Als Mark Zucker­berg noch nicht geboren war, herrschte Anar­chie auf den Straßen. Da stürmten Fuß­ball­an­hänger und Schlach­ten­bummler zu Auto­gramm­stunden mit Kevin Keegan ins ört­liche Auto­haus, sie drän­gelten in den Kegel­verein um die Ecke, wo sich Dirk Hupe oder Horst-Dieter Höttges zu einen Plausch bei einem kühlen Blonden ange­kün­digt hatten und sie ver­fielen in Hys­terie, weil Spieler und Trainer mit einem Mal den Geruch der Kurve ent­deckten und sich im Bad der Menge Schals, Fahnen oder andere Mit­bringsel umwarfen. Noch heute peit­schen über­eif­rige Fuß­baller am Zaun gerne den Block an – in der rechten Hand das Megafon, in der linken das Text­blatt vom Capo. Das geht übri­gens nicht immer gut (vgl. Ger­hard Tremmel).



Seit Mark Zucker­berg Face­book erfand, ist die Welt aber wieder in Ord­nung. Wir sind plötz­lich wieder wer – wenn wir über­haupt jemals jemand waren. Und wenn wir auch alleine sind, sind wir viele. So ist Face­book das ideale Werk­zeug des Pro­fi­fuß­bal­lers, der zwi­schen Couch und Trai­nings­platz und Couch kaum noch Zeit hat für reale soziale Kon­takte, Meet&Greets oder den kurzen Schnack in der auf­ge­heizten Stim­mung nach dem Spiel. Nie­mand muss mehr aus dem Haus gehen, um den Fans mit­zu­teilen: Wiener Schnitzel: Gefällt mir!“ Nie­mand muss den beschwer­li­chen Weg zum Kegel­klub auf sich nehmen, um den schier unend­li­chen Wis­sens­durst der Anhänger zu stillen: Ich bin Fan von: Hunden, Chillen und Play­sta­tion“.

Mario Basler war von Anfang an dabei. Und er schöpfte die Mög­lich­keiten des sozialen Netz­werkes voll­ends aus. In sein Profil schrieb er an einem Tag Andeu­tungen („mädels das ist ein rock“), an einem anderen kom­men­tierte er sein Fern­seh­pro­gramm („geile szene jetzt mit der schnecke“). Seine Freunde Peggy Schwitz und Gerd Ein­haus ant­wor­teten Du schaust es auch… ich fasse es nicht…“ oder sie zau­berten mit Satz­zei­chen einen Smiley auf den Bild­schirm. Es war alles geklärt. Wer brauchte noch Auto­häuser?

Magaths offener Brief
: 573 Per­sonen gefällt das

Fuß­ball“, sagt Face­book-Neu­ling Felix Magath nun in einem Video und hebt die Hand. Fuß­ball. Da kann ja jeder mit­reden. Da ist ja immer was los.“ Der geneigte Zuschauer mag nun eine Brand­rede erwarten, ein Mani­fest, wenigs­tens aber doch Kon­fetti von der Seite und Par­ty­hüte von oben. Da ist schließ­lich immer was los beim Fuß­ball. Doch nein, Felix Magath hat ein Lehr­video gedreht, in dem er sein eigener Schüler ist. Er sitzt ein­fach nur da und erklärt sich und uns – von denen er sich eigent­lich ent­sagt hatte –, was dieses neue Medium Face­book kann. Gemeinsam, wie wei­land Arm in Arm am Zaun des Fan­blocks, tau­chen wir ein in diese geheim­nis­volle Welt. Dann meldet sich der Lehrer an und schreibt den Schalker Fans einen Brief. Einen offenen Brief. 

Liebe Schalker,

mit der Anmel­dung auf face­book betrete ich ein neues Spiel­feld. Ich freu‘ mich auf zahl­reiche Bei­träge und einen regen Aus­tausch!

Felix Magath


Nun, nach 22 Stunden, gefällt das“ 573 Per­sonen. Nach 22 Stunden haben 324 Men­schen auf diesen Brief geant­wortet. Fonso Maroni schreibt: Hallo Felix, du bist lieb!“. Und Kinga Demiri ver­sucht sich mit einem kum­pe­ligen Höey Felix :) Meeeensch was geht ab ? ;D Liebe Grüße K!nga ;)“ Nach 22 Stunden hat der Meeeensch Fel!x immer noch nicht geant­wortet. Schade. Bzw. :(

Doch geht es ihm offenbar blen­dend. Felix Magath sitzt an einem Schreib­tisch und es sieht ein biss­chen so aus, als habe er eben erfahren, dass sämt­liche Besuche in Auto­häu­sern, fan­be­klubbten Ver­eins­heimen und bei Podi­ums­dis­kus­sionen mit den kri­ti­schen Anhän­gern für immer aus seinem Ter­min­ka­lender gestri­chen wurden. Die Fan­nähe ohne Nähe beginnt in diesem Moment. Dann, am Ende des Videos, grinst er wis­send. Ver­mut­lich drückt er einen Knopf – Gefällt mir.“