Seite 2: Schalkes Eurofighter: „So was gibts nur einmal im Leben“

Als Borussia Dort­mund Anfang Mai zum Derby Königs­blau emp­fing, wagte sich Schalkes Sym­bol­figur Charly Neu­mann win­kend auf die Süd­tri­büne zu – und wurde mit Bei­fall emp­fangen. Minu­ten­lang ging das so, dann wurde es einem Schwarz-Gelben doch zu viel mit dem Geku­schel. Er warf einen Bier­be­cher und Neu­mann trollte sich. Den­noch: Viele Fans stellten in jenem Früh­sommer of Love irri­tiert fest, dass sie plötz­lich auch den Nach­barn die Daumen drückten.

Zumal gleich drei Klubs eine Woge der Euphorie erwischten und auf die Höhe­punkte ihrer Ver­eins­ge­schichte zusteu­erten: Borussia Dort­mund in der Cham­pions League und Schalke im UEFA-Cup, selbst der kleine VfL Bochum als Auf­steiger in der Bun­des­liga war erst­mals auf dem Weg in den Euro­pa­pokal.

Es ver­band sich dabei im Revier etwas, das auch vor zwanzig Jahren eigent­lich schon nicht mehr zusam­men­ge­hörte: Fuß­ball und Arbeit. Teil der großen Ruhr­ge­biets­er­zäh­lung war es immer gewesen, dass einer wie Schalkes Legende Ernst Kuzorra sagen konnte: Fuß­ball und Arbeit waren Brüder.“ Jene Malo­cher, die unter Tage oder vor den Stahl­öfen gear­beitet hatten, jubelten sonn­tags im Sta­dion näm­lich Arbeits­kol­legen zu, die im Trikot der Revier­klubs große Siege fei­erten. 1997 war das schon lange nicht mehr so, aber es fühlte sich noch mal so an. Und das war nicht nur eine Illu­sion.

»> Zum kom­pletten Inter­view: Mike Büs­kens über die Euro­fighter 1997

Die kom­plette Mann­schaft wirft sich in den Dreck

An einem eis­kalten Diens­tag­abend im November 96 gibt es eine Vor­ah­nung davon. Schalke liegt im Hin­spiel der dritten Runde des UEFA-Cups auf schnee­be­decktem Platz beim bel­gi­schen Meister FC Brügge mit 0:1 zurück, als das Team kurz nach Beginn der zweiten Halb­zeit einen Elf­meter zuge­spro­chen bekommt. Die große Chance auf das Aus­wärtstor, das im Euro­pa­pokal bekannt­lich so wichtig ist, ver­gibt Olaf Thons jedoch kläg­lich. Sein Schuss ist fürch­ter­lich, er ver­reckt fast im Schnee. Brügges Keeper wehrt den Ball so locker ab, dass sein Ver­tei­diger ihn nun wirk­lich nicht ins Toraus dre­schen müsste. Als Thon schock­starr den Kopf zu Boden gerichtet ver­harrt, kommt von der Seite ein sem­mel­blonder Spieler ange­sprintet und sagt Kopf hoch, Junge!“ Ermun­ternd zeigt Mike Büs­kens nach außen, Thon soll die Ecke rein­bringen.

Also schlägt Thon die Ecke, ein Bel­gier wehrt den roten Ball ab. Er fliegt aus dem Straf­raum, doch bevor der Ball den Boden berühren kann, kommt schon wieder dieser auf­ge­drehte Blond­schopf ange­saust und trifft ihn mit einem per­fekten Drop­kick. Büs­kens weiß sofort, dass der Schuss ins Tor gehen wird. So hart und schnell ist er, dass die mit­ge­reisten Fans zunächst nicht rea­li­sieren, wie er ins Netz knallt. Sie sehen nur den Tor­schützen mit aus­ge­brei­teten Armen, offenem Mund, schreiend, eksta­tisch. Dann springt er in vollem Tempo vor der Schalker Kurve in den Schnee­matsch. Mit den Beinen voran: Platsch! Die kom­plette Mann­schaft wirft sich auf und neben ihn in den Dreck.

Es ist ein Irrtum, dass die Eskimos hun­dert Wörter für Schnee haben, aber im Ruhr­ge­biet gibt es fast so viele fürs Arbeiten: Malo­chen, wulla­cken, rabotten, buckeln, keulen, schuften, anne Schüppe sein. In den Neun­zi­gern in Gel­sen­kir­chen kam ein neues hinzu: Büs­kens. Dieser Bekloppte rannte aus der Frei­stoß­mauer, um ein­hun­dert Km/​h schnelle Voll­spann­schüsse aus zwei Metern zu blo­cken. Er wühlte sich, die Stutzen run­ter­ge­grätscht, über den Platz, und die Tri­büne fei­erte: Büüüs-kens, Büüüs-kens“. Mit einem ü“, so tief, als hätte man es mit dem För­der­korb aus Schacht 2 geholt. Dabei war Büs­kens nicht mal ein Ein­hei­mi­scher, son­dern stammte aus Düs­sel­dorf. Aber das war nicht so wichtig.



Marc Wil­mots erin­nert sich: Du musst machen die Trikot nass!

Es ging um die Hal­tung, und dass man einen wie Marc Wil­mots damit ehrte, ihn Kampf­schwein“ zu nennen. Der Bel­gier aus dem wal­lo­ni­schen Koh­le­re­vier ver­stand, worum es ging. Die Fans fragen nicht Top­star, die fragen Herz. Sie wollen nicht, du spielst mit die Hacke, sie wollen nur eins: Du musst machen die Trikot nass“, sagt er in seinem wal­lo­nisch-ruhr­pott­deut­schen Spe­zia­l­idiom. Trikot nass machen“ wie im Schnee­matsch von Brügge und in allen anderen Spielen im UEFA-Cup. Außerdem geht es darum, gemeinsam allen Wid­rig­keiten zu trotzen.

Oder wie Wil­mots es aus­drückt: So was wie 97, das ist nur einmal in Leben. Ich sage, was wir hatte, den Geist. Wenn du machst eine Fehler, kein Pro­blem, der andere ist da.“ Darum ging es schließ­lich auch bei dieser beschissen lebens­ge­fähr­li­chen Arbeit tau­send Meter tief unter der Erde: Da musste der andere da sein, wenn man einen Fehler machte. Oder in dem Moment, wo sie einem die Arbeit weg­nehmen wollen.

Es gab noch andere Dönekes, die damals die Geschichte von den Brü­dern Arbeit und Fuß­ball nährten. So aß Mike Büs­kens in jener legen­dären Saison 1996/97 aus Aber­glauben vor jeder UEFA-Cup-Runde in Gel­sen­kir­chen Pommes-Cur­ry­wurst. Sport­ge­recht war das nicht, aber kein Wunder, dass viele Fans über solche Spieler dachten: Die würden einem auch helfen, das Wohn­zimmer zu tape­zieren. Manche Anhänger hätten sogar fragen können, sie hatten schließ­lich die Tele­fon­num­mern. Auf der Rück­fahrt aus Brügge sang der Fan­klub Schalke-Freunde Ehring­hausen“ in Bus 12 zur Melodie von Oh My Dar­ling, Cle­men­tine“ drauf los.

Wenig später hingen sie am Telefon und wählten die Nummer von Büs­kens. Als der zu Hause ankam, hörte er auf dem Anruf­be­ant­worter: Wir schlugen Roda, wir schlugen Trabzon, wir schlagen Brügge sowieso, Tene­riffa, Inter Mai­land und Monaco – das wär ne Show.“ Roda Kerk­rade und Trab­zon­spor hatten sie wirk­lich raus­ge­schmissen, Brügge musste man mal sehen, der Rest war Träu­merei – oder eine Vision.