Seite 3: Inter war „zerstört“

Die Ita­liener fanden kein pro­bates Mittel gegen den uner­bitt­li­chen Ansturm der Schotten, ihr Catenaccio funk­tio­nierte nicht mehr. Sie waren der mecha­ni­schen Wie­der­ho­lung des Abwehr­rie­gels über­drüssig. Selbst Kapitän Armando Picchi drehte sich zu Tor­wart Giu­liano Sarti um und sagte: Lass es sein, lass es ein­fach sein. Es hat keinen Sinn. Früher oder später machen die sowieso das Siegtor.“

In der 85. Minute wurden sie von Stevie Chal­mers erlöst. Auf der linken Seite hatte Bobby Mur­doch einen Rück­pass von Gemmell auf­ge­nommen und abge­zogen, Chal­mers fälschte den Ball so ab, dass er für Sarti uner­reichbar war – Tor! 2:1 für Celtic Glasgow!

Laut Kom­men­tator Wols­ten­holme war Inter nun zer­stört“. Celtic hielt den Ball noch ein paar Minuten in den eigenen Reihen – und dann pfiff der Schieds­richter ab. Chaos brach aus, Tau­sende Celtic-Fans erstürmten den Platz, sie fielen über ihre Helden her, gruben Teile des Rasens aus, um ihn mit nach Hause zu nehmen, und fei­erten selbst­ver­gessen den Tri­umph. Die völlig erschöpften und über­wäl­tigten Spieler hatten Schwie­rig­keiten, die Kabine zu errei­chen. Ich war sofort umzin­gelt“, sagt Craig. Mein Trikot, meine Schuhe und meine Socken wurden mir vom Leib gerissen.“ Bobby Lennox und Jimmy John­stone kämpften sich ver­zwei­felt ihren Weg durch die wild gewor­dene Menge zum Tor von Ronnie Simpson, um ihre fal­schen Zähne aus dessen Hut zu retten, bevor sie den Fans in die Hände fielen. Man wollte schließ­lich lächeln können auf dem Sie­ger­foto.

Das Gefühl des Anti-Höhe­punkts

Doch dieses Sie­ger­foto ist nie ent­standen. Die Stür­mung des Platzes durch die jubelnden Fans hatte zur Folge, dass Kapitän Billy McN­eill die Tro­phäe allein ent­ge­gen­nehmen musste. Das Bild eines ent­kräf­teten McN­eill in einem gelie­henen Trikot, der den glän­zenden Pokal vor einem Meer von Fans in die Höhe stemmt, hat zwar zu Recht Kult­status erlangt. Es wird aber nicht der Mann­schaft gerecht, die als Lisbon Lions“ in die Geschichte ein­gehen sollte. Das war das Ein­zige, was mich ent­täuscht hat“, sagt McN­eill. Denn wir waren keine Ein­zel­kämpfer, wir waren ein wirk­li­ches Team. Und dann konnten die anderen Jungs an der Pokal­über­gabe nicht so teil­haben, wie sie es ver­dient hätten.“ Dieses Gefühl des Anti-Höhe­punkts setzte sich für die Spieler fort: Später am Abend beim Ban­kett mussten sie eine Stunde auf die Mann­schaft von Inter warten, und Jock Stein wurden die Sie­ger­me­daillen schließ­lich in einem Schuh­karton über­reicht.

Dafür wurden sie bei ihrer Heim­kehr nach Glasgow von 200 000 Fans emp­fangen, die die Straßen säumten. Wei­tere 60 000 war­teten im Celtic Park auf ihre Helden. Noch heute sind sie stolz darauf, wie dieser außer­ge­wöhn­liche Sieg die Geschichte des Fuß­balls ver­än­dert hat. Er war der Tri­umph des berau­schenden Angriffs­fuß­balls über die freud­lose Strenge des Catenaccio. Das ist unser größtes Ver­mächtnis“, sagt Jim Craig. Für den Celtic-Fan Jim Divers war der Tri­umph von Lis­sabon gar eine Refor­ma­tion des Fuß­balls“, was sich grö­ßen­wahn­sinnig anhören würde, wären Matt Busbys Man­chester United sowie das Ajax Ams­terdam von Rinus Michels und Johan Cruyff Celtic nicht mit so viel Schwung zu euro­päi­schem Ruhm gefolgt, wäh­rend Inters Stern bis 2010 voll­kommen ver­blasste.

Liver­pools Trainer Bill Shankly gra­tu­lierte Jock Stein mit den Worten: Du bist unsterb­lich, John.“ Damit wür­digte er nicht nur Steins Leis­tung, als erster nord­eu­ro­päi­scher Klub den Euro­pa­pokal gewonnen und damit die süd­eu­ro­päi­sche Vor­herr­schaft beendet zu haben, son­dern schien bereits zu ahnen, wel­chen Ein­fluss Celtic auf den Fuß­ball und seine Anhänger haben sollte. Noch heute sind die Aus­wärts­spiele des Klubs gut besucht von ein­hei­mi­schen Fans, die damals ihr Herz an Steins Mann­schaft ver­loren haben. Stein hatte den Nerv der Sehn­süchte eben dieser Fans getroffen, als er am Vor­abend des Finales ver­sprach, dafür zu sorgen, die Schön­heit des Spiels zu bewahren: Wir wollen diesen Pokal nicht ein­fach nur gewinnen. Wir wollen ihn gewinnen und dabei guten Fuß­ball spielen. Wir wollen, dass neu­trale Zuschauer denken, wir haben ihn ver­dient. Wir wollen uns voller Freude daran erin­nern, wie wir ihn gewonnen haben. Wir werden angreifen, wie wir noch nie ange­griffen haben. Wir müssen spielen, als ob es keine wei­teren Spiele und kein Morgen mehr gäbe.“

Dre­ckig, hum­pelnd und zahnlos lösten elf Löwen dieses Ver­spre­chen ein.

-