Zuerst war nur eine Stimme zu hören, dann fiel eine wei­tere ein, dann noch eine, bis schließ­lich elf Männer in der Dun­kel­heit des Tun­nels sangen: Hail, hail, the Celts are here! What the hell do we care now?“ Es war die Hymne dieser Männer, die Hymne von Celtic Glasgow.

Neben ihnen duckten die Spieler von Inter Mai­land die Köpfe unter dem Gegröle. Gestrie­gelt wie Ras­se­pferde waren sie immer noch, doch nun standen sie da wie ver­schüch­terte Schul­jungen. Der Weg von den Kabinen ins Estádio Nacional zu Lis­sabon hatte sie über einen kleinen Innenhof in den dunklen Tunnel geführt. Dort war­teten sie nervös darauf, die Trep­pen­stufen vor ihnen erklimmen zu dürfen, um end­lich die beru­hi­gende Ver­traut­heit des Fuß­ball­platzes zu errei­chen. Der kur­vige, unüber­sicht­liche Weg durch die Dun­kel­heit hatte sie ihre Ner­vo­sität spüren lassen.

Und dann auch noch dieser archai­sche Gesang! Wie kraft­voll die Glas­gower sangen, wie sie­ges­ge­wiss! Hail, hail, the Celts are here!“ Mit­tel­feld­spieler Bertie Auld hatte das Lied ange­stimmt. Die Männer, die ihn umgaben, waren wie seine Familie, alle inner­halb eines Radius von 30 Meilen um Glasgow geboren. Sie waren Celtic – what the hell do we care now?“

63 Spiele, 51 Siege, 198 Tore

In der lau­fenden Euro­pa­po­kal­saison hatten sich die Glas­gower vom tap­feren Debü­tanten zu einem auf­re­genden Außen­seiter ent­wi­ckelt. Auf ihrem Weg ins End­spiel von Lis­sabon hatten sie den FC Zürich und den FC Nantes aus dem Wett­be­werb gefegt, bevor sie im Vier­tel­fi­nale die hoch favo­ri­sierten Jugo­slawen vom FK Voj­vo­dina in einem harten Kampf nach Hin- und Rück­spiel 2:1 bezwangen. Den Halb­fi­nal­gegner Dukla Prag deklas­sierten sie zu Hause im Celtic Park mit atem­be­rau­bendem Angiff­spiel 3:1 und ertrotzten sich im Rück­spiel in Prag ein 0:0. In den Wochen vor dem Finale hatten sie jede Tro­phäe gewonnen, die es zu gewinnen gab: die natio­nale Meis­ter­schaft, den natio­nalen Pokal, den Liga­pokal und den Glasgow Cup. Der Erfolg dieser Mann­schaft hatte eine solche Eigen­dy­namik erreicht, dass etwa die fran­zö­si­sche Presse nur noch vom L’Orage“ schrieb – dem Sturm.

Dieser Sturm, das deu­tete sich schon in den Kata­komben an, sollte nun auch über La Grande Inter kommen.

Nach acht Jahren ohne Titel hatte in den zwei Spiel­zeiten unter Trainer Jock Stein für Celtic eine neue Ära begonnen. So kam die Mann­schaft zwei Tage vor dem Finale voller Elan und Selbst­be­wusst­sein in Lis­sabon an. Es gibt ein wun­der­bares schot­ti­sches Wort“, sagt der rechte Außen­ver­tei­diger Jim Craig. Es heißt gallus. Und wenn einer gallus ist, dann ist er sehr von sich über­zeugt. Wir sind zwar nicht rum­ge­gangen und haben es jedem auf die Nase gebunden, aber es gab nie­manden, mit dem wir es nicht hätten auf­nehmen können. Ja, wir waren gallus!“ Von den 63 Spielen, die Craig und seine Kum­pels in der Saison bestritten hatten, hatten sie 51 gewonnen, nur vier ver­loren und dabei 198 Tore geschossen.

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Für Celtic Glasgow treffen in Lis­sabon Tommy Gemmell und Stevie Chal­mers. Für Inter Sandro Maz­zola.

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Und doch machten ihnen nur wenige Experten Hoff­nung. Inter Mai­land gehörte zum euro­päi­schen Hoch­adel. In vier Spiel­zeiten hatte die Mann­schaft von Trainer Helenio Her­rera durch ihren per­fek­tio­nierten Catenaccio nur ein ein­ziges Mal im Euro­pa­pokal ver­loren. Die Tri­kots der Neraz­zurri waren aus Kaschmir. Sie waren, wie Cel­tics her­aus­ra­gender Mit­tel­feld­re­gis­seur Bobby Mur­doch später sti­chelte, Ambre-Solaire-Männer“.

Trainer Jock Stein, ein ehe­ma­liger Minen­ar­beiter, blieb unbe­ein­druckt vom ver­meint­lich über­le­genen Gegner. Pokale werden nicht von Indi­vi­duen gewonnen“, sagte er bei der Ankunft. Sie werden von Män­nern gewonnen, die ein Team sind. Män­nern, denen ihr Verein wich­tiger ist als per­sön­liche Aner­ken­nung. Ich habe Glück, denn ich habe Spieler, auf die genau das zutrifft.“ Diese Ver­trau­ens­be­kun­dung erlaubte es Steins Spie­lern, sich zu ent­spannen.

Der Kon­trast zu Inters Vor­be­rei­tung hätte damit krasser nicht sein können: Voll­kommen abge­schottet von der Öffent­lich­keit, wurden die Ita­liener vom Erwar­tungs­druck fast erdrückt.