Die Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft in Bra­si­lien hat noch nicht begonnen, da fällt der erste Schuss. Abge­feuert aus dem Gewehr­lauf eines Poli­zisten. Das Gum­mi­ge­schoss trifft einen Demons­tranten an der Brust. Es folgt ein zweites. Der junge Mann bricht zusammen und wird in ein nahe­ge­le­genes Kran­ken­haus gebracht.

Es ist der gewalt­tä­tige Auf­takt eines Zusam­men­stoßes zwi­schen Sicher­heits­kräften und knapp 300 WM-Geg­nern, der das Wohn­viertel in der Nähe der U‑Bahnstation Carrão in São Paulo in den kom­menden zwei Stunden in ein Schlacht­feld ver­wan­delt.

Dann kommt der blac bloc“

Auf­ge­rufen zu dem Pro­test­marsch im Vor­feld des Eröff­nungs­spiel zwi­schen Bra­si­lien und Kroa­tien hat die Grup­pie­rung Não vai ter Copa“ („Es wird keine WM geben“), die seit Monaten gegen das Tur­nier mobil gemacht hat. Ihr nahe steht auch der black bloc“ – gewalt­be­reite Jugend­liche aus dem linken Spek­trum und Anar­chisten.

Die Zeit des fried­li­chen Pro­tests sei vorbei, sagt ein Ange­hö­riger des black bloc“. Seinen Namen möchte er nicht nennen, sein Gesicht ver­hüllt ein schwarzes Tuch. Vor einem Jahr habe man am Rande des Confed-Cups nur laut geschrien. Die Regie­rung hat uns aber nicht zuge­hört. Jetzt müssen wir han­deln.“ Was das bedeutet, wird kurz darauf deut­lich.

Das Ver­spre­chen der Demo-Orga­ni­sa­toren, es solle sich um einen absolut fried­li­chen Marsch“ han­deln, ver­hallt schnell im Lärm der Gewehr­salven. Der black bloc“ über­nimmt und geht auf Kon­fron­ta­ti­ons­kurs mit der Polizei.

Pro­vo­zie­rend bauen sich mit schwarzen Tüchern ver­mummte Akti­visten vor den in zwei Reihen auf­mar­schierten Sicher­heits­kräften auf; tanzen wild mit den Armen wedelnd auf und ab. Den Mit­tel­finger zu obs­zönen Gesten aus­ge­streckt. Dann fliegen die ersten Steine und Fla­schen. Die Poli­zisten ant­worten mit Trä­nengas und Gum­mi­ge­schossen.

Die Situa­tion eska­liert

Bei­ßender Rauch steigt auf. Wer keine Gas­maske trägt, hat ver­loren. An einer Stra­ßen­ecke brennt ein Müll­eimer. Plas­tik­stühle einer Bar dienen als Wurf­ge­schosse.
Die Polizei geht zum Angriff über. Der Ein­satz­leiter gibt das Kom­mando Choque“ („Attacke“). Mar­tia­lisch häm­mern die Beamten mit ihren schweren Schil­dern auf den Asphalt. Dann recken sich diese in die Höhe und stürmen kom­pro­misslos nach vorne. Die Situa­tion eska­liert end­gültig.

Ein im Gesicht blu­tender Mann ent­kommt dem Tumult. Er öffnet seinen Ruck­sack, zückt zwei Bücher und ruft: Das sind meine ein­zigen Waffen. Und die prü­geln auf alles ein, was sich bewegt.“

Wenige Meter ent­fernt schüt­telt Carlos Roberto da Silva den Kopf. Der Rentner steht im Bra­si­lien-Trikot an seiner Haustür und beob­achtet die Stra­ßen­schlacht. Eine Schande. Das ist Van­da­lismus“, schimpft er.

An der Regie­rung von Prä­si­dentin Dilma Rousseff lässt er zwar auch kein gutes Haar. Ein Land wie Bra­si­lien mit so vielen sozialen Pro­blemen hätte nie WM-Gast­geber werden dürfen, meint er. Doch nun ist es nun einmal so und wir sollten die WM genießen.“

Ricardo Aurric­chio trägt seinen acht­jäh­rigen Sohn Lucas auf dem Arm. Im Juni 2013 war er noch dabei, als Tau­sende von Bra­si­lia­nern auf die Straßen zogen und gegen Kor­rup­tion und die astro­no­mi­schen Kosten für neue WM-Sta­dien pro­tes­tierten.

Fami­lien sieht man mitt­ler­weile kaum noch unter den Pro­test­lern. Es ist zu gefähr­lich geworden. Die Bewe­gung hat sich zuneh­mend radi­ka­li­siert. Die Masse der Bevöl­ke­rung wendet sich ab, obwohl sie die Ziele der WM-Gegner unter­stützt. Auch sie wün­schen sich bes­sere Bil­dung und gesund­heit­liche Ver­sor­gung sowie einen effi­zi­en­teren öffent­li­chen Ver­kehr. Gewalt ist aber keine Lösung“, klagt Aurric­chio.

Die ganze Welt blickt auf uns!“

Was hier pas­siere sei eine Schande für Bra­si­lien: Was ist das für ein Bild? Die ganze Welt blickt gerade auf uns.“

Nach zwei Stunden ist der Spuk vorbei. Auf der Straße liegen schwarz-ange­sengte Tonnen, her­aus­ge­ris­sene Stra­ßen­schilder und ver­kohltes Papier. Die Rück­spiegel vieler par­kender Autos sind kaputt. Der Lack ist zer­kratzt.

Wenige hun­dert Meter ent­fernt rollen der­weil die U‑Bahnzüge Rich­tung Ita­quera. In der dor­tigen Arena wird in drei Stunden das Eröff­nungs­spiel ange­pfiffen. Die Ticket­in­haber sind in Fei­er­laune. Von den Aus­schrei­tungen erfahren sie durch die Laut­spre­cher­an­sagen in den Wagons: Auf­grund von Van­da­lismus ist die Sta­tion Carrão gesperrt.“

Die Fuß­ball­fans stört das kaum, denn bis zum Sta­dion sind es noch sechs Sta­tionen. Im vor­bei­fah­renden Zug lassen sie die Pro­teste links liegen. Dank des eigens aus­ge­ru­fenen Fei­er­tags und des aus­blei­benden Berufs­ver­kehrs können sie so ent­spannt mit der U‑Bahn fahren, wie es selten in São Paulo. Nor­ma­ler­weise glei­chen öffent­liche Ver­kehrs­mittel hier einer Mas­sen­hal­tung auf Rädern. Doch heute ist Platz genug für ein erstes Tänz­chen zu Fan-Gesängen und Musik.

Beweisen, was für ein guter Gast­geber Bra­si­lien ist

Mit den Pro­testen können die meisten hier nichts anfangen. Das bringt jetzt nichts mehr“, sagt Charles Fredy João, 67, der gemeinsam mit seiner Frau Marcia ins Sta­dion fährt. Man hätte schon vor vier Jahren pro­tes­tieren und dis­ku­tieren müssen. Jetzt ist es zu spät“, sind die beiden sich einig. Jetzt müsse Bra­si­lien den Tou­risten beweisen, dass das Land ein guter Gast­geber sei.

Dazu gibt man sich im Umfeld des Sta­dions tat­säch­lich alle Mühe. Frei­wil­lige zeigen mit großen blauen Pfeilen den Weg zum Ein­gang, Poli­zisten weisen die Fans freund­lich darauf hin, auf ihre Wert­sa­chen auf­zu­passen und die Knei­piers spen­dieren heute gerne das ein oder andere Gratis-Bier. Am Rande des Wegs von der Metro-Sta­tion zum Sta­dion hat es sich eine Gruppe von Kroaten auf einem Balkon gemüt­lich gemacht. Mit lautem Gegröle begrüßen sie die her­an­strö­menden Massen. Croatia, Croatia!“ tönt es von oben. Brasil, Brasil!“ schallt es zurück von der Straße.

Aus Laut­spre­chern erklingt das in Bra­si­lien beliebte Lied Vai fes­tejar“ – Wir wollen feiern“.

Anders als die Kol­legen in Carrão, haben die Poli­zisten an der WM-Arena einen ent­spannten Arbeitstag. Selbst bei ein paar Stra­ßen­händ­lern, die Fan-Hüte, Vuvu­zelas oder Arm­bänder an den Mann bringen wollen, drü­cken sie ein Auge zu. Eigent­lich dürfen wir nicht hier sein“, sagt einer von ihnen. Sie befinden sich im FIFA-Bereich.

Obwohl in der Nähe des Sta­dions keine Public-Viewing-Lein­wand auf­ge­baut ist, sind viele Fuß­ball­fans ohne Ein­tritts­karte gekommen. Kurz vor Spiel­be­ginn ver­teilen sie sich auf umlie­gende Bars. In den Lokalen an den Haupt­zu­gangs­wegen zum Sta­dion ist kaum noch ein Platz zu bekommen.

Zum Glück sind die Pro­teste weit weg

In der Bar do Ceará“ schauen alle gebannt auf den kleinen Fern­seher unter der Decke, als der Anpfiff ertönt. Dass Bra­si­lien Welt­meister wird, steht hier für alle außer Frage.

Dann der Schock. Kroa­tien geht in Füh­rung geht. Doch dann lässt Neymar seine Lands­leute erst­mals jubeln. Keinen hält es mehr auf seinem Platz. Bar­mann Genival schenkt fleißig Bier aus. Am Ende wie­der­holt sich die Szene noch zwei wei­tere Male. Die Seleção ist sieg­reich in die Heim-WM gestartet.

Auch wenn sein Tipp von 4:1 für Bra­si­lien um ein Tor zu opti­mis­tisch war, wird hier nächste Woche wei­ter­ge­feiert. Bis dahin hänge ich noch mehr Fahnen auf und werde die Straße bunt anmalen“, kün­digt Genival an. Von den Pro­testen heute Morgen hat er gehört. Aber ich bin froh, dass die weit weg sind“, sagt er. Hier bei uns wird gefeiert.“