Im schum­me­rigen Licht der Sta­di­on­ka­ta­komben gehen schwei­gend zwei Männer. Alles ist gesagt in dieser Nacht in Bar­ce­lona. Ottmar Hitz­feld hat die läs­tige Pflicht der Pres­se­kon­fe­renz mit der ihm eigenen unver­bind­li­chen Pro­fes­sio­na­lität erle­digt. Ein Golf­wä­gel­chen mit Chauf­feur, das den General und seinen Pres­se­spre­cher, Markus Hör­wick, zurück zur Bayern-Umkleide fahren sollte, hat er stehen lassen. Lass uns ein paar Schritte gehen“, hat Hitz­feld gesagt.

Das monu­men­tale Camp Nou ist fast wieder men­schen­leer, als sie den Weg zurück antreten. Wäh­rend sie über den gelben Beton­fuß­boden in Rich­tung Umklei­de­ka­binen schlen­dern, sehen sie plötz­lich zwei Gestalten, die im Halb­dunkel in einigem Abstand vor ihnen laufen. All­mäh­lich kommen sie den vor­aus­ge­henden Män­nern immer näher. Nur noch ein paar Meter. Da erkennt Hör­wick, wer außer ihnen noch durch die ver­las­senen Gänge wan­dert: Alex Fer­guson und sein PR-Assis­tent haben wie ihre Münchner Kol­legen eben­falls den Lift der UEFA-Hilfs­kräfte aus­ge­schlagen.

Als die Briten mit­be­kommen, wer ihnen auf den Fersen ist, halten sie kurz inne. Hitz­feld und Hör­wick schließen auf, bis die Trainer sich gegen­über­stehen. In devoter Zurück­hal­tung treten die beiden Pres­se­spre­cher wie zwei Adju­tanten hinter ihre Feld­herren zurück. Ein Moment wie aus ›High Noon‹“, erin­nert sich Markus Hör­wick. Alex Fer­guson blickt seinem Rivalen lange in die Augen, dann schließt er die Arme um ihn und sagt leise: Sorry.“ Ohne ein wei­teres Wort setzen sie ihren Weg fort. In dieser lauen kata­la­ni­schen Nacht. Nach diesem größten anzu­neh­menden Drama in der Geschichte des Fuß­balls. Sorry, Ottmar, sorry!“

I want all the world to see a miracle sen­sa­tion.“

20:24:01 Uhr Das Vor­pro­gramm ist im vollen Gange. Camp Nou platzt mit 90 000 Zuschauern aus allen Nähten, als Opern­diva Monts­errat Caballé Bar­ce­lona“ schmet­tert, die Hymne der Olym­pi­schen Spiele 1992. Auf der Anzei­ge­tafel erscheint Freddie Mer­cury, ihr ver­stor­bener Duett­partner. Er singt: I want all the world to see a miracle sen­sa­tion.“ Sein Wille ist heute zum Teil schon in Erfül­lung gegangen, denn der FC Bayern hat vor dem Anpfiff einen Über­ra­schungs­sieg gefeiert: Für ein 20-minü­tiges Warm-up durften beide Fina­listen ihr eigenes Unter­hal­tungs­pro­gramm mit­bringen.

Für die 30 000 mit­ge­reisten Bayern-Fans hat der Klub die Spider Murphy Gang ein­fliegen lassen. Und als Gün­ther Sigl und Barney Murphy am Ende ihres Sets Skandal im Sperr­be­zirk“ anstimmen, steppt nicht nur im Bayern-Block der Bär. Auch die bri­ti­schen Fans macht der Skandal um Rosie“ ganz wuschig, selbst das Gros der ange­säu­erten Kata­lanen, die den Münch­nern bis zum Spieltag noch die Vor­runden-Heim­nie­der­lage ihres FC Bar­ce­lona ver­übelt haben, gehen bei dem baju­wa­ri­schen Dir­n­en­epos eupho­risch mit.

Große Geheim­nisse gab es keine mehr“

47 Stunden warten die Bayern-Spieler in der spa­ni­schen Hafen­stadt nun schon auf ihren großen Auf­tritt. Zweimal hat die Mann­schaft in der Vor­runde der Cham­pions League gegen Man­chester United gespielt, zweimal ging das Spiel unent­schieden aus – diese beiden Teams sind sich eben­bürtig. Ottmar Hitz­feld sagt: Große Geheim­nisse gab es keine mehr, beide Teams hatten ihren Gegner ein­ge­hend stu­diert, wir kannten uns sehr gut und wussten, dass in Bar­ce­lona die Tages­form eine wich­tige Rolle spielt.“

Am Morgen um 11 Uhr findet die obli­ga­to­ri­sche Mann­schafts­be­spre­chung statt. Das Flip­chart im Bespre­chungs­raum hat genauso wie die Worte, die gespro­chen werden, an diesem Tag eher Ali­bi­cha­rakter. Alles ist gesagt. Und doch weisen Hitz­feld und Co-Trainer Michael Henke noch­mals auf ein beson­deres Merkmal im Spiel der Briten hin: Sie ver­stehen Eck­bälle als Tor­chance. Die eng­li­schen Fans haben das ver­in­ner­licht, die gehen bei Ecken hoch, als gäbe es einen Frei­stoß direkt vor der Straf­raum­grenze“, erin­nert sich Henke. 

20:49:21 Uhr Es kommt mir vor, als würde mir der David Beckham im Mit­tel­feld immer wieder nach­rennen“, sagt Stefan Effen­berg. Das Spiel läuft. Coach Alex Fer­guson hat Beckham von Rechts auf Halb­links ins Mit­tel­feld gezogen, er soll über­ra­schende Akzente nach vorne setzen und sich zugleich um den Spiel­ma­cher der Bayern küm­mern. Bei Michael Tarnat, der beim Früh­stück nicht essen mochte und mit Herz­klopfen ins Sta­dion fuhr, hat sich die Ner­vo­sität gelegt. Man denkt die ganze Zeit: Hof­fent­lich mach’ ich alles richtig“, erin­nert sich Tarnat. Nun läuft das Spiel – und er ver­richtet zuver­lässig seine Arbeit. Da löst sich die Anspan­nung, und Rou­tine setzt ein“, sagt Tarnat.

20:51:16 Uhr Sechs Minuten sind gespielt, da pfeift Schieds­richter Pier­luigi Col­lina Frei­stoß für den FC Bayern. 18 Meter bis zum Tor – das ist Mario Bas­lers Distanz. Eine Sie­ben­mann­mauer bildet sich, Basler legt sich lie­be­voll den Ball zurecht. Stefan Effen­berg joggt zu ihm. Mario! Die stehen zu weit links!“ Basler hat das längst gesehen. Den mach’ ich rein! Den mach’ ich rein“, denkt er. Er läuft an, trifft den Ball mit dem rechten Innen­spann, Markus Babbel stemmt Nicky Butt aus der Schuss­bahn, sieht den Ball an sich vor­bei­rau­schen, Keeper Peter Schmei­chel kann nur staunen, unten rechts schlägt das Ding ein. 1 : 0! Das frühe Tor! Alles läuft nach Plan! Basler wirft sich auf die Knie, rutscht über den Rasen und ballt die Fäuste. Sammy Kuf­four ist als Erster bei ihm, dann kommt Effen­berg und legt seinen Kopf auf Bas­lers Schulter. PR-Chef Markus Hör­wick sagt: Wir hatten das Vor­spiel gewonnen – und nach sechs Minuten sah es fast so aus, als würden wir auch das Haupt­spiel gewinnen.“

Wir hätten längst 3 : 0 führen müssen“

22:07:34 Uhr Fer­guson bringt Rou­ti­nier Teddy She­ringham für Jesper Blom­qvist. Nach der gemein­samen Zeit bei den Tot­tenham Hot­spurs nannte Jürgen Klins­mann She­ringham den besten Stürmer, mit dem ich je zusammen gespielt habe“.

22:11:42 Uhr Seit mehr als einer Stunde hat der FC Bayern das Spiel im Griff. Wir hätten längst 3 : 0 führen müssen“, denkt Alex­ander Zickler bei seiner Aus­wechs­lung. Sein Ersatz­mann Mehmet Scholl trifft mit einem Flach­schuss den Pfosten, Carsten Jancker setzt einen Fall­rück­zieher an die Latte, Effen­berg kann bei­nahe Schmei­chel über­lupfen. Gün­ther Jauch, der die Über­tra­gung für RTL mode­riert, beob­achtet das Geschehen von der Pres­se­tri­büne aus. Die Kör­per­sprache der Bayern signa­li­siert: Sie fühlen sich wohl und sicher in diesem Spiel“, stellt er fest. Was soll noch schief­gehen? Auf der Ersatz­bank sitzt Mas­seur Fredi Binder, der schon 1982 im Euro­pa­cup­fi­nale gegen Aston Villa dabei war und den Klub 1987 gegen den FC Porto unter­gehen sah. Als Jancker um Haa­res­breite das Tor ver­passt, beschleicht ihn eine düs­tere Vor­ah­nung: Es kam mir vor, als würde da heute noch jemand anderes mit­spielen.“

22:16:11 Uhr Lothar Mat­thäus ist 38 Jahre alt. Es ist nicht sein erstes, aber wohl sein letztes großes Finale. Noch einmal hat er alles gegeben, die Rolle des Liberos vor der Abwehr inter­pre­tiert, ist viel gelaufen. Doch die Kräfte lassen nach, eine Ver­let­zung im Rücken strahlt in die Ober­schenkel. Für Fredi Binder nichts Unge­wöhn­li­ches, das Mat­thäus-Zip­per­lein, das bei allzu großer Belas­tung zum Pro­blem werden kann, kennen sie in der medi­zi­ni­schen Abtei­lung des FC Bayern. Ich war müde, ich war platt, ich war nicht mehr der Jüngste“, wird Mat­thäus später sagen. Er signa­li­siert mehr­mals, dass er aus­ge­tauscht werden möchte. Der Trai­ner­stab reagiert rou­ti­niert. Schon oft in den beiden zurück­lie­genden Spiel­zeiten wurde dieser Tausch vor­ge­nommen: Wenn der Alt­meister aus­ge­pumpt ist, ersetzt ihn Thorsten Fink. Leit­wolf Effen­berg ist nicht gerade begeis­tert. Natür­lich fragte ich mich, warum er nicht noch zehn Minuten durch­hält. Denn seine Aus­wechs­lung brachte Unruhe ins Team. Aber was hätte man ihm ange­lastet, wenn er trotz Ver­let­zung drin geblieben wäre und einen Fehler gemacht hätte?“

Immer wenn es ernst wird, ver­pisst der sich!

22:20:02 Uhr
Hitz­feld lässt nun wech­seln: Fink kommt für Mat­thäus. Immer wenn es ernst wird, ver­pisst der sich!“, schimpft Mehmet Scholl. Eine gal­lige Anspie­lung darauf, dass Mat­thäus im WM-Finale 1990 Andreas Brehme den Straf­stoß schießen ließ. Effen­berg bellt die Anwei­sung, nun noch mas­siver zu stehen. In den letzten zehn Minuten soll nichts mehr anbrennen. Kon­tern“, gibt das Alpha­tier als Schlacht­plan aus. Alex Fer­guson holt Andy Cole vom Feld und bringt Ole Gunnar Sol­skjær. Er beor­dert David Beckham zurück auf die rechte Seite, der Schachzug, ihn auf Halb­links spielen zu lassen, ist gründ­lich in die Hose gegangen. Viel­leicht schwant ihm schon die Kritik der Medien, die seine Taktik für die Nie­der­lage ver­ant­wort­lich machen werden.

In Eng­land eilt dem Nor­weger Sol­skjær der Ruf des Super-Jokers“ voraus. Der Begriff geis­tert wäh­rend der Vor­be­rei­tung auf das Finale auch immer wieder durch die Team­be­spre­chungen der Bayern. In einem Spiel gegen Not­tingham Forest kam Sol­skjær einmal zwölf Minuten vor dem Ende und schoss noch vier Tore. In Man­chester haben sie ihm einen Kampf­namen gegeben: The baby-faced Assassin“. Stefan Effen­berg macht der Wechsel trotzdem keine Sorgen: Wieso auch? Wir hatten bis jetzt hinten sicher gestanden, und die Jungs hatten vorher auch Cole und Yorke sehr gut im Griff gehabt.“

22:24:54 Uhr Die Bayern-Bank bereitet den Abpfiff vor. Bei Markus Hör­wick fragen die TV-Sta­tionen ihre Flash-Inter­views an. Die Fieldre­porter wollen Gespräche mit Kapitän Lothar Mat­thäus, Match­winner Mario Basler und Tor­wart Oliver Kahn. Betreuer schaffen Kisten mit fri­schen Tri­kots heran, die die Bayern-Profis bei der Sie­ger­eh­rung nicht so ver­schwitzt, adretter – kurz: tri­um­phaler – aus­sehen lassen sollen. Alex­ander Zickler lupft die Pappe eines Kar­tons und sieht zahl­lose Base­ball­kappen mit der Auf­schrift Cham­pions League-Sieger 1999 – FC Bayern Mün­chen“.

22:27:01 Uhr Markus Hör­wick hat die SMS für den Info-Ser­vice eines Mobil­funk-Spon­sors vor­be­reitet. 160 Zei­chen totaler Tri­umph stehen kurz davor, als Brea­king News an zahl­lose Kunden gesimst zu werden: Bar­ce­lona, 26. Mai 1999. Bayern am Ziel. Der FC Bayern Mün­chen ist Cham­pions-League-Sieger 1999. 1:0‑Sieg durch Frei­stoßtor Mario Basler (6.) Hör­wick erwartet den Schluss­pfiff: Ich hatte die SMS auch nach dem Spiel noch fast ein halbes Jahr im Spei­cher. Dann habe ich sie gelöscht.“

22:29:55 Uhr Hitz­feld erkennt: Die Aus­wechs­lung von Lothar hat uns nicht unbe­dingt sicherer gemacht.“ Denken seine Spieler nach der Her­aus­nahme des Liberos, das Spiel sei schon gelaufen? Schlen­drian stellt sich ein, alar­miert ruft der Coach Hasan Sali­ha­mi­džić zu sich, will den jungen Kämpfer für den zur Poma­dig­keit nei­genden Basler bringen. Der Brazzo“, weiß Hitz­feld, wirft sich zur Not in jeden Schuss.