Es ist gerade fünf Monate her, da saß David Winner auf seinem Platz im Lon­doner Emi­rates Sta­dium und ballte die Fäuste. Unten auf dem Rasen stol­perten elf Spieler in Arse­nals berühmtem roten Trikot scheinbar planlos umher und ver­loren das Auf­takt­spiel zur neuen Saison gegen ein bie­deres Team von Aston Villa. Das jedoch war es nicht, was Winner empörte. Ihn ärgerten die jungen Männer in den teuren Anzügen, die überall um ihn herum auf­ge­sprungen waren und Belei­di­gungen aus­stießen.

Ihre Flüche und Schmä­hungen galten dem Mann, der Arsenal seit mehr als 17 Jahren trai­niert und den die Fans des Klubs lange gera­dezu ehr­fürchtig ver­ehrten – Arsène Wenger. Noch immer ist es nur eine Min­der­heit unter den Anhän­gern, die den Fran­zosen kri­tisch sieht und glaubt, er habe den Absprung ver­passt. Doch in den letzten Jahren ist die Zahl der Fans stetig gewachsen, die sich frus­triert fragen, warum Arsenal seit 2005 keinen Titel mehr gewonnen hat. Und an diesem Tag im August standen sie alle auf und schimpften.

Ich war bei­nahe ange­wi­dert“

Ich war bei­nahe ange­wi­dert von diesen zor­nigen, dummen Leuten“, sagt Winner. Sie glaubten, sie hätten das Recht, Wenger zu belei­digen, dabei haben sie keine Ahnung von der Geschichte des Ver­eins. Sie wissen nicht, dass Arsenal über lange Zeit hinweg bloß ein Team aus dem Mit­tel­feld war, das nicht um Titel spielte. Wir waren das, was Tot­tenham oder Everton heute sind. Das Ein­zige, wofür Arsenal bekannt war, das war lang­wei­liger, schlechter Fuß­ball. Alles, was wir heute haben, ver­danken wir ein paar wenigen Leuten, vor allem aber Wenger.“

Winner wurde in den fünf­ziger Jahren in eine Familie von Arsenal-Fans hin­ein­ge­boren, aber er ist kein nor­maler Anhänger des Ver­eins. Winner gilt als einer der renom­mier­testen Fuß­ball­au­toren Eng­lands und hat vor kurzem, wenige Wochen nach dem Aston-Villa-Debakel, ein ebenso unge­wöhn­li­ches wie fas­zi­nie­rendes Buch mit und über Dennis Berg­kamp ver­öf­fent­licht.

Der größte Poker­trick der Fuß­ball­ge­schichte“

Berg­kamp war eine Schlüs­sel­figur in Wen­gers großer Mann­schaft, die zwi­schen 1998 und 2005 vier Pokale und drei Meis­ter­schaften holte und die (mit Jens Leh­mann im Tor) wäh­rend der Spiel­zeit 2003/04 das his­to­ri­sche Kunst­stück schaffte, kein Liga­spiel zu ver­lieren. Weil Berg­kamp eine solche Arsenal-Legende ist, hat Winner für das Buch zahl­reiche Gespräche mit Leuten geführt, die den Verein geprägt haben oder es noch tun.
Vieles von dem, was sie ihm erzählten, hat Win­ners Hoch­ach­tung vor Wenger noch gestei­gert. Inzwi­schen ist er sogar davon über­zeugt, dass die wirk­lich über­ra­gende Leis­tung des Trai­ners nicht in den Titeln besteht, die er wäh­rend der ersten Hälfte seiner Amts­zeit gesam­melt hat. Son­dern in einem Husa­ren­stück wäh­rend der titel­losen zweiten Hälfte, das viel­leicht sei­nes­glei­chen sucht. Oder, wie Winner es for­mu­liert: Ich glaube, dass Wenger in den letzten zehn Jahren mit einem der größten Poker­tricks in der Geschichte des Fuß­balls durch­ge­kommen ist.“

Um zu ver­stehen, worin dieser Trick bestanden haben könnte, muss man ein wenig aus­holen und sich ansehen, wie und warum ein weithin unbe­kannter Fran­zose es schaffen konnte, sich einen eng­li­schen Fuß­ball­verein zu erfinden. Doch Vor­sicht: Bei vielem, was den FC Arsenal betrifft, ist man auf Spe­ku­la­tionen ange­wiesen, denn in gewisser Weise ist dieser Verein eine Ansamm­lung von Geheim­nis­krä­mern. So könnte es zum Bei­spiel durchaus sein, dass Wen­gers Poker­trick, den Winner so bewun­dert, gar kein Trick war. Aber weil Arsenal der rät­sel­haf­teste aller euro­päi­schen Spit­zen­klubs ist, kennen nur ganz wenige Leute die Wahr­heit.

Das war eigent­lich schon immer so bei Arsenal, dem Lon­doner Tra­di­ti­ons­verein, der fast alles etwas anders macht als die anderen eng­li­schen Klubs. Wäh­rend zum Bei­spiel die Kon­kur­renz ent­weder von rus­si­schen Mil­li­ar­dären finan­ziert oder von ame­ri­ka­ni­schen Geschäfts­leuten auf­ge­kauft wird, gehört Arsenal einem Ame­ri­kaner und einem usbe­ki­schen Olig­ar­chen. Beide tau­chen aller­dings fast nie in den Schlag­zeilen auf. Denn der Ame­ri­kaner dürfte zwar Geld aus­geben, kann es aber nicht so richtig. Der Russe hin­gegen könnte Geld aus­geben, darf es aber nicht.
Ver­wirrt? Keine Sorge, dies ist die beste Vor­aus­set­zung, um sich Arsenal zu nähern. Schließ­lich ist das der Klub, der in einer Nacht- und Nebel­ak­tion jenen Mann vor die Tür setzte, der die Geschicke des Ver­eins ein Vier­tel­jahr­hun­dert lang ent­schei­dend geleitet hat und der einen fast ebenso großen Anteil an der Ent­ste­hung des modernen FC Arsenal hat wie Wenger. Aber bis heute wissen wir nicht genau, warum er gehen musste.

Der Name dieses Mannes ist David Dein. Als zweiter Vor­sit­zender des Ver­wal­tungs­rates hatte er großen Anteil an der kurzen Erfolgs­phase des Ver­eins Anfang der Neun­ziger unter Trainer George Graham, die durch Nick Hornbys Buch Fever Pitch“ berühmt geworden ist. Aber Mitte des Jahr­zehnts begann Arsenal den Anschluss zu ver­lieren, wirt­schaft­lich und sport­lich. Dein kam zu der Über­zeu­gung, dass der Klub nur dann mit Man­chester United mit­halten könne, wenn er sich radikal änderte und moder­ni­sierte.

Schon Anfang 1995 hatte Dein die Idee, Wenger zu ver­pflichten, aber die anderen, dis­tin­gu­ierten und kon­ser­va­tiven Mit­glieder des Ver­wal­tungs­rates bevor­zugten einen stock­bri­ti­schen, farb­losen Trainer namens Bruce Rioch. Erst als der seinen hoch­be­zahlten Stars vor­schlug, doch Fahr­ge­mein­schaften zum Trai­ning zu bilden, däm­merte dem Vor­stand, dass Arsenal viel­leicht eine Nummer zu groß für Rioch war. Ende Sep­tember 1996 sprangen sie über ihren Schatten und ver­suchten es mit einem Aus­länder, der zwar in Monaco großen Erfolg gehabt hatte, nun aber weit weg und fast anonym arbei­tete, in Japan.

Zwi­schen Kokain und Koma­saufen

Die Männer, die bei Arsenal das Sagen hatten, wussten also nicht wirk­lich, was sie erwar­tete. Man darf aller­dings getrost davon aus­gehen, dass das auch für Wenger galt. Denn der Verein, den er vor­fand, war nicht annä­hernd so pro­fes­sio­nell, wie er das aus Frank­reich und sogar Japan kannte. Im Kader standen ein Schwerst­al­ko­ho­liker (Tony Adams, der Kapitän der Natio­nalelf) und jemand, der gerade wegen Kokain- und Spiel­sucht im Entzug gewesen war (Spiel­ma­cher Paul Merson). Dazu noch ein Profi, den man positiv auf Can­nabis getestet und außerdem noch wegen eines skur­rilen Falles von Kof­fer­dieb­stahl ange­klagt hatte (David Hil­lier). 

Schließ­lich gehörte ein beträcht­li­cher Teil des Teams dem so genannten Tuesday Club“ an, der sich diens­tags zum Koma­saufen traf. Außen­ver­tei­diger Lee Dixon, ein Mit­glied dieser Clique, sagte später einmal ganz ohne iro­ni­schen Unterton: Ich war nie ein großer Trinker. Nach sechs Pints war ich besoffen.“ Man kann also erahnen, was sich seine stand­fes­teren Kol­legen so hinter die Binde kippten.

Der größte Star der Mann­schaft war zwar einer der wenigen Absti­nenzler, wei­gerte sich dafür aber, ein Flug­zeug zu betreten. Dennis Berg­kamp, von Dein im Sommer zuvor prak­tisch im Allein­gang aus Mai­land geholt, hieß des­wegen bald nur noch Der nicht-flie­gende Hol­länder“ und bis heute halten sich Gerüchte, dass er nie­mals ver­pflichtet worden wäre, wenn der Rest des Ver­wal­tungs­rates geahnt hätte, dass Arsenal bei den meisten Aus­wärts­spielen im Euro­pacup auf ihn ver­zichten musste.

Trai­nings­an­lagen auf dem Uni­campus

Um die Infra­struktur des Klubs war es kaum besser bestellt. Das alt­ehr­wür­dige High­bury-Sta­dion war legendär, aber unmo­dern. Ein Ausbau war nicht mög­lich, weil es in einem Wohn­ge­biet lag und teil­weise unter Denk­mal­schutz stand. Es war sogar schwierig, gewisse Auf­lagen der UEFA zu erfüllen, wes­halb Arsenal ein paar Jahre später für seine Cham­pions-League-Heim­spiele zeit­weise ins Wem­bley-Sta­dion umziehen musste.

Noch schlechter stand es um die Trai­nings­mög­lich­keiten. Als Wenger kurz nach seiner Ankunft eine Son­der­ein­heit ansetzen wollte, um seine Spieler ken­nen­zu­lernen, erfuhr er, dass das Gelände der Uni­ver­sität London gehörte und zum gewünschten Zeit­punkt von Stu­denten belegt war. Nicht einmal einen Monat später wurde dann ein Teil der Anlage (unter nie geklärten Umständen) bei einem Brand ver­nichtet. Das war ein Glücks­fall für Wenger, denn nun konnte er den Vor­stand davon über­zeugen, dass Arsenal ein pro­fes­sio­nelles und vor allem ver­eins­ei­genes Trai­nings­ge­lände brauchte.

Dass der Fran­zose alles umkrem­pelte und nicht nur seinen eigenen Klub, son­dern gleich die ganze Liga mit moder­ni­sierte, von der Trai­nings­me­thodik und dem Spiel­stil bis hin zur Ernäh­rung und zum Lebens­wandel der Spieler, gehört heute zur Folk­lore der Pre­mier League. Viel­leicht ist in der Rück­schau ein wenig ver­klärt worden, wie neu Wen­gers Methoden waren, wie tief­grei­fend sie wirkten und wie schnell alles anders wurde.
Als der Autor dieser Zeilen etwa zum ersten Mal einem Arsenal-Profi Auge in Auge gegen­über­stand, an Ostern 2001, ereig­nete sich dies in einem Fish-and-Chips-Laden im Lon­doner Vorort Kings Lan­gley. Tor­wart David Seaman war mit genug fet­tigen Pommes und frit­tiertem Dorsch beladen, um eine Groß­fa­milie zwei Wochen zu ernähren. Wenige Tage später machte er bei Arse­nals 0:3‑Heimniederlage gegen Midd­les­b­rough keine gute Figur.
Und es ist auch nicht so, als wären auf einmal nur Chor­knaben im Team gewesen. Jung­star Jer­maine Pennant zum Bei­spiel erlangte eine gewisse Berühmt­heit, weil er auf Bewäh­rung aus dem Knast ent­lassen wurde und mit einer elek­tro­ni­schen Fuß­fessel spielte. (Da war er aller­dings an Bir­mingham aus­ge­liehen. Pennant hatte erst seinen Mer­cedes um einen Later­nen­pfahl gewi­ckelt und sich dann, als die Polizei ein­traf, als sein Arsenal-Kol­lege Ashley Cole aus­ge­geben.)

Den­noch: Einige Jahre lang besaß Wenger durch seine Inno­va­tionen zwei­fellos einen Wett­be­werbs­vor­teil. Dazu hatte er auch noch eine begeis­ternde Mann­schaft zusam­men­ge­stellt, voller Künstler im Offen­siv­be­reich wie Thierry Henry, Freddie Ljung­berg oder Robert Pirès. Lange bevor der Aus­druck Tiki-Taka populär wurde, zau­berte Arsenal ein atem­be­rau­bendes Kurz­pass­spiel auf den Rasen, gegen das kaum ein Gegner Mittel fand. Titel und Tro­phäen waren die fast zwangs­läu­fige Folge.

Und dann, etwa Mitte des Jahr­zehnts, war es auf einmal vorbei mit der Herr­lich­keit. Das lag zum einen daran, dass die Kon­kur­renz auf­ge­holt hatte und viele von Wen­gers Methoden kopierte. Zum anderen daran, dass völlig neue und uner­war­tete Kon­tra­henten das Spiel­feld betraten: Zunächst pumpte Roman Abra­mo­witsch Unsummen in den FC Chelsea und bas­telte sich eine Meis­terelf, dann tat ein Scheich aus dem Emirat Abu Dhabi das Gleiche mit Man­chester City. Vor allem aber waren Wenger selbst auf dem Trans­fer­markt plötz­lich die Hände gebunden.

Der Grund war der Bau des 2006 eröff­neten Emi­rates Sta­dium, gerade mal 500 Meter von High­bury ent­fernt. Arsenal schaffte es, das kom­pli­zierte und kost­spie­lige Pro­jekt allein, ohne Hilfe der öffent­li­chen Hand, zu finan­zieren. Doch die jähr­li­chen Raten, mit denen die not­wen­digen Kre­dite abbe­zahlt wurden, waren hoch. Dazu kamen noch die Kosten für das Trai­nings­ge­lände und der ambi­tio­nierte Plan, auf dem High­bury-Areal Apart­ments zu errichten und sie selbst zu ver­markten. Um für das 21. Jahr­hun­dert gerüstet zu sein, wurde aus dem Fuß­ball­klub sozu­sagen eine Immo­bi­li­en­firma.

Osama, oh-ho, Osama, oh-ho – He’s hiding in Kabul, he loves the Arsenul!“

Nun wäre Arsenal viel­leicht in der Lage gewesen, all dies locker zu stemmen, wenn man sich ein­fach nur in die Hände eines rei­chen Inves­tors begeben hätte. Doch der zutiefst eng­li­sche Klub, dem ein aus Japan gekom­mener Fran­zose auf dem Spiel­feld einen hol­län­di­schen und spa­ni­schen Anstrich ver­passt hatte, wurde und wird abseits des Platzes mit deut­scher Ver­nunft und Weit­sicht geführt. So gehören zum Bei­spiel etwas weniger als 30 Pro­zent des Klubs inzwi­schen Ali­scher Usmanow, der laut Forbes Maga­zine der reichste Mensch in Russ­land ist. Aber man lässt ihn nicht in den Ver­wal­tungsrat, will keine Finanz­spritze von ihm und achtet darauf, dass seine Anteile weniger als ein Drittel aus­ma­chen – denn sonst müsste man ihm die Bücher öffnen.

Und so bekam Wenger den Auf­trag, nur das aus­zu­geben, was reinkam (minus der umfang­rei­chen Aus­gaben für die Kre­dite), und gleich­zeitig so oft wie mög­lich inter­na­tional zu spielen, damit die Ein­nahmen stabil blieben. Die meisten Trainer hätten da ihre Koffer gepackt, doch Wenger blieb. Selbst als David Dein im April 2007 unter mys­te­riösen Umständen gefeuert wurde, blieb er – obwohl die Zahl der Spötter mit jeder erfolg­losen Saison wuchs. Als Osama Bin Laden vor zwei Jahren getötet wurde, ver­brei­tete sich über Twitter rasend schnell der Witz, dass er sich sechs Jahre lang in Arse­nals Tro­phä­en­schrank ver­steckt habe, wo man ihn natür­lich nicht finden konnte. (Seit 2001 hält sich das – nicht zutref­fende – Gerücht, dass Bin Laden ein Arsenal-Fan gewesen sei. Des­wegen sangen die Anhänger geg­ne­ri­scher Teams gerne: Osama, oh-ho, Osama, oh-ho – He’s hiding in Kabul, he loves the Arsenul!“)

Womit wir langsam wieder beim Poker­trick wären. Wie durch ein Wunder schaffte es Wenger in jedem Früh­jahr, mit einer oft blut­jungen Mann­schaft irgendwie noch in die Cham­pions League zu rut­schen. Und nicht nur das: Im Gegen­satz zur Kon­kur­renz erzielte Arsenal manchmal sogar einen Trans­fer­über­schuss, weil Wenger Stars ver­scher­belte und Talente holte. Das brachte ihm zunächst Bewun­de­rung ein. Bald aber schlug sie in Frus­tra­tion um, denn aus irgend­einem Grund wei­gerte sich der Trainer, den Gewinn, den er doch offen­sicht­lich machte, wieder zu inves­tieren. Kaufen, nur um des Kau­fens willen – das ist mit mir nicht zu machen“, hielt Wenger seinen Kri­ti­kern ent­gegen. Wir sind hier doch nicht in einem Super­markt, in dem man ein­fach sagt: ›Wo ist denn das Regal mit den Innen­ver­tei­di­gern?‹“

Hals­starrig, geizig, schrullig: Das Bild von Wenger war nicht ganz voll­ständig

Arse­nals Ent­schei­dungs­träger betonten in dieser Zeit oft, dass Finanz­mittel für Trans­fers durchaus zur Ver­fü­gung stünden. Wir haben immer gesagt, dass Res­sourcen vor­handen sind“, erklärte der Ame­ri­kaner Stan Kro­enke erst im Spät­sommer. Ihm gehören inzwi­schen zwei Drittel der Arsenal-Anteile. Er besitzt viel weniger Geld als Usmanow, ist dem Ver­wal­tungsrat aber lieber, weil er sich selten ein­mischt. (Sein Spitz­name ist Der stille Stan“.) Manche Leute meinen, wir müssten Arsène stärker dazu drängen, Geld aus­zu­geben“, fügte Kro­enke hinzu. Aber Arsène ist ein sehr unab­hän­giger Denker und Planer.“

So ver­fes­tigte sich das Bild von Wenger als einem hals­star­rigen und gei­zigen, fast schon schrul­ligen Trainer, der unbe­dingt beweisen wollte, dass man auch ohne Scheck­buch Erfolg haben kann. Es schien ein schlüs­siges Bild zu sein, schließ­lich hat der Fran­zose 1974 an der Uni­ver­sität Straß­burg sein Diplom nicht etwa in Sport gemacht, son­dern in Wirt­schafts­wis­sen­schaften. Aber viel­leicht war es nicht das ganze Bild.

Inzwi­schen glaube ich, dass Wenger fast zehn Jahre lang nur vor­ge­geben hat, dass es nicht ums Geld ging“, sagt David Winner. Dabei ging es um nichts anderes. Für mein Buch habe ich mit Ken Friar, der lange Arse­nals Geschäfts­führer war, dar­über gespro­chen, dass es so aus­sehe, als habe der Klub viel Geld, wolle es aber nicht aus­geben. Er ent­geg­nete: ›Nun, wir sagen nicht jedem alles.‹ Mit anderen Worten, sie waren fast pleite. Tony Adams sagte mir, dass es den Verein in exis­ten­ti­elle Not gebracht hätte, wenn die Mann­schaft nur ein paar Mal die Cham­pions League ver­passt hätte. Es ist nahezu unglaub­lich, dass Wenger es geschafft hat, das Team auf diesem Niveau zu halten, obwohl er vor gut zehn Jahren auf­hören musste, wirk­lich nam­hafte Spieler zu kaufen.“

Das laxe Gewerke im Abwehr­ver­bund ist Geschichte

Was auch immer der wahre Grund für Arsène Wen­gers Spar­kurs gewesen sein mag, er ist augen­schein­lich vor­über. Zwei Wochen nach der Pleite gegen Aston Villa gab Arsenal mehr als 51 Mil­lionen Euro für Mesut Özil von Real Madrid aus. Bis dahin hatte Wen­gers Trans­fer­re­kord bei gerade mal 21 Mil­lionen gelegen. In der Folge über­stand die Elf eine sehr schwie­rige Cham­pions-League-Gruppe und ging zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder als Tabel­len­führer der Pre­mier League in ein neues Jahr. Wenger hat die neue Stärke auf ein schon weiter zurück­lie­gendes Schlüs­sel­er­lebnis in Deutsch­land zurück­ge­führt. Der über­ra­schende 2:0‑Auswärtssieg im Cham­pions-League-Ach­tel­fi­nale beim FC Bayern im März 2013 habe der Mann­schaft neues Selbst­ver­trauen gegeben. Wich­tiger für den Erfolg dürfte gewesen sein, dass Wenger auch nach bei­nahe zwei Jahr­zehnten als Coach bei Arsenal noch die eigene Arbeit in Frage stellt. Dem rasanten Kom­bi­na­ti­ons­spiel ist er in all den Jahren immer treu geblieben, auch Özils Ver­pflich­tung unter­streicht das. Zugleich aber wird neu­er­dings auch kon­se­quent am Defen­siv­ver­halten gear­beitet. Das allzu laxe Gewerke im Abwehr­ver­bund hatte in den letzten Jahren viel zu oft Punkte gekostet. Inzwi­schen hat auch Wenger das ein­ge­sehen.

Winner glaubt zwar nicht, dass es am Ende zum Titel reicht, weil die stär­kere Ersatz­bank von Man­chester City den Aus­schlag geben dürfte. Eines aber weiß er. Die Typen, die Wenger im August beschimpft haben“, sagt Winner, die sind jetzt sehr ruhig.“