11FREUNDE WIRD 20!

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Rumä­nien ist nicht das Land, in dem man den Hei­ligen Gral des Fuß­balls ver­muten würde. Schon gar nicht in einem Berg­bau­ge­biet im Westen des Landes, weit abseits der Metro­pole Buka­rest. Und doch gibt es hier Städte und Orte, deren Namen für so man­chen Fan einen fast mythi­schen Klang haben: Deva, Calan oder Bocsa. Die Ver­eine aus diesen obskuren Dör­fern spielen seit Jahr­zehnten im Ama­teur­be­reich und haben noch nie etwas gewonnen. Trotzdem tauchten sie schon auf unzäh­ligen Web­sites auf, in Zei­tungen wie dem Guar­dian“ und sogar in wis­sen­schaft­li­chen Abhand­lungen. Der Grund ist eine Abschluss­ta­belle. Und zwar diese:

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Diese Tabelle gilt als die aus­ge­gli­chenste der Fuß­ball­ge­schichte, denn der Zweite lag nur zwei Punkte – so viele gab es damals für einen Sieg – vor dem Vor­letzten. Neun Teams waren punkt­gleich, elf Mann­schaften trennte nur ein ein­ziger Zähler. Der Zweite verlor ebenso viele Spiele wie der Letzte. Kein Wunder, dass His­to­riker und Sta­tis­tik­freunde seit Beginn des Inter­net­zeit­al­ters auf diese 16 Zeilen starren und sich fragen: Wie ist das mög­lich, was war da los?

Um die Geschichte dieser Liga und dieser Tabelle zu ver­stehen, muss man einen kurzen Aus­flug in die rumä­ni­sche Geschichte machen, und zwar in den August 1977. Damals stand Dik­tator Nicolae Ceau­sescu vor einem großen Pro­blem. Etwa 35 000 Berg­ar­beiter waren in den Streik getreten und ver­langten, direkt mit dem Staats­führer zu ver­han­deln. Sie waren mit ihrer Bezah­lung unzu­frieden und mit den Arbeits­be­din­gungen, so hatten sie zum Bei­spiel keinen ein­zigen freien Tag in der Woche. Die Lage war so ernst, dass Ceau­sescu aus dem Urlaub mit dem Heli­ko­pter anreiste, sechs Stunden lang mit den Streik­füh­rern debat­tierte und viele Zuge­ständ­nisse machte, dar­unter den freien Sonntag. Die Anführer der Revolte lan­deten später in Gefäng­nissen oder Arbeits­la­gern, und der rumä­ni­sche Geheim­dienst sorgte dafür, dass ähn­lich kri­ti­sche Stimmen ver­stummten. Doch klar war auch: Für die Sta­bi­lität des Landes war es wichtig, dass die Berg­ar­beiter bei Laune gehalten wurden. Und nichts hielt sie mehr bei Laune als Fuß­ball.

Damit mög­lichst viele Leute mög­lichst hoch­klas­sigen Fuß­ball sehen konnten, wurden die Ligen regional unter­teilt. So bestand 1983/84 die zweite Liga aus drei Staf­feln mit je 18 Teams, die dritte Liga sogar aus zwölf Divi­sionen von jeweils 16 Klubs. Eine dieser zwölf Staf­feln war die Divizia C Serie VIII. Selbst auf diesem Level waren die Spieler fast so etwas wie Profis. Sie wurden zwar von einer Firma ange­stellt, mussten dann aber nur für den Klub spielen, der dem jewei­ligen Unter­nehmen ange­schlossen war. Es sei denn, die Dinge liefen schlecht auf dem Rasen. Dann konnte es pas­sieren, dass Spieler zur Arbeit ver­don­nert wurden. Und keine war gefähr­li­cher und härter als die unter Tage. Das waren schlimme Jobs“, sagt der heute 67-jäh­rige Ioan Danciu, ein ehe­ma­liger UEFA-Referee, der damals Spiele der Divizia C lei­tete. Wenn ein Team ein wich­tiges Spiel verlor, dann sagte die Fir­men­lei­tung: Zur Strafe geht ihr zur Arbeit! Davor hatten alle Angst, denn in den Minen war es gefähr­lich.“

Ein Blick auf die berühmte Tabelle verrät, dass die Serie VIII prak­tisch eine reine Zechen­liga war – Minerul“ bedeutet Berg­mann. Mit anderen Worten: Alle Spieler saßen im glei­chen Boot und wussten, was ihnen selbst und dem Gegner blühen konnte, wenn die Fir­men­bosse unzu­frieden wurden. Danciu sagt: Viele der Spiele waren abge­spro­chen. Unter den Ver­einen herrschte eine gewisse Soli­da­rität. Sie alle wollten ihr eigenes Publikum gut unter­halten. Gleich­zeitig wollten sie dem besten Klub ein wenig helfen. Muresul Deva hatte ein bes­seres Sta­dion und bes­sere Rah­men­be­din­gungen als die anderen Ver­eine. Und damit bes­sere Chancen in der zweiten Liga. Das bedeutet aber nicht, dass die anderen Teams Deva nicht schlagen wollten. Es konnte schon richtig zur Sache gehen.“

Die beste Abwehr in jener legen­dären Saison 1983/84 hatte nicht der spä­tere Auf­steiger Deva, son­dern der Tabel­len­siebte Metalul Bocsa, der im Fol­ge­jahr den Sprung nach oben schaffen sollte. Der Tor­wart war damals Emil Vadasz, heute 56 Jahre alt. Man brauchte etwa vier oder fünf Klubs, die einem geholfen haben, sonst war es fast unmög­lich auf­zu­steigen“, erin­nert er sich. Diese Hilfe konnte man auch indi­rekt bekommen, etwa wenn andere Teams ein gutes Ergebnis gegen deinen direkten Kon­kur­renten erzielten. Manchmal bekam man das Dop­pelte seines Monats­ge­haltes als Prämie ange­boten. Und manche Spieler boten dann wie­derum etwas von dieser Prämie ihrem Gegen­spieler an.“ Mit einem leisen Lächeln fügt Vadasz an: Mein Vater hatte eine offi­zi­elle Posi­tion im Verein. Einige Spiele wurden bei uns am Küchen­tisch ent­schieden.“

Doch Abspra­chen und Mau­sche­leien sind im Fuß­ball nichts Neues. Trotzdem war nie wieder eine Liga hinter dem Tabel­len­ersten (auf den sich in diesem Fall ja alle geei­nigt hatten) so aus­ge­gli­chen wie die Divizia C Serie VIII. Und das hatte mit dem Publikum zu tun. Fuß­ball war das Ein­zige, das den Leuten in dieser Region Freude berei­tete“, sagt Ex-Schieds­richter Danciu. Jeder Berg­mann ging am Sonntag ins Sta­dion und wollte dort unbe­dingt einen Sieg gegen den Lokal­ri­valen sehen. Die Heim­spiele waren wich­tiger als alles andere.“ Natür­lich war Danciu klar, dass es auf dem Rasen nicht immer mit rechten Dingen zuging. Wenn ich das Gefühl hatte, dass die Sache abge­spro­chen gewesen war, dann schrieb ich in meinen Bericht: Die Partie war von nahezu über­ir­di­schem Fair­play geprägt.‘ Ich wollte keinen Ärger bekommen.“

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Das Team mit den wenigsten Gegen­toren in der berühm­testen Tabelle aller Zeiten: Metalul Bocsa

So gerieten viele Spiele zur Farce – aller­dings nicht für die Zuschauer, die all ihre Emo­tionen und Frus­tra­tionen ins Sta­dion trugen. Für sie, die Berg­leute, war die Sache tod­ernst. Funk­tio­näre, Spieler und auch Schieds­richter wurden nicht selten bedroht oder tät­lich ange­griffen. Es war nicht ein­fach, in dieser Gegend Spiele zu pfeifen“, sagt Danciu. Bei einem Derby zwi­schen Anina und Ora­vita musste mich die Bereit­schafts­po­lizei retten. Ein anderes Mal hetzte mich ein Mann mit einem Brech­eisen über den Rasen, zum Glück war ich sehr schnell. 1983/84 war die Atmo­sphäre beson­ders schlimm, weil die soziale und finan­zi­elle Lage der Minen­ar­beiter sehr schlecht war.“ Und so trugen auch die Schieds­richter ihren Teil dazu bei, dass Heim­siege die Norm waren. Man musste der Heim­mann­schaft einen Vor­teil von fünf Pro­zent geben“, sagt Danciu. Wenn man zu kor­rekt pfiff, dann konnte es ein sehr unan­ge­nehmer Tag für einen werden.“ Das galt auch für Spieler, die es wagten, aus­wärts zu punkten. Emil Vadasz, der Tor­wart aus Bocsa, erin­nert sich: Wir saßen mal sieben Stunden in unserer Kabine, weil wir uns nicht nach draußen trauten. Schließ­lich fand einer von uns eine Axt. Damit trat er dann vor die Tür, wir standen hinter ihm. Nur so kamen wir weg.“

Die Abspra­chen hatten zwar den Zweck, den Teams ihre Punkte zu sichern und die Spieler vor der Arbeit in den Minen zu bewahren. Aber natür­lich musste am Ende jemand absteigen. Der Tabel­len­fünf­zehnte aus Ghelar gewann am letzten Spieltag sen­sa­tio­nell die Partie in Deva (oder viel­leicht auch nicht so sen­sa­tio­nell, schließ­lich hatte der Gegner den Auf­stieg schon sicher), wäh­rend Schluss­licht Ani­noasa das bereits geret­tete Minerul Paro­seni 5:2 besiegte. Doch wie durch ein Wunder reichten beide Resul­tate nicht, weil alle Teams davor genau das Ergebnis holten, das sie brauchten. Nie­mand war über­rascht“, sagt Danciu. Es flossen auch keine Tränen.“ Die Ver­eine hatten daheim, vor ihren eigenen Leuten, in der Regel gewonnen. Darauf war es ange­kommen.

Damals gab es nur eine Sport­zei­tung in Rumä­nien: Sportul“. Sie schenkte der abge­le­genen Berg­ar­bei­ter­liga keine große Bedeu­tung, son­dern druckte nur die Ergeb­nisse. Erst nach dem Ende der Saison wid­mete das Heft dem Auf­steiger Muresul Deva ein paar Zeilen: Eine dis­zi­pli­nierte Mann­schaft, der es gelang, die Liga zu domi­nieren. Der Erfolg ist vor allem dem Enga­ge­ment von Trainer Vlad zuzu­schreiben, der für ein gutes Arbeits­klima sorgte.“ Kein Wort dar­über, wie unfassbar knapp es hinter dem Auf­steiger zuge­gangen war. Doch viel­leicht war es kein Wunder, dass den Jour­na­listen die his­to­ri­sche Dimen­sion der Saison ent­ging. Schließ­lich war nicht mal den damals Betei­ligten bewusst, dass sie auf ganz eigene Weise Unge­wöhn­li­ches geleistet hatten. Das wurde mir erst vor ein paar Jahren klar“, sagt Vadasz. Damals sah ich plötz­lich die Tabelle irgendwo auf Face­book. Ich habe sofort einen alten Freund ange­rufen und gesagt: Erin­nerst du dich an die Saison damals? War das wirk­lich so eng?“

Ja, das war es. Es war so eng, dass die Divizia C Serie VIII von 1983/84 heute ihren eigenen (deut­schen) Wiki­pedia-Ein­trag hat. In ihm heißt es: Der Ökonom Dorian Owen benutzte die Spiel­zeit als ein Fall­bei­spiel in einer Ver­öf­fent­li­chung über die Bewer­tung der Aus­ge­gli­chen­heit einer Sport­liga mit­hilfe der rela­tiven Stan­dard­ab­wei­chung.“ Ob der Wis­sen­schaftler wusste, wie wichtig es bei mathe­ma­ti­schen Berech­nungen ist, dass Berg­leute bei Laune gehalten werden?