18.12.13 Ham­burg Grün­span mit Madsen
Nach kurzer Rege­ne­rie­rungs­phase startet heute die heiße Phase der Tour: vier Kon­zerte am Stück. Eine harte Belas­tungs­probe für Mensch, Maschine und Immun­system. Eng­li­sche Woche auf Pun­rock-Art.

In Momenten wie diesen ist des­wegen Weit­sicht gefragt. Um selbst beim letzten Kon­zert noch Energie und andere Neben­säch­lich­keiten (Stimme, Ori­en­tie­rungs­sinn, Gedächtnis) zu haben, wurde vor ver­sam­melter Mann­schaft ver­ant­wor­tungs­voll die Losung für den wei­teren Abend aus­ge­geben: heute Halbgas, Kräfte schonen, früh ins Bett.

Der Ver­suchs­aufbau des Abends ließ mich aller­dings stutzig werden, ob und wie wir diesen kühnen Plan in die Wirk­lich­keit umsetzen würden können: Madsen hatte Mont­real ein­ge­laden, sie beim Kon­zert im Ham­burger Club Grün­span“ direkt auf dem Kiez zu unter­stützen. Ich hatte Madsen vorher nicht wirk­lich auf dem Schirm, bin aber sehr positiv über­rascht, wie viele Lieder ich doch von denen kenne und wie unfassbar es bei denen abgeht. Sehr beein­dru­ckend! Club und Back­stage sind sehr klein, alles etwas stressig hier wegen Platz­mangel. Daher mussten wir die Instru­mente heute draußen hinter dem Club aus- und wieder ein­pa­cken. Ende Dezember in Ham­burg eher so halb­geil. Ich denke, es war meinem beherzten und schnellen Ein­greifen zu ver­danken, dass wir in Rekord­zeit alles im Bus hatten und sich bei dieser Kälte keiner den Tod geholt hat. (Okay, auch die vier Helfer des Club hatten ent­schei­denden Anteil)

Schon mit­tags hatte mich Hirsch wegen eines Penn­platzes ange­hauen. Wenig später kam unab­hängig davon auch die Anfrage von Yonas. Klar, dass auch Max kurze Zeit später folgte. Für mich war es wieder mal schön zu sehen, wie orga­ni­siert es nach zehn Jahr Tour bei Mont­real mitt­ler­weile zugeht. Es ist natür­lich selbst­ver­ständ­lich, dass die Bet­ten­be­le­gung sich ab jetzt quasi minüt­lich änderte.

Bifi-Rolls als letzte Ret­tung

Nach dem Kon­zert zogen alle zu Fuß zu Madsens Hotel, um kurz noch ein Fei­er­abend­ge­tränk an der Hotelbar nehmen“. Aber ich war mitt­ler­weile sen­si­bi­li­siert genug, um sofort die hung­rigen Augen in der großen Runde zu erkennen. Ich konnte nicht anders, kur­zer­hand erstand ich den kom­pletten Hotel-Bestand an Bifi-Rolls. Fortan erfüllten große Freude und gie­rige Fress­ge­räu­sche die noblen Hallen. Schön, wenn man Men­schen so ein­fach glück­lich machen kann.

Nach circa 17 wirk­lich letzten aller­letzten Abschieds­ge­tränken, weil morgen ist ja auch noch Kon­zert“ konnten Mont­real und Madsen sich doch end­lich von­ein­ander los­eisen. Yonas hatte sich kur­zer­hand bei Madsen Gitar­rist Mücke im Zimmer ein­ge­zeckt, Max war Last Minute doch noch bei seinem Bruder gelandet, also blieb nur Hirsch als Gast für meine Couch. Wie pas­send, wollte ich ihm ohnehin noch mal kurz ein paar Lieder vor­spielen. Ist ja schnell erle­digt.

Als wir das nächste Mal auf die Uhr schauten, war es 5 Uhr. Mit der Gewiss­heit, dass es mit dem Halbgas wieder einmal super funk­tio­niert hatte, gingen wir schnell schlafen. In fünf Stunden würde es ja schon weiter nach Bochum gehen. Da werden wir dann aber mal ruhiger machen. Es sind ja schließ­lich noch drei wei­tere Kon­zerte zu spielen.

19.12.13 Bochum Matrix mit Itchy Poopzkid
Die viel­leicht wich­tigste Lek­tion, die ich bisher auf Tour mit einer Punk­rock-Band gelernt habe: Man darf seinen Körper nicht mit zu viel Schlaf ver­wöhnen, sonst wird der noch gierig. Vier Stunden sind mehr als genug!

Und so ver­sam­melte sich die Truppe halb­wegs pünkt­lich am Bus, über­ra­schen­der­weise fand sich sogar ein Fahrer. Mein alter Oh, ich muss mal kurz telefonieren“-Trick hatte wieder bes­tens funk­tio­niert. Statt ans Steuer ging es für mich auf die bequeme Rück­bank! Der Ladeweg in Bochum stellte sich als denkbar ungünstig heraus. Auf Git­ter­wagen mussten wir alles durch das Park­haus eines noch geöff­neten Super­marktes kurven und dann mit einem Gabel­stapler eine Etage tiefer fahren. Von diese Art der kör­per­li­chen Extrem­be­las­tung hatte ich schon mein Leben lang geträumt. Vor allem freute ich mich beim Run­ter­schleppen schon darauf, das alles nachher noch mal in die andere Rich­tung zu beför­dern.

Das Roadie-Wochen­ende von Marius Ebbers in der Bil­der­ga­lerie »>

Der Rest der Vor­be­rei­tungen ist mitt­ler­weile schon sehr ein­ge­spielt: die Geträn­ke­ver­sor­gung läuft blind, quasi ohne Kom­mu­ni­ka­tion. Beim Mini-Tisch­tennis komme ich immer dichter an meinen ersten Match­ge­winn und alle Texte kann ich inzwi­schen auch schon. Nur falls mal einer von den Jungs aus­fällt: Ich laufe mich fortan unauf­fällig am Büh­nen­rand warm und stehe bereit.
Nach einem wei­teren Bus­lade-Exzess ging es dann nachts noch nach Köln zum Under­ground“, wo Mont­real am Freitag spielen und wir nun zwei Nächte wohnen würden. Auf der Fahrt gab ich den DJ vom Bei­fah­rer­sitz – mein lie­be­voll gebas­telter Mix kommt gut“ an. Zumin­dest ich glaube fest daran.

Nie­mand hat die Absicht, eine Mauer zu erklimmen

Am Under­ground ange­kommen schafften wir noch eine Partie Kicker und ein letztes Getränk, bevor der Laden dicht machte. Und dann kam wieder der ver­dammte Hunger durch. Also zogen Licht­mann Malte und ich los. Die eine große Bur­ger­kette ver­ram­melte hek­tisch ihre Türen vor unseren Augen, die andere war gnä­diger und bot uns das ersehnte Mahl.

Als wir zurück kamen, war das Tor zum Innenhof ver­schlossen. Ups. Doch schon wieder so spät? Wir tele­fo­nierten eilig Hirsch herbei, doch alle Ver­suche Tür, Tor oder sonst etwas von innen zu öffnen, schei­terten kläg­lich. Über zusam­men­ge­scho­bene Müll­tonnen und Bäume erklommen wir die vier Meter hohe Mauer. Ich glitt geschmeidig wie eine Katze in den nächt­li­chen Innenhof und fühlte mich min­des­tens so galant wie Tarzan. Oder wie heißt der Bär aus dem Dschun­gel­buch? 

Malte von der Mauer zu bergen, gestal­tete sich da schon wesent­lich kom­pli­zierter, war dafür aber um Längen lus­tiger. Als wir unter großem Hel­den­ge­schrei zurück in die Woh­nung gingen, um vom Rest der Jungs unter tosendem Applaus begrüßt zu werden, erblickten wir drei Meter neben der Mauer zwei rie­sige Lei­tern. Zum Glück ersparten sich die Kol­legen die Kom­men­tare. Ich ahnte aller­dings, Köln könnte lustig werden.