11FREUNDE WIRD 20!

Kommt mit uns auf eine wilde Fahrt durch 20 Jahre Fuß­ball­kultur: Am 23. März erschien​„DAS GROSSE 11FREUNDE BUCH“ mit den besten Geschichten, den ein­drucks­vollsten Bil­dern und skur­rilsten Anek­doten aus zwei Jahr­zehnten 11FREUNDE. In unserem Jubi­lä­ums­band erwarten euch eine opu­lente Werk­schau mit unzäh­ligen unver­öf­fent­lichten Fotos, humor­vollen Essays, Inter­views und Back­s­­­tages-Sto­­­­ries aus der Redak­tion. Beson­deres Leckerli für unsere Dau­er­kar­ten­in­haber: Wenn ihr das Buch bei uns im 11FREUNDE SHOP bestellt, gibt’s ein 11FREUNDE Notiz­buch oben­drauf. Hier könnt ihr das Buch be­stellen. Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Heute: Ema­nuel Rosus Repor­tage über eine sehr son­der­bare Tabelle. (Mit­ar­beit und Über­set­zung: Uli Hesse)

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Rumä­nien ist nicht das Land, in dem man den Hei­ligen Gral des Fuß­balls ver­muten würde. Schon gar nicht in einem Berg­bau­ge­biet im Westen des Landes, weit abseits der Metro­pole Buka­rest. Und doch gibt es hier Städte und Orte, deren Namen für so man­chen Fan einen fast mythi­schen Klang haben: Deva, Calan oder Bocsa. Die Ver­eine aus diesen obskuren Dör­fern spielen seit Jahr­zehnten im Ama­teur­be­reich und haben noch nie etwas gewonnen. Trotzdem tauchten sie schon auf unzäh­ligen Web­sites auf, in Zei­tungen wie dem Guar­dian“ und sogar in wis­sen­schaft­li­chen Abhand­lungen. Der Grund ist eine Abschluss­ta­belle. Und zwar diese:

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Diese Tabelle gilt als die aus­ge­gli­chenste der Fuß­ball­ge­schichte, denn der Zweite lag nur zwei Punkte – so viele gab es damals für einen Sieg – vor dem Vor­letzten. Neun Teams waren punkt­gleich, elf Mann­schaften trennte nur ein ein­ziger Zähler. Der Zweite verlor ebenso viele Spiele wie der Letzte. Kein Wunder, dass His­to­riker und Sta­tis­tik­freunde seit Beginn des Inter­net­zeit­al­ters auf diese 16 Zeilen starren und sich fragen: Wie ist das mög­lich, was war da los?

Um die Geschichte dieser Liga und dieser Tabelle zu ver­stehen, muss man einen kurzen Aus­flug in die rumä­ni­sche Geschichte machen, und zwar in den August 1977. Damals stand Dik­tator Nicolae Ceau­sescu vor einem großen Pro­blem. Etwa 35 000 Berg­ar­beiter waren in den Streik getreten und ver­langten, direkt mit dem Staats­führer zu ver­han­deln. Sie waren mit ihrer Bezah­lung unzu­frieden und mit den Arbeits­be­din­gungen, so hatten sie zum Bei­spiel keinen ein­zigen freien Tag in der Woche. Die Lage war so ernst, dass Ceau­sescu aus dem Urlaub mit dem Heli­ko­pter anreiste, sechs Stunden lang mit den Streik­füh­rern debat­tierte und viele Zuge­ständ­nisse machte, dar­unter den freien Sonntag. Die Anführer der Revolte lan­deten später in Gefäng­nissen oder Arbeits­la­gern, und der rumä­ni­sche Geheim­dienst sorgte dafür, dass ähn­lich kri­ti­sche Stimmen ver­stummten. Doch klar war auch: Für die Sta­bi­lität des Landes war es wichtig, dass die Berg­ar­beiter bei Laune gehalten wurden. Und nichts hielt sie mehr bei Laune als Fuß­ball.

Damit mög­lichst viele Leute mög­lichst hoch­klas­sigen Fuß­ball sehen konnten, wurden die Ligen regional unter­teilt. So bestand 1983/84 die zweite Liga aus drei Staf­feln mit je 18 Teams, die dritte Liga sogar aus zwölf Divi­sionen von jeweils 16 Klubs. Eine dieser zwölf Staf­feln war die Divizia C Serie VIII. Selbst auf diesem Level waren die Spieler fast so etwas wie Profis. Sie wurden zwar von einer Firma ange­stellt, mussten dann aber nur für den Klub spielen, der dem jewei­ligen Unter­nehmen ange­schlossen war. Es sei denn, die Dinge liefen schlecht auf dem Rasen. Dann konnte es pas­sieren, dass Spieler zur Arbeit ver­don­nert wurden. Und keine war gefähr­li­cher und härter als die unter Tage. Das waren schlimme Jobs“, sagt der heute 67-jäh­rige Ioan Danciu, ein ehe­ma­liger UEFA-Referee, der damals Spiele der Divizia C lei­tete. Wenn ein Team ein wich­tiges Spiel verlor, dann sagte die Fir­men­lei­tung: Zur Strafe geht ihr zur Arbeit! Davor hatten alle Angst, denn in den Minen war es gefähr­lich.“

Ein Blick auf die berühmte Tabelle verrät, dass die Serie VIII prak­tisch eine reine Zechen­liga war – Minerul“ bedeutet Berg­mann. Mit anderen Worten: Alle Spieler saßen im glei­chen Boot und wussten, was ihnen selbst und dem Gegner blühen konnte, wenn die Fir­men­bosse unzu­frieden wurden. Danciu sagt: Viele der Spiele waren abge­spro­chen. Unter den Ver­einen herrschte eine gewisse Soli­da­rität. Sie alle wollten ihr eigenes Publikum gut unter­halten. Gleich­zeitig wollten sie dem besten Klub ein wenig helfen. Muresul Deva hatte ein bes­seres Sta­dion und bes­sere Rah­men­be­din­gungen als die anderen Ver­eine. Und damit bes­sere Chancen in der zweiten Liga. Das bedeutet aber nicht, dass die anderen Teams Deva nicht schlagen wollten. Es konnte schon richtig zur Sache gehen.“