Seite 2: „Manchmal ist Fußball wie Geometrie!“

Sie sind einer der wenigen Spieler, die sowohl für Real Madrid als auch für den FC Bar­ce­lona gespielt haben. Hatten Sie keine Gewis­sens­bisse beim Wechsel?
Ich kann mich noch genau erin­nern, wie im Sommer 1994 mein Telefon geklin­gelt hat und Johan Cruyff am anderen Ende der Lei­tung war. Cruyff war ein Held meiner Jugend, der beste Zehner aller Zeiten. Ich war fünf Jahre alt, als ich ihn zum ersten Mal spielen sah, seitdem habe ich ihn bewun­dert. Dass er mich per­sön­lich aus­wählte, machte mich unglaub­lich stolz.

Was bewun­derten Sie an ihm?
Seine Technik und seinen Füh­rungs­stil. Alles, was er machte, sah so ein­fach aus.

Hatten Sie als Cruyffs Wunsch­spieler einen Vor­teil in der Mann­schaft?
Nein. Cruyff war extrem anspruchs­voll. Keiner durfte sich irgend­etwas erlauben. Einmal hat er mich zwei Monate lang aus dem Kader gestri­chen.

Wes­halb?
Große Per­sön­lich­keiten sind immer etwas eigen.

Hatten Sie schlecht trai­niert?
Nein, wir hatten in der Kabine einen kleinen Disput. Alles unter vier Augen. Ich habe aber dar­über mit der Presse gespro­chen, das war ein Fehler. Am nächsten Tag stand es in der Zei­tung und Cruyff sagte zu mir: Was wir reden, bleibt zwi­schen dir und mir.“ Danach war ich erst mal draußen. Ich musste jeden Tag, in jedem Trai­ning kämpfen. Am Ende durfte ich wieder spielen. Es war eine Lek­tion fürs Leben. Cruyff war der beste Trainer, den ich je hatte. Alles was ich weiß, habe ich von ihm.

Wel­cher Verein hatte die bes­seren Zehner: Bar­ce­lona oder Real?
Ich ent­scheide mich für die Links­füße, und Bar­ce­lona hatte immer groß­ar­tige Links­füße. Lionel Messi, Diego Mara­dona, Gheorghe Hagi. (Lacht.)

Sie wurden Mara­dona der Kar­paten“ genannt. Emp­fanden Sie das als Lob oder als Her­ab­wür­di­gung Ihrer Leis­tung?
Ich war sehr stolz, denn Diego war ein­zig­artig. Aber nach und nach haben die Leute mich besser ken­nen­ge­lernt. Je mehr ich gespielt habe, desto öfter haben sie meinen Namen gerufen.

Bei der WM 1990 trafen Sie beim 1:1 in der Vor­runde auf­ein­ander.
Ich wusste, ich spiele gegen einen der größten Spieler aller Zeiten. Ich lag die ganze Nacht wach und habe gedacht: Wie wird das morgen sein? Was wird er machen, was werde ich machen? Ich will besser spielen als er!“ Es war auf­re­gend.

Wer war besser?
Ich glaube, ich.

Haben Sie nach dem Spiel, das 1:1 endete, mit ihm geredet?
Ich bin nach dem Spiel zu den Argen­ti­niern in die Kabine gegangen und habe ihn gefragt, ob wir das Trikot tau­schen wollen.

Vier Jahre später traf Rumä­nien im WM-Ach­tel­fi­nale wieder auf Argen­ti­nien.
Diesmal fehlte Mara­dona wegen einer Doping­sperre.

Rumä­nien gewann 3:2, Sie hatten einen großen Anteil daran.
Das Tor zum 2:1 war in meinen Augen das schönste des ganzen Tur­niers. Dop­pel­pass mit Lupescu, ich laufe die Sei­ten­linie ent­lang. Dumit­rescu startet in der Mitte. Eine tolle Kom­bi­na­tion, die ganze Mann­schaft war betei­ligt.

War das ein­stu­diert?
Nein, gar nicht. Manchmal ist Fuß­ball wie Geo­me­trie. Man muss wissen, wo man auf dem Platz ist, welche Winkel die Spieler laufen und wie man den Ball genau da hin­be­kommt, wo der Mit­spieler abschließen kann. Wenn das alles in deinem Kopf auto­ma­tisch pas­siert, kannst du wun­der­schönen Fuß­ball spielen.

Aber für den letzten Pass auf Dumit­rescu brauchte es mehr als Mathe­matik.
Zuge­geben, es war wirk­lich nicht ein­fach. Argen­ti­nien stand mit vier Ver­tei­di­gern im Straf­raum. Dumit­rescu war im Voll­sprint und wurde von Diego Simeone gedeckt. Die ein­zige Mög­lich­keit ihn zu bedienen, war, den Ball zwi­schen Oscar Rug­geri und Fer­nando Caceres durch­zu­ste­cken. Da musste ein­fach alles stimmen. Ich musste den Instinkt haben, den Laufweg vor­her­sagen und den Pass mit großer Prä­zi­sion spielen. Wie gesagt, das schönste Tor der WM.