Am 11. März 1997 klin­gelte das Telefon von Gerd Reh­berg, damals ehren­amt­li­cher Bür­ger­meister von Gel­sen­kir­chen und Vor­stands­vor­sit­zender von Schalke 04. Der Berg­werks­di­rektor der Zeche Hugo war am Apparat und völlig auf­ge­löst, fast fle­hent­lich bat er Reh­berg: Sie müssen vor­bei­kommen, hier ist der Teufel los!“ Die Kumpel streikten nicht mehr nur, ihre Wut drohte in Aggres­sionen umzu­schlagen.

Wochen­lang war hinter den Kulissen über die Zukunft des Ruhr­berg­baus ver­han­delt und schließ­lich eine dras­ti­sche Redu­zie­rung der Koh­le­sub­ven­tionen ver­kündet worden. Das Ende der Stein­kohle sollte nicht wie ver­spro­chen im Gleit­flug über die Jahre kommen, son­dern als bru­taler Absturz. Allein in den fol­genden drei Jahren würde das 36 000 Arbeits­plätze kosten. Eine Kata­strophe!

Tante Clara muss ver­mit­teln

Gerd Reh­berg trägt ein braunes Sakko und löf­felt bedächtig eine Kar­tof­fel­suppe. Er ist inzwi­schen 81 Jahre alt, ein leiser Mann mit einer Bio­grafie fast wie ein Pott­kli­schee. In Ost­preußen geboren, Reh­berg rollt das R“ etwas und sagt Ber­ch­leute“, kam er als Kriegs­flücht­ling nach Gel­sen­kir­chen. An den Fin­gern zählt er die Sta­tionen seines Lebens auf: Berg­lehr­ling, Hauer, Lehr­hauer, Steiger, Bür­ger­meister, Schalke-Prä­si­dent.

Irgend­wann bekam Reh­berg den Spitz­namen Tante Clara“ ver­passt, weil er sich so gewis­sen­haft um seine Mit­men­schen küm­merte und immer um Aus­gleich bemüht war. Auch bei Schalke blieb er in all den Wirren dieses ständig auf­ge­regten Ver­eins, mit pol­ternden Hau­degen wie Rudi Assauer oder Jürgen W. Möl­le­mann, ein ver­läss­li­cher Diplomat hinter den Kulissen.

Doch im Auf­ruhr des Arbeits­kampfs war die Zeit für stille Diplo­matie abge­laufen. An jenem Dienstag vor 20 Jahren, als er zur Zeche gerufen wurde, waren 15 000 Berg­leute zur Groß­demo nach Bonn gefahren, um in der dama­ligen Haupt­stadt Stärke zu zeigen. Auch die Daheim­ge­blie­benen waren kaum zu bremsen. Also fuhr Reh­berg rüber zu Hugo, die Zeche lag in Gel­sen­kir­chen-Buer quasi in Schalkes Nach­bar­schaft; von dort aus konnte man die Flut­licht­masten des Park­sta­dions sehen.

Er klet­terte über eine Art Hüh­ner­leiter auf das Dach der Werk­statt und ergriff das Wort. Vor tau­senden auf­ge­brachten Arbei­tern wet­terte der Sozi­al­de­mo­krat gegen die Politik der Regie­rung Kohl, mahnte aber auch zur Ver­nunft. Und wäh­rend er sprach, pas­sierte es. Reh­berg fährt mit der Hand übers Herz und zieht eine Linie bis zum Mund, denn was er damals sagte, kam aus tiefstem Herzen: Ich rief: Kommt heute Abend alle ins Sta­dion, ich lade euch ein.‘“

Überall schallt es von den Rängen: Ruhr­pott! Ruhr­pott!!

Schalke spielte gegen Duis­burg, und natür­lich wollten die Berg­leute kommen. Einer­seits, um auf ihre exis­ten­ti­ellen Sorgen auf­merksam zu machen, und weil sie auf Zuspruch und Soli­da­rität hofften. Außerdem waren die meisten von ihnen sowieso Schalker, und Fuß­ball war immer ein Stück Ablen­kung vom harten Leben gewesen. Als Reh­berg auf die Geschäfts­stelle zurück­kehrte, war Manager Assauer den­noch erst mal sauer über die Ein­la­dung: Wie sollen wir das denn hin­be­kommen?“

Kurz danach klin­gelte schon wieder das Telefon, diesmal riefen ver­zwei­felte Betriebs­räte der Zeche Walsum in Duis­burg an. Dort wollten auf­ge­brachte Berg­leute die Auto­bahn sperren, und viele Fans würden nicht zum Spiel fahren können. Also sagte Reh­berg: Die sollen auch ins Sta­dion kommen, in Montur, mit Gru­ben­lampe.“ Arbeits­klei­dung als Ein­tritts­karte, das war zwar ziem­lich chao­tisch, aber letzt­lich kamen abends mehr als fünf­tau­send Berg­leute mit dem Gru­ben­licht bei der Hand. Eine Abord­nung durfte mit Pro­test­trans­pa­renten den Platz umrunden. Ruhr­pott, Ruhr­pott“, schallte es dazu von den Rängen.

Sie ketten sich vor die FDP-Zen­trale

Klaus Herz­manatus, der damals Betriebs­rats­vor­sit­zender auf Hugo und tags­über bei der Demo in Bonn gewesen war, hockte mit Tränen in den Augen auf der Haupt­tri­büne. Er war ein Mann, der wusste, wie man Auf­merk­sam­keit für sein Anliegen erzeugte. In Gel­sen­kir­chen-Buer hatte er eine Kir­chen­be­set­zung initi­iert und das 93 Kilo­meter lange Band der Soli­da­rität“ quer durchs Ruhr­ge­biet mit­or­ga­ni­siert, die längste Men­schen­kette in der deut­schen Geschichte. Er war auch mit­ten­drin gewesen, als sich Berg­leute an der Par­tei­zen­trale der FDP fest­ket­teten, die Libe­ralen waren die trei­bende Kraft hinter den Sub­ven­ti­ons­kür­zungen. Und jetzt der Auf­marsch im Sta­dion: Wie gut das tat! Der Fuß­ball war immer für die Men­schen im Revier da“, sagt Herz­manatus. Zumin­dest an jenem Abend gab es daran keinen Zweifel.

Das Spiel wurde mit einer halben Stunde Ver­spä­tung ange­pfiffen, doch so viel Zeit musste sein. Schalke gewann dann 4:0, und die Spieler warfen nach Abpfiff ihre Tri­kots über den Zaun den Berg­leuten zu. Es war nur Stoff, doch man konnte sich daran fest­halten. Viel wich­tiger noch war aber etwas anderes: Die Ruhrpott“-Rufe waren ein Signal und wehten weit über das Park­sta­dion hinaus. An den fol­genden Wochen­enden waren sie im Dort­munder West­fa­len­sta­dion zu hören, an der Wedau in Duis­burg und im Ruhr­sta­dion in Bochum.

An der Hafen­straße in Essen wurden sie ange­stimmt, in der Wat­ten­scheider Lohr­heide und im Nie­der­rhein­sta­dion in Ober­hausen. Irgend­wann tauchten Schals mit der Auf­schrift Ruhr­pott“ auf, dar­über stand: Die Erde, die uns glück­lich macht.“ Es klingt ver­rückt, aber es fühlte sich an, als würden die sonst erbit­tert riva­li­sie­renden Klubs im Revier zu einem gigan­ti­schen FC Ruhr­pott ver­schmelzen.