Wenn Sätze mit der Floskel Man muss ihn nicht mögen“ ein­ge­leitet werden, lassen sich zwei Dinge fel­sen­fest vor­aus­sagen. Ers­tens: Es folgt eine Ein­schrän­kung. Zwei­tens: Der Absender dieser Worte hat nicht die Eier, seine ehr­liche Mei­nung zu sagen. Weil er sich ein biss­chen schämt, jemanden eben doch zu mögen, den man eigent­lich nicht mögen muss. Nicht mögen sollte. Viel­leicht sogar nicht mögen darf.

Nun fällt die Floskel Man muss ihn nicht mögen“ eigent­lich immer, wenn es um Cris­tiano Ronaldo geht. Denn der Por­tu­giese macht einem das mit dem Mögen nicht leicht. Sein Ego über­steigt die Grenzen des Ertrag­baren um ein Viel­fa­ches. Sein Leben gleicht eher einem Hol­ly­wood­film, denn dem eines Hoch­leis­tungs­sport­lers. Jede seiner Bewe­gungen wirkt ein­stu­diert wie das gezwun­gene Lächeln eines C‑Promis beim Einzug ins Dschun­gel­camp. Ronaldo ist die Defi­ni­tion von aal­glatt, gleich mehr­fach che­misch gerei­nigt. Ein mensch­li­cher Zucht­bulle. Sein Ala­bas­ter­körper bringt viele Frauen um den Ver­stand, und noch mehr Männer dazu, vor lauter Wut kleine Kat­zen­babys zu treten. Cris­tiano Ronaldo löst bei einem Teil der Fuß­ball­welt Orgasmus-Vor­stufen aus, bei dem anderen Ekel. Weil alles, was er tut, pro­vo­ziert.

Er will doch nur geliebt werden

Das macht er nicht mit Absicht. Zumin­dest nicht immer. Und auch, wenn das nie jemand zugeben würde, macht er sogar auch ein biss­chen nei­disch. Weil er alles hat, was man nie­mals errei­chen wird. Neid ist keine große Hilfe, wenn es darum geht, die Herzen von Fuß­ball­fans zu erobern.

Aber genau das will Ronaldo. Er will wie jeder Mensch geliebt werden. Von kleinen Kin­dern wie von erwach­senen Men­schen. Von seinen Kri­ti­kern, von Offi­zi­ellen, wahr­schein­lich sogar von der gesamten Tier­welt. Er will das Maximum und defi­niert sich des­wegen über maxi­malen Erfolg, über atem­be­rau­bende Rekorde, über große Titel. Und er will nach 2008 noch einmal Welt­fuß­baller werden. Nach drei zweiten Plätzen (2009, 2011, 2012) nimmt seine Jagd nach dem gol­denen Ball mit­unter tra­gi­sche Züge an. Zuletzt machte sich sogar Fifa-Boss Sepp Blatter – einer der Wenigen, dessen Sym­pa­thie­werte noch unter denen des Por­tu­giesen liegen – über Ronaldo lustig. In aller Öffent­lich­keit. Es war eine Demü­ti­gung.

Jah­re­lang wurde Ronaldo zudem vor­ge­halten, dass er zwar wie am Fließ­band Tore schießen könne, in den wirk­lich großen Spielen aber regel­mäßig auf­tritt, als spe­ku­liere er auf einen gelben Schein. Es schien, als treibe ihm das Wort Cla­sico“ die Kraft aus den Glie­dern, als würden Tur­nier­du­elle mit der deut­schen Natio­nal­mann­schaft auf ihn ähn­lich erqui­ckend wirken wie vier Wochen Dau­er­durch­fall. Das machte ihn angreifbar. Wer mit einem Panzer aus Selbst­be­wusst­sein durch das Leben stol­ziert, bei dem werden kleine Schwä­chen schnell zum über­großen Makel auf­ge­bauscht.

Ges­tern zog Ronaldo im Playoff-Spiel zur Welt­meis­ter­schaft 2014 gegen Schweden jedoch eine Show ab, die das Bild des Schwanz ein­zie­henden Fuß­ball­mons­ters ins Wanken brachte. Zusammen mit seinem Ego­bruder im Geiste, Zlatan Ibra­hi­movic, lie­ferte sich der 28-Jäh­rige ein epi­sches Duell der Fuß­ball­su­per­kräfte. Schoss Ronaldo das 1:0, legte Zlatan per Dop­pel­pack zum 2:1 nach. Und just als man glaubte, man hätte irr­tüm­lich ver­gessen die Kon­sole abzu­schalten, lief der Por­tu­giese schon wieder den nächsten Konter. 2:2. Und noch einen. 3:2. Von den vier Tref­fern, die Por­tugal in den beiden Playoff-Spielen erzielte, macht Ronaldo vier. Er traf per Flug­kopf­ball, mit links, mit rechts, aus der Bedrängnis, frei­ste­hend, er traf wie er wollte.

Muss man ihn am Ende lieben?

Und als er nach dem gest­rigen 1:0‑Führungstreffer für eine Hun­derts­tel­se­kunde lang mal Mar­ke­ting­kam­pa­gnen, Image­werte und ein­stu­dierte Posen vergaß und ein­fach nur vor Freude die Arme in die Höhe riss wie ein kleines Kind, da dachte man heim­lich still und leise: Man muss ihn nicht mögen, aber wahr­schein­lich ist Cris­tiano Ronaldo der­zeit tat­säch­lich das Beste, Schönste und Spek­ta­ku­lärste, was der Fuß­ball zu bieten hat.

Heute wurde bekannt, dass die Wahl­pe­riode für den Welt­fuß­baller des Jahres“ noch bis Ende November ver­län­gert wird. Es läuft alles auf einen Zwei­kampf zwi­schen Ronaldo und Franck Ribery heraus. Ver­dient hätten es beide. Und doch wäre es eine Ironie des Schick­sals, wenn der Titel am Ende tat­säch­lich an den Por­tu­giesen gehen würde. Der hat näm­lich jüngst seine Ein­la­dung zur Preis­ver­lei­hung abge­sagt, weil er keine Lust hatte, von Sepp Blatter für eine wei­tere schmie­rige Fami­li­en­ver­söh­nungs­in­sze­nie­rung miss­braucht zu werden. Davor muss man den Hut ziehen, denn das hat Cha­rakter. Ein sel­tenes Gut im modernen Fuß­ball. Und so besteht die Hoff­nung, dass wir viel­leicht doch noch einen Cris­tiano Ronaldo kennen lernen, denn man nicht mögen muss – son­dern lieben sollte.