Seite 2: Absprachen und Mauscheleien?

Die beste Abwehr in jener legen­dären Saison 1983/84 hatte nicht der spä­tere Auf­steiger Deva, son­dern der Tabel­len­siebte Metalul Bocsa, der im Fol­ge­jahr den Sprung nach oben schaffen sollte. Der Tor­wart war damals Emil Vadasz, heute 56 Jahre alt. Man brauchte etwa vier oder fünf Klubs, die einem geholfen haben, sonst war es fast unmög­lich auf­zu­steigen“, erin­nert er sich. Diese Hilfe konnte man auch indi­rekt bekommen, etwa wenn andere Teams ein gutes Ergebnis gegen deinen direkten Kon­kur­renten erzielten. Manchmal bekam man das Dop­pelte seines Monats­ge­haltes als Prämie ange­boten. Und manche Spieler boten dann wie­derum etwas von dieser Prämie ihrem Gegen­spieler an.“ Mit einem leisen Lächeln fügt Vadasz an: Mein Vater hatte eine offi­zi­elle Posi­tion im Verein. Einige Spiele wurden bei uns am Küchen­tisch ent­schieden.“

Doch Abspra­chen und Mau­sche­leien sind im Fuß­ball nichts Neues. Trotzdem war nie wieder eine Liga hinter dem Tabel­len­ersten (auf den sich in diesem Fall ja alle geei­nigt hatten) so aus­ge­gli­chen wie die Divizia C Serie VIII. Und das hatte mit dem Publikum zu tun. Fuß­ball war das Ein­zige, das den Leuten in dieser Region Freude berei­tete“, sagt Ex-Schieds­richter Danciu. Jeder Berg­mann ging am Sonntag ins Sta­dion und wollte dort unbe­dingt einen Sieg gegen den Lokal­ri­valen sehen. Die Heim­spiele waren wich­tiger als alles andere.“ Natür­lich war Danciu klar, dass es auf dem Rasen nicht immer mit rechten Dingen zuging. Wenn ich das Gefühl hatte, dass die Sache abge­spro­chen gewesen war, dann schrieb ich in meinen Bericht: Die Partie war von nahezu über­ir­di­schem Fair­play geprägt.‘ Ich wollte keinen Ärger bekommen.“

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Das Team mit den wenigsten Gegen­toren in der berühm­testen Tabelle aller Zeiten: Metalul Bocsa

So gerieten viele Spiele zur Farce – aller­dings nicht für die Zuschauer, die all ihre Emo­tionen und Frus­tra­tionen ins Sta­dion trugen. Für sie, die Berg­leute, war die Sache tod­ernst. Funk­tio­näre, Spieler und auch Schieds­richter wurden nicht selten bedroht oder tät­lich ange­griffen. Es war nicht ein­fach, in dieser Gegend Spiele zu pfeifen“, sagt Danciu. Bei einem Derby zwi­schen Anina und Ora­vita musste mich die Bereit­schafts­po­lizei retten. Ein anderes Mal hetzte mich ein Mann mit einem Brech­eisen über den Rasen, zum Glück war ich sehr schnell. 1983/84 war die Atmo­sphäre beson­ders schlimm, weil die soziale und finan­zi­elle Lage der Minen­ar­beiter sehr schlecht war.“ Und so trugen auch die Schieds­richter ihren Teil dazu bei, dass Heim­siege die Norm waren. Man musste der Heim­mann­schaft einen Vor­teil von fünf Pro­zent geben“, sagt Danciu. Wenn man zu kor­rekt pfiff, dann konnte es ein sehr unan­ge­nehmer Tag für einen werden.“ Das galt auch für Spieler, die es wagten, aus­wärts zu punkten. Emil Vadasz, der Tor­wart aus Bocsa, erin­nert sich: Wir saßen mal sieben Stunden in unserer Kabine, weil wir uns nicht nach draußen trauten. Schließ­lich fand einer von uns eine Axt. Damit trat er dann vor die Tür, wir standen hinter ihm. Nur so kamen wir weg.“

Die Abspra­chen hatten zwar den Zweck, den Teams ihre Punkte zu sichern und die Spieler vor der Arbeit in den Minen zu bewahren. Aber natür­lich musste am Ende jemand absteigen. Der Tabel­len­fünf­zehnte aus Ghelar gewann am letzten Spieltag sen­sa­tio­nell die Partie in Deva (oder viel­leicht auch nicht so sen­sa­tio­nell, schließ­lich hatte der Gegner den Auf­stieg schon sicher), wäh­rend Schluss­licht Ani­noasa das bereits geret­tete Minerul Paro­seni 5:2 besiegte. Doch wie durch ein Wunder reichten beide Resul­tate nicht, weil alle Teams davor genau das Ergebnis holten, das sie brauchten. Nie­mand war über­rascht“, sagt Danciu. Es flossen auch keine Tränen.“ Die Ver­eine hatten daheim, vor ihren eigenen Leuten, in der Regel gewonnen. Darauf war es ange­kommen.

Damals gab es nur eine Sport­zei­tung in Rumä­nien: Sportul“. Sie schenkte der abge­le­genen Berg­ar­bei­ter­liga keine große Bedeu­tung, son­dern druckte nur die Ergeb­nisse. Erst nach dem Ende der Saison wid­mete das Heft dem Auf­steiger Muresul Deva ein paar Zeilen: Eine dis­zi­pli­nierte Mann­schaft, der es gelang, die Liga zu domi­nieren. Der Erfolg ist vor allem dem Enga­ge­ment von Trainer Vlad zuzu­schreiben, der für ein gutes Arbeits­klima sorgte.“ Kein Wort dar­über, wie unfassbar knapp es hinter dem Auf­steiger zuge­gangen war. Doch viel­leicht war es kein Wunder, dass den Jour­na­listen die his­to­ri­sche Dimen­sion der Saison ent­ging. Schließ­lich war nicht mal den damals Betei­ligten bewusst, dass sie auf ganz eigene Weise Unge­wöhn­li­ches geleistet hatten. Das wurde mir erst vor ein paar Jahren klar“, sagt Vadasz. Damals sah ich plötz­lich die Tabelle irgendwo auf Face­book. Ich habe sofort einen alten Freund ange­rufen und gesagt: Erin­nerst du dich an die Saison damals? War das wirk­lich so eng?“

Ja, das war es. Es war so eng, dass die Divizia C Serie VIII von 1983/84 heute ihren eigenen (deut­schen) Wiki­pedia-Ein­trag hat. In ihm heißt es: Der Ökonom Dorian Owen benutzte die Spiel­zeit als ein Fall­bei­spiel in einer Ver­öf­fent­li­chung über die Bewer­tung der Aus­ge­gli­chen­heit einer Sport­liga mit­hilfe der rela­tiven Stan­dard­ab­wei­chung.“ Ob der Wis­sen­schaftler wusste, wie wichtig es bei mathe­ma­ti­schen Berech­nungen ist, dass Berg­leute bei Laune gehalten werden?