Es war einer der emo­tio­nalsten Momente der WM 1994: Wie der nige­ria­ni­sche Stürmer Rashidi Yekini das Tor­netz umklam­mert, es mit weit auf­ge­ris­senem Mund von sich hält, um es dann fast lie­be­voll an sich zu schmiegen und dabei unab­lässig zu mur­meln: Rashidi Yekini, Rashidi Yekini…“ Sekunden zuvor hatte der bul­lige Angreifer das erste Tor Nige­rias bei einer Welt­meis­ter­schaft geschossen und sofort rea­li­siert, dass er sich unsterb­lich gemacht hatte.

Im Auf­takt­spiel der Gruppe D trafen an diesem 21. Juni Nigeria und Bul­ga­rien auf­ein­ander. In einem 90-minü­tigen Offen­siv­fes­tival demon­tierte das Ensemble um den dama­ligen Frank­furter Jay-Jay“ Okocha einen hilf­losen Gegner, der mit dem 0:3 am Ende noch gut bedient war. Die Fuß­ball­welt war sich einig: Dieses Team, die Super Eagles“, konnte even­tuell sogar um den WM-Titel mit­spielen. Eine Ein­schät­zung, die aber schon vier Tage später teil­weise revi­diert werden musste: Da näm­lich hatten jene leicht­fü­ßigen Nige­rianer in einem zer­stö­re­ri­schen Gewaltakt alle Fuß­ball­kunst preis­ge­geben und gegen alles getreten, was in argen­ti­ni­schen Tri­kots her­um­lief. Das Spiel ging 1:2 ver­loren und mit ihm viele Sym­pa­thien, die sich Nigeria zuvor erworben hatte.

Diese zwei Gesichter waren typisch für ein Team, das fuß­bal­le­risch zwei­fels­ohne zu den besten der 90er Jahre gehörte. Einer­seits tech­nisch bril­lant, ath­le­tisch und spiel­freudig, ande­rer­seits unkon­zen­triert, über­heb­lich und auf ent­schei­denden Posi­tionen schlecht auf­ge­stellt. So ist es fast ein­hel­liger Tenor, dass die Haupt­schuld am spä­teren Ach­tel­final-Aus gegen Ita­lien den hol­län­di­schen Trainer Cle­mens Wes­terhof trifft. Der eigen­sin­nige Nie­der­länder, der aus seiner offenen Abnei­gung gegen die afri­ka­ni­sche Art“ nie einen Hehl machte, drückte den West­afri­ka­nern seine Vor­stel­lung eines euro­päi­schen Defen­siv­fuß­balls auf, der die Stärken der Elf igno­rierte. Nach der 1:0‑Führung gegen die Ita­liener durch Emma­nuel Amu­nike beor­derte Wes­terhof fast all seine Mannen nach hinten und ließ einzig Yekini noch stürmen. Der kon­sta­tierte nach dem Abpfiff: Je mehr wir angreifen, desto besser können wir ver­tei­digen. Das ist unser Spiel.“ Der ein­zige, der das nicht ver­standen hatte, war Cle­mens Wes­terhof.

Die wollen nicht ein­fach gewinnen“

Über­haupt ist schwer nach­zu­voll­ziehen, wie dieser Mann fünf Jahre die Geschicke der Natio­nal­mann­schaft leiten konnte. Immer wieder äußerte er sich abschätzig über seine Spieler. Sie essen fettig, ver­gnügen sich mit ihren oder anderen Frauen und haben sich nicht unter Kon­trolle“, war einer jener Sätze, die Wes­terhof Jour­na­listen frei­mütig in die Blöcke dik­tierte. Die wollen nicht ein­fach gewinnen, die wollen sich als Helden feiern lassen, den Gegner demü­tigen“, ein anderer. Nach der schmerz­li­chen Nie­der­lage im Ach­tel­fi­nale sprach der Hol­länder von der Dumm­heit seiner Spieler und behaup­tete, ihr Ver­halten sei typisch für Afri­kaner – der Schwarze müsse sich dem Weißen eben immer über­legen fühlen. Das nie­der­län­di­sche Fach­blatt Voetbal Inter­na­tional“ nannte Wes­terhof einen Kolo­ni­al­herren und zeich­nete damit ein prä­zises Bild dieses Igno­ranten. Seine Selbst­herr­lich­keit führte unmit­telbar nach dem WM-Aus dazu, dass die Spieler ihn aus dem Hotel warfen, weil sie seine Anwe­sen­heit nicht mehr ertrugen.