Am 11. März 1997 klin­gelte das Telefon von Gerd Reh­berg, damals ehren­amt­li­cher Bür­ger­meister von Gel­sen­kir­chen und Vor­stands­vor­sit­zender von Schalke 04. Der Berg­werks­di­rektor der Zeche Hugo war am Apparat und völlig auf­ge­löst, fast fle­hent­lich bat er Reh­berg: Sie müssen vor­bei­kommen, hier ist der Teufel los!“ Die Kumpel streikten nicht mehr nur, ihre Wut drohte in Aggres­sionen umzu­schlagen.

Wochen­lang war hinter den Kulissen über die Zukunft des Ruhr­berg­baus ver­han­delt und schließ­lich eine dras­ti­sche Redu­zie­rung der Koh­le­sub­ven­tionen ver­kündet worden. Das Ende der Stein­kohle sollte nicht wie ver­spro­chen im Gleit­flug über die Jahre kommen, son­dern als bru­taler Absturz. Allein in den fol­genden drei Jahren würde das 36 000 Arbeits­plätze kosten. Eine Kata­strophe!

Tante Clara muss ver­mit­teln

Gerd Reh­berg trägt ein braunes Sakko und löf­felt bedächtig eine Kar­tof­fel­suppe. Er ist inzwi­schen 81 Jahre alt, ein leiser Mann mit einer Bio­grafie fast wie ein Pott­kli­schee. In Ost­preußen geboren, Reh­berg rollt das R“ etwas und sagt Ber­ch­leute“, kam er als Kriegs­flücht­ling nach Gel­sen­kir­chen. An den Fin­gern zählt er die Sta­tionen seines Lebens auf: Berg­lehr­ling, Hauer, Lehr­hauer, Steiger, Bür­ger­meister, Schalke-Prä­si­dent.

Irgend­wann bekam Reh­berg den Spitz­namen Tante Clara“ ver­passt, weil er sich so gewis­sen­haft um seine Mit­men­schen küm­merte und immer um Aus­gleich bemüht war. Auch bei Schalke blieb er in all den Wirren dieses ständig auf­ge­regten Ver­eins, mit pol­ternden Hau­degen wie Rudi Assauer oder Jürgen W. Möl­le­mann, ein ver­läss­li­cher Diplomat hinter den Kulissen.

Doch im Auf­ruhr des Arbeits­kampfs war die Zeit für stille Diplo­matie abge­laufen. An jenem Dienstag vor 20 Jahren, als er zur Zeche gerufen wurde, waren 15 000 Berg­leute zur Groß­demo nach Bonn gefahren, um in der dama­ligen Haupt­stadt Stärke zu zeigen. Auch die Daheim­ge­blie­benen waren kaum zu bremsen. Also fuhr Reh­berg rüber zu Hugo, die Zeche lag in Gel­sen­kir­chen-Buer quasi in Schalkes Nach­bar­schaft; von dort aus konnte man die Flut­licht­masten des Park­sta­dions sehen.

Er klet­terte über eine Art Hüh­ner­leiter auf das Dach der Werk­statt und ergriff das Wort. Vor tau­senden auf­ge­brachten Arbei­tern wet­terte der Sozi­al­de­mo­krat gegen die Politik der Regie­rung Kohl, mahnte aber auch zur Ver­nunft. Und wäh­rend er sprach, pas­sierte es. Reh­berg fährt mit der Hand übers Herz und zieht eine Linie bis zum Mund, denn was er damals sagte, kam aus tiefstem Herzen: Ich rief: Kommt heute Abend alle ins Sta­dion, ich lade euch ein.‘“

Überall schallt es von den Rängen: Ruhr­pott! Ruhr­pott!!

Schalke spielte gegen Duis­burg, und natür­lich wollten die Berg­leute kommen. Einer­seits, um auf ihre exis­ten­ti­ellen Sorgen auf­merksam zu machen, und weil sie auf Zuspruch und Soli­da­rität hofften. Außerdem waren die meisten von ihnen sowieso Schalker, und Fuß­ball war immer ein Stück Ablen­kung vom harten Leben gewesen. Als Reh­berg auf die Geschäfts­stelle zurück­kehrte, war Manager Assauer den­noch erst mal sauer über die Ein­la­dung: Wie sollen wir das denn hin­be­kommen?“

Kurz danach klin­gelte schon wieder das Telefon, diesmal riefen ver­zwei­felte Betriebs­räte der Zeche Walsum in Duis­burg an. Dort wollten auf­ge­brachte Berg­leute die Auto­bahn sperren, und viele Fans würden nicht zum Spiel fahren können. Also sagte Reh­berg: Die sollen auch ins Sta­dion kommen, in Montur, mit Gru­ben­lampe.“ Arbeits­klei­dung als Ein­tritts­karte, das war zwar ziem­lich chao­tisch, aber letzt­lich kamen abends mehr als fünf­tau­send Berg­leute mit dem Gru­ben­licht bei der Hand. Eine Abord­nung durfte mit Pro­test­trans­pa­renten den Platz umrunden. Ruhr­pott, Ruhr­pott“, schallte es dazu von den Rängen.

Sie ketten sich vor die FDP-Zen­trale

Klaus Herz­manatus, der damals Betriebs­rats­vor­sit­zender auf Hugo und tags­über bei der Demo in Bonn gewesen war, hockte mit Tränen in den Augen auf der Haupt­tri­büne. Er war ein Mann, der wusste, wie man Auf­merk­sam­keit für sein Anliegen erzeugte. In Gel­sen­kir­chen-Buer hatte er eine Kir­chen­be­set­zung initi­iert und das 93 Kilo­meter lange Band der Soli­da­rität“ quer durchs Ruhr­ge­biet mit­or­ga­ni­siert, die längste Men­schen­kette in der deut­schen Geschichte. Er war auch mit­ten­drin gewesen, als sich Berg­leute an der Par­tei­zen­trale der FDP fest­ket­teten, die Libe­ralen waren die trei­bende Kraft hinter den Sub­ven­ti­ons­kür­zungen. Und jetzt der Auf­marsch im Sta­dion: Wie gut das tat! Der Fuß­ball war immer für die Men­schen im Revier da“, sagt Herz­manatus. Zumin­dest an jenem Abend gab es daran keinen Zweifel.

Das Spiel wurde mit einer halben Stunde Ver­spä­tung ange­pfiffen, doch so viel Zeit musste sein. Schalke gewann dann 4:0, und die Spieler warfen nach Abpfiff ihre Tri­kots über den Zaun den Berg­leuten zu. Es war nur Stoff, doch man konnte sich daran fest­halten. Viel wich­tiger noch war aber etwas anderes: Die Ruhrpott“-Rufe waren ein Signal und wehten weit über das Park­sta­dion hinaus. An den fol­genden Wochen­enden waren sie im Dort­munder West­fa­len­sta­dion zu hören, an der Wedau in Duis­burg und im Ruhr­sta­dion in Bochum.

An der Hafen­straße in Essen wurden sie ange­stimmt, in der Wat­ten­scheider Lohr­heide und im Nie­der­rhein­sta­dion in Ober­hausen. Irgend­wann tauchten Schals mit der Auf­schrift Ruhr­pott“ auf, dar­über stand: Die Erde, die uns glück­lich macht.“ Es klingt ver­rückt, aber es fühlte sich an, als würden die sonst erbit­tert riva­li­sie­renden Klubs im Revier zu einem gigan­ti­schen FC Ruhr­pott ver­schmelzen.

Als Borussia Dort­mund Anfang Mai zum Derby Königs­blau emp­fing, wagte sich Schalkes Sym­bol­figur Charly Neu­mann win­kend auf die Süd­tri­büne zu – und wurde mit Bei­fall emp­fangen. Minu­ten­lang ging das so, dann wurde es einem Schwarz-Gelben doch zu viel mit dem Geku­schel. Er warf einen Bier­be­cher und Neu­mann trollte sich. Den­noch: Viele Fans stellten in jenem Früh­sommer of Love irri­tiert fest, dass sie plötz­lich auch den Nach­barn die Daumen drückten.

Zumal gleich drei Klubs eine Woge der Euphorie erwischten und auf die Höhe­punkte ihrer Ver­eins­ge­schichte zusteu­erten: Borussia Dort­mund in der Cham­pions League und Schalke im UEFA-Cup, selbst der kleine VfL Bochum als Auf­steiger in der Bun­des­liga war erst­mals auf dem Weg in den Euro­pa­pokal.

Es ver­band sich dabei im Revier etwas, das auch vor zwanzig Jahren eigent­lich schon nicht mehr zusam­men­ge­hörte: Fuß­ball und Arbeit. Teil der großen Ruhr­ge­biets­er­zäh­lung war es immer gewesen, dass einer wie Schalkes Legende Ernst Kuzorra sagen konnte: Fuß­ball und Arbeit waren Brüder.“ Jene Malo­cher, die unter Tage oder vor den Stahl­öfen gear­beitet hatten, jubelten sonn­tags im Sta­dion näm­lich Arbeits­kol­legen zu, die im Trikot der Revier­klubs große Siege fei­erten. 1997 war das schon lange nicht mehr so, aber es fühlte sich noch mal so an. Und das war nicht nur eine Illu­sion.

»> Zum kom­pletten Inter­view: Mike Büs­kens über die Euro­fighter 1997

Die kom­plette Mann­schaft wirft sich in den Dreck

An einem eis­kalten Diens­tag­abend im November 96 gibt es eine Vor­ah­nung davon. Schalke liegt im Hin­spiel der dritten Runde des UEFA-Cups auf schnee­be­decktem Platz beim bel­gi­schen Meister FC Brügge mit 0:1 zurück, als das Team kurz nach Beginn der zweiten Halb­zeit einen Elf­meter zuge­spro­chen bekommt. Die große Chance auf das Aus­wärtstor, das im Euro­pa­pokal bekannt­lich so wichtig ist, ver­gibt Olaf Thons jedoch kläg­lich. Sein Schuss ist fürch­ter­lich, er ver­reckt fast im Schnee. Brügges Keeper wehrt den Ball so locker ab, dass sein Ver­tei­diger ihn nun wirk­lich nicht ins Toraus dre­schen müsste. Als Thon schock­starr den Kopf zu Boden gerichtet ver­harrt, kommt von der Seite ein sem­mel­blonder Spieler ange­sprintet und sagt Kopf hoch, Junge!“ Ermun­ternd zeigt Mike Büs­kens nach außen, Thon soll die Ecke rein­bringen.

Also schlägt Thon die Ecke, ein Bel­gier wehrt den roten Ball ab. Er fliegt aus dem Straf­raum, doch bevor der Ball den Boden berühren kann, kommt schon wieder dieser auf­ge­drehte Blond­schopf ange­saust und trifft ihn mit einem per­fekten Drop­kick. Büs­kens weiß sofort, dass der Schuss ins Tor gehen wird. So hart und schnell ist er, dass die mit­ge­reisten Fans zunächst nicht rea­li­sieren, wie er ins Netz knallt. Sie sehen nur den Tor­schützen mit aus­ge­brei­teten Armen, offenem Mund, schreiend, eksta­tisch. Dann springt er in vollem Tempo vor der Schalker Kurve in den Schnee­matsch. Mit den Beinen voran: Platsch! Die kom­plette Mann­schaft wirft sich auf und neben ihn in den Dreck.

Es ist ein Irrtum, dass die Eskimos hun­dert Wörter für Schnee haben, aber im Ruhr­ge­biet gibt es fast so viele fürs Arbeiten: Malo­chen, wulla­cken, rabotten, buckeln, keulen, schuften, anne Schüppe sein. In den Neun­zi­gern in Gel­sen­kir­chen kam ein neues hinzu: Büs­kens. Dieser Bekloppte rannte aus der Frei­stoß­mauer, um ein­hun­dert Km/​h schnelle Voll­spann­schüsse aus zwei Metern zu blo­cken. Er wühlte sich, die Stutzen run­ter­ge­grätscht, über den Platz, und die Tri­büne fei­erte: Büüüs-kens, Büüüs-kens“. Mit einem ü“, so tief, als hätte man es mit dem För­der­korb aus Schacht 2 geholt. Dabei war Büs­kens nicht mal ein Ein­hei­mi­scher, son­dern stammte aus Düs­sel­dorf. Aber das war nicht so wichtig.



Marc Wil­mots erin­nert sich: Du musst machen die Trikot nass!

Es ging um die Hal­tung, und dass man einen wie Marc Wil­mots damit ehrte, ihn Kampf­schwein“ zu nennen. Der Bel­gier aus dem wal­lo­ni­schen Koh­le­re­vier ver­stand, worum es ging. Die Fans fragen nicht Top­star, die fragen Herz. Sie wollen nicht, du spielst mit die Hacke, sie wollen nur eins: Du musst machen die Trikot nass“, sagt er in seinem wal­lo­nisch-ruhr­pott­deut­schen Spe­zia­l­idiom. Trikot nass machen“ wie im Schnee­matsch von Brügge und in allen anderen Spielen im UEFA-Cup. Außerdem geht es darum, gemeinsam allen Wid­rig­keiten zu trotzen.

Oder wie Wil­mots es aus­drückt: So was wie 97, das ist nur einmal in Leben. Ich sage, was wir hatte, den Geist. Wenn du machst eine Fehler, kein Pro­blem, der andere ist da.“ Darum ging es schließ­lich auch bei dieser beschissen lebens­ge­fähr­li­chen Arbeit tau­send Meter tief unter der Erde: Da musste der andere da sein, wenn man einen Fehler machte. Oder in dem Moment, wo sie einem die Arbeit weg­nehmen wollen.

Es gab noch andere Dönekes, die damals die Geschichte von den Brü­dern Arbeit und Fuß­ball nährten. So aß Mike Büs­kens in jener legen­dären Saison 1996/97 aus Aber­glauben vor jeder UEFA-Cup-Runde in Gel­sen­kir­chen Pommes-Cur­ry­wurst. Sport­ge­recht war das nicht, aber kein Wunder, dass viele Fans über solche Spieler dachten: Die würden einem auch helfen, das Wohn­zimmer zu tape­zieren. Manche Anhänger hätten sogar fragen können, sie hatten schließ­lich die Tele­fon­num­mern. Auf der Rück­fahrt aus Brügge sang der Fan­klub Schalke-Freunde Ehring­hausen“ in Bus 12 zur Melodie von Oh My Dar­ling, Cle­men­tine“ drauf los.

Wenig später hingen sie am Telefon und wählten die Nummer von Büs­kens. Als der zu Hause ankam, hörte er auf dem Anruf­be­ant­worter: Wir schlugen Roda, wir schlugen Trabzon, wir schlagen Brügge sowieso, Tene­riffa, Inter Mai­land und Monaco – das wär ne Show.“ Roda Kerk­rade und Trab­zon­spor hatten sie wirk­lich raus­ge­schmissen, Brügge musste man mal sehen, der Rest war Träu­merei – oder eine Vision.

1997 gab es weder Face­book noch Smart­phones, nicht mal der Euro war ein­ge­führt. Fuß­ball­profis trugen weite, wehende Tri­kots und bescheu­erte Nasen­pflaster, auf den Rängen waren Schnauz­bärte ange­sagt. 1997 starb Lady Di und hielt Bun­des­prä­si­dent Roman Herzog seine berühmte Rede, dass ein Ruck durch Deutsch­land“ gehen müsse. Das Ruhr­ge­biet konnte er nicht gemeint haben. Der Schlachtruf Ruhr­pott‘ ist ein Auf­schrei“, sagte Rudi Assauer damals durch den Rauch seiner Zigarre Davi­doff Grand Cru No. 3. Schalkes Manager, der wie der letzte große Schlot­baron wirkte, erklärte auch, was der Auf­schrei bedeu­tete: Wir werden es euch schon zeigen, wir lassen uns nicht unter­kriegen!“

Wobei die Stim­mung, ehr­lich gesagt, schwankte zwi­schen Trotz und Ruck, Über­schwang und Rat­lo­sig­keit. Die Stadt Dort­mund war beim Struk­tur­wandel schon ein gutes Stück weiter als die Städte der Emscher­zone. Bereits beim BVB-Pokal­sieg 1989 war die letzte der einst 28 Dort­munder Zechen geschlossen gewesen. Ins West­fa­len­sta­dion kamen mehr Männer mit bunten Kra­watten, die sie als Ange­stellte von Ver­si­che­rungen aus­wiesen, als Malo­cher mit schwie­ligen Händen.

Borus­sias Prä­si­dent Gerd Nie­baum behaup­tete: Das Ruhr­ge­biet gehört zu den auf­re­gendsten Metro­polen Europas, gegen die Mün­chen oder gar Berlin Pro­vinz sind.“ Das klang zwar gut, war aber Quatsch. Sein dama­liger Kol­lege Werner Alte­goer vom VfL Bochum war mit Blick auf die Uni­stadt Bochum schon etwas rea­lis­ti­scher: Wir können doch nicht davon leben, den Stu­denten Zimmer zu ver­mieten.“

Wie häss­lich ist das denn hier?“

Als Thomas Stic­k­roth nach Bochum kam und eine Woh­nung suchte, konnte er es nicht fassen: Ich dachte nur: Wie häss­lich ist das denn hier?“ Stic­k­roth war in Stutt­gart auf­ge­wachsen, hatte in Düs­sel­dorf gelebt, in Glasgow und in seinem Jahr beim 1. FC Saar­brü­cken in Frank­reich. Er war ein Schön­geist, der Jazz und Klassik hörte, Lite­ratur las und phi­lo­so­phi­sche Texte. Aber ich hatte auch eine andere Seite und habe mit den Jungs in der Mann­schaft auch gepo­kert.“ Als er im Revier ein­traf, war der VfL Bochum gerade zum zweiten Mal aus der Bun­des­liga abge­stiegen, und Trainer Klaus Topp­möller machte sich daran, eine Kul­tur­re­vo­lu­tion anzu­zet­teln. Und das ging er mit einer Mann­schaft von Geschei­terten und Aus­sor­tierten an, die noch eine Rech­nung mit dem Fuß­ball­ge­schäft offen hatten.

» Zum Inter­view: Közle, Hopp, Rein­hardt, Eigen­rauch – vier Kult­fi­guren über den Ruhr­pott 1997

Der dyna­mi­sche Stürmer Peter Közle war als Publi­kums­lieb­ling in Duis­burg abge­stürzt. Er bat sogar darum, seinen Ver­trag auf­zu­lösen, nachdem er von den MSV-Fans bei jeder Ball­be­rüh­rung aus­ge­pfiffen wurde. Sein Trainer Hannes Bon­gartz hatte nicht mal von der Zei­tung auf­ge­schaut, als Közle das vor­schlug: Ist wahr­schein­lich besser so, Peter!“ Der talen­tierte Keeper Uwe Gos­po­darek war vom FC Bayern aus­ge­liehen worden, weil man ihn in Mün­chen für zu klein hielt. Der bein­harte Mann­de­cker Torsten Kracht war mit dem VfB Leipzig erst aus der Bun­des­liga abge­stiegen und anschlie­ßend im Abstiegs­kampf der zweiten Liga gelandet.

Auch Topp­möller selbst galt als geschei­terter Schwa­dro­nierer. Bei Ein­tracht Frank­furt war er 1993 mit schönem Fuß­ball zur Herbst­meis­ter­schaft gestürmt und hatte dann über­dreht. Zu Moti­va­ti­ons­zwe­cken brachte Topp­möller einen lebenden Adler mit in die Kabine und ver­kün­dete das Ende der Münchner Domi­nanz: Bye, bye Bayern“. Dann ging seine Mann­schaft im Titel­kampf unter, und Topp­möller wurde noch vor Sai­son­ende ent­lassen.

Star des Bochumer Teams, das erst pro­blemlos den Wie­der­auf­stieg schaffte und dann in der Bun­des­liga ein­fach weiter siegte, war Dariusz Wosz, der im Februar 1997 in der deut­schen Natio­nal­mann­schaft debü­tierte. Doch der Fuß­ball­gott“ der Sen­sa­ti­ons­mann­schaft hieß Thomas Stic­k­roth. Spieler laut­stark zu Fuß­ball­göt­tern“ zu erklären, war damals eine Marotte von Fan­kurven und meist lie­be­voll-iro­nisch gemeint. Dort­munds Fuß­ball­gott etwa war keiner der im Übermaß ver­tre­tenen Ball­zau­berer, son­dern Innen­ver­tei­diger Jürgen Kohler.

Auch in Schalke war es mit Thomas Linke ein kno­chen­tro­ckener Mann­de­cker. Nur in Bochum hatte der Fuß­ball­gott wirk­lich etwas Über­ir­di­sches. Stic­k­roth sah so gut aus, dass sein Mann­schafts­ka­merad und Freund Peter Közle fest­stellt: In ihn waren alle Mäd­chen ver­liebt.“ Alle Jungs waren es auch, weil Stic­k­roth den Über­steiger beherrschte und über­haupt so ele­gant kickte, wie man das in Bochum selten gesehen hatte. Der Kult um ihn, den Topp­möller Bra­si­lianer“ und viele Fans Sti­ck­inho“ nannten, ging so weit, dass er einen eigenen Fan­klub hatte.

Ein Abstiegs­kan­didat macht sich auf zu den Sternen

Unser Fuß­ball war leicht, spiel­freudig und lei­den­schaft­lich, weil Toppi es so wollte“, sagt Stic­k­roth, der letzt­lich 20 Jahre in Bochum lebte und gerade als Assis­tenz­trainer beim Dritt­li­gisten FSV Frank­furt arbeitet. Topp­möller ließ seine spiel­freu­digen Kicker für dama­lige Ver­hält­nisse unge­wohnt fle­xibel spielen, mal mit Drei­er­kette, mal mit Vie­rer­kette, mal mit Libero, mal ohne. Er brach auch mit dem Primat des Kämp­fens, das in Bochum zur Ver­eins­folk­lore gehört hatte. Trotzdem wurden die erstaun­li­chen Siege des VfL in Bochum eben­falls mit Ruhr­pott, Ruhrpott“-Rufen gefeiert. Denn die Geschichte, dass ein Abstiegs­kan­didat sich zu den Sternen auf­machte, passte zu dem, was im Revier pas­sierte. Es war schließ­lich ein Auf­bäumen der Under­dogs und Aus­sor­tierten.

Ich war immer Spät­zünder und dachte mir damals: Jetzt kommt meine Zeit“, sagt Stic­k­roth. Als die Saison dem Ende zuging, war dieses Gefühl im Ruhr­ge­biet weit ver­breitet: Unsere Zeit ist gekommen!“

Das galt auch in Dort­mund, obwohl die Ver­hält­nisse dort nicht so mär­chen­haft-roman­tisch waren wie in der Nach­bar­schaft. Im Gegen­teil. Ottmar Hitz­feld, der nie ein kri­ti­sches Wort über ehe­ma­lige Spieler sagen würde, lässt höf­lich aus­richten, dass er sich über jene Zeit bitte nicht äußern möchte. Sein dama­liger Assis­tent Michael Henke tut es eher andeu­tungs­weise: Ich als kleiner Dritt­li­ga­fuß­baller habe mich schon gefragt, ob ich da auf dem rich­tigen Dampfer war.“

Man könnte auch sagen: Der Dampfer war ein Luxus­liner mit ziem­lich über­spannter Besat­zung. So kam das por­tu­gie­si­sche Mit­tel­feld­genie Paulo Sousa mit eigenem Fit­ness­trainer zum Trai­ning. Wenn die Mann­schaft auf dem Platz links herum lief, lief er rechts herum. Außerdem tat Sousa sich schwer mit dem Mor­gen­trai­ning, er war eher nacht­aktiv und schlief selten vor vier Uhr ein. Immerhin konnte er sein Erscheinen fast immer ein­richten, was man von Julio Cesar nicht sagen konnte. Der Welt­klas­se­ver­tei­diger überzog jede Rück­reise von Bra­si­lien, aber in Dort­mund waren sie froh, wenn der cha­ris­ma­ti­sche Hüne über­haupt zurückkam.

In Dort­munds Team herrschten ver­schie­dene Klassen

Der­weil zeigten die Spieler mit Ita­lien­er­fah­rung ihren weniger weit­ge­reisten Kol­legen, was sie draußen in der Welt ver­passt hatten. Andreas Möller kün­digte im Trai­ning schon mal an, jetzt einen pas­s­aggio longo“ zu spielen. Für die unbe­hol­fenen Ein­hei­mi­schen: einen langen Ball. Es gab meh­rere Klassen in der Mann­schaft“, sagt Knut Rein­hardt, der eher zum Pro­le­ta­riat gehörte und heute als Grund­schul­lehrer in Dort­mund arbeitet. Die herr­schende Klasse bil­deten jene Spieler, die aus der damals noch gla­mou­rösen Serie A gekommen waren. In der besten Liga der Welt gespielt zu haben, war schon an sich eine Aus­zeich­nung. Stefan Reuter wurde im Sommer 1992 als Erster nach Dort­mund trans­fe­riert, anschlie­ßend Mat­thias Sammer. Im Jahr darauf kam Karl-Heinz Riedle, dann Andreas Möller und Julio Cesar. 1995 waren es Jürgen Kohler und Ruben Sosa, im Sommer 1996 war Paulo Sousa schließ­lich der Achte und letzte gewesen.

Diese Super­trans­fers mög­lich gemacht hatte der inzwi­schen 67-jäh­rige Michael Meier, der heute nebenbei Trainer und Manager coacht. Als ein­ziger Bun­des­li­ga­ma­nager wusste er das Dop­pel­be­steue­rungs­ab­kommen mit Ita­lien aus­zu­nutzen. Borussia zahlte einen Teil des Salärs vor­neweg als Hand­geld in Ita­lien, wo die Steuern deut­lich nied­riger lagen. So gab’s mehr netto fürs Brutto.

»>Im Retro-Live­ti­cker: Dort­munds Sieg im Cham­pions League-Finale

Wer annimmt, dass die schwarz-gelbe Star­truppe im kri­selnden Revier auf Ableh­nung stoßen würde, täuscht sich. Denn wie sagte ein arbeits­loser Fan, dem ein Fern­seh­re­porter etwas Kri­ti­sches zum fast zehn Mil­lionen Mark, also unfassbar teuren Transfer von Karl-Heinz Riedle ent­lo­cken wollte: Ich bin mit Riedle arbeitslos und ohne ihn, dann bin ich lieber mit Riedle arbeitslos.“ Auch durch Riedles Tore wurde der BVB 1995 Deut­scher Meister und brach damit einen Fluch. Unter Trai­nern galt es als unge­schrie­benes Gesetz, dass man mit einem Ruhr­ge­biets­klub nicht Deut­scher Meister werden kann“, sagt Meier. 1996 ver­tei­digte Borussia den Titel.

Zu diesem Zeit­punkt wurde der Ausbau des West­fa­len­sta­dions massiv vor­an­ge­trieben, die Haupt- und Gegen­tri­bünen hatten bereits gewal­tige zweite Ränge bekommen. Borussia hatte zuvor als erster Klub in Deutsch­land sein Sta­dion der Stadt abge­kauft. Trei­bende Kraft hinter den gewal­tigen Inves­ti­tionen in Steine und Beine war Gerd Nie­baum. Der Ver­eins­prä­si­dent, ein Rechts­an­walt, dachte groß.

Aber ich habe auch selten jemanden getroffen, der die Ruhr­ge­biets­iden­tität so gut ver­standen hat wie er“, sagt Meier. Nie­baum berei­tete den Klub fürs 21. Jahr­hun­dert vor, sein Slogan hieß: Zukunft braucht Her­kunft.“ Wobei Borussia Dort­mund ein­deutig für jenen Teil des Ruhr­ge­biets stand, in dem der Akzent auf der Zukunft lag.

Aller­dings machte Nie­baum im Früh­jahr 1997 Meier und vor allem Hitz­feld das Leben schwer. Der Trainer war in seiner siebten Saison beim BVB, und es gab deut­liche Abnut­zungs­er­schei­nungen zwi­schen ihm und der Mann­schaft. Einige Spieler suchten daher den Schul­ter­schluss mit dem Prä­si­denten. Vor allem Mat­thias Sammer dachte als Spieler nicht nur wie ein Trainer, son­dern war mit­unter auch der Ansicht, der bes­sere Trainer zu sein. Bei Nie­baum fand er dafür ein offenes Ohr. Sam­mers Kumpel Steffen Freund sekun­dierte unschön, als er in einem Inter­view ver­kün­dete: Von Sammer habe ich mehr gelernt als von Hitz­feld.“

Das wie­derum empörte jene Mehr­heit der Spieler, die den Trainer hoch schätzten. Wenn ein Ver­eins­vor­stand zu enge Kon­takte zu Spie­lern pflegt, ist das der Anfang vom Ende“, sagt Michael Henke. Sogar Nie­baums Sohn Nico spielte eine Neben­rolle. Er for­derte mehr Ein­satz­zeiten für seinen Freund Lars Ricken, das dama­lige Wun­der­kind der Borussia.

Sammer hielt sich für den Schat­ten­trainer

Borus­sias Mann­schaft des Früh­jahrs 97 mochte ein Irren­haus sein, doch zusam­men­ge­halten wurde das Team vom eisernen Willen zum Erfolg. Die meisten Spieler waren in einem Alter oder durch Ver­let­zungen so geplagt, dass sie wussten: Wir haben nur noch diese eine Chance, die Cham­pions League zu gewinnen. Sie waren geil auf große Titel“, sagt Henke. Paulo Sousa mochte zwar eine Diva sein, aber in wich­tigen Spielen war er eine Bank. Mat­thias Sammer mochte sich für einen Schat­ten­trainer halten, aber das war nicht Aus­druck von Eitel­keit, son­dern von gna­den­losem Sie­ges­willen.

Und Andreas Möller mochte im Trai­ning den Ita­liener geben, aber er inspi­rierte die Mann­schaft so durch beson­dere Momente, wie es später Ribéry und Robben beim FC Bayern tun. Wäh­rend Borussia in der Bun­des­liga weit­ge­hend auf Dienst nach Vor­schrift umge­stellt hatte, wurden die Par­tien in der Cham­pions League zu unver­ges­senen Glanz­leis­tungen: vor allem gegen Auxerre und dann im Halb­fi­nale. Gegen eine Mann­schaft von Man­chester United um Eric Can­tona siegte der BVB zweimal mit 1:0.

Schalkes Mann­schaft war von solch kühlen Kal­ku­la­tionen weit ent­fernt, sie musste immer alles geben. Jede Runde im UEFA-Cup schrieb ein wei­teres dra­ma­ti­sches Kapitel einer unfass­baren Geschichte. So ver­letzten sich drei Tage vor dem Hin­spiel im Halb­fi­nale auf Tene­riffa beim Bun­des­li­ga­spiel in Karls­ruhe die beiden Stürmer Youri Mulder und Martin Max inner­halb von einer Minute schwer. Auf den Kanaren verlor Schalke dann durch einen unbe­rech­tigten Elf­meter und vergab selber einen Straf­stoß. Das Rück­spiel in Gel­sen­kir­chen ging in die Ver­län­ge­rung, und kurz nachdem die Fans erst­mals den Gesang Steht auf, wenn ihr Schalker seid“ ange­stimmt hatten, schoss Wil­mots seine Mann­schaft in die Final­spiele gegen Inter Mai­land.

Die Ita­liener waren mit Spie­lern wie dem legen­dären Giu­seppe Ber­gomi, dem Fran­zosen Youri Djor­kaeff und dem Eng­länder Paul Ince haus­hoher Favorit auf den Titel­ge­winn. Daran änderte sich auch durch den 1:0‑Sieg in Gel­sen­kir­chen nichts. Trotzdem lud ein ZDF-Mit­ar­beiter Ingo Ander­brügge für den unwahr­schein­li­chen Fall des Titel­ge­winns ins Aktu­elle Sport­studio ein. Ander­brügge sagte zu, kün­digte aber auch an: Dann schieße ich euch die Tor­wand kaputt.“

Ander­brügge war in der dama­ligen Schalker Mann­schaft ver­mut­lich der Spieler, der am besten ver­stand, wie wichtig Schalkes Siege für die Leute in Gel­sen­kir­chen waren. Er stammte aus der Gegend, sein Vater war Berg­mann gewesen, und er selbst hatte eine Lehre in einer Firma für Gru­ben­ge­räte absol­viert. Noch heute erzählt er mit flam­mender Stimme von der Soli­da­rität der Berg­leute: Wenn unter Tage die Kohle aus dem Berg gehäm­mert wird, muss man sich ein­fach gegen­seitig helfen.“ Wobei Ander­brügge seinen Mit­spie­lern beim Finale in Mai­land nicht nur durch soli­da­ri­sche Maloche half, son­dern vor allem durch gute Nerven.

Nach 120 Minuten hat der über­mäch­tige Favorit Inter Mai­land zwar das 1:0 aus dem Hin­spiel aus­ge­gli­chen, aber auch nicht mehr. Und als es im Meazza-Sta­dion ins Elf­me­ter­schießen geht, häm­mert Ander­brügge gleich den ersten Elfer mit Voll­spann in den Winkel, Inters Startor­wart Gian­luca Pagliuca hat keine Chance. Dieser Auf­takt zum legen­dären Shoo­tout ist ein klares Signal an den Gegner: Schalke wird sich nicht ein­schüch­tern lassen Ich würde Pagliuca gerne noch mal fragen, wie lange er damals Grippe hatte. Er bekam von meinem Schuss ja einen schönen Windzug ab“, spottet Ander­brügge.

Ste­vens der erste Laptop-Trainer

Wäh­rend 25 000 Schalker im Sta­dion vor Span­nung fast durch­drehen, macht Huub Ste­vens in Ruhe seine Arbeit. Er ist ein Laptop-Trainer, bevor es den Begriff gibt und ver­zeichnet jeden Elf­meter, den er irgendwo sieht, in seiner Daten­bank. Selbst seine Kinder und seine Spieler müssen die Vor­lieben der Schützen notieren, wenn sie irgendwo einen Elf­meter sehen. Jetzt lohnt sich das. Bei Inters chi­le­ni­schem Star­stürmer Ivan Zamo­rano hat er notiert: Bei langem Anlauf Schuss in die linke Ecke.“ Tor­hüter Jens Leh­mann weiß Bescheid. Zamo­rano läuft lang an, schießt in die linke Ecke – Leh­mann hält. Den ent­schei­denden Elf­meter erle­digt dann Marc Wil­mots, der solche Momente immer noch am prä­gnan­testen selbst beschreiben kann: Ich nehm’ die Ball, bumm, drin!“

Manche Fans schreien, andere bli­cken apa­thisch ins Nichts. Die meisten kämpfen mit den Tränen, viele schluchzen hem­mungslos. Schalke 04 ist Euro­pa­po­kal­sieger, der abso­lute Underdog aus einer Stadt in tiefster Krise, das ist zu viel für sie. Nur Huub Ste­vens steht regungslos im Getümmel und macht sich eine Notiz zum letzten Elf­meter – für die Daten­bank. Manchmal braucht man halt Ver­rückte, um Ver­rücktes zu voll­bringen.

Am Samstag nach dem Finale reisen die Schalker ins Sport­studio, und Ander­brügge wird für drei Schüsse links oben an die Tor­wand gebeten. Er erin­nert sich an sein Ver­spre­chen und zieht drei Mal per Voll­spann ab – und trifft drei Mal. Die Mann­schaft singt: Wir schlugen Roda, wir schlugen Trabzon, wir schlugen Brügge sowieso, Valencia, Tene­riffa, Inter Mai­land – das WAR ne Show!“

Deutsch­land sieht diesen Schal­kern im Sport­studio stau­nend zu, nur in Bochum sind die Ein­schalt­quoten im Keller. Selbst am späten Sams­tag­abend ist noch die halbe Stadt auf den Beinen und feiert Thomas Stic­k­roth Fuß­ball­gott“ und die anderen Unsterb­li­chen in Blau und Weiß. Der VfL Bochum hat den FC St. Pauli mit 6:0 geschlagen und darf in der kom­menden Saison im Euro­pa­pokal spielen.

Doch der abso­lute Höhe­punkt steht erst noch aus. Drei Tage später, am 28. Mai 1997 im Münchner Olym­pia­sta­dion, in der dama­ligen Heimat des Rekord­meis­ters FC Bayern, trifft Borussia Dort­mund auf Juventus Turin. Auch das ist eine David-gegen-Goliath-Geschichte, in der wieder die Ita­liener den Riesen geben. Juve ist Titel­ver­tei­diger und die Mann­schaft um die genialen Ziné­dine Zidane, Didier Deschamps und Ales­sandro Del Piero hat auf dem Weg ins Finale nicht ein Spiel ver­loren. Das 0:1 nach einer knappen halben Stunde beein­druckt sie nicht son­der­lich, doch fünf Minuten später trifft Karl-Heinz Riedle erneut.

Der Moment eines 20-Jäh­rigen

Als 20 Minuten vor Schluss der 20-jäh­rige Lars Ricken ein­ge­wech­selt wird, steht das Spiel auf der Kippe. Juventus hat den Anschluss­treffer erzielt und der BVB wankt. TV-Kom­men­tator Marcel Reif kün­digte den Wechsel mit den Worten an: Und Lars Ricken kommt – der Mann mit dem ent­schei­denden Tor in Auxerre, mit dem ent­schei­denden Tor in Man­chester …“

Nur wenige Momente später wird seine Ahnung wahr: Möller. Ricken. Ricken, lupfen jetzt! Jaaaaaaa! Fünf Sekunden auf dem Platz, fünf Sekunden … Lars Ricken! … Die Gebrüder Grimm drehen sich im Grabe um, also das sind Mär­chen, die gibt’s nicht!“

BVB-Manager Michael Meier kann sich noch genau daran erin­nern, was er kurz darauf, im Moment des Abpfiffs, fühlte. Denn noch heute kommt es ihm wie Betrug vor. Ent­setzt stellte Meier damals fest, dass er nicht jubeln konnte. Es fühlte sich nicht groß­artig an, er emp­fand keinen Über­schwang, und glück­lich war er auch nicht. Da war plötz­lich totale Leere, ich war ein­fach nur kaputt.“ Zu groß war der Tribut, den er hatte ent­richten müssen.

Wir hatten diesem Erfolg zwei Jahre lang alles unter­ge­ordnet“, sagt Meier. Dieses wir“ schließt Ottmar Hitz­feld mit ein, und alles unter­ge­ordnet“ heißt, dass Manager und Trainer den Wahn­sinn aus­ge­halten hatten. Die beiden hatten zwar eine Mann­schaft der Super­stars erschaffen, aber die hatte ihre Schöpfer auch auf­ge­fressen.

1997 – ein Fall fürs Museum

Als die Schalker eine Woche zuvor ihren Euro­pa­po­kal­sieg fei­erten, hatten sie im Über­schwang her­aus­zu­finden ver­sucht, wie viele Men­schen auf einem Tisch springen können, bis er zer­bricht. Auf der Sie­ges­feier des BVB ging es anders zu. In einer Ecke saßen Hitz­feld und Sammer zusammen, sie schoben Gläser auf dem Tisch hin und her, um tak­ti­sche Vari­anten zu dis­ku­tieren. Vor dem Finale hatte Nie­baum zu Hitz­feld gesagt, er solle ver­stärkt Übungen gegen das ita­lie­ni­sche Kurz­pass­spiel ins Trai­ning ein­bauen. Nach dem Finale erklärte der Prä­si­dent, der Sieg hätte schon früher fest­ge­standen, wenn Ricken früher gebracht worden wäre. Es war Zeit für Hitz­feld zu gehen.

Betriebsrat Klaus Herz­manatus war beim Finale für den BVB wie viele Schalker: Ich wollte alles in den Pott.“ Jetzt sitzt er an einem Gar­ten­tisch, der Kies unter den Füßen knirscht, im Hin­ter­grund glu­ckert ein Teich. Er ver­bringt viel Zeit in diesem Idyll am alten För­der­turm und der För­der­ma­schine der Zeche Hugo. Herz­manatus und seine Mit­streiter betreiben am Schacht 2 ein kleines Museum in Eigen­regie. Eigent­lich sollte alles abge­rissen werden, doch sie kämpften für den Erhalt, nachdem Hugo im Jahr 2000 zuge­macht wurde. Die Initi­al­zün­dung kam damals von Rudi Assauer, der ihnen 3000 Euro gab und sagte: Zeig den Schnarch­hähnen, dass man so was bewahren kann. Kämpf darum!“

Das hat er getan, wie auch 97. Wir waren damals so was wie moderne Kämpfer“, sagt Herz­manatus. Er erzählt gerne davon, weil in diesen Kämpfen Freund­schaften ent­standen, die bis heute halten. Weil es das warme Gefühl der Soli­da­rität gab. Wir sind auf einer Welle geschwommen, ähn­lich wie beim Gewinn der Welt­meis­ter­schaft 1954. Alle hatten vorher nur Scheiße gehabt und dann kommt etwas, das alle glück­lich macht“, sagt Herz­manatus.

Wir“ meint nicht die Fuß­ball­klubs im Ruhr­ge­biet und die Berg­leute glei­cher­maßen. Denn damals haben alle gewonnen. Die Kür­zungen der Sub­ven­tionen wurden nach den mas­siven Pro­testen wieder zurück­ge­nommen, es gab doch den Gleit­flug aus dem Koh­le­zeit­alter und keinen Absturz. 2018 wird die letzte Zeche im Revier geschlossen. Doch als sich 1997 die Auf­re­gungen des Arbeits­kampfes gelegt hatten und die letzten Fuß­ball­feiern vor­über waren, hielt Klaus Herz­manatus inne. Mir wurde plötz­lich klar: Das war’s jetzt, das werden wir in dieser Form nicht mehr erleben.“ Der letzte Sommer des Ruhr­ge­biets war vor­über. Arbeit und Fuß­ball, diese Geschichte würde hier so nie mehr erzählt werden.