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Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Heute: Der schwere Abschied des Steven Ger­rard vom FC Liver­pool.

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Zu seiner eigenen Trau­er­feier erschien Steven Ger­rard in kurzer Hose. Wie die Trai­nings­jacke war sie, dem Anlass ange­messen, ganz in Schwarz gehalten, der auf­ge­stickte Liver Bird, das Wap­pen­tier des Liver­pool FC, schien vor lauter Nie­der­ge­schla­gen­heit die Flügel hängen zu lassen.

Er schätze sich glück­lich, sagte Ger­rard an diesem 3. Januar 2015, dem Tag, da er seinen Abschied nach 26 Jahren ver­kün­dete, dass er so lange für diesen glor­rei­chen Klub habe spielen dürfen. Tränen ver­gießen werde er jedoch erst nach seinem letzten Spiel in sechs Monaten, noch nicht jetzt. Er sagte das mit durchaus feuchten Augen. Sein Kinn neigte sich zur Brust, seine Stirn lag in Falten, die Stimme brach. Es ist aber auch wirk­lich eine schwere Prü­fung für einen Ver­blei­chenden, wenn er seinen Nachruf selbst halten muss. Tough“ sei das, sagte Ger­rard – was in Liver­pooler Mundart in etwa so klingt wie das Geräusch eines auf dem Erd­boden auf­schla­genden Liver Birds: tuff.

Das Jen­seits der Ex-Profis

Große Fuß­baller, wie Ger­rard einer war, zahlen einen hohen Preis für ihren Ruhm: Sie gehen zwei Mal von uns. Die end­gül­tige Abbe­ru­fung in hof­fent­lich hohem Alter haben sie mit uns Ama­teuren gemein. Doch schon lange zuvor, mit Mitte 30, betreten sie ein anderes Jen­seits: das Jen­seits der Ex-Profis.

Wirft dieser Tag seinen Schatten voraus, greifen sie zur schwarzen Bal­lon­seide und nehmen in meh­reren Trau­er­zy­klen Abschied. Von ihrer Mann­schaft und dem Trainer, von den guten Seelen des Ver­eins, den Mas­seuren, Zeug­warten, Bus­fah­rern. Von man­chen Geg­nern, die zu hassen ihnen unge­mein fehlen wird – lebe wohl, John Terry! Auch von ihrer Familie, die fortan nicht mehr die Familie eines großen Fuß­bal­lers, son­dern nur mehr die eines Ex-Profis sein wird, man sieht ein­ander dann womög­lich mit anderen Augen. Ger­rard erzählte an dem Freitag, seine drei Töchter hätten sich bis­lang nicht son­der­lich für seinen Beruf inter­es­siert. Als er ihnen seinen Ent­schluss, Liver­pool zu ver­lassen, mit­ge­teilt habe, seien sie aller­dings zusam­men­ge­bro­chen. Dreimal tuff.

Es zer­reißt mich.“

Von ihren Fans nehmen die großen Fuß­baller Abschied, und das ist beson­ders hart. Bei You­tube sieht man die Ger­rard-Ver­eh­rerin Haley Mas­terson aus dem nord­iri­schen Lis­burn in dem Moment, da sie die Schre­ckens­nach­richt erhält, ihre Tochter hat sie in der hei­mi­schen Küche gefilmt: Sie bricht in Kla­ge­laute aus, ihr Kopf prallt wieder und wieder auf die Tisch­platte. Warum?“, greint sie. Warum?“ Als eine Fern­seh­jour­na­listin, die Ger­rard zu seinem Abschied befragte, ihm die gesam­melten Reak­tionen seiner Anhänger vor­lesen wollte, hob er abweh­rend die Hand: Tun Sie es nicht. Das zer­reißt mich.“

Und nicht zuletzt nehmen die großen Fuß­baller Abschied von sich selbst als den jungen Män­nern, die sie einmal waren, deren Kraft nie­mals zu ver­siegen schien und schließ­lich den boden­losen Verrat beging, genau dies doch zu tun. Es ist eine bio­lo­gi­sche Krän­kung: Nach hun­derten Schlachten mit einer Erfah­rung ver­sehen, die die Biblio­thek von Alex­an­dria hätte füllen können, sind die großen Fuß­baller in der Lage, noch vor dem Ball zu wissen, wohin er zu rollen gedenkt, doch sie gelangen nicht mehr recht­zeitig an diesen Ort. Ihre Mus­keln, Sehnen, Bänder ver­sagen ihnen den Dienst. Phy­sio­the­ra­peuten beugen sich über sie und schüt­teln den Kopf wie Auto­me­cha­niker ange­sichts eines maroden Motors. Es geht nicht mehr, alter Knabe. Wie viele abtre­tende Super­stars sich wohl eine Kör­per­trans­plan­ta­tion gewünscht haben?

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Ger­rard mit seinem Jugend­freund Michael Owen, der den LFC jedoch 2004 in Rich­tung Madrid ver­ließ.

Ger­rard, 34 Jahre alt, wird diesen Ver­schleiß selbst erkannt haben, dia­gnos­ti­ziert hat ihn ein anderer: Anfang Dezember letzten Jahres rief Liver­pools Trainer Brendan Rod­gers seinen Kapitän zu sich ins Büro. Er muss sich gefühlt haben wie ein Mann, der eine lange Bezie­hung beendet, ein biss­chen auch wie einer, der dem Groß­vater bei­zu­bringen hat, dass es wohl besser wäre, dem­nächst ins Heim umzu­ziehen. Dieses Gespräch fand eher statt, als ich ange­nommen hatte“, sagte Ger­rard hin­terher. So wie alles, von dem man sich wünscht, dass es nie­mals kommen möge, nun mal noto­risch zu früh an der Türe klin­gelt.

Ger­rard hatte nach der Welt­meis­ter­schaft im Sommer seine Natio­nal­mann­schafts­kar­riere eigent­lich in der Absicht beendet, sich noch mehr auf seinen Klub zu kon­zen­trieren. Nun bekam er von seinem Trainer zu hören, er könne ihm nicht mehr garan­tieren, dass er in Zukunft stets von Anfang an spielen werde. Keine Option für Ger­rard: Seit ich 16 bin, gehe ich jeden Morgen zur Arbeit und bereite mich darauf vor, am Wochen­ende 90 Minuten zu spielen. Ich bin kein Bank­drü­cker.“ Den Ein­jah­res­ver­trag, der ihm nach der Unter­re­dung mit Rod­gers noch ange­boten wurde, unter­schrieb er nicht mehr. Er wird zur kom­menden Saison in die nord­ame­ri­ka­ni­sche Fuß­ball­liga zu LA Galaxy wech­seln.

Der Uner­müd­liche ist müde geworden.

Von Jamie Car­ragher, einem lang­jäh­rigen Weg­ge­fährten Ger­r­ards, musste sich Rod­gers hin­terher anhören, er habe den Kapitän um die Mög­lich­keit betrogen, seine Lauf­bahn daheim, bei seinem Liver­pool FC, zu beenden. Tat­säch­lich aber war der Trainer bloß mutig genug, ihn davor zu bewahren, dass seine Fans ihm beim Ver­greisen zuschauen, bis sie ihn eigen­händig vom Platz tragen müssen. Seit geraumer Zeit schon ver­schlossen sie ihre Augen geflis­sent­lich vor dem sich ein­schlei­chenden Alters­phlegma. Der einst Uner­müd­liche ist müde geworden. Ken Early, Chro­nist der Kar­riere Ger­r­ards, twit­terte noch am 3. Januar ein Stand­bild aus dem Trick­film Animal Farm“ nach George Orwell. Es zeigt das treue Arbeits­pferd Boxer, wie es an Erschöp­fung ster­bend am Boden liegt, umringt von wei­nenden Tieren. Es ist vorbei“, schrieb Early dazu, für Steve und den LFC.“

In der Tat geht nicht nur die Kar­riere eines großen Fuß­bal­lers zu Ende, son­dern die Geschichte eines Ver­eins, wie man ihn kannte. Steven Ger­rard war der letzte Lokal­held des Liver­pool FC, an dem seit Jahren die Inves­toren zerren, der nun end­gültig zu einem Fran­chise­nehmer zu ver­kommen droht, mit jähr­lich wech­selndem Per­sonal das Geschäfts­kon­zept der FA umsetzt und über dessen glo­ba­li­sierte Mit­tel­mä­ßig­keit jetzt keine Iden­ti­fi­ka­ti­ons­figur mehr hin­weg­täu­schen kann.

Ger­rard ist im Vorort Huyton auf­ge­wachsen, das wegen seiner dörf­li­chen Struktur the vil­lage genannt wird. Zuweilen fuhr er, mit wackelndem LFC-Duft­baum am Rück­spiegel, aus­wär­tige Jour­na­listen durch seine alte Nach­bar­schaft und zeigte ihnen die St. Michael’s School, in der er einst seine Traum­auf­stel­lungen ins Rechen­heft krit­zelte, und die Wiese an der Lickers Lane, auf der er kickte, bis die Nacht her­ein­brach – und oft noch lange danach. In der Mann­schaft der Zehn­jäh­rigen wurde er 1990 zum Spieler der Saison gewählt. Ger­rard war ein großer Kapitän“, heißt es in einem Bericht über eine Partie der Whiston Juniors gegen die All Saints Youth. Er schoss fünf Tore und riss alle mit.“

Er ver­steht sich auch heute noch als Reprä­sen­tant der Men­schen von Huyton, aus deren Mitte er an die Spitze gehoben wurde. Das Talent aber, das er ihnen voraus hatte, sollte nicht nur eine Gunst des Schick­sals sein, die ihn pri­vi­le­giert erscheinen ließ. Er wollte einer von ihnen bleiben. Ein Held zwar, aber einer aus der Arbei­ter­klasse. Ein arbei­tender Held. Ein hel­den­hafter Arbeiter. Ich bin stolz auf meine Her­kunft“, sagt er.

Besessen von fremder Glück­se­lig­keit

Folk­lore, wie sie jeder Klub kennt, der in seiner Stadt ver­wur­zelt sein oder zumin­dest so tun möchte. Doch bei Steven Ger­rard weist die Her­kunft über das zufäl­lige Gebo­rensein in einem belie­bigen Vorort hinaus: Der ganze Mann besteht aus Her­kunft, sie ist Beginn und Ende all seines Tuns. Man kann ihn aus dieser Stadt her­aus­holen, aber diese Stadt nicht aus ihm.

Als Rafael Benitez 2004 das Trai­neramt beim Liver­pool FC von Gérard Houl­lier über­nahm, bat er seine Spieler, mit einem Wort zu beschreiben, was sie zum Erfolg bei­zu­tragen hätten. Steven Ger­rard ant­wor­tete: Pas­sion.“ Das kann man mit Lei­den­schaft über­setzen. Und auch mit Lei­dens­ge­schichte. Sie muss man erzählen, wenn man erklären will, warum Steven Ger­rard so viel mehr als das Mas­kott­chen eines Arbei­ter­ver­eins ist wie etwa Kevin Groß­kreutz in Dort­mund. Warum er es für seinen Beruf hält, Wunder zu voll­bringen. Warum er besessen davon ist, seine Fans in einen Zustand der Glück­se­lig­keit zu ver­setzen, so flüchtig er auch sein mag.

Die Pas­sion Ste­vies begann 1989, und sie wird auch dann nicht enden, wenn Ger­rard seinen letzten Abpfiff hört. Es war das Jahr, in dem er in die Jugend­aka­demie des Liver­pool FC ein­trat, wo ihn das Klub­idol Steve Heighway unter seine Fit­tiche nahm. Und es war das Jahr, in dem sein Cousin Jon-Paul Gil­hooley starb, zer­quetscht im Hills­bo­rough Sta­dium zu Shef­field, als im Halb­fi­nale zwi­schen Liver­pool und Not­tingham Forest die West­tri­büne wegen unkon­trol­liert zuströ­mender Besu­cher zur Todes­falle wurde. Jon-Paul, zehn Jahre alt, war das jüngste von 96 Opfern. Er wollte einmal für den LFC spielen, diesen Traum teilte er mit Stevie. Die Ein­tritts­karte für das Halb­fi­nale hatte sein Onkel auf den letzten Drü­cker ergat­tert, Jon-Paul war schon auf dem Weg in die Schwimm­halle gewesen. Er starb im ein­zigen Kran­ken­wagen, den die über­for­derten Ein­satz­kräfte ins Sta­di­on­in­nere gelassen hatten.

Ich spiele für Jon-Paul.“

Es wäre anma­ßend, wenn man die Wech­sel­wir­kungen zwi­schen Steven Ger­r­ards frühen Erfolgs­er­leb­nissen und der Trauer um den auf solch tra­gi­sche Weise umge­kom­menen Cousin ent­wirren wollte. Doch so viel lässt sich dar­über sagen: Für ihn bleibt ein Platz im Kop auf ewig ver­waist, fehlt eine Stimme im Chor der Tau­senden. Jon-Paul wäre stolz auf dich“, sagten dessen Eltern Jackie und Ronnie zu Ger­rard, als er in den Kader der ersten Mann­schaft berufen wurde. Ich weiß, dass er mir zuschaut, ant­wor­tete Ger­rard. Wann immer er zu den Spielen ins Anfield Sta­dium fährt, hält er am Hills­bo­rough-Mahnmal an und steigt aus dem Wagen. Dann lese ich die Namen der­je­nigen, die nie mehr nach Hause kommen“, schreibt er in seiner Auto­bio­grafie. Bei einem halte ich inne: Jon-Paul Gil­hooley, zehn Jahre alt. Es ist wahr: Ich spiele für Jon-Paul.“

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Ger­rard und Car­ragher am 15. April 2009, 20 Jahre nach Hills­bo­rough.

Es ist eine der ergrei­fendsten Koin­zi­denzen der Fuß­ball­ge­schichte, dass Ger­r­ards Lauf­bahn beim Liver­pool FC in dessen dun­kelster Stunde begann, die zugleich Ger­r­ards Fami­li­en­tra­gödie ist. Sie erklärt seine Loya­lität zu diesem Klub, die ihn Mil­lio­nen­an­ge­bote, etwa vom Chelsea FC oder von Real Madrid, samt und son­ders hat aus­schlagen lassen. You’ll never walk alone: Wie könnte er diesen Klub, der spä­tes­tens seit 1989 auch eine Lei­dens­ge­mein­schaft ist, jemals im Stich lassen? Sie erklärt auch sein bei­spiel­loses Ethos aus Auf­op­fe­rung, Hin­gabe und Demut, das ihn bei seinem Abschied umso mehr erfüllte. Wenn er nur könnte, er würde die 96 Toten wieder zum Leben erwe­cken. Wenigs­tens in einem meta­phy­si­schen Moment, einem Sieg, dem Sieg schlechthin.

Dem Mann, der am 3. Januar auf einem roten Klapp­stuhl in einem fens­ter­losen Pres­se­raum in Mel­wood kau­erte, bleibt jetzt nur noch ein halbes Jahr Zeit, um ihn zu erringen. Drei Tage nach seiner Erklä­rung schoss er beide Tore zum 2:1‑Sieg gegen den AFC Wim­bledon in der dritten Runde des FA-Cups. Das Finale findet am 30. Mai in Wem­bley statt. Es ist Steven Ger­r­ards 35. Geburtstag.

Mario Balo­telli wird das nicht über­nehmen können.

I will work harder“, lautet das Lebens­motto des Gauls aus Orwells Roman. Härter als alle, härter als er selbst am vor­an­ge­gan­genen Tag. Dadurch sei jedes Pro­blem zu lösen, so glaubt er. Dass auch Ger­rard dieser Ansicht war und sie nicht selten beweisen konnte, wie etwa im Cham­pions-League-Finale 2005, als er seine Mann­schaft nach einem 0:3‑Rückstand gegen den AC Mai­land doch noch zum Sieg schuf­tete, hat ihn zur Ikone der Malo­cher­stadt Liver­pool gemacht. Doch dieser Mann kennt keinen Fei­er­abend. Wie soll er sich da unter dem Begriff Rente etwas vor­stellen? Wie soll er ertragen, dass seine Kräfte schwinden? Wer erle­digt denn jetzt all die Arbeit? Wer gedenkt der 96? Mario Balo­telli wird das nicht über­nehmen können.

Und so saß auf dem roten Klapp­stuhl, in kurzen Hosen und den Tränen nah, ein Unvoll­endeter. Unvoll­endet, nicht weil er nach mensch­li­chem Ermessen zu wenig erreicht hätte. Unvoll­endet, weil er sich schlichtweg zu viel vor­ge­nommen hatte für die paar Jahre, die ihm gegeben waren und die letzt­lich zusam­men­schnurren auf einen schnöden Palmarès, in dem all die Pas­sion unsichtbar bleiben muss.

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Ger­rard 2005 mit dem Cham­pions-League-Pokal, den er den 96 Opfern von Hills­bo­rough wid­mete.

Steven Ger­rard aber wollte in jeder Saison, in jedem Spiel, in jeder Minute Geschichte schreiben. Auch dann noch, als die Fans des Liver­pool FC, dieses selbst so geschichts­träch­tigen und ‑ver­ses­senen Klubs, in der die Gegen­wart sofort zur Ver­gan­gen­heit gerinnt und jede halb­prä­zise Flanke history in the making ist, ihn längst zur Legende aus­ge­rufen hatten. 2013 hoben sie ihn, vorbei am eigent­lich unüber­treff­li­chen Kenny Dalg­lish, auf Platz eins ihrer Liste 100 Players Who Shook The Kop“.

Ohne jeden Zweifel hat er die Men­schen auf der berühm­testen aller Steh­tri­bünen – und nicht nur dort – erzit­tern lassen, und das hun­derte Male. Und doch glaubt er noch immer, ihnen etwas schuldig geblieben zu sein. Mehr sol­cher Momente archai­scher Schön­heit wie seinen Vol­ley­treffer in der 86. Minute gegen Olym­piakos Piräus, der den Weg wies zum Gewinn der Cham­pions League 2005. Den eng­li­schen Meis­ter­titel womög­lich, auf den sie seit 1990 ver­geb­lich warten. Sein Aus­rut­scher in der Partie gegen Chelsea am 36. Spieltag der ver­gan­genen Saison, der Demba Ba das 1:0 ermög­lichte und Liver­pool die Tabel­len­füh­rung kos­tete, haben sie ihm ver­ziehen – er sich selbst ver­mut­lich nicht. Er sah alt aus in dieser ver­hee­renden 45. Minute, in dop­pelter Hin­sicht. Ich wünschte, ich wäre noch einmal 24“, sagte er unlängst. Daraus sprach nicht nur Nost­algie, son­dern auch Scham, dass er tat­säch­lich schon 34 ist. Dass er seinen Fans, neben vielem anderen, auch noch die ewige Jugend schuldig geblieben ist. Dass er unver­rich­teter Dinge abtreten muss. Dass er nur alles gegeben hat. Aber eben nicht mehr.

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Ger­rard blickt Demba Ba hin­terher – und der Meis­ter­schaft 2014.

Und so prangt über Steven Ger­r­ards Abschied die Frage: Hätte er mehr erreicht, wenn er weniger gewollt hätte?

Ich bin zum Tack­ling geboren.“

In seiner Auto­bio­grafie findet sich eine Pas­sage, die den schmalen Grat mar­kiert zwi­schen unbe­dingtem Willen und blindem Aktio­nismus. Ger­rard schreibt über seine Liebe zum Zwei­kampf: Ich bin zum Tack­ling geboren. Für die meisten Profis ist es eine Methode der Ver­tei­di­gung, für mich ist es ein Adre­na­lin­rausch. Der Anblick einer geg­ne­ri­schen Mann­schaft in Ball­be­sitz macht mich krank. Ich muss mir den Ball zurück­holen, er gehört mir. Das Tack­ling ist ein Zusam­men­stoß, der die Feig­linge von den Tap­feren trennt.“ Das klingt wie die naiven Pro­saver­suche eines Vor­stop­pers aus dem Jahr­buch einer The­ken­truppe – erst recht, wenn man es mit einer Aus­sage von Claude Maké­lélé ver­gleicht, dem Groß­meister der Grät­sche vom Chelsea FC: Zusam­men­stöße sollte man unbe­dingt ver­meiden. Sie ver­wan­deln Energie in Schmerz. Du musst nur irgendwie den Zeh an den Ball bringen, das war’s schon.“

Über­eifer und fuß­bal­le­ri­sches Pathos kenn­zeich­neten den jungen und den mitt­leren Ger­rard. Die Effi­zienz Maké­lélés blieb ihm fremd, ebenso die Arro­ganz Patrick Vieiras, des Grand­sei­gneurs vom Arsenal FC, und die Bru­ta­lität Roy Keanes, des Beel­ze­bubs von Man­chester United, der mit einem Foul den Willen einer ganzen Mann­schaft bre­chen konnte, um sich dann hämisch grin­send in die Kata­komben zu ver­ab­schieden. Mini­ma­lismus? Für Ger­rard zählte nicht nur die eine Szene, son­dern alles. Gib alles, oder du ent­täuschst alle.

Sicher, die nackte Angst, den Erwar­tungen nicht zu genügen, moti­vierte ihn und machte aus ihm einen weitaus spek­ta­ku­lä­reren Spieler, als Maké­lélé, Vieira und Keane es je waren – doch nicht selten quälte sie ihn auch. Seinem ersten Pre­mier-League-Ein­satz von Beginn an, gegen Tot­tenham im November 1998, als ihn David Ginola an der White Hart Lane nach allen Regeln der Kunst abkochte, widmet er in seiner Auto­bio­grafie gleich meh­rere Seiten. Ginola war heiß“, schreibt er. Er hat mich ver­arscht. Geh weg, kleiner Junge, schien er zu sagen. Du bist nicht gut genug. Komm wieder, wenn du dich mit mir messen kannst. Ich stol­perte durch einen Alb­traum. Ich war ein Ner­ven­bündel.“ Und so geht es weiter mit der Selbst­kas­teiung. Sein erstes Tor, das er ein Jahr darauf nach einem ful­mi­nanten Solo­lauf gegen Shef­field Wed­nesday schoss, die eigent­liche Erwe­ckung des kom­menden Super­stars, han­delt er hin­gegen in einer ein­zigen Zeile ab.

Dein Baro­meter steht immer auf Sturm.“

Es musste erst das Gegen­stück zum dra­ma­tisch ver­an­lagten, indi­vi­dua­lis­ti­schen Ger­rard den Weg nach Liver­pool finden, um ihn zu einem wahren Welt­klas­se­spieler zu formen: der kon­trol­lierte Kol­lek­ti­vist Rafael Benitez. Aus Valencia kom­mend, war er zunächst unbe­lastet von der schick­sals­schweren Geschichte des Liver­pool FC (was sich im Laufe seiner mehr als sechs Jahre Amts­zeit frei­lich ändern sollte, er wurde zu einem der großen Unter­stützer der Hin­ter­blie­benen von Hills­bo­rough bei ihrem Kampf um Gerech­tig­keit). Er warf einen nüch­ternen Blick auf Ger­rard und sprach: Dein Pro­blem ist, dass du zu viel durch die Gegend rennst. Dein Baro­meter steht immer auf Sturm.“

Ganz war ihm die Inbrunst nicht aus­zu­treiben, also ent­schied sich Benitez, nicht gegen die Natur seines besten Mannes zu arbeiten, son­dern mit ihr: Er beor­derte ihn aus der Zen­trale auf den rechten Flügel, als attacking mid­fielder. Zwar emp­fand Ger­rard das als Degra­die­rung und machte daraus auch keinen Hehl, doch tat­säch­lich waren die Jahre unter Benitez die besten seiner Kar­riere. Dieser Trainer war der erste und blieb der ein­zige, der erfasste, dass Ger­rard kein Diri­gent war, der ein Gespür für ver­schie­dene Tempi gehabt hätte. Er kannte nur die Höchst­ge­schwin­dig­keit.

Der Diri­gent des Liver­pool FC in jener Zeit war Xabi Alonso. Als dieser 2009 zu Real Madrid wech­selte und Benitez’ Nach­folger, der Tra­di­tio­na­list Roy Hodgson, Ger­rard wieder in die Mitte zog, kol­la­bierte die Mann­schaft – und der Kapitän ver­schliss sich auf seiner fal­schen Posi­tion im ver­zwei­felten Kampf gegen den Nie­der­gang. Die Folge: eine kom­pli­zierte Leis­ten­ver­let­zung und eine sechs­mo­na­tige Pause, die längste seiner Kar­riere. Damals, im Früh­jahr 2011, muss er eine Vor­ah­nung bekommen haben, wie es sein könnte, einmal nicht mehr Spieler des LFC zu sein. Bei seinen gele­gent­li­chen Gast­auf­tritten als Experte bei Sky Sports wirkte er bereits ähn­lich beklommen wie nun bei seiner Trau­er­feier knapp vier Jahre später.

Ger­rard ist ein Zweifler, ein intro­ver­tierter, zuweilen melan­cho­li­scher Mann. Anders als etwa Graham Sou­ness, einer seiner Vor­gänger, der in der Kop-Erschüt­te­rungs­rang­liste zehn Plätze unter ihm ran­giert, ist er kein gebo­rener Anführer. In seiner Auto­bio­grafie schreibt er über den Moment vor seiner Ein­wechs­lung gegen die Black­burn Rovers, seinem Debüt in der Pre­mier League: Ich konnte die Skepsis in den Gesich­tern der Leute sehen. Ich konnte hören, wie sie fragten: Wer ist dieser kleine, dünne Typ? Hof­fent­lich kommt er nicht rein!“ Sou­ness hin­gegen, der zur Bla­siert­heit nei­gende Exzen­triker, mar­schierte im zarten Alter von 17 zu seinem Trainer und schnauzte ihn an: Warum spiele ich nicht, ver­dammt? Wir wissen beide, dass es keinen Bes­seren gibt!“ Es ist also durchaus erstaun­lich, dass sie Steven Ger­rard, diesen Fuß­ball-Apo­re­tiker, in Liver­pool zum grea­test of all cap­tains erkoren haben. Er sei wohl, schreibt Chro­nist Ken Early, der grüb­le­ri­sche Kopf einer Insti­tu­tion, die von der Angst vor ihrem Nie­der­gang heim­ge­sucht ist“.

Kick und Rush in einer Person?

Eine Über­le­gung, die jen­seits der Mer­sey­side nur schwer zu ver­stehen ist. Bereits zu seiner aktiven Zeit ist die Debatte um Ger­r­ards Platz in der Ahnen­ga­lerie des eng­li­schen Fuß­balls ent­brannt. Wo ordnet man einen ein, der nie Meister geworden ist und auch mit der Natio­nal­mann­schaft nicht viel gerissen hat (womit er nicht der Ein­zige ist)? War er ein begna­deter All­rounder? Oder einer, der alles ein biss­chen konnte, aber nichts außer­ge­wöhn­lich gut? War er auf der Höhe seiner Zeit? Oder doch ein über­kom­mener Spieler, der, statt den Ball zu passen, mit ihm am Fuß durchs Mit­tel­feld in Rich­tung Tor stürzte wie ein vom Himmel Fal­lender – Kick and Rush in einer Person? Die einen sagen, er sei besser als David Beckham gewesen. Die anderen sagen, Beckham habe gar nicht besser sein müssen, weil er Roy Keane, Paul Scholes und Ryan Giggs in seiner Mann­schaft hatte. Als Sir Alex Fer­guson, jah­re­lang Trainer des Erz­ri­valen Man­chester United, im Oktober 2013 im Lon­doner Insti­tute of Direc­tors seine Auto­bio­grafie vor­stellte, sah er die Zeit gekommen, genüss­lich nach­zu­karten. Ger­rard sei, dozierte er vom Podium herab, in seinen Augen kein Top-Spieler, son­dern viel­mehr ein Prahl­hans, der seinen Status einzig seiner Ange­berei zu ver­danken habe.

Er wollte es allein richten.“

Das wie­derum ist jen­seits von Sir Alex Fer­gu­sons Gehirn nur schwer zu ver­stehen. Ger­rard neigte zwar zur Emphase, wenn er in pries­ter­li­chem Ton von seiner Mis­sion sprach, aber doch nur, um sich selbst immer wieder von deren Not­wen­dig­keit zu über­zeugen. Hätte ein Prahl­hans die Ange­bote der Spit­zen­klubs (dar­unter auch, man höre und staune, eines von Man­chester United) aus­ge­schlagen – und damit die Chance ver­strei­chen lassen, mehr Titel zu holen als mit dem LFC, der für die meiste Zeit seiner Kar­riere eine mit­tel­präch­tige Truppe war, deren Niveau er allein anhob?

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Ger­rard in bei­nahe schmerz­li­cher Umar­mung mit seinen Fans. Werden sie ihn je los­lassen?

Ger­rard blieb bei seinem Klub, bei den Men­schen aus Huyton, an der Anfield Road, vor dem Kop, unter dem Blick seines Cou­sins Jon-Paul. Er opferte seine Chance, um die Chancen des Liver­pool FC zu ver­bes­sern. Sein ehe­ma­liger Mann­schafts­ka­merad Craig Bel­lamy sagt: Stevie war immer der Beste von uns. Wir konnten eigent­lich nur gewinnen, wenn er einen guten Tag hatte. Das hat dazu geführt, dass er sich zu viel zuge­mutet hat. Er wollte es allein richten. Und wir wollten das auch, der ganze Verein wollte es. Das ist eine große Last auf den Schul­tern eines ein­zigen Mannes.“

Von dieser Last Abschied zu nehmen, sie abzu­schüt­teln nach 16 Jahren als Profi des Liver­pool FC und end­lich einen Schritt her­aus­zu­treten aus dem Bann­kreis der tra­gi­schen Geschichte dieses Ver­eins – es wird Steven Ger­rard hof­fent­lich leichter fallen, als er ange­nommen hat. In den Tagen nach seiner Trau­er­feier in Mel­wood wirkte er jeden­falls schon gelöster. Der Ver­trag in Los Angeles war unter­schrieben, mit 35 wech­selt er zum ersten Mal den Verein, zieht zum ersten Mal in eine andere Stadt.

Ich freue mich darauf“, sagte er. In Liver­pool ist es manchmal nicht ganz leicht, Steven Ger­rard zu sein.“