Irgend­wann machte die Gegen­wehr keinen Sinn mehr. Gerade war Safa Sen­türk, Stürmer des Berlin-Ligisten BSV Hür­türkel wieder völlig frei mit Ball am Fuß vor Tor­wart Martin Weese auf­ge­taucht. Der als Aus­hilfe ein­ge­sprun­gene Schluss­mann von Club Italia blieb ein­fach stehen, streckte nur halb­herzig die Arme aus und ließ Sen­türk das Tor erzielen. Sein sech­zehntes in diesem Spiel.

Ein Tor­re­kord fürden Hür­türkel-Angreifer, doch für die Gäste von Club Italia war das End­ergebnis von 1:16 nichts Unge­wohntes. Auch sie haben in dieser Saison Rekord­ver­däch­tiges zu Stande gebracht, wenn auch im nega­tiven Sinne. Der finale Treffer von Sen­türk war Gegentor Nummer 220. Vor allem die Rück­run­den­bi­lanz vor dem letzten Spieltag ist bemer­kens­wert: Kein ein­ziger Punkt und 2:174 Tore.

Fair bis zum Schluss

Die Leis­tung ver­dient trotzdem Respekt“, sagte Sen­türk nach dem Spiel. Die haben fair bis zum Ende wei­ter­ge­spielt, obwohl sie hoff­nungslos unter­legen waren.“
Aner­ken­nende Worte findet auch der Berlin-Liga-Vor­sit­zende. Wir hatten ja öfter die Befürch­tung, dass die nicht mehr antreten“, sagte Hans Schu­mann, aber die haben die Saison ordent­lich zu Ende gespielt, dazu auch noch äußerst fair. Davor ziehe ich meinen Hut.“

Nicht mehr antreten, das kam für Trainer Recayi Özgenc und seine Spieler nie infrage. Das war das Ver­spre­chen, dass er in der Win­ter­pause gegeben hatte, als er vom Vor­stand gebeten wurde, mit seiner Reser­ve­mann­schaft aus der zehnt­klas­sigen Kreis­liga B den Platz der ersten Mann­schaft vier Ligen weiter oben ein­zu­nehmen. Die war näm­lich nicht mehr vor­handen. Sie hatte sich nach der schwa­chen Hin­runde, Tabel­len­letzter mit sechs Punkten, gemeinsam mit dem Haupt­sponsor ver­ab­schiedet. Als das Geld fehlte, suchten die Spieler das Weite.
Der Klub stand vor der Wahl, hin­schmeißen und in der Kreis­liga C wieder anfangen, oder irgendwie die Saison über die Bühne bringen, um die Chance auf einen Neu­an­fang in der Lan­des­liga zu wahren. Özgenc wil­ligte ein, in Rück­sprache mit seiner Mann­schaft, die als ein­ge­schwo­rene Truppe in der Kreis­liga B eine ordent­liche Hin­runde absol­viert hatte. Am Anfang war man sogar eupho­risch, einmal im Leben in der höchsten Liga Ber­lins zu spielen, das ist doch was Beson­deres“, sagte der Trainer.

So ging das Team vom Span­dauer Damm in Char­lot­ten­burg mit einem festen Grund­satz in das Aben­teuer: Ver­lieren ist okay, auf­geben nicht. Auch als es eine hohe Nie­der­lage nach der nächsten setzte, ließ sich die Truppe nicht ent­mu­tigen. Wäh­rend andere Mann­schaften in ähn­li­chen Situa­tionen oft bei hohem Rück­stand um Spiel­ab­bruch wegen sport­li­cher Unter­le­gen­heit bitten oder irgend­wann keine elf Spieler mehr zusam­men­kriegen, zog Club Italia jede noch so bit­tere Partie über 90 Minuten durch. Und die Mann­schaft hielt zusammen.

Es machte sogar Spaß, wie Stamm­tor­wart Alex­ander Werner erzählt. Wir haben einen super Zusam­men­halt im Team, das war schon irgendwie auch eine tolle Sache.“ Und auch nach der höchsten Nie­der­lage, dem 0:21 gegen TuS Mak­kabi (neuer Rekord in der Berlin-Liga), habe es gute Stim­mung in der Kabine und Lob vom Gegner gegeben, sagt der Keeper in einer fröh­li­chen Art, die so gar nicht danach klingt, als hätte er die meiste Zeit damit ver­bracht, den Ball aus dem eigenen Netz zu fischen.

Habe ein super Spiel gemacht“

Ich sehe das so: Wenn ich 20 Bälle aufs Tor bekomme und davon zehn halte, habe ich doch ein super Spiel gemacht“, sagt Werner. Ein biss­chen komisch sei er sich aber schon vor­ge­kommen, nach zwei­stel­ligen Nie­der­lagen noch als bester Spieler seiner Mann­schaft in der Fuß­ball-Woche gestanden zu haben.

Trai­niert wurde kaum, wie eine Frei­zeit­truppe habe man sich ein­fach an den Wochen­enden zum Spiel ver­ab­redet, erzählt Werner weiter. Um dann auf Gegner zu treffen, die teil­weise bis zu fünf Übungs­ein­heiten pro Woche absol­vieren. Für Trainer Özgenc eine Gedulds­probe. Ich mache hier alles: Ani­ma­teur, Psy­cho­loge, Clown“, erzählt der Coach. Für das letzte Spiel am heu­tigen Sonntag gegen den 1.FC Wil­mers­dorf (14 Uhr) hat er sogar nochmal eine beson­dere Über­ra­schung für seine Spieler vor­be­reitet, um sich für diese in jeder Hin­sicht außer­ge­wöhn­liche Saison zu bedanken. Wir haben uns für den Verein auf­ge­op­fert, das ist für mich wert­voller als jeder Auf­stieg“, sagt Özgenc. Aller­dings gibt es momentan nicht mal einen Vor­stand bei Club Italia, die Zukunft ist unklar. Der Trainer hätte durchaus Lust auf das nächste Aben­teuer in der Lan­des­liga, doch jetzt braucht er erst mal Urlaub. Ich bin völlig fertig mit den Nerven“, sagt er, das war echt ein ver­rücktes halbes Jahr.“