Hansi Müller, es besteht Klä­rungs­be­darf. Bevor Sie einen Pro­fi­ver­trag beim VfB Stutt­gart unter­schrieben, nahmen Sie an der Bravo-Boy“-Wahl teil. Sie belegten den sechsten Platz und nicht, wie gemeinhin ange­nommen wird, den ersten.

Richtig. Letz­tens hat mich Jörg Won­torra wieder als den eins­tigen Bravo-Boy“ ange­kün­digt. Das bin ich ja gar nicht. Es war so: Als ich noch in der A‑Jugend beim VfB spielte, schickte mein Bruder ein Foto von mir an die Bravo“. Man lud mich zur End­runde nach Berlin ein – ich wurde aber nur Sechster. (lacht)

Sie galten fortan als Son­nyboy, später als der Rasen-Tra­volta. Sie passten per­fekt nach Ita­lien. Wie ita­lie­nisch fühlen Sie sich eigent­lich?


Wenn ich mit Ita­lie­nern zusammen bin, fühle ich mich sehr ita­lie­nisch. Ich liebe dieses Land, die Men­schen, die Kultur, das Essen. Und diese Liebe ist unge­bro­chen.

Sind Sie ein Ästhet?


Auf jeden Fall. Und auch des­wegen fühlte ich mich in Ita­lien stets hei­misch. Der Ita­liener ist ein Fein­schme­cker, er pflegt diesen grande stile“ wirk­lich – das ist kein Kli­schee. Ich orga­ni­sierte vor kurzem ein Revan­che­spiel für das ver­lo­rene WM-Finale von 1982 zwi­schen Deutsch­land und Ita­lien. Als Ber­gomi, Alt­o­belli und all die anderen aus dem Flieger stiegen, war ich schon sehr über­rascht. Die sind zwar mitt­ler­weile auch schon um die 50, aber stil­voll wie eh und je.

Kannten Sie Ita­lien eigent­lich vor Ihrer Ankunft in Mai­land?


Ich kannte Ita­lien aus einigen Urlauben. Ich hatte zudem einige ita­lie­ni­sche Freunde in Stutt­gart, mein dama­liger Fri­seur etwa war Ita­liener. Ita­lien war schon damals mein abso­lutes Traum­land. Als ich dann in Mai­land mein Haus in der Nähe des Comer Sees bezog, wollte ich alles auf­saugen.

Wie sah das Auf­saugen denn aus?


Ich lernte rasch die Sprache und gab bereits nach drei Wochen Inter­views auf Ita­lie­nisch. Ich erin­nere mich noch genau daran, dass ich nach unserem ersten Trai­nings­lager dem Marino Bar­to­letti von Guerin Spor­tivo“ ein Inter­view gab – wir unter­hielten uns eine halbe Stunde. Ich sprach fast feh­ler­frei, Bar­to­letti war total über­rascht.

Zurecht…


Mir kamen natür­lich mein Spa­nisch und mein Fran­zö­sisch zugute. Ich hatte beide Spra­chen über Jahre in der Schule gelernt. Ich war zudem die ersten sechs Monate auf mich alleine gestellt. Meine Frau arbei­tete bei Mer­cedes in einer sehr ver­ant­wor­tungs­vollen Posi­tion und konnte nicht so ein­fach kün­digen. Und ich war jeden Tag aus­schließ­lich mit Ita­lie­nern zusammen. Da bleibt dir ja gar nichts anderes übrig, als die Sprache zu lernen.

Einige Spieler – etwa Ailton oder Mar­cel­inho – hält eine solche Situa­tion den­noch nicht davon ab, den Sprach­un­ter­richt zu schwänzen. Sie spre­chen auch nach über fünf Jahren in der Bun­des­liga immer noch kein Deutsch.


Das ver­stehe ich nicht. Die Liste kann man ja fort­führen, denken Sie nur an Liz­a­razu oder an Kempes. Der hat sechs Jahre in Öster­reich gespielt und bis zum Schluss die Sprache nicht lernen wollen. Ich finde, das ist ein rie­siges Ver­säumnis. Wir sind doch nicht nur Fuß­baller, wir sind doch in erster Linie Men­schen. Und wenn unsere Kar­riere im Alter von 34 oder 35 vorbei ist, dann fängt das Leben erst richtig an. Ich bin jeden­falls sehr froh über die Erfah­rungen, die ich in der Fremde gemacht habe – und damit meine ich nicht nur die Erfah­rungen auf dem Fuß­ball­platz.

Wird ein Land erst richtig span­nend, wenn man die Sprache beherrscht?

Auf jeden Fall. Vor allem ver­steht man dann eine Kultur, die Men­ta­lität, bestimmte Gewohn­heiten. Und ich habe wäh­rend meiner Zeit in Mai­land die Erfah­rung gemacht, dass die Ein­hei­mi­schen einen Spieler viel schneller akzep­tieren, wenn man auf sie zugeht, mit ihnen in ihrer Sprache spricht. Sie nehmen dich dann wirk­lich als Men­schen hinter der Fuß­ball­fas­sade wahr.

Sie lernten sogar den Mai­länder Dia­lekt.


Dadurch zeigte ich den Leuten, dass ich ein­fach gerne in ihrem Stadt lebe. Und sie gaben mir auch viel zurück. Ich ver­letzte mich ja in Mai­land dreimal, da waren natür­lich alle sehr ent­täuscht: Trainer, Spieler, Manager, Fans, Presse, das gesamte Umfeld. Doch nie­mand hat mich nie­der­ge­macht, die haben alle gesehen, dass ich mich mit ihrem Verein iden­ti­fi­ziere, dass ich ihre Kultur schätze, ihre Sprache spreche, mich für ihr Land inter­es­siere. Die haben mich nach den schlimmen Ver­let­zungen immer auf­ge­fangen.

Spüren Sie diese Wert­schät­zung noch, wenn Sie heute nach Ita­lien kommen?

Ja. Meine Zeit bei Inter ist nun fast ein Vier­tel­jahr­hun­dert her, doch wenn ich heute nach Mai­land komme, habe ich stets das Gefühl, als hätte ich letztes Jahr noch dort gespielt. Und das ist etwas ganz Tolles. Da steht das Mensch­liche im Vor­der­grund. Und es ist ja so: Das Sport­liche ist ver­gäng­lich, das Mensch­liche ist etwas Blei­bendes.

Haben Sie in Ita­lien denn kei­nerlei schlechten Erfah­rungen gemacht?


Es ist doch so: Die nega­tiven Dinge ver­drängt man, die posi­tiven Erin­ne­rungen behältst du nah bei dir. Aber natür­lich gab es auch nega­tive Erfah­rungen. Die Ver­let­zungen stehen dabei an erster Stelle: Das war ja wirk­lich brutal, denn ich fing recht gut an bei Inter, traf in den ersten drei Spielen dreimal. Im vierten Spiel ver­letzte ich mich dann am Knie, es sollten zwei wei­tere Ver­let­zungen folgen, ein Mus­kel­riss, ein Haar­riss im Mit­tel­fuß­kno­chen. Und dann gab es auch Momente, die wirk­lich schmerz­haft waren und nicht nur kör­per­lich weh­taten. Als ich etwa in Como Calcio spielte und nach einer län­geren Ver­let­zung wieder auf dem Rasen stand, rief mir ein Fan zu: Na, Ferien beendet?“ Im ersten Moment fuhr mir der Spruch wie ein Sta­chel in den Leib. Auf der anderen Seite ist das natür­lich auch nach­voll­ziehbar…

Inwie­fern?


Nun, die Tifosi wollten mich spielen sehen und die wussten ja, was ich konnte. Bei Stutt­gart habe ich das über Jahre bewiesen, bei Inter nur noch gele­gent­lich, bei Como kaum noch. Es fehlte ein­fach die Kon­ti­nuität. Und irgend­wann ver­liert den Fan viel­leicht die Geduld.

Als Sie zu Inter Mai­land wech­selten, hatte Sie eine dickte Refe­renz­mappe im Gepäck: 1980 wurden Sie mit Deutsch­land Euro­pa­meister, zwei Jahre später Vize­welt­meister. Wie hoch waren die Erwar­tungen des Ver­eins?

Nach diesen Tur­nieren sehr hoch, klar. Zudem kannte man mich dort seit Ende der 70er Jahre. Die Zeiten waren ganz andere: Damals wurden Spieler nicht auf­grund von zwei, drei Videos ver­pflichtet. Die Inter-Scouts beob­ach­teten mich über meh­rere Jahre – ohne dass ich es mit­bekam. Als ich bei Inter spielte, zeigte man mir zwei Hansi-Müller-Mappen mit detail­lierten Ana­lysen über meine Spiele beim VfB! Das war fast unheim­lich. Doch nicht nur die Scouts, Trainer und Ver­ein­s­an­ge­hö­rigen kannten mich vorher, auch die Fans. Ich war ein­fach bei den Ita­lie­nern prä­sent, ich wurde da ja auch richtig groß ange­kün­digt. Es gibt heute noch welche, die sagen: Mensch Hansi, als du damals, 1982 im WM-Finale, für den Rum­me­nigge rein gekommen bist, da dachten wir alle, jetzt wird’s noch mal span­nend.“

Die Ita­liener waren sich damals sicher, jah­re­lang ein kleines Juwel beob­achtet zu haben.

Wahr­schein­lich. Die Inter-Manager sind im Früh­jahr 1982 zu mir nach Stutt­gart gekommen, um mir den Wechsel schmack­haft zu machen. Irgend­wann zogen sie eine kleine Mar­mor­platte hervor, kaum größer als eine Tafel Scho­ko­lade. Auf den Mar­mor­so­ckel war detail­ge­treu ein Miniatur-Modell des Giu­seppe Meazza Sta­dion geschraubt, mit­samt den stäh­lernen Ver­stre­bungen und den Säulen. Dann sagten sie: Hansi, da wirst du spielen!“ Ich bekam eine Gän­se­haut. Das war ein Schlüs­sel­er­lebnis für mich.

Wie war es denn, als Sie zum ersten Mal das echte Giu­seppe Meazza Sta­dion betraten?

Wir hatten einen Foto­termin, ein paar Tage vor Beginn der Saison. Das Sta­dion war damals noch offen, aber trotzdem gigan­tisch. Und der Rasen wirkte wie ein Schach­brett. Dann kickte ich für die Foto­grafen ein biss­chen mit dem Ball. Ich wollte da gar nicht mehr runter.

Können Sie sich an die Minuten vor dem ersten Heim­spiel erin­nern?

Wir haben uns mit einem kleinen Ball im Dusch­raum warm gemacht. Ganz locker, Drei gegen Drei, mit Bade­lat­schen. Aber als ich dann in den engen Tunnel schritt, wurde ich schon nervös.

Sie legten gut los, erzielten gleich ein schönes Frei­stoßtor.

Im ersten Heim­spiel war Sam­pdoria Genua zu Gast, wir lagen schnell 0:1 hinten. Dann bekamen wir einen Frei­stoß, und ich zir­kelte den Ball an der Mauer vorbei in die Maschen. Das Sta­dion ist explo­diert, 85.000 Zuschauer! Und du bist als Spieler nur wenige Meter von den Tifosi der ersten Reihe ent­fernt, ich dachte noch: Die fressen dich auf!

Sind Sie in die Curva Nord zu den Inte­resti“, den Inter-Fans, gerannt?

Nein, ich bin zur Sei­ten­linie gelaufen. Damals saß Walter Zenga auf der Bank, Ivano Bordon stand im Tor. Walter war mein Zim­mer­kol­lege, mein Kumpel. Ich bin volle Kanne auf ihn, er hat mich hoch­ge­hoben, in zwei­ein­halb Meter Höhe. Und dann hat er sich pirou­et­ten­artig mit mir gedreht. Ein wun­der­schönes Bild. Wir ver­loren den­noch 1:2.

Wie war die Stim­mung nach sol­chen Spielen in der Kabine?

Sehr ruhig. Inter-Manager Ales­sandro Maz­zola kam rein, seinen kurzen Zigar­ren­stumpen im Mund­winkel und strafte die Spieler nur mit bösen Bli­cken.

Und wie war die Stim­mung bei einem Stadt­derby, dem Derby della Madon­nina?

Das war der abso­lute Wahn­sinn, da waren dann nicht nur 70.000 Zuschauer im San Siro, son­dern knapp 100.000. Und noch 20.000 vor dem Sta­dion, damit sie die Atmo­sphäre mit­be­kommen. Wenn du in einem sol­chen Spiel triffst, machst du dich unsterb­lich.

Haben Sie denn gegen Milan mal getroffen?


Ja. Ich machte in der Saison 1983/84 das 2:0. Der Pass kam von Aldo Serena, ich nahm den Ball dann mit in den Straf­raum, bin am Franco Baresi vorbei und hab das Ding mit meinem schwa­chen rechten Fuß ins Eck geschossen. Wenn ich heute nach Ita­lien komme oder in Deutsch­land einen Milan-Fan treffe, werde ich immer noch drauf ange­spro­chen. (lacht)

Wie wichtig sind denn die Fans im Giu­seppe Meazza Sta­dion?

Sehr wichtig. Fuß­ball ist für die Inte­resti“ alles. Wenn es gut läuft, dann wirst du bei Heim­spielen auf einer Welle der Euphorie getragen. Aller­dings kann die Stim­mung auch schnell umschlagen. Wenn die Sitz­kissen fliegen, hat das auf einen Spieler auch durchaus eine hem­mende Wir­kung.

Ist die Bin­dung der Fans noch emo­tio­naler als in Deutsch­land?


Der Spieler ist dort für die Fans ein Gott. In der Stadt kannst du dich keine Minute frei bewegen, ob du beim Fri­seur sitzt oder in ein Geschäft gehst – überall rennen dir die Leute hin­terher. Natür­lich wirst du auch in Deutsch­land auf der Straße ange­spro­chen, doch nie sind die Fans so offensiv. Ich habe zum Bei­spiel mal mit einem jungen Inter-Fan tele­fo­niert…

…Sie haben mit den Fans tele­fo­niert?


(lacht) Ja, gewis­ser­maßen. Ich wollte einen Freund anrufen, ver­wählte mich aber. Es mel­dete sich eine mir unbe­kannte Frau, ich ent­schul­digte mich für den Anruf und wollte wieder auf­legen. Sie sagte: Moment, Sie sind doch der Hansi Müller. Ich hole mal eben Fran­cesco, meinen Sohn, der ist großer Fan von Ihnen.“ Ich unter­hielt mich dann zehn Minuten mit dem Jungen. Das war so, als ob die Fans jede Sekunde darauf warten, dass ein Inter-Spieler bei Ihnen anruft.

Waren die ersten Spiele in der Serie A, die defen­si­vere Aus­rich­tung der ita­lie­ni­schen Teams, nicht eine arge Umstel­lung für Sie?


Man gewöhnt sich schnell daran. Es stimmt schon, die Ita­liener sind viel cle­verer im Zwei­kampf, im Defen­siv­ver­halten. Die halten und stoßen so ver­steckt, dass der Schieds­richter das gar nicht sehen kann. Aber man kann sich natür­lich auf so etwas ein­stellen.

Was war für Sie der größte Unter­schied zur Bun­des­liga?


In Deutsch­land bekam ich oft­mals einen Son­der­be­wa­cher, der mir 90 Minuten hin­ter­her­ge­laufen ist. Für einen Fuß­baller ist so etwas das Schlimmste. In Ita­lien gab es solche Son­der­be­wa­cher nicht, da hätte man die gesamte Inter-Mann­schaft bewa­chen müssen, das waren ja alles Spit­zen­spieler. Inso­fern hatte man als Krea­tiv­spieler schon sehr viel mehr Frei­raum.

Und im Trai­ning?


Da ging es oft sehr munter und fröh­lich zu. Ich habe das immer bewun­dert. Oft denkst du: Das ist alles nur Spaß, ein biss­chen Titzi-Bizzi. Doch am Sonntag sind die dann alle­samt abmar­schiert, ohne Kom­pro­misse in jeden Zwei­kampf, und stets voll bei der Sache.

Die wenigen deut­schen Legio­näre spielen heute in Spa­nien, Eng­land oder in Skan­di­na­vien. Wieso sind deut­sche Spieler heute für die Serie A so unat­traktiv?

Es geht von einem Extrem ins andere: Als wir 1990 Welt­meister wurden, hat fast die gesamte Natio­nal­mann­schaft in Ita­lien gespielt, heute spielt keiner mehr in Ita­lien. Ver­mut­lich liegt es an der Aus­län­der­re­ge­lung: Zu meiner Zeit hat ein Jupp Der­wall die Mög­lich­keit gehabt, aus 300 bis 400 Bun­des­li­ga­spie­lern seine Natio­nal­mann­schaft zu formen. Joa­chim Löw hat heute noch 50 oder 60 Spieler zur Aus­wahl. Das heißt, es gibt jetzt eine Speer­spitze mit wenigen Top­spie­lern, damals gab es eine Breite, eine rich­tige Fülle an guten Spie­lern. Viel­leicht hängt das auch mit der Nach­wuchs­för­de­rung zusammen. Zudem hat man als Jugend­li­cher heute natür­lich auch ganz andere Mög­lich­keiten, seine Frei­zeit zu gestalten. Man muss sich ja nur den elek­tro­ni­schen Bereich angu­cken.

Sie meinen, die Kids von heute spielen lieber Play­sta­tion oder X‑Box als auf dem Bolz­platz?


Genau. Die können einen Fall­rück­zieher auf der Kon­sole, aber auf dem grünen Rasen einen Ball nicht zehnmal hoch­halten. Aber sie machen es auch nicht mehr. Sie fragen sich: Warum soll ich raus­gehen, wenn mein Com­puter drin ist?

Die Jugend­li­chen sind über­sät­tigt?

Nicht nur die Jugend­li­chen. Man merkt das ja schon im Sta­dion: Die Leute sind ver­wöhnt, weil ihnen alles ser­viert wird. Und wenn der Zuschauer bei einem Spiel dann mal fuß­bal­le­ri­sche Mager­kost erlebt, dann tut er sich schwer, über­haupt noch aus sich her­aus­zu­gehen – es ist dabei ganz egal, ob man in der Loge sitzt oder im Block steht. Ich glaube, dass der Über­fluss an Infor­ma­tionen und Event­mög­lich­keiten dazu führt, dass ein gewöhn­li­ches Fuß­ball­spiel nichts Beson­deres mehr ist. Der gewöhn­liche Kick auf der Straße war für die Kinder früher das auf­re­gendste über­haupt. Heute ist das nichts Beson­deres mehr. Es ist eher lang­weilig.

Den Wandel der Gesell­schaft kann man schwer auf­halten.


Richtig. Doch anspre­chen kann man ihn schon. Und ich denke, dass in dieser schnellen Zeit auch viele Werte ver­loren gegangen sind. Tugenden wie Höf­lich­keit, Respekt, Zuver­läs­sig­keit gibt es kaum noch. Sie müssen mal zu einer Auto­gramm­stunde von mir kommen, was meinen Sie wie viele Jugend­liche sich für ein Auto­gramm bedanken? Viel­leicht zwei von zehn. Es muss heute alles schnell, schnell, schnell gehen. Fern­sehen, Internet, Handy. Man hat keine Zeit mehr für Dinge, die wirk­lich wichtig sind. Und im Sta­dion ist es genauso, wir legen ja nicht unsere Iden­tität ab, wenn wir die Tore des Sta­dions pas­sieren. Die Kurven und Tri­bünen sind das Spie­gel­bild unserer Gesell­schaft.

Sehen Sie diese Schnell­le­big­keit und den ein­her­ge­henden Ver­lust von Werten auch als Grund für die Tode des Poli­zisten und des Lazio-Fans und die fol­genden Stra­ßen­kämpfe in Ita­lien?

Sicher­lich. Es müsste sich heute mal jeder an die eigene Nase fassen und fragen: Werden wir den Grund­ge­danken des Zusam­men­le­bens gerecht? Und gerade Fuß­ball­spieler, nein, eigent­lich alle Men­schen, die in der Öffent­lich­keit stehen, sind nun gefor­dert. Sie stehen in der Ver­ant­wor­tung, die Miss­stände anzu­gehen, eine Vor­bild­funk­tion aus­zu­üben. Wir müssen das, was gefor­dert wird, auch ver­kör­pern.

In den ita­lie­ni­schen Sta­dien sind in den letzten Jahren oft harte Sank­tionen gegen Ultras ver­hängt worden, es wurden die Sicher­heits­maß­nahmen dras­tisch ver­schärft. Meinen Sie, dass man der Gewalt damit Herr werden kann?

Nein. Aber das ist im Grunde neben­säch­lich, denn durch solche Maß­nahmen wirst du die Gesell­schaft nicht ver­än­dern. Natür­lich werden einige zum Nach­denken ange­regt, doch die, die auch in der Ver­gan­gen­heit negativ auf­ge­fallen sind, werden auch wei­terhin ihren Unfug machen.

Sind Ihnen sol­cherlei Gewalt­akte eigent­lich aus Ihrer Zeit bei Inter bekannt?

Natür­lich gab es auch in den frühen 80er Jahren Ver­rückte, die nach ver­lo­renen Spielen den Bus mit Steinen beworfen haben. Aber das, was jetzt pas­siert, hat ja nichts mehr mit den Ver­einen zu tun. Es wird hier ja die Platt­form des Fuß­balls genutzt, um eigene Inter­essen zu ver­folgen. Und das – das gab es damals nicht.

Lassen Sie uns abschlie­ßend noch über Ihre Zeit bei Como und in Öster­reich spre­chen. 1984 wech­selten Sie von Inter Mai­land zu Como Calcio, ein Jahr später gingen Sie nach Tirol zu Wacker Inns­bruck. Dort spielten Sie oft vor weniger als 10.000 Zuschauern. War es für Sie schwer, sich auch dort zu moti­vieren?

Auf gar keinen Fall. Fuß­ball war mein Job, den ich immer mit voller Kraft aus­geübt habe, egal ob ich vor 100.000 oder 5.000 Zuschauern spielte. Die Erfah­rungen im Kampf um den Klas­sen­er­halt mit Como möchte ich ebenso wenig missen wie die Spiele um die Meis­ter­schaft mit Inter. Bei Como ging es plötz­lich ums nackte Über­leben, es war nicht mehr die feine Klinge gefragt, son­dern einzig der Kampf und die Lei­den­schaft. Es ging um jeden Meter Boden.

Und in Inns­bruck?

Das war wieder ganz anders. Ich kam als gestan­dener deut­scher Natio­nal­spieler dort hin, hatte in der Serie A gespielt, und die Leute fragten sich anfangs: Wieso kommt so einer nach Tirol? Doch ich habe mich in Inns­bruck immer wohl gefühlt, wir wurden zweimal Meister, einmal holten wir das Double. Wir standen sogar 1987 im UEFA-Cup-Halb­fi­nale. Und plötz­lich spielte ich wieder gegen diese Typen, die mir 90 Minuten hin­ter­her­ge­laufen sind. Da muss man wirk­lich fit sein, um sich durch­zu­setzen – auch wenn manche sagen: Es war doch nur Öster­reich. Ich über­treibe nicht, wenn ich sage, dass ich mich Öster­reich oft schwerer getan habe als bei man­chem Spiel in der Serie A.

Haben Sie ein Spiel aus der Zeit bei Inns­bruck beson­ders in Erin­ne­rung?

Wir spielten im Euro­pa­pokal gegen Spartak Moskau, 18.000 Zuschauer waren im Sta­dion. Und alle waren da, selbst Becken­bauer und Happel saßen auf der Tri­büne. Es war zehn Tage vor Weih­nachten, die Fans standen mit Wun­der­kerzen in der Kurve. Das war total beein­dru­ckend für mich, da hatte ich eine ähn­liche Gän­se­haut wie in San Siro. Ich denke auch, dass es letzt­lich keinen Unter­schied macht, ob man vor 18.000 der vor 90.000 spielt. Wenn die emo­tio­nale Bin­dung, die Gefühle für den Moment – sei er noch so klein – da sind, dann ist die Zuschau­er­zahl wirk­lich egal. Viel­leicht erlebt man das im klei­neren Rahmen sogar noch inten­siver. Und in diesem Moment hätte ich jeden Men­schen umarmen können.