Seite 6: Assauer sagt ihm: „Zeig es den Schnarchhähnen“

BVB-Manager Michael Meier kann sich noch genau daran erin­nern, was er kurz darauf, im Moment des Abpfiffs, fühlte. Denn noch heute kommt es ihm wie Betrug vor. Ent­setzt stellte Meier damals fest, dass er nicht jubeln konnte. Es fühlte sich nicht groß­artig an, er emp­fand keinen Über­schwang, und glück­lich war er auch nicht. Da war plötz­lich totale Leere, ich war ein­fach nur kaputt.“ Zu groß war der Tribut, den er hatte ent­richten müssen.

Wir hatten diesem Erfolg zwei Jahre lang alles unter­ge­ordnet“, sagt Meier. Dieses wir“ schließt Ottmar Hitz­feld mit ein, und alles unter­ge­ordnet“ heißt, dass Manager und Trainer den Wahn­sinn aus­ge­halten hatten. Die beiden hatten zwar eine Mann­schaft der Super­stars erschaffen, aber die hatte ihre Schöpfer auch auf­ge­fressen.

1997 – ein Fall fürs Museum

Als die Schalker eine Woche zuvor ihren Euro­pa­po­kal­sieg fei­erten, hatten sie im Über­schwang her­aus­zu­finden ver­sucht, wie viele Men­schen auf einem Tisch springen können, bis er zer­bricht. Auf der Sie­ges­feier des BVB ging es anders zu. In einer Ecke saßen Hitz­feld und Sammer zusammen, sie schoben Gläser auf dem Tisch hin und her, um tak­ti­sche Vari­anten zu dis­ku­tieren. Vor dem Finale hatte Nie­baum zu Hitz­feld gesagt, er solle ver­stärkt Übungen gegen das ita­lie­ni­sche Kurz­pass­spiel ins Trai­ning ein­bauen. Nach dem Finale erklärte der Prä­si­dent, der Sieg hätte schon früher fest­ge­standen, wenn Ricken früher gebracht worden wäre. Es war Zeit für Hitz­feld zu gehen.

Betriebsrat Klaus Herz­manatus war beim Finale für den BVB wie viele Schalker: Ich wollte alles in den Pott.“ Jetzt sitzt er an einem Gar­ten­tisch, der Kies unter den Füßen knirscht, im Hin­ter­grund glu­ckert ein Teich. Er ver­bringt viel Zeit in diesem Idyll am alten För­der­turm und der För­der­ma­schine der Zeche Hugo. Herz­manatus und seine Mit­streiter betreiben am Schacht 2 ein kleines Museum in Eigen­regie. Eigent­lich sollte alles abge­rissen werden, doch sie kämpften für den Erhalt, nachdem Hugo im Jahr 2000 zuge­macht wurde. Die Initi­al­zün­dung kam damals von Rudi Assauer, der ihnen 3000 Euro gab und sagte: Zeig den Schnarch­hähnen, dass man so was bewahren kann. Kämpf darum!“

Das hat er getan, wie auch 97. Wir waren damals so was wie moderne Kämpfer“, sagt Herz­manatus. Er erzählt gerne davon, weil in diesen Kämpfen Freund­schaften ent­standen, die bis heute halten. Weil es das warme Gefühl der Soli­da­rität gab. Wir sind auf einer Welle geschwommen, ähn­lich wie beim Gewinn der Welt­meis­ter­schaft 1954. Alle hatten vorher nur Scheiße gehabt und dann kommt etwas, das alle glück­lich macht“, sagt Herz­manatus.

Wir“ meint nicht die Fuß­ball­klubs im Ruhr­ge­biet und die Berg­leute glei­cher­maßen. Denn damals haben alle gewonnen. Die Kür­zungen der Sub­ven­tionen wurden nach den mas­siven Pro­testen wieder zurück­ge­nommen, es gab doch den Gleit­flug aus dem Koh­le­zeit­alter und keinen Absturz. 2018 wird die letzte Zeche im Revier geschlossen. Doch als sich 1997 die Auf­re­gungen des Arbeits­kampfes gelegt hatten und die letzten Fuß­ball­feiern vor­über waren, hielt Klaus Herz­manatus inne. Mir wurde plötz­lich klar: Das war’s jetzt, das werden wir in dieser Form nicht mehr erleben.“ Der letzte Sommer des Ruhr­ge­biets war vor­über. Arbeit und Fuß­ball, diese Geschichte würde hier so nie mehr erzählt werden.