Herr Pflügler, am Samstag ist Pokal­fi­nale, alle erwarten einen klaren Sieg des FC Bayern. Sie auch?

Ich hoffe es zumin­dest, aber ich habe ja durchaus schon die Erfah­rung gemacht, dass ein Pokal­fi­nale etwas ganz Beson­deres ist. Wenn ich zum Bei­spiel an unser Finale gegen Uer­dingen zurück­denke, da sind wir auch als Favorit hin­ge­fahren und dann als zweiter Sieger vom Platz gegangen. Nach der letzten Woche würde man das zwar jetzt nicht erwarten, aber es kann trotzdem sein.

Sie standen ins­ge­samt vier Mal im Finale und sind drei Mal Pokal­sieger geworden. Gespielt haben Sie aller­dings nur bei der 1:2‑Niederlage 1985 gegen Uer­dingen und 1986 beim 5:2 Sieg gegen Stutt­gart.

So ist es.

Viel­leicht können wir die ein­zelnen Sta­tionen einmal durch­gehen. 1982 waren Sie das erste Jahr bei den Bayern und erstmal nur Ergän­zungs­spieler. Beim 4:2 Sieg in Frank­furt gegen Nürn­berg kamen Sie nicht zum Ein­satz.

Ja, da war ich noch ganz jung und saß nur auf der Bank.

1984 waren Sie dafür beim legen­dären 6:6 auf Schalke im Halb­fi­nale dabei. Ein Wahn­sinns­spiel. Der FC Bayern konnte den Final­einzug erst mit einem 3:2 im Wie­der­ho­lungs­spiel in Mün­chen klar­ma­chen.

Ja richtig, das war schon ein unglaub­li­ches Spiel. Diese Stim­mung und dann zwölf Tore, das kommt ja auch nicht alle Tage vor. Das Rück­spiel war auch schwer umkämpft, aber dann hat Gott sei Dank Karl-Heinz Rum­me­nigge in der 79. Minute das 3:2 gemacht. Im Finale saß ich dann leider nur auf der Bank.

Waren Sie ver­letzt?

Nein, wenn ich mich richtig erin­nere, nicht. Udo Lattek hatte sich ein­fach dafür ent­schieden, dass Bernd Martin spielt. Und ich saß leider draußen.

Dabei waren Sie in dieser Saison ja eigent­lich Stamm­spieler…

Ja, ich habe 30 Bun­des­li­ga­spiele gemacht und war in allen Pokal­spielen dabei, bloß in einem nicht, und das war aus­ge­rechnet das Finale gegen Glad­bach (lacht).

Im Finale 1984 gegen Glad­bach ver­schoss Lothar Mat­thäus in seinem letzten Spiel für den alten Arbeit­geber einen Straf­stoß im Elf­me­ter­schießen und Bayern gewann 8:7. Seinen Wechsel zu den Bayern hatte er schon bekannt gegeben. Hat man das auch als Bay­ern­spieler rea­li­siert, was dem zukünf­tigen Team­kol­legen da unter­laufen war?

Nein, gar nicht. Es war viel­mehr so, dass man ihn als Spieler für seine Fähig­keiten bewun­dert hat. Und dass der Verein damals die Gele­gen­heit ergriffen hat, ihn als Bayern aus Her­zo­gen­au­rach dann auch nach Mün­chen zu holen war im Nach­hinein ein guter Schachzug.

Die Finals 1985 und 86 waren auch die ersten beiden Spiele im Ber­liner Olym­pia­sta­dion. War das etwas Beson­deres, der neue End­spielort?

Ja, auf alle Fälle. Wir haben die Male davor immer in Frank­furt gespielt, das war so unser Zen­trum des Pokal­fi­nales. Aber dass es mit Berlin dann einen festen Ort gab, das war ein­fach wichtig. Und Berlin hat schon ein beson­deres Flair, das war schon in Ord­nung.

Damals war Berlin auch noch geteilt. Hatte das auch eine Bedeu­tung?

Für uns Spieler ehr­lich gesagt nicht. Als Spieler fliegst du hin, fährst ins Hotel, gehst dann auf den Platz und wenn du zurück­kommst hast du ent­weder was zu feiern oder nicht (lacht).

1985 hatte Uer­dingen eine ordent­liche Saison gespielt, trotzdem galt der FC Bayern als Meister auch in diesem Spiel als Favorit. Woran lag es, dass Sie gegen den Underdog ver­loren haben?

Das sind halt Pokal­spiele. Das kann dir in der ersten Runde gegen eine Ama­teur­mann­schaft pas­sieren oder im Finale gegen eine graue Maus“. Es gibt so Tage, wo es in der Mann­schaft nicht passt. Das hat man ja jetzt auch am Sonntag gegen Dort­mund gesehen. Im Bun­des­liga-Hin­spiel in Dort­mund waren sie noch richtig stark, da haben wir nur mit viel Glück ein 0:0 erreicht. Und letzten Sonntag hatten sie noch Glück, dass es bei fünf Toren geblieben ist, so über­legen waren wir da. Uer­dingen hat damals nach unserer Füh­rung inner­halb von einer Minute aus­ge­gli­chen, das stärkt einen natür­lich. Und je länger es dann unent­schieden steht, umso stärker wird der ver­meint­liche Underdog.

Welche Rolle hat das Publikum dabei gespielt? Die Bayern waren damals nicht gerade son­der­lich beliebt…

Was? Das gibt’s ja gar nicht, wir waren immer beliebt (lacht).

Gut, sagen wir: die Bayern haben schon damals pola­ri­siert…

Ja klar. In Berlin war viel­leicht ein Drittel Bay­ern­fans, ein Drittel Uer­dinger und der Rest war neu­tral – oder eben auch nicht.

Wie groß war die Ent­täu­schung?

Natür­lich war sie groß, weil jeder die Erwar­tung gehabt hat, zu gewinnen. Wenn man als Favorit in so ein Spiel rein­geht und sein Ziel dann nicht erreicht, ist das schon bitter.

1986 schließ­lich ließ der FCB, schon wieder als Meister, dem VfB Stutt­gart beim 5:2 keine Chance und holte das zweite Double seit 1969. Ein beson­derer Moment in Ihrer Kar­riere?

Ja, das war richtig geil. Eine Woche vorher hatte Stutt­gart zuhause Bremen geschlagen und uns so zum Meister gemacht. Und als Dank haben sie von uns richtig eine drauf gekriegt. Wir hatten vor dem Finale die Ansage bekommen, dass wir mit Udo Lattek bis Mitt­woch die Meis­ter­schaft feiern können. Ab Mitt­woch haben wir uns dann auf das Pokal­fi­nale kon­zen­triert. Das ist dann super gelaufen, wir haben sie mit 5:2 weg­ge­schossen, ich habe ein paar Flanken rein­ge­bracht und der Micha (Michael Rum­me­nigge, schoss zwei Tore, Anm. d. Red) hat sie ver­wertet. Recht heiß war es, aber es war ein geiler Nach­mittag.

War dieses Double der Höhe­punkt Ihrer Kar­riere? Oder doch eher der Gewinn der Welt­meis­ter­schaft 1990, wo sie aller­dings nur“ beim 1:1 gegen Kolum­bien gespielt haben?

Letzt­lich muss jeder Fuß­baller selbst ent­scheiden, wie er das annimmt. Man­chen reicht es, nur ein Spiel zu machen und ansonsten auf der Bank zu sitzen. Für mich war es wich­tiger, eine gute Saison und alle Pokal­spiele zu bestreiten und dann ein ordent­li­ches Finale zu spielen. Der Welt­meis­ter­titel wiegt sicher­lich noch mehr, aber für mein eigenes Emp­finden war dieses Double die grö­ßere Leis­tung.

War die Vor­jah­res­nie­der­lage die ent­schei­dende Moti­va­ti­ons­hilfe?

Nein, eigent­lich nicht. Der größte Ansporn war es, end­lich wieder einmal das Double zu holen, zum ersten Mal seit 1969. Das war damals schon etwas Beson­deres, mitt­ler­weile hat sich das ja ein biss­chen nor­ma­li­siert.

Wel­chen Stel­len­wert hat der Pokal beim FC Bayern denn heute noch?

Die Meis­ter­schaft zählt sicher­lich mehr, weil sie belegt, dass man 34 Spiele lang der Beste war. Da glei­chen sich auch Glück und Pech wieder aus. In der Pokal­runde gibt es sechs Spiele, da kann es schon mal knapp werden. Gene­rell ist es bei Bayern wichtig, dass man das Jahr mit einem Titel krönt. Und wenn ich schon nicht Meister werde, dann will ich den Pokal, da hat man wenigs­tens etwas in der Hand.

Trotzdem, die Bayern haben unter Felix Magath zwei Mal in Folge das Double geholt. Trotzdem schien eine Euphorie wie bei­spiels­weise 1986 nicht mehr da zu sein…

Wenn man es zwei Mal in Folge holt, dann ist eine gewisse Sät­ti­gung erreicht. Man hat das ja auch im letzten Jahr gesehen. Der Drang, der Biss und der Wille, unbe­dingt etwas zu holen, haben gefehlt. Fast jeder Spieler hatte schon einen Titel gewonnen, neue Spieler, die noch nichts geholt hatten, gab es gar nicht. Die haben wir jetzt aber auf alle Fälle wieder.

Beim aktu­ellen Kader machen Sie sich da keine Sorgen?

Nein, über­haupt nicht, die neue Mann­schaft ist richtig hungrig.

Die Pokal­eu­phorie in Dort­mund ist riesig, und falls die Borussia gut ins Spiel findet könnten sich die neu­tralen Zuschauer schnell auf die Seite des Under­dogs schlagen. Könnte das Publikum den Aus­schlag geben?

Nor­ma­ler­weise nicht. Wir haben ja super Fans. Dass bei uns die Leute auf der Haupt­tri­büne auf­stehen und zu singen anfangen, das werden wir nicht erleben, das ist ein­fach so. Klar freuen die sich auch und jubeln, aber dass ein Bank­di­rektor plötz­lich auf­springt und ein Lied anstimmt, kann ich mir jetzt auch nicht vor­stellen. Das ist auch gar nicht negativ gemeint. Es gibt es ja noch genug Fans aus der Süd- und der Nord­kurve, die auch in Berlin Stim­mung machen werden, da mache ich mir keine Sorgen.

Nochmal zurück zum 5:0 gegen Dort­mund vom letzten Sonntag. Ottmar Hitz­feld meinte, ihm wäre ein 3:2 lieber gewesen. Was glauben Sie, ist dieses Ergebnis eher Fluch oder Segen?

Das weiß ich selber nicht so richtig (lacht). Aber letzt­lich habe ich doch lieber ein super­tolles Fuß­ball­spiel, sichere mir die Meis­ter­schaft und begeis­tere das Publikum, als am Ende noch zit­tern zu müssen bis zur letzten Sekunde. Jetzt liegt es an jedem ein­zelnen Spieler, sich wieder zu kon­zen­trieren und den Erfolgs­willen zu zeigen.

Wie das funk­tio­niert haben Sie ja nach Ihrer Pro­fi­kar­riere den Nach­wuchs­ta­lenten des FC Bayern ver­mit­telt. Sie haben noch eine Weile bei Her­mann Ger­lands Ama­teuren gespielt und diese geführt…

Ja, mit Unter­stüt­zung. Das sind alles talen­tierte Bur­schen, aber sie sind nicht so stabil, des­wegen braucht man da auch ein paar Leute mit Erfah­rung, vor allem heute, wo die ganzen abge­zockten Ex-Profis bei den anderen Ver­einen spielen dürfen, bei den zweiten Mann­schaften von Pro­fi­ver­einen aber nur drei.

Sie hätten nach Ihrer Kar­riere aber auch etwas anderes machen können, immerhin haben Sie einen Abschluss als Stahl­bau­in­ge­nieur. Wann haben Sie denn stu­diert?

Schon wäh­rend meiner Pro­fi­zeit. 1981 habe ich ange­fangen. Statt vier habe ich sieben Jahre gebraucht. Aber ich habe mein Stu­dium abge­schlossen.

Aber gear­beitet haben Sie nie als Stahl­bau­in­ge­nieur?

Nein, das war nur eine Sicher­heit, falls im Fuß­ball etwas pas­siert. Zu meiner Zeit war es ja noch nicht so, dass man nach einem Pro­fi­jahr aus­ge­sorgt hatte, des­wegen wollte ich noch ein zweites Stand­bein haben. Im Nach­hinein betrachtet, ging es viel­leicht auch darum, mir zu beweisen, dass ich das eben­falls erlernen kann.

Wollten Sie auch mal Abstand vom Fuß­ball­be­trieb?

Eigent­lich nicht. Inzwi­schen bin ich für Bayern im Mer­chan­di­sing tätig und fühle mich immer noch als Fuß­baller. Es gibt Schlim­meres als ein Leben beim FC Bayern.