Timing ist keine Stadt in China. Chris­tian Sei­fert hat in seiner 15-jäh­rigen Amts­zeit als Geschäfts­führer der DFL oft ein gutes Gespür für Trends und gesell­schaft­liche Gefühls­lagen bewiesen. Anders wäre nicht zu erklären, dass es dem Dach­ver­band der Bun­des­li­gisten unter seiner Füh­rung gelang, die Erlöse für TV-Rechte von 300 Mil­lionen Euro in der Saison 2005/06 auf zwi­schen­zeit­lich 1,16 Mil­li­arden jähr­lich hoch­zu­schrauben. Und auch bei Wahl seines Abschieds vom Pro­fi­fuß­ball hat Sei­fert den Zeit­punkt sehr sorg­fältig gewählt.

Am Morgen ver­öf­fent­lichte der DFL-Manager eine Pres­se­mel­dung, in der er mit­teilte, seinen lau­fenden Ver­trag bei der Liga nach Ablauf im Juni 2022 nicht mehr zu ver­län­gern. Dies sind anspruchs­volle Zeiten, die danach ver­langen, Klar­heit und Ver­läss­lich­keit zu schaffen. Das gilt für die DFL als Ganzes und auch für meine beruf­li­chen Ambi­tionen,“ heißt es in der Stel­lung­nahme. Der 51-Jäh­rige möchte sich zukünftig neuen Auf­gaben widmen. Er wird keine Pro­bleme haben, eine lukra­tive Anschluss­ver­wen­dung zu finden. Kaum ein deut­scher Wirt­schafts­führer stand in den ver­gan­genen Jahren derart in der Öffent­lich­keit und glänzte dabei stetig mit ver­bes­serten Bilanzen und mode­rierte diese Erfolge zudem mit einer sehr beson­nenen und boden­stän­digen Art.

Die Liga als zen­traler Bestand­teil der Unter­hal­tungs­branche

Unter Sei­ferts Ägide stiegen nicht nur die TV-Ein­künfte exor­bi­tant an, er sorgte auch dafür, dass der Liga durch die Grün­dung des haus­ei­genen Broad­cas­ters Sport­cast“ ab 2006 eine auf Hoch­glanz getrimmte Insze­nie­rung wider­fuhr. Wie hoch Sei­fert über all die Jahre im Kurs bei seinen Gesell­schaf­tern stand, zeigt allein die Tat­sache, dass in dieser Zeit keine gra­vie­rende Kritik an seiner Person oder seiner Arbeits­weise von den gemeinhin leicht ent­flamm­baren Bossen beim FC Bayern oder dem BVB akten­kundig wurde.

Der ehe­ma­lige MTV-Manager und Kar­stadt­Quelle-Vor­stand hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er den Pro­fi­fuß­ball als zen­tralen Bestand­teil der Unter­hal­tungs­branche ver­steht. Als er im Februar 2005 in die Geschäfts­füh­rung der DFL wech­selte, konnte der Zeit­punkt kaum besser sein. Ein gutes Jahr vor der WM waren überall in Deutsch­land kon­su­men­ten­freund­liche Sta­dien ent­standen. In diesem Umfeld ließ sich die Liga per­fekt als Pre­mi­um­pro­dukt für eine neue, zah­lungs­kräf­tige Kund­schaft ver­markten. Die Euphorie rund um das Som­mer­mär­chen“ erhöhte die Attrak­ti­vität noch und so schüt­telte der Fuß­ball auch ohne viel Zutun des Liga­ver­bands sein alt­her­ge­brachtes Schmud­deli­mage ab. Sei­fert und seine Leute im Frank­furter Haupt­quar­tier taten das, was von guten Mana­gern ver­langt wird: Sie über­führten die Bun­des­liga ins Zeit­alter der ent­hemmten Kom­mer­zia­li­sie­rung – und machten Kohle für ihre Auf­trag­geber.

Coole Maß­an­zug­träger vs. DFB-Ver­eins­meier

Die Art ihres Auf­tritts passte in den Zeit­geist. Wäh­rend bei der Natio­nalelf plötz­lich Stren­esse-Popper wie Oliver Bier­hoff und Jogi Löw den Ton angaben, bil­deten Sei­ferts coole Maß­an­zug­träger den moder­nis­ti­schen Gegen­satz zu den hemds­är­me­ligen Ver­eins­meiern an der Otto-Fleck-Schneise.

Sei­fert hat zen­tral mit­ge­wirkt, wie der deut­sche Fuß­ball heute in die Gesell­schaft gesehen wird: Er sorgte dafür, dass es die Bun­des­liga jah­re­lang als hei­ßeste Ware im Enter­tain­ment­regal galt. Als bunter Zirkus, dem sich nie­mand ent­ziehen konnte, der irgendwie auf der Höhe der Zeit sein wollte. Sei­fert ist aber auch mit­ver­ant­wort­lich, dass das Busi­ness sich in den Jahren zuneh­mend von Teilen seiner Anhän­ger­schaft ent­frem­dete.

Unter seiner Füh­rung gelang es der DFL noch im Schatten der Corona-Pan­demie ein Fern­seh­ver­trag aus­zu­han­deln, der den Ver­einen erneut 4,4 Mil­li­arden Euro (1,1 Mrd. pro Jahr) bis 2025 garan­tiert. Was er den Men­schen indes nicht über­zeu­gend dar­legen konnte, ist, wie diese enormen Summen (und die daraus resul­tie­renden Kosten für den Kon­su­menten) noch in einem Ver­hältnis zu den gesell­schaft­li­chen und ethi­schen Grund­satz­fragen ange­sichts dieser Krise stehen. Doch er wird diesen Schön­heits­fehler in seiner Bilanz ebenso ver­schmerzen können, wie die Tat­sache, dass es ihm trotz etli­cher Anstren­gungen nie gelungen ist, die Bun­des­liga im glo­balen Ver­gleich auf eine Top-Posi­tion zu hieven. Obwohl die DFL in der abge­lau­fenen Saison 250 Mil­lionen Euro aus der inter­na­tio­nalen Ver­mark­tung erlöste – 2008/09 waren es 20 Mil­lionen Euro –, liegt die deut­sche Liga im TV-Ran­king wei­terhin nur auf Platz vier hinter der Pre­mier League (1,63 Mil­li­arden), La Liga (897 Mil­lionen) und der Serie A (371 Mil­lionen).

Rück­tritt auf dem Höhe­punkt

So oder so erklärt Chris­tian Sei­fert seinen Rück­tritt auf dem Höhe­punkt. Der DFL-Geschäfts­führer hat für expo­nen­tiell stei­gende Ren­diten gesorgt. Er hat es ver­mocht, den Inter­es­sen­ver­band trotz zahl­rei­cher Kon­flikt­herde auf Linie zu trimmen und nach außen als Ein­heit zu ver­kaufen. Und last but not least hat er sich in den ver­gan­genen Monaten auch den Ruf eines robusten Kri­sen­ma­na­gers erworben. Das Hygie­nekon­zept der DFL und die rasante Rück­kehr zum Spiel­be­trieb doku­men­tieren ein über­zeu­gendes Pilot­pro­jekt, das welt­weit Nach­ahmer gefunden und Sei­fert den tief­emp­fun­denen Respekt von Kol­legen und Kon­kur­renten ein­ge­bracht hat. Selbst kri­ti­sche Stimmen geben zu, dass die Lehren aus der Wie­der­auf­nahme des Spiel­be­triebs posi­tive Abstrah­lungen auf den all­ge­meinen Umgang mit dem Virus gehabt hat.

Doch die Her­aus­for­de­rungen werden nicht weniger, das weiß Sei­fert. Gut mög­lich, dass ihn die Corona-Krise zum Nach­denken gebracht. In Inter­views bekun­dete er mehr­fach, dass er einige schlaf­lose Nächte gehabt habe und anfangs ratlos gewesen sei, wie es mit der Bun­des­liga wei­ter­gehen kann. Klar ist: Die fetten Jahre sind erst einmal vorbei. Die gute Lobby-Arbeit, die er seit jeher bei Geld­ge­bern und Politik betreibt, muss sich zukünftig ver­stärkt auch auf sozialer Ebene abspielen, wenn die DFL das ange­knackste Image des Pro­fi­fuß­balls repa­rieren will. Solche Gespräche sind anstren­gend – und selten von zähl­baren Erfolgen gekrönt.

Gerade des­halb hat Sei­fert eine Task Force Zukunft Pro­fi­fuß­ball“ ins Leben gerufen, in der 35 Per­sonen aus unter­schied­li­chen Berei­chen (u.a. auch 11FREUNDE-Chef Philipp Köster) Ent­wick­lungen der Ver­gan­gen­heit reflek­tieren und gang­bare Wege für die Zukunft“ ent­werfen“ sollen. Dabei stehen auch so kon­flikt­be­la­dene Themen wie Wett­be­werbs­ba­lance, Zah­lungs­ströme, gesell­schaft­liche Ver­an­ke­rung, Ethik-Richt­li­nien, Fan-Inter­essen, wirt­schaft­liche Sta­bi­lität und die För­de­rung des Frau­en­fuß­balls mit auf der Agenda. Ver­ein­facht gesagt geht es bei der Task Force darum, wie der Pro­fi­fuß­ball seiner gesell­schaft­li­chen Ver­ant­wor­tung wieder mehr gerecht werden kann. Um die Frage, welche Bedeu­tung der Fuß­ball und seine Prot­ago­nisten für die Men­schen in Zukunft haben können und wollen.

Einer Zukunft, die nun ohne den DFL-Manager Chris­tian Sei­fert statt­finden wird.