Seite 4: „Kroos ist eine Zehn!“

Die Ent­wick­lung geht aller­dings in eine andere Rich­tung. Der­zeit domi­nieren die defen­siven Mann­schaften.
Das Spiel ändert sich ständig. Gerade reagieren die Mann­schaften auf den domi­nanten Ball­be­sitz­fuß­ball der ver­gan­genen Jahre, wie ihn die Spa­nier gespielt haben.

Trotzdem: Stirbt die Zehn aus? Real Madrid baut das Spiel sehr viel weiter hinten auf. Toni Kroos …
(unter­bricht) Kroos ist eine Zehn! Klar, viele sagen, er sei eine Acht, aber für mich ist er eine Zehn. Jeder Zehner ist anders. Manche haben ihre Stärken aus­schließ­lich in der Offen­sive, andere spielen zurück­ge­zogen, sind in Defen­sive und Offen­sive betei­ligt. Eine große Qua­lität. Nennen wir ihn den Achter-Zehner, okay? Xavi, Iniesta, Thiago Alcan­tara. Das sind alles Achter-Zehner mit großen Qua­li­täten.

Die Nummer Zehn lebt also weiter?
Das Spiel wird schneller, es werden immer mehr Daten aus­ge­wertet, es wird mehr auf Taktik gear­beitet. Aber Taktik kann jeder. Jeder Trainer kann sich irgend­etwas aus­denken. Aber letzt­lich gibt es immer noch die Spieler, die auf dem Platz stehen und den Unter­schied machen und den Fans etwas Beson­deres zeigen. Ich bin mir sicher: Ein Trainer, der die Zehn nicht ver­steht, wird nie Erfolg haben. Schauen Sie sich doch mal die größten Mann­schaften der Geschichte an, alle hatten einen über­ra­genden Zehner. Wenn du in Erin­ne­rung bleiben willst, brauchst du diesen Spieler.

Anders als in Bar­ce­lona oder Madrid waren Sie bei Gala­ta­saray der unum­strit­tene Anführer. Es scheint so, als wären Sie immer dann am besten gewesen, wenn Sie das Sagen auf dem Platz hatten.
Natür­lich ist es ein­fa­cher, wenn nur einer in der Offen­sive das Spiel macht. Aber ganz so ein­fach ist das auch nicht. Jede Mann­schaft braucht eine Achse aus über­ra­genden intel­li­genten Spie­lern mit Cha­rakter. Einen für jeden Mann­schafts­teil. In Istanbul hatten wir Claudio Taf­farel im Tor, in der Abwehr Gheorghe Popescu, im Mit­tel­feld mich und im Sturm Hakan Sükür. Wir waren die Wir­bel­säule der Mann­schaft.

Der UEFA-Cup-Sieg 2000 war trotzdem eine Über­ra­schung. Wann hatten Sie das Gefühl, dass der Titel mög­lich ist?
Nach dem 2:0 im Ach­tel­fi­nale gegen Dort­mund. Da wussten wir, dass wir gewinnen können.

Im Finale war­tete Arsenal mit Spie­lern wie Davor Suker, Thierry Henry, Dennis Berg­kamp.
Arsenal hatte ein Wahn­sinns­team. Aber wir gingen voller Selbst­ver­trauen in das Finale. In der Ver­län­ge­rung zeigte mir der Schieds­richter nach einer angeb­li­chen Tät­lich­keit die Rote Karte. Aber das war nichts. Tony Adams und ich haben uns im Lauf­duell geschubst und hätten beide Gelb bekommen sollen.

Hatten Sie Angst, die Mann­schaft würde ohne Sie aus­ein­an­der­fallen?
Nein, ich wusste, wie stark wir sind. Nachdem ich vom Platz flog, hatte Arsenal nicht eine ein­zige Tor­chance. Wir haben gewonnen. Das sagt alles.

Ein Jahr nach dem UEFA-Cup-Sieg been­deten Sie Ihre Kar­riere. 2008 grün­deten Sie Ihren eigenen Verein FC Vii­torul Con­stanta, dessen erste Mann­schaft Sie auch trai­nieren. Ich nehme an, Sie spielen mit einer Zehn?
Ich spiele mit vier Zeh­nern.

Wie kann das funk­tio­nieren?
Zwei zen­trale offen­sive Mit­tel­feld­spieler, einer davon ein Achter-Zehner. Und zwei Zehner auf den Außen­bahnen.

Das hört sich extrem offensiv an.
Wie spielen ohne Angst, wenn wir des­halb drei Tore kas­sieren, ist das kein Pro­blem. So wie Hol­land 1974 gespielt hat. Die beste Mann­schaft des Tur­niers, auch wenn sie das Finale verlor. Nur eine Sache unter­scheidet uns: Wir Rumänen spielen mit noch mehr Krea­ti­vität. 

Auch Ihr Sohn hat die Zehn auf dem Rücken und die Kapi­täns­binde am Oberarm. Spielt Ianis genauso wie Gheorghe?
Im Gegen­satz zu mir ist er beid­füßig, größer und schlanker. Er ist ein abso­luter Play­maker. Er spielt nicht wie Gheorghe Hagi, eher wie Zine­dine Zidane. Auch nicht schlecht, oder?