Hin­ter­grund: Dieses Inter­view wurde bereits im Früh­jahr 2011 geführt. Die Ultras Ahlawy“ gehörten damals zu den aktivsten Kämp­fern der ägyp­ti­schen Revo­lu­tion. Nach der Kata­strophe beim Spiel Al-Masri gegen Al-Ahly in Port Said, bei der offenbar mehr als 70 Men­schen getötet und mehr als 1000 Men­schen ver­letzt wurden – viele von ihnen Ultras von Al-Ahly – werden die ersten Vor­würfe laut, die Aus­schrei­tungen hätten einen poli­ti­schen Hin­ter­grund gehabt. 11FREUNDE sprach mit Amr Fahmy, Spre­cher der UItras Ahlawy“, der größten Ultra-Grup­pie­rung des ägyp­ti­schen Tra­di­ti­ons­ver­eins.


Amr Fahmy, der bekannte Blogger Alaa Abd El-Fattah hat im ara­bi­schen Fern­seh­sender Al-Dscha­sira“ behauptet: Die Ultras von Al-Ahly haben bei der ägyp­ti­schen Revo­lu­tion eine wich­ti­gere Rolle gespielt als alle anderen poli­ti­schen Par­teien.“ Stimmt das?

Amr Fahmy: Nur teil­weise, denn die Aus­sage geht von einem fal­schen Punkt aus: In Muba­raks Ägypten exis­tierten andere Par­teien als seine Natio­nal­de­mo­kra­ti­sche Partei nur auf dem Papier. Für den Westen sah das nach Demo­kratie aus, aber die Rea­lität war eine andere, wie inzwi­schen wohl allen klar­ge­worden ist. Wäh­rend der Revo­lu­tion waren wir Ultras wie alle anderen jungen Ägypter auf der Straße – mit dem Unter­schied, dass wir orga­ni­siert sind. Das ist auch der Grund dafür, dass wir wäh­rend der Mubarak-Dik­tatur quasi die ein­zige wirk­lich exis­tie­rende Oppo­si­tion junger Ägypter waren.

Wie ist Ihre Grup­pie­rung orga­ni­siert?

Amr Fahmy: Die Ultras Ahlawy“ sind die größte Fan­gruppe des Klubs, unsere Mit­glieder stammen alle aus Kairo. Gemeinsam mit den Ultras Devils“, einer Gruppe aus Alex­an­dria, kon­trol­lieren wir heute die Talta Chimal, die Nord­kurve mit fast 40 000 Zuschauern. Diese beiden großen Gruppen sind in ver­schie­dene kleine Sek­tionen unter­teilt, die von jeweils zwei Anfüh­rern reprä­sen­tiert werden. Wir treffen uns jede Woche und planen gemeinsam das nächste Spiel: Wie viele Pyros brau­chen wir? Wie viel Mate­rial für die Cho­reo­grafie? Wer hat seinen monat­li­chen Bei­trag noch nicht bezahlt? Aber wir haben kein Klub­haus und keinen festen Treff­punkt – das hätte es der Polizei in der Ver­gan­gen­heit zu ein­fach gemacht, gegen uns vor­zu­gehen. Viel­leicht holen wir das jetzt nach.

Das ame­ri­ka­ni­sche Magazin Sports Illus­trated“ schreibt, dass Al-Ahly nicht nur der größte afri­ka­ni­sche Klub sei, son­dern auch die poli­tischsten Fans“ des Kon­ti­nents habe.

Amr Fahmy: Unser Verein hat eine klar natio­na­lis­ti­sche Ver­gan­gen­heit („Al-Ahly“ bedeutet über­setzt national“, d. Red.). Er war der erste rein ägyp­ti­sche Klub wäh­rend der eng­li­schen Kolo­ni­al­zeit, und die Revo­lu­tion gegen die Briten 1919 wurde ange­führt von Saad Zaghlul – der später Ver­eins­prä­si­dent von Al-Ahly wurde. Wir als Gruppe sind aber unpo­li­tisch und haben sowohl Kom­mu­nisten als auch Libe­rale, Anar­chisten oder Isla­misten in unseren Reihen. Nur Mubarak-Sym­pa­thi­santen wird man bei uns nicht finden.

Wie hat sich die Oppo­si­tion gegen Mubarak dar­ge­stellt?

Amr Fahmy: Wir haben uns seit unserer Grün­dung 2007 gegen seine Poli­zisten gewehrt und wurden dafür in den Medien als Ter­ro­risten und Gewalt­täter dar­ge­stellt. Wobei ich zugeben muss, dass wir nicht mit Pus­te­blumen geworfen haben.

Der Fuß­ball­jour­na­list Davy Lane schreibt, dass bei den Kämpfen mit Mubarak-Anhän­gern vor allem Ultra-Tak­tiken“ zum Ein­satz gekommen seien: Es gab zuge­wie­sene Stei­ne­werfer, Spe­zia­listen für das Umwerfen und Abfa­ckeln von Fahr­zeugen und Ver­sor­gungs­crews, die wie am Fließ­band Muni­tion nach­lie­ferten.“ Treffen seine Beob­ach­tungen zu?

Amr Fahmy: Diese Beschrei­bungen passen eher auf Anhänger der Mus­lim­brüder, die zu Beginn der Revo­lu­tion auf der Straße keine Rolle spielten, aber später bei den Kämpfen gegen die Pro-Mubarak-Frak­tion mit­ge­holfen haben. Wir sind in den Stra­ßen­kämpfen eher wie bei den Aus­ein­an­der­set­zungen im Sta­dion auf­ge­treten: geschlossen auf die Poli­zisten los, als sie ihre Knüppel aus­packten. Und Sie können mir glauben, dass wir mit prü­gelnden Poli­zisten in den ver­gan­genen Jahren sehr viele Erfah­rungen gemacht haben. Das war ein Krieg, und wir haben ihn gewonnen.

Hatte Ihre Gruppe dabei Opfer zu beklagen?

Amr Fahmy: Zwei Ultras sind bei den Stra­ßen­kämpfen ums Leben gekommen, am 25. und 28. Februar wurden sie von Poli­zisten erschossen. Wie viele von uns leicht oder schwerer ver­letzt wurden, kann ich nicht genau sagen. Es waren jeden­falls sehr viele.

Ultras sollen nicht nur an gewalt­samen Aus­ein­an­der­set­zungen betei­ligt gewesen sein, son­dern wurden auch wegen ihres orga­ni­sierten Auf­tre­tens als wichtig wäh­rend der Revo­lu­tion gepriesen. Wie muss man das ver­stehen?

Amr Fahmy: Mir ist das, ehr­lich gesagt, etwas zu viel der Hel­den­ver­eh­rung. Wir wollten keine Mär­tyrer sein, aber Ultras sind nun einmal anders als viele der anderen jungen wütenden Ägypter: Wir haben keine Angst vor der Polizei, denn schwin­gende Knüppel und Trä­nengas sind für uns nichts Neues. Es war ganz selbst­ver­ständ­lich, dass wir ganz vorne mit dabei waren, als die Men­schen auf der Straße kämpften.

Waren Sie auch dabei, als eine Bür­ger­wehr die Plün­de­rung des Ägyp­ti­schen Museums ver­hin­derte?

Amr Fahmy: Ja, ein paar von uns waren dort. Aber den Wider­stand hatten wir nicht exklusiv. Jeder Ägypter kennt die Bedeu­tung des Museums, und wir alle wollten ver­hin­dern, dass ein paar Idioten das Chaos nutzen und die ägyp­ti­sche Ver­gan­gen­heit zer­stören. Das haben wir geschafft, obwohl sich in der ganzen Zeit nicht ein Poli­zist hat bli­cken lassen.

Es gab Gerüchte, dass die Ultras Ihres großen Kon­kur­renten Zamalek SC auf der Seite Muba­raks gekämpft haben. Können Sie das bestä­tigen?

Amr Fahmy: Über unsere Rivalen ver­liere ich grund­sätz­lich kein Wort.

Die Revo­lu­tionen in Nord­afrika haben ihren Ursprung in Tune­sien genommen. Waren auch dort Fuß­ball­fans aktiv?

Amr Fahmy: Tat­säch­lich haben unsere Freunde, die Ultras von Espé­rance Tunis, bei der Revo­lu­tion eine ähn­liche Rolle gespielt wie wir in Ägypten. Das sind Brüder im Geiste, sie haben einen ähn­li­chen sozialen Back­ground wie wir und haben eben­falls seit Jahren gegen die Polizei gekämpft. Der Kon­takt zwi­schen uns besteht schon länger, wir haben uns schon mehr­fach gegen­seitig besucht. Und natür­lich spre­chen wir auf den Rängen über die Politik. Daran kommt man nicht vorbei, wenn man Tune­sier oder Ägypter ist.

Fuß­ball­spiele wurden zu Beginn der Revo­lu­tion ver­boten, inzwi­schen läuft der Spiel­be­trieb wieder. Was hat sich geän­dert?

Amr Fahmy: Nor­ma­ler­weise standen die Spiele unter Kon­trolle der Polizei. Wir haben schon häufig erlebt, dass einen Tag vor dem Spiel plötz­lich Poli­zisten vor unseren Türen standen und uns ins Gefängnis geworfen haben. Die Polizei hat uns wie Dreck behan­delt. Jetzt ist sie ver­schwunden und die Ver­eins­füh­rung hat uns die Sicher­heit des Sta­dions anver­traut. Nach all den Jahren der Repres­sion war das ein his­to­ri­scher Moment!

Wie war beim ersten Mal danach die Atmo­sphäre im Sta­dion?

Amr Fahmy: Das zu beschreiben ist eigent­lich unmög­lich, es war so atem­be­rau­bend! Als wir am 18. März das Spiel in der afri­ka­ni­schen Cham­pions-League-Qua­li­fi­ka­tion bestritten haben und sich die Talta Chimal ins Rot der Pyros färbte, als alle anfingen zu singen, da spürte man ein­fach zum ersten Mal das völ­lige Gefühl der Frei­heit. Man konnte es auf den Gesich­tern der Fans lesen: Hier stehen freie Ägypter, die keine Angst mehr haben müssen, dass jeden Moment eine Gum­mi­kugel in die Menge geschossen wird. Es war magisch.

Wird sich durch die Revo­lu­tion auch in den Fan­kurven etwas ändern?

Amr Fahmy: Auf jeden Fall. Dem Mubarak-Regime waren orga­ni­sierte junge Fuß­ball­fans schon immer ein Dorn im Auge. Fan­kultur, ganz beson­ders Ultra-Kultur, wurde in Ägypten jahr­zehn­te­lang unter­drückt, dabei sind wir ein fuß­ball­ver­rücktes Volk. Mubarak wollte beschei­dene Sklaven, dagegen hat sich das Land end­lich gewehrt.

Wie fühlt es sich an, plötz­lich nicht mehr als Abschaum“ beschimpft, son­dern als Frei­heits­kämpfer gefeiert zu werden?

Amr Fahmy: Abschaum waren wir nur für die Polizei und Mubarak, Respekt hat man uns schon vorher ent­ge­gen­ge­bracht. Nach den erfolg­rei­chen Final­spielen in der Cham­pions League 2008 gegen Coton Sport Garoua aus Kamerun hat deren Trainer bei der Pres­se­kon­fe­renz gesagt: Al-Ahly hatte heute einen Mann mehr auf dem Platz, und das waren die Ultras.“ Die Gazetta dello Sport“ nannte uns die Curva infer­nale“. Und als wir 2009 für zwei Monate in den Boy­kott traten, schrieben uns sogar die Spieler, wir sollten doch bitte wieder ins Sta­dion kommen.