In die Fuß­stapfen einer natio­nalen Legende zu treten ist wahr­lich nicht die dank­barste Auf­gabe. Der Nach­folger in dem Tor zu werden, das zuvor mehr als ein Jahr­zehnt Lew Jaschin gehütet hatte, muss eine der schwersten Prü­fungen in der Geschichte des Tor­hü­ter­we­sens gewesen sein. Doch 1972 war das Jahr für Jew­geni Rudakow, den Tor­hüter der UdSSR und Nach­folger der legen­dären Schwarzen Spinne“. Seine groß­ar­tigen Paraden im Tor der Sbor­naja“ machten den Abschied von seinem Vor­gänger nahezu ver­gessen.

Rudakow war ein Zieh­sohn der rus­si­schen Tor­hü­ter­schule, die spä­tes­tens seit den Paraden Jaschins mehr auf Ele­ganz denn auf Kraft und Radi­ka­lität setzte. Mit seinem geschmei­digen Tor­wart­spiel stand der UdSSR-Aus­wahl­spieler seinem Gegen­über im Finale der EM 1972, dem Deut­schen Sepp Maier, in nichts nach. Es waren zwei groß­ar­tige Tor­leute ihrer Zeit, die sich am 18. Juni in Brüssel gegen­über­standen. Am Ende war es der 28-jäh­rige Maier, die Katze von Anzing“, der am Ende jubeln durfte. Mit 3:1 besiegte die deut­sche Natio­nal­mann­schaft den Gegner aus der Sowjet­union. Nach Siegen gegen Eng­land und Bel­gien, in denen Maiers Vor­der­leute teil­weise phan­tas­ti­schen Offen­siv­fuß­ball geboten hatten, holte sich die Aus­wahl um Mit­tel­feld­genie Günter Netzer den EM-Titel.

Doch bei allem Glanz: Die stre­cken­weise mas­siven Offen­siv­ak­tionen in der End­runde gingen auf Kosten der Defen­sive. Doch was – vor allem die Eng­länder im Vier­tel­fi­nale – auch taten, im Tor stand Sepp Maier, der sich langsam auf den Höhe­punkt seiner Kar­riere zube­wegte. Seine Abwehr­ak­tionen gegen die bul­ligen eng­li­schen Angriffe ver­hin­derten lange den Aus­gleich, nachdem Uli Hoeneß in der ersten Halb­zeit das 1:0 geschossen hatte. Erst Francis Lee konnte Maier in der 77. Minute über­winden, doch nach einem Foul an Sig­fried Held ver­wan­delte Günter Netzer den fäl­ligen Elf­meter zum 2:1. Gerd Müller erhöhte noch auf 3:1: Der erste Sieg gegen eine eng­li­sche Aus­wahl auf bri­ti­schen Boden war per­fekt.

Dem epi­schen Erfolg folgte das 2:1 gegen Gast­geber Bel­gien, dank zweier Müller-Tore. Gleich­zeitig erreichte auch die sowje­ti­sche Aus­wahl das Finale, zum Helden war dabei Rudakow avan­ciert, als er beim Stand von 1:0 für sein Land einen Straf­stoß in der 83. Minute parieren konnte. Doch das End­spiel geriet für den rus­si­schen Tor­steher und seine Mann­schaft zum Desaster. Eine spie­le­risch deut­lich über­le­ge­nere deut­sche Mann­schaft, ange­führt von Franz Becken­bauer und Günter Netzer, lag bereits nach einer knappen Stunde mit 3:0 vorn, Rudakow hatte dabei noch mit einigen sehens­werten Abwehr­ak­tionen Schlim­meres ver­hin­dert.

Gän­se­haut gratis

Nur eine Viel­zahl an auf­ge­peitschten und mit Sicher­heit auch ange­schi­ckerten deut­schen Fans gefähr­deten noch den Sieg der BRD: Minuten vor dem Abpfiff hatte sich eine große Menge direkt am Spiel­feld­rand auf­ge­reiht, der ansonsten beschäf­ti­gungs­lose Sepp Maier ver­suchte die deut­schen Anhänger laut­stark vom Rasen zu ver­scheu­chen, doch nach dem Schluss­pfiff explo­dierte die hem­mungs­lose Freude, erst auf der Tri­büne fanden Maier und seine Kol­legen Schutz vor mas­siven Umar­mungs­or­gien. Als Kapitän Franz Becken­bauer den Pokal über­reicht bekam, reckte er den Sil­ber­ling vor einem schwarz-rot-gol­denen Fah­nen­meer in die Höhe – Gän­se­haut gratis für das ver­mut­lich beste deut­sche Team der DFB-His­torie.

Jew­geni Rudakow, der Jaschin-Nach­folger, sollte im glei­chen Jahr noch einmal Deutsch­land begegnen: Bei der Olym­piade 1972 wurde der geschmei­dige Schluss­mann Dritter. 1976, bei der nächsten Euro­pa­meis­ter­schaft, been­dete der zu diesem Zeit­punkt 34-jäh­rige Rudakow nach dem ver­lo­renen Vier­tel­fi­nal­spiel gegen die Tsche­cho­slo­wakei seine Kar­riere. Auch sein Nach­folger musste große Fuß­stapfen aus­füllen. Rudakow hatte vieles richtig gemacht.