Seite 2: So schlimm war es noch nie!

In jeder Bayern-Krise über­bieten sich die Experten und Ana­ly­tiker mit Super­la­tiven. Meis­tens schwingt der Sub­text mit, dass es so schlimm noch nie gewesen sei, und so war es auch im April 2009. Franz Becken­bauer jam­merte nach dem 0:4 gegen Bar­ce­lona: Eine Kata­strophe, die erste Halb­zeit war das Fürch­ter­lichste, was ich je vom FC Bayern gesehen habe.“ Dazu muss man wissen, dass der Mann seine letzte Bayern-Saison 1976/77 absol­vierte, als die Mann­schaft 0:7 gegen Schalke verlor, 1:3 gegen Tebe Berlin und 1:6 gegen Saar­brü­cken. Auch die Saison 1991/92 war ver­mut­lich fürch­ter­li­cher, damals wurden die Bayern mit Spie­lern wie Ronald Gra­hammer und Jan Wou­ters Zehnter. Zehnter! Der FC Bayern! Es klingt bizarrer als der Satz: Union Solingen hat die Cham­pions League gewonnen.“

Und dann gab es ja noch die FC-Hol­ly­wood-Phase, 1996/97 war das. Prot­ago­nisten: Jürgen Klins­mann, damals noch Spieler, und sein Intim­feind Lothar Mat­thäus. Jede Woche krachte es, jeden Tag konnte man dar­über in der Bild“ lesen. Sinn­bild der Saison: Klins­manns Tritt in die Wer­be­tonne. Höhe­punkt der Saison: Eine Wette, die Mat­thäus Manager Uli Hoeneß ange­boten hatte. Klins­mann schießt keine 15 Tore“, sagte Mat­thäus, sonst zahle ich 10.000 Mark.“ Hoeneß schlug ein, Klins­mann machte am letzten Spieltag sein 15. Tor.

Trotzdem: Der April 2009 war tat­säch­lich beson­ders beschissen, denn Jürgen Klins­mann war mit viel Bohei zu den Bayern gekommen. Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rum­me­nigge hatten an eine kleine Revo­lu­tion geglaubt. Klinsi galt, obwohl er nie eine Ver­eins­mann­schaft trai­niert hatte, als eine Art Visionär und Wir-müssen-jeden-Stein-umdrehen-Trainer. Er wirkte jung und dyna­misch und ame­ri­ka­nisch und ganz anders als bie­dere deut­sche Übungs­leiter wie Erich Rib­beck, Otto Reh­hagel oder damals auch Jupp Heynckes. Klins­mann brachte sogar ein hüb­sches Ver­spre­chen mit: Ich will jeden Spieler jeden Tag ein Stück besser machen.“

Jeder Spiele jede Woche ein biss­chen schlechter

Anfang April 2009 mussten die Groß­kop­ferten kon­sta­tieren, dass er (nahezu) jeden Spieler jede Woche ein Stück schlechter gemacht hatte. Vor der Partie gegen Bie­le­feld äußerte sich zur Per­so­nalie jeder Hobby-Experte, der zufällig an einem Mikrofon vor­beikam. Der ehe­ma­lige bay­ri­sche Minis­ter­prä­si­dent Edmund Stoiber sagte in der Bunten, dass ihm doch etwas das Bay­ri­sche fehle: Es ist doch sehr ernüch­ternd und sehr ame­ri­ka­nisch, das hat für mich wenig mit Fuß­ball zu tun.“

Um die Qua­lität jener Bayern-Elf ein­schätzen zu können, reicht ein Blick auf die Startelf, in der Chris­tian Lell, Andreas Ottl und Jose Sosa standen. Das Spiel war zer­fahren, Arminia hatte einige gute Chancen, einen Kopf­ball von Robert Tesche lenkte Butt über die Latte, und die mit­ge­e­r­eisten Bayern-Fans stimmten Klins­mann-raus-Rufe an. Luca Toni köpfte das 1:0, und Hans-Jörg Butt resü­mierte olden­bur­gisch nüch­tern: Haupt­sache, drei Punkte.“

Aber im Grunde glaubten wieder nur Hoeneß und Klins­mann daran, dass alles gut würde: Man könnte denken, dass wir im Chaos ste­cken, wenn man sich so umhört. Aber wir sind in der Cham­pions League ins Vier­tel­fi­nale gekommen und spielen um die Meis­ter­schaft mit. Viele Ver­eine auf der Welt wären über­glück­lich, in unserer Situa­tion zu sein“, sagte der Manager, und der Trainer ergänzte: Irgend­wann werden wir auf Platz eins stehen – und zwar noch in dieser Saison.“

Es kam anders, Wolfs­burg gewann die Meis­ter­schaft, und Klins­mann wurde exakt eine Woche später nach einer Nie­der­lage gegen Schalke ent­lassen. Für Klins­mann kam ein Trainer, der bereits Anfang der Neun­ziger bei den Bayern gear­beitet hatte. Genauer gesagt: 1991/92, damals, in der Hor­ror­saison, als die Bayern nur Zehnter wurden. Sein Name: Jupp Heynckes.