Zwi­schen den Fei­er­tagen im Dezember waren wir nur zu dritt im Büro, täuschten aber den­noch über­zeu­gend vor zu arbeiten. Ich machte mich an die Über­set­zung des Inter­views vom Kol­legen David Winner für das anste­hende Spe­zi­al­heft Tore“. Er hatte den­je­nigen getroffen, dem bei diesem Thema allein ein Spe­zi­al­heft gebühren würde: Dennis Berg­kamp. Im Gespräch der beiden ging es um Berg­kamps magi­sche Treffer gegen Argen­ti­nien und New­castle.

Die Lek­türe war ein Genuss – fast so wie die Betrach­tung seiner Spiele. Berg­kamp reflek­tierte so klar und detail­liert, wie es nur sehr selten Fuß­baller ver­mögen, gleich­zeitig legte er in seinen Aus­füh­rungen zu den Toren seine eigene Spiel­phi­lo­so­phie dar: Ein Trick ist, nun ja, nur ein Trick. Für mich muss alles einen Nutzen haben, funk­tional sein. Die Kunst um der Kunst willen inter­es­siert mich nicht.“

Schwin­delig gelesen

Das Ende des Inter­views stellte mich und die Kol­legen aller­dings vor unge­ahnte Pro­bleme. Es ging darum, wie Arse­nals Legende Ian Wright von einem Berg­kamp-Tor im Trai­ning schwärmte, das alle anderen in den Schatten gestellt habe. Berg­kamp erin­nerte sich und legte wie­derum haar­genau dar, wie er seinen Gegen­spieler sei­ner­zeit aus­ge­spielt hatte. Allein die Zeilen auf dem Papier waren so kom­plex, als könne Berg­kamp bereits mit der bloßen Beschrei­bung seine Gegen­über schwin­delig spielen.

Jeder von uns dreien im Büro las die Pas­sage, dann schnappten wir uns einen Ball und ver­suchten den von Berg­kamp geschil­derten Bewe­gungs­ab­lauf prak­tisch nach­zu­stellen. Glück­li­cher Weise musste kein Kran­ken­wagen anrü­cken. So nach 15 Minuten hatten wir unge­fähr raus, wie er es ange­stellt haben musste. Wir setzten uns, bis der Erste sagte: Aber wäre das nicht krass, wenn er es wirk­lich so gemacht hat?!“ Stille. Dann: Ande­rer­seits… es war Berg­kamp.“

Er sprengte die Vor­stel­lungs­kraft

Und das fasst alles zusammen, was diesen Spieler aus­machte. Man traute ihm auf dem Rasen jede Bewe­gung zu, weil er mit seinen Aktionen schlicht oft genug die Vor­stel­lungs­kraft gesprengt hatte. Ich weiß noch, wie unser Eng­lisch­lehrer eines Mor­gens zum Unter­richt kam, seine Tasche abstellte und sich bedeu­tungs­schwer zu uns wandte. Vor der ver­sam­melten Klasse machte er Bewe­gungen nach, die er am Abend zuvor im Fern­sehen gesehen hatte. Dann schüt­telte er den Kopf und wie­der­holte es.

Er sagte: Berg­kamp gegen New­castle. So etwas habe ich noch nicht gesehen.“ Unser Eng­lisch­lehrer war super, er konnte uns sehr viel erklären und bei­bringen. Doch diese Bewe­gungen ver­standen wir nicht. Wie auch? Man kann es auch gar nicht nach­stellen, was Berg­kamp gegen New­castle gemacht hatte. Es war ein unglaub­li­ches Tor. Und Tore aus dieser Güte­klasse schoss Berg­kamp am Fließ­band (siehe 1998 gegen Argen­ti­nien). Er schaffte es, dass unser Eng­lisch­lehrer noch häu­figer ungläubig den Kopf schüt­telte als bei der Durch­sicht unserer Klas­sen­ar­beiten.