. Im Ber­nabeú erlebte er im Früh­jahr 1995 auch den schönsten Moment seiner Reporter­kar­riere. Real siegte damals 5:0 gegen Bar­ce­lona. Ron­cero erin­nert sich an ein beson­deres Bild, es hat sich in sein Gedächtnis ein­ge­brannt: Pep Guar­diola steht nach dem Schluss­pfiff mit gesenktem Haupt im Mit­tel­kreis, tief ent­täuscht. Johan Cruyff dis­ku­tiert erregt mit dem Schieds­richter. Es war das Ende des Dream Teams, Barças legen­därer Mann­schaft aus den Neun­zi­gern. Ein wun­der­barer Abend“, sagt Ron­cero.

Diese Lei­den­schaft für Real Madrid, Ron­cero teilt sie mit vielen seiner Kol­legen bei As“. Dort denken sie wie er. Und nicht wie in Bar­ce­lona bei Mundo Depor­tivo“. Ron­cero hat einmal für die gear­beitet, zu Beginn seiner Kar­riere, noch wäh­rend des Stu­diums. Er sollte in den Som­mer­mo­naten für den Kor­re­spon­denten der Madrider Teams ein­springen. Aber die haben immer nur gefragt, ob es irgend­welche schlechten Nach­richten bei Real gibt. Das war nichts für mich“, sagt er. Später war er auch noch bei Van­guardia“ in Bar­ce­lona, ehe es ihn nach Madrid ver­schlug.

Über den Rivalen inter­es­sieren die nega­tiven Nach­richten

So läuft das bis heute bei den vier großen Sport­zei­tungen. Wenn es um den Rivalen geht, inter­es­sieren vor allem nega­tive Nach­richten. Über das eigene Team wird dagegen wohl­wol­lend berichtet. Es sei denn, die Stim­mung schlägt um. Bei Nie­der­la­gen­se­rien oder Miss­ständen etwa. Dann werden die Ver­ant­wort­li­chen scharf kri­ti­siert. Trainer- oder Prä­si­den­ten­schicksal in Madrid und Bar­ce­lona. Vor Jahren bil­dete Marca“ am Tag nach dem Cham­pions-League-Aus gegen Olym­pique Lyon den Kopf des dama­ligen Trai­ners Manuel Pel­le­grini ab. Dar­über prangte in dicken, roten Let­tern: Fuera. Raus. Wenige Wochen später wurde Pel­le­grini ent­lassen. Die Leute wollen in erster Linie­ Posi­tives über ihren Verein lesen. Schließ­lich lieben sie ihn“, sagt Colino.

Joan Poqui sieht das genauso. Schlecht über Barça zu schreiben, für ihn wäre das nicht leicht. Schließ­lich ist Poqui, 48 Jahre alt und von kleiner, rund­li­cher Statur, ein rich­tiger Arsch. Culés, Ärsche, so werden die Fans des FC Bar­ce­lona seit den Zwan­zi­gern genannt. Zu dieser Zeit waren die Tri­bünenbänke im Sta­dion Les Corts so schmal, dass die Hin­ter­teile der Zu­schauer hinten über­hingen und man den ver­län­gerten Rücken sehen konnte.

Alle Stühle sind blau oder weinrot

Am Tag nach dem Cla­sico sitzt Poqui zufrieden an seinem Platz im Groß­raum­büro von Mundo Depor­tivo“, der 1906 erst­malig erschie­nenen und nach Gaz­zetta dello Sport“ zweit­äl­testen Sport­zeit­schrift Europas. Er lehnt sich zufrieden in seinem blauen Stuhl zurück. War ein großer Abend ges­tern“, sagt er. Ein Kol­lege nebenan blickt rüber. Der sitzt in einem wein­roten Stuhl.

Alle Stühle bei Mundo Depor­tivo“ haben ent­weder einen blauen oder wein­roten Bezug. Blau und weinrot – die Farben des FC Bar­ce­lona. Über die Stimmen aus Madrid, Bar­ce­lona hätte mit Hilfe des Schieds­rich­ters gesiegt, kann er nur den Kopf schüt­teln. Die ein­zige Fehl­ent­schei­dung des Spiels begüns­tigte Real. Das war der Elf­meter, den Ronaldo ver­wan­delt hat. Dani Alves hat ihn deut­lich vor dem Straf­raum getroffen“, sagt Poqui.

Vor ihm liegt die Mon­tags­aus­gabe von Mundo Depor­tivo“. Auf dem Titel prangt in großen Let­tern: Deli­rium“. Ich glaube, das beschreibt die Gefühls­lage der Men­schen in Bar­ce­lona ganz gut“, sagt er. Und selbst? Befindet sich Poqui auch in einem deli­ri­ums­ar­tigen Glücks­zu­stand? Ja, ich bin glück­lich.“

Siege gegen Real sind für ihn etwas Beson­deres, seit er zum ersten Mal ein Spiel des FC Bar­ce­lona gesehen hat. Das war 1974, Bar­ce­lona siegte 5:0 gegen Real im Ber­nabeú. Damals lebte Franco noch. Poqui war acht Jahre alt, von Politik ver­stand er nichts, aber was er ver­stand, war, dass die Men­schen in Bar­ce­lona
unheim­lich stolz waren.

Heute bezeichnet sich Poqui als poli­tisch inter­es­sierten Men­schen. Er sei kata­la­ni­scher Natio­na­list, einer, der sich ein von Spa­nien unab­hän­giges Kata­lo­nien wünscht. Real Madrid gegen Bar­ce­lona ist für ihn auch der Kampf der zwei Spa­nien“. Eine Bezeich­nung aus der Zeit vor dem spa­ni­schen Bür­ger­krieg. Auf der einen Seite das zen­tra­lis­ti­sche, kon­ser­va­tive Madrid, auf der anderen das linke, nach Auto­nomie stre­bende Kata­lo­nien, zusammen mit wei­teren Regionen Spa­niens.

Uns liegt viel daran, die Riva­lität zu schützen“

Real war immer ein geschützter Klub, seit Franco ent­deckt hatte, wie wichtig Fuß­ball als sozialer Faktor ist. San­tiago Ber­nabeú, Reals Prä­si­dent, hat für Franco gekämpft. Beide wollten Real zum Aus­hän­ge­schild Spa­niens machen“, sagt Poqui. Es gibt nicht wenige Leser von Mundo Depor­tivo“, die ähn­lich denken. Fuß­ball und Politik sind in Bar­ce­lona seit jeher ver­woben. Wäh­rend der Dik­tatur war Barça für viele Kata­lanen ein Symbol der Frei­heit. Eine Insti­tu­tion, die sich von Franco nicht klein machen ließ.

Als die Men­schen kurz vor Francos Tod in Bar­ce­lona auf die Straße gingen, war Fran­cesc Perearnau dabei. Der Stu­dent von damals hat es mit den Jahren bis an die Spitze von Mundo Depor­tivo“ gebracht. Lange bestimmte er, was und wie über den FC Bar­ce­lona berichtet wird. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit Real Madrid spielte immer eine wich­tige Rolle. Uns liegt viel daran, die Riva­lität zu schützen“, sagt er und fragt: Wel­ches Land hat schon so eine?“ Die Ant­wort gibt sich Perearnau, ein großer, schlanker Mann, der langsam und bedächtig spricht, selbst: Keines!“

Für die Riva­lität in den Zei­tungen gibt es klare Regeln. Es wird nie gegen den anderen Klub als Insti­tu­tion geschrieben. Immer wieder gab es mal Ver­suche dieser Art – ohne Erfolg. Im Mit­tel­punkt stehen die Prot­ago­nisten, also Prä­si­denten, Trainer oder Spieler. Ihre Hand­lungen werden kri­tisch beäugt. Bar­ce­lonas Presse hat sich in der jün­geren Ver­gan­gen­heit Reals Ver­tei­diger Pepe als Lieb­lings­feind aus­ge­guckt, As“ und Marca“ ver­teilen gern Hiebe gegen die Ent­schei­dungs­träger beim FC Bar­ce­lona. Zuletzt im Fall Neymar, in dessen Folge Bar­ce­lonas Prä­si­dent Sandro Rosell seinen Rück­tritt erklären musste.

Vage Kon­struk­tionen

Für die finan­zi­ellen Unre­gel­mä­ßig­keiten beim Transfer des Bra­si­lia­ners musste Bar­ce­lona viel Kritik ein­ste­cken. Nicht von Mundo Depor­tivo“. Das Blatt ver­tei­digte stets die Politik des Klubs. Perearnau sagt: Der Verein hat nichts falsch gemacht.“ Dann legt er eine kom­pli­zierte Rech­nung vor, die Barças Unschuld beweisen soll. Es bleibt eine vage Kon­struk­tion. Da spielt es auch keine Rolle, dass Rosells Nach­folger Josep Maria Bar­tomeu inzwi­schen längst ein­ge­standen hat, dass die zuerst ange­ge­bene Ablö­se­summe von 57,1 Mil­lionen Euro nicht der Wahr­heit ent­sprach und Neymar viel teurer war.

Joan Poqui ist egal, wie viel Geld Neymar gekostet hat. Der neue Stürmer ist jeden Cent wert, glaubt er. Im Ide­al­fall wird Neymar noch viele Tore für Barça gegen Real schießen. Poqui gibt sich keine Mühe, seine Abnei­gung gegen Madrid zu ver­bergen. Seine Polemik wird von der Leser­schaft geliebt. Er ist für den Bar­ce­lo­nismo, was Ron­cero für den Madri­dismo ist.

Poqui und Ron­cero, die beiden haben sich mal wäh­rend einer Radio­show getroffen. Solche Zusam­men­künfte kommen unter den Jour­na­listen öfter vor. Alle ver­si­chern, dass sie per­sön­lich gut mit­ein­ander können. Auch Poqui und Ron­cero. Ein freund­li­cher Hän­de­druck, kurzer Small Talk unter Kol­legen, mehr war es dann aber doch nicht. Ron­cero“, sagt Poqui und bläst die Backen auf. Ron­cero, uff, der ist ver­rückt.“