Seite 5: „Ricken! Lupfen! Jetzt!“

Schalkes Mann­schaft war von solch kühlen Kal­ku­la­tionen weit ent­fernt, sie musste immer alles geben. Jede Runde im UEFA-Cup schrieb ein wei­teres dra­ma­ti­sches Kapitel einer unfass­baren Geschichte. So ver­letzten sich drei Tage vor dem Hin­spiel im Halb­fi­nale auf Tene­riffa beim Bun­des­li­ga­spiel in Karls­ruhe die beiden Stürmer Youri Mulder und Martin Max inner­halb von einer Minute schwer. Auf den Kanaren verlor Schalke dann durch einen unbe­rech­tigten Elf­meter und vergab selber einen Straf­stoß. Das Rück­spiel in Gel­sen­kir­chen ging in die Ver­län­ge­rung, und kurz nachdem die Fans erst­mals den Gesang Steht auf, wenn ihr Schalker seid“ ange­stimmt hatten, schoss Wil­mots seine Mann­schaft in die Final­spiele gegen Inter Mai­land.

Die Ita­liener waren mit Spie­lern wie dem legen­dären Giu­seppe Ber­gomi, dem Fran­zosen Youri Djor­kaeff und dem Eng­länder Paul Ince haus­hoher Favorit auf den Titel­ge­winn. Daran änderte sich auch durch den 1:0‑Sieg in Gel­sen­kir­chen nichts. Trotzdem lud ein ZDF-Mit­ar­beiter Ingo Ander­brügge für den unwahr­schein­li­chen Fall des Titel­ge­winns ins Aktu­elle Sport­studio ein. Ander­brügge sagte zu, kün­digte aber auch an: Dann schieße ich euch die Tor­wand kaputt.“

Ander­brügge war in der dama­ligen Schalker Mann­schaft ver­mut­lich der Spieler, der am besten ver­stand, wie wichtig Schalkes Siege für die Leute in Gel­sen­kir­chen waren. Er stammte aus der Gegend, sein Vater war Berg­mann gewesen, und er selbst hatte eine Lehre in einer Firma für Gru­ben­ge­räte absol­viert. Noch heute erzählt er mit flam­mender Stimme von der Soli­da­rität der Berg­leute: Wenn unter Tage die Kohle aus dem Berg gehäm­mert wird, muss man sich ein­fach gegen­seitig helfen.“ Wobei Ander­brügge seinen Mit­spie­lern beim Finale in Mai­land nicht nur durch soli­da­ri­sche Maloche half, son­dern vor allem durch gute Nerven.

Nach 120 Minuten hat der über­mäch­tige Favorit Inter Mai­land zwar das 1:0 aus dem Hin­spiel aus­ge­gli­chen, aber auch nicht mehr. Und als es im Meazza-Sta­dion ins Elf­me­ter­schießen geht, häm­mert Ander­brügge gleich den ersten Elfer mit Voll­spann in den Winkel, Inters Startor­wart Gian­luca Pagliuca hat keine Chance. Dieser Auf­takt zum legen­dären Shoo­tout ist ein klares Signal an den Gegner: Schalke wird sich nicht ein­schüch­tern lassen Ich würde Pagliuca gerne noch mal fragen, wie lange er damals Grippe hatte. Er bekam von meinem Schuss ja einen schönen Windzug ab“, spottet Ander­brügge.

Ste­vens der erste Laptop-Trainer

Wäh­rend 25 000 Schalker im Sta­dion vor Span­nung fast durch­drehen, macht Huub Ste­vens in Ruhe seine Arbeit. Er ist ein Laptop-Trainer, bevor es den Begriff gibt und ver­zeichnet jeden Elf­meter, den er irgendwo sieht, in seiner Daten­bank. Selbst seine Kinder und seine Spieler müssen die Vor­lieben der Schützen notieren, wenn sie irgendwo einen Elf­meter sehen. Jetzt lohnt sich das. Bei Inters chi­le­ni­schem Star­stürmer Ivan Zamo­rano hat er notiert: Bei langem Anlauf Schuss in die linke Ecke.“ Tor­hüter Jens Leh­mann weiß Bescheid. Zamo­rano läuft lang an, schießt in die linke Ecke – Leh­mann hält. Den ent­schei­denden Elf­meter erle­digt dann Marc Wil­mots, der solche Momente immer noch am prä­gnan­testen selbst beschreiben kann: Ich nehm’ die Ball, bumm, drin!“

Manche Fans schreien, andere bli­cken apa­thisch ins Nichts. Die meisten kämpfen mit den Tränen, viele schluchzen hem­mungslos. Schalke 04 ist Euro­pa­po­kal­sieger, der abso­lute Underdog aus einer Stadt in tiefster Krise, das ist zu viel für sie. Nur Huub Ste­vens steht regungslos im Getümmel und macht sich eine Notiz zum letzten Elf­meter – für die Daten­bank. Manchmal braucht man halt Ver­rückte, um Ver­rücktes zu voll­bringen.

Am Samstag nach dem Finale reisen die Schalker ins Sport­studio, und Ander­brügge wird für drei Schüsse links oben an die Tor­wand gebeten. Er erin­nert sich an sein Ver­spre­chen und zieht drei Mal per Voll­spann ab – und trifft drei Mal. Die Mann­schaft singt: Wir schlugen Roda, wir schlugen Trabzon, wir schlugen Brügge sowieso, Valencia, Tene­riffa, Inter Mai­land – das WAR ne Show!“

Deutsch­land sieht diesen Schal­kern im Sport­studio stau­nend zu, nur in Bochum sind die Ein­schalt­quoten im Keller. Selbst am späten Sams­tag­abend ist noch die halbe Stadt auf den Beinen und feiert Thomas Stic­k­roth Fuß­ball­gott“ und die anderen Unsterb­li­chen in Blau und Weiß. Der VfL Bochum hat den FC St. Pauli mit 6:0 geschlagen und darf in der kom­menden Saison im Euro­pa­pokal spielen.

Doch der abso­lute Höhe­punkt steht erst noch aus. Drei Tage später, am 28. Mai 1997 im Münchner Olym­pia­sta­dion, in der dama­ligen Heimat des Rekord­meis­ters FC Bayern, trifft Borussia Dort­mund auf Juventus Turin. Auch das ist eine David-gegen-Goliath-Geschichte, in der wieder die Ita­liener den Riesen geben. Juve ist Titel­ver­tei­diger und die Mann­schaft um die genialen Ziné­dine Zidane, Didier Deschamps und Ales­sandro Del Piero hat auf dem Weg ins Finale nicht ein Spiel ver­loren. Das 0:1 nach einer knappen halben Stunde beein­druckt sie nicht son­der­lich, doch fünf Minuten später trifft Karl-Heinz Riedle erneut.

Der Moment eines 20-Jäh­rigen

Als 20 Minuten vor Schluss der 20-jäh­rige Lars Ricken ein­ge­wech­selt wird, steht das Spiel auf der Kippe. Juventus hat den Anschluss­treffer erzielt und der BVB wankt. TV-Kom­men­tator Marcel Reif kün­digte den Wechsel mit den Worten an: Und Lars Ricken kommt – der Mann mit dem ent­schei­denden Tor in Auxerre, mit dem ent­schei­denden Tor in Man­chester …“

Nur wenige Momente später wird seine Ahnung wahr: Möller. Ricken. Ricken, lupfen jetzt! Jaaaaaaa! Fünf Sekunden auf dem Platz, fünf Sekunden … Lars Ricken! … Die Gebrüder Grimm drehen sich im Grabe um, also das sind Mär­chen, die gibt’s nicht!“