Sieben Jahre ist es her, da hatte Rüdiger Voll­born eine Erschei­nung. Sie traf ihn wie ein Blitz aus hei­terem Himmel und ver­än­derte sein Leben von einem Tag auf den anderen. Voll­born hatte damals zwei Jobs, er war Tor­wart­trainer bei Bayer Lever­kusen und beim DFB. Anläss­lich eines Sich­tungs­lehr­gangs des Ver­bandes in Leipzig beob­ach­tete er den damals 14-jäh­rigen René Adler und war von den Socken: »Ich habe auf den ersten Blick gesehen, wie gut er ist. Beim ersten Ball, den ich geschossen habe. Er hat gleich einen Bewe­gungs­ab­lauf gehabt, der dem eines guten Tor­hü­ters sehr nahe kommt.« Voll­born war regel­recht eupho­ri­siert. Als er nach dem Lehr­gang nach Hause fuhr, sagte er zu seiner Frau: »Ich habe den neuen Natio­nal­tor­wart gesehen.« Fol­gen­rei­cher war das Gespräch mit Frank Schäfer, dem Coach der Lever­ku­sener B‑Junioren. Der löcherte Voll­born wegen des Lehr­gangs und ins­be­son­dere wegen dieses Leip­ziger Talents, von dem man sich in der Branche erzählte. »Hast du den Adler gesehen?«, fragte Schäfer. Oh ja, das hatte Voll­born. »Und wie ist er?«, wollte Schäfer wissen. »Eine Gra­nate«, ant­wor­tete Voll­born. »Dann müssen wir ihn holen«, sagte Schäfer da nur.



Die Geschichte hat Rüdiger Voll­born zwei­erlei ein­ge­bracht: einer­seits einen dritten Sohn neben den zwei selbst gezeugten, ande­rer­seits eine Menge Ärger. Denn nicht allen schmeckte der Transfer des jungen René Adler nach Lever­kusen. Ins­be­son­dere der Schalker Jugend­ko­or­di­nator Helmut Schulte, der sei­ner­seits ein Auge auf das Aus­nah­me­ta­lent geworfen hatte, echauf­fierte sich über das ver­meint­liche Dop­pel­spiel des DFB- und Bayer-Trai­ners in Per­so­nal­union. Voll­born musste seinen Job beim Ver­band auf­geben, was ihn damals geschmerzt hat. Doch da wusste er noch nicht, dass für ihn ohnehin eine neue Zeit­rech­nung begonnen hatte. Dass er sich in eine Auf­gabe ver­beißen würde, die ihn for­dern sollte wie nichts zuvor in seinem Leben: René Adler, den unge­schlif­fenen Dia­manten, zu einem erst­klas­sigen Tor­wart zu formen.

Im Herbst 2007 sitzt Voll­born im Restau­rant der BayArena und sagt: »Das Schwerste war, stand­haft gegen­über den Zweif­lern zu bleiben. Und es gab genü­gend davon.« Man kann sich vor­stellen, wie Rüdiger Voll­born, der Mann mit einer Mis­sion, manchmal schier ver­zwei­felt ist, weil andere nicht im glei­chen Maße wie er davon über­zeugt waren, es hier mit einer außer­ge­wöhn­li­chen Bega­bung zu tun zu haben. Heute, zehn Monate, nachdem Adler sein Bun­des­li­ga­debüt in einem Spiel gegen Schalke gefeiert hat, sind die Zweifler ver­schwunden. Lob gibt es von höchster Stelle, vom Bun­des­trainer. »Es ist toll, wie er als Tor­wart mit­spielt und ein Spiel lesen kann«, sagt Jogi Löw. »Er ver­kör­pert den modernen Tor­hüter von heute.«

Ist es also nur eine Frage der Zeit, bis Adler die eins­tige Pro­phe­zeiung seines Trai­ners gegen­über der Gattin wahr macht und im Tor der deut­schen Natio­nalelf steht? Ganz so ein­fach ver­hält es sich nicht, aber das konnte Rüdiger Voll­born damals nicht wissen. Denn René Adler ist nicht der ein­zige hoch ver­an­lagte junge Tor­wart im Lande. Da gibt es den Schalker Manuel Neuer, der von den Bun­des­li­ga­profis zum besten Keeper der abge­lau­fenen Saison gewählt wurde. Es gibt Michael Ren­sing, den lang­jäh­rigen Kron­prinzen von Oliver Kahn, der jetzt end­lich wieder zeigen darf, was in ihm steckt. Und dann ist da noch Flo­rian From­lo­witz, der beim tru­delnden Zweit­li­gisten Kai­sers­lau­tern gerade etwas im Schatten steht, aber an Poten­tial den anderen durchaus das Wasser rei­chen kann. Alle vier sind zwi­schen 21 und 23 Jahre alt. Es scheint, als würde in Deutsch­land, dem Land, das schon viele große Tor­hüter her­vor­ge­bracht hat, eine gol­dene Genera­tion her­an­wachsen.

Die Liste der großen Ahnen, die iko­nen­gleich über dem Nach­wuchs thronen, ist lang. Ange­fangen mit Toni Turek, dem Helden von Bern. Alte Wochen­schau­bilder von ihm zeigen teils grau­en­hafte Stüm­pe­reien, den­noch gilt nach wie vor das Credo der Reporter­le­gende Her­bert Zim­mer­mann: »Toni, du bist ein Fuß­ball­gott!« Ihm in nichts nach stand Bert Traut­mann, der deut­sche Kriegs­ge­fan­gene, der in Eng­land zum Idol wurde. Oder Hans Til­kowski, der Sach­liche, ein Gen­tleman des Fuß­balls, der 1966 in seiner berühm­testen Szene einem Ball hin­terher bli­cken musste, der im Lon­doner Wem­bley-Sta­dion von der Latte auf oder eben knapp hinter die Linie des deut­schen Tores fiel. Dann kam Sepp Maier. Die »Katze von Anzing« brachte die Show in die Sta­dien, ein Pos­sen­reißer und Enten­jäger, der aber auch so gut halten konnte, dass er man­chen hol­län­di­schen Prot­ago­nisten des 74er Welt­meis­ter­schafts-Finales noch heute in ihren Alb­träumen erscheint. Es folgte die Ära des Harald »Toni« Schu­ma­cher, des Extre­misten unter den deut­schen Tor­hü­ter­le­genden. Sein großer, glei­cher­maßen bekloppter Rivale Uli Stein hätte zu anderen Zeiten seinen Stamm­platz im Natio­naltor sicher gehabt. Im Kasten der DDR standen Kory­phäen wie Jürgen Croy und Bodo Rud­waleit. Die WM 1990 sah Bodo Ill­gner, den früh Voll­endeten, nicht frei von Feh­lern, so dass einem noch heute die sich über­schla­gende Stimme des dama­ligen Co-Kom­men­ta­tors Karl-Heinz Rum­me­nigge im Ohr klingt: »Was der Tor­wart da macht, ist lebens­ge­fähr­lich!« Aber immerhin: Welt­meister. Ill­gners Nach­folger Andreas Köpke wurde Euro­pa­meister, Oliver Kahn mehr­fach zum Welt­tor­hüter gewählt und Jens Leh­mann bescherte den Deut­schen vor einem Jahr ein Som­mer­mär­chen.

In Deutsch­land genießen Tor­hüter ein höheres Sozi­al­pres­tige

Zeigt man diese Auf­lis­tung einem Eng­länder, so wird er umge­hend vor Neid erblassen. Eigent­lich seit den 70ern, seit Gordon Banks, spä­tes­tens aber seit Peter Shilton suchen sie auf der Insel nach einem brauch­baren Tor­wart. Wie aber kommt es, dass die eine tra­di­tio­nelle Fuß­ball­na­tion gute Keeper im Dut­zend her­vor­bringt, wäh­rend die andere Reiter der Apo­ka­lypse vom Schlage eines David Seaman, David James oder Paul Robinson zwi­schen die Pfosten stellen muss? Nimmt man die schiere Quan­tität, so haben die Deut­schen auch gegen­über Ita­lie­nern oder Spa­niern die Nase vorn. Warum also kommen gerade aus Deutsch­land so viele über­durch­schnitt­lich starke Schluss­männer?

»Hier haben die kleinen Jungs immer große Vor­bilder«, sagt Toni Schu­ma­cher. Das ist sicher richtig, bedeutet aber nicht zwangs­läufig, dass die Idole des Nach­wuchses aus dem eigenen Lande kommen. Das Vor­bild von Rüdiger Voll­born war der Russe Lew Jaschin, das von René Adler ist der Däne Peter Schmei­chel. Was aller­dings außer Frage steht: In Deutsch­land genießen die Tor­hüter ein höheres Sozi­al­pres­tige als in vielen anderen Län­dern, hier sind sie nicht nur die, die zu nichts anderem zu gebrau­chen waren. Es gibt tat­säch­lich Drei­kä­se­hochs, die sagen: »Wenn ich groß bin, will ich Tor­hüter werden.« Die erhöhte Auf­merk­sam­keit führt offenbar zu einer bes­seren Qua­lität in der Aus­bil­dung. So war es frei­lich nicht immer, ein Eike Immel erzählt, man habe ihm noch Ende der 80er im Trai­ning die Bälle ein­fach nur links und rechts um die Ohren gehauen. Heute sieht das anders aus. »Schon die Kleinen bekommen die beste Aus­bil­dung, die man sich vor­stellen kann«, sagt Schu­ma­cher. »Und das von Leuten, die den Beruf selbst jah­re­lang aus­geübt haben, wenn nicht in der Natio­nal­mann­schaft, dann zumin­dest in der Bun­des­liga.« Die ersten Ergeb­nisse dieser Bemü­hungen kann man jetzt in den deut­schen Sta­dien besich­tigen.

Ein Vor­mit­tags­trai­ning in Gel­sen­kir­chen. Die Übungs­ein­heit findet auf einem frei zugäng­li­chen Platz statt, am Spiel­feld­rand ist eine Grill­bude geöffnet. »Auf Schalke kann man sich in einen Bier­garten setzen, und fünf Meter ent­fernt trai­nieren die Tor­hüter«, wusste neu­lich sogar Jens Leh­mann im »Kicker« zu berichten. Sein Tor­wart­trainer beim FC Arsenal hatte ihm begeis­tert davon berichtet – nachdem er Manuel Neuer beim Trai­ning beob­achtet hatte. Zwei­ein­halb Jahre sind seit dem kleinen Lausch­an­griff ver­gangen. Neuer war damals 18 Jahre alt, dritter Tor­wart bei den Königs­blauen und trotzdem bereits ein Kan­didat für die Pre­mier League.
Jetzt steht er, zusammen mit den anderen Ver­lie­rern des Cham­pions-League-Spiels gegen Valencia, in einer Ecke des Trai­nings­platzes. Manuel Neuer ist der erste Spieler, der nach dem aus­gie­bigen Stret­chen einen Ball am Fuß hat. Beim »5 gegen 2« fällt er nicht son­der­lich auf, was für einen Tor­wart ein Kom­pli­ment ist. Am Abend zuvor hatte er nicht so gut aus­ge­sehen. Viel­leicht zum ersten Mal, seit er den erfah­renen Frank Rost ver­drängt hat, wurde ihm ein Fehler ange­kreidet.

»Wenn er raus­kommt, muss er den Ball haben«, befand sogar Schalkes Tor­wart­trainer Oliver Reck. Viel­leicht ist der New­comer jetzt aber auch end­gültig auf dem rich­tigen Weg. Toni Schu­ma­cher sagt über Adler und Neuer: »Es wird sich her­aus­stellen können, ob sie wirk­lich groß werden, wenn sie auch mal einen ent­schei­denden Fehler machen, der ihren Verein in ein Tal reißt.« Was er meint: Die Psyche eines Tor­warts ist, unab­hängig von seinen spe­zi­fi­schen Fähig­keiten, das A und O. Das Fliegen und Fangen beherr­schen viele.

Die Psyche ist das A und O, fliegen und fangen kann jeder

Manuel Neuer hat nie bei einem anderen Klub als Schalke 04 gespielt und kann sich das auch nicht vor­stellen. Er ist Schalker durch und durch. Als er mit vier Jahren das erste Mal zum Trai­ning erschien, wollte kein anderes Kind die Hand­schuhe über­streifen. Da musste halt der Neue in den Kasten. Die best­mög­liche För­de­rung bekam er von Anfang an, mitt­ler­weile erhalten in Gel­sen­kir­chen schon Drei- bis Sechs­jäh­rige ein wöchent­li­ches Tor­wart­trai­ning. Nur an Bun­des­li­ga­spiel­tagen war alles anders: Da zog es Neuer immer mög­lichst früh hinauf in die Nord­kurve des Park­sta­dions, um Jens Leh­mann schon beim Auf­wärm­pro­gramm zuschauen zu können. Mit elf Jahren beju­belte er den UEFA-Cup-Sieg seines Idols, mit 13 stand plötz­lich die eigene Kar­riere auf der Kippe. »Ich wurde aus der West­fa­len­aus­wahl geworfen, weil die anderen Tor­hüter größer waren«, erin­nert sich Manuel Neuer. Damals konnte er mit seinen 1,74 Metern nicht mit­halten, obwohl die für sein Alter ganz normal waren. Doch das mick­rige Milch­ge­sicht hatte Glück im Unglück. Lothar Matuschak, seit 1995 auf Schalke für die Aus­bil­dung der A- und B‑Juniorentorhüter zuständig, erkannte die beson­dere Bega­bung, warb bei Nach­wuchs­chef Helmut Schulte um Geduld und ret­tete Neuer damit die Lauf­bahn.

Oliver Reck sitzt nach dem Trai­ning als Erster im Restau­rant »ess null vier« auf dem Trai­nings­ge­lände. Der ehe­ma­lige Bun­des­li­ga­tor­hüter sei ein »Schnell­du­scher«, hatte die Schalker Pres­se­ab­tei­lung vor­ge­warnt. Reck hat seinen heu­tigen Schütz­ling zum ersten Mal in der B‑Jugend spielen gesehen – ohne dass ihm etwas Beson­deres auf­ge­fallen wäre, wie er frei­mütig erzählt. »Ich habe ihn regis­triert, das war’s«, sagt der Mann, der bis heute nach Oliver Kahn die meisten Bun­des­li­ga­spiele ohne Gegentor bestritten hat. Auch Reck erklärt das deut­sche Tor­wart­phä­nomen mit der Tra­di­tion: »In Deutsch­land wollen die Kinder in jungen Jahren Tor­hüter werden, weil sie bestimmten Ikonen nach­ei­fern. Das war bei mir so, das hat der Manu gemacht, und das wird auch bei meinem Sohn wahr­schein­lich so sein.«

Was sich frei­lich geän­dert hat, sind die Anfor­de­rungen an den Mann zwi­schen den Pfosten. Manuel Neuer gilt heute vielen Beob­ach­tern als das Role Model des »fan­genden Feld­spie­lers«. Er muss in jeder Sekunde des Spiels in der Lage sein, jeden Ball anzu­nehmen, mit­zu­nehmen und zur eigenen Mann­schaft zurück­zu­spielen. So hat Oliver Reck die Grund­lagen der Schalker Tor­wart­schule defi­niert. Neuer ist darin so gut, dass Reck ihm als Feld­spieler die Regio­nal­liga zutrauen würde, was er mit einer kleinen Anek­dote illus­triert: Als der noch unbe­kannte Neuer einmal beim Trai­ning im Feld mit­kickte, kamen auf­ge­regte Zuschauer ange­laufen und fragten, wer denn dieser tolle neue Spieler sei. Auch im Ernst­fall ist Manuel Neuer stets in der Lage, einen klugen Pass zu spielen. Noch wir­kungs­voller sind aller­dings seine weiten Abwürfe, einst eine Spe­zia­lität Toni Schu­ma­chers, die jener mit dem ehe­ma­ligen Speer­werfer Rolf Herings ent­wi­ckelte. Neuer ist in der Hin­sicht ein legi­timer Erbe Schu­ma­chers: Neu­lich gegen Hertha BSC schleu­derte er den Ball über 60 Meter auf Stürmer Peter Løven­krands und lei­tete damit die ent­schei­dende Spiel­szene ein. Um dieses tak­ti­sche Mittel zu üben, hatte Lothar Matuschak in der A‑Jugend drei kleine Tore an der Mit­tel­linie auf­ge­baut. »Wir üben das auch jetzt noch jede Woche«, sagt Neuer. In seinem ersten Jahr in der Bun­des­liga wäre Manuel Neuer um ein Haar Deut­scher Meister geworden. Man wird das Gefühl nicht los, dass es viel­leicht ganz gut für seine Ent­wick­lung war, dass ihm die Krö­nung ver­sagt blieb. Was hätte Neuer, der Cas­illas von Gel­sen­kir­chen, dann noch errei­chen können bei seinem Stamm­verein? Jetzt kann er all die Fehler nach­holen, die er noch nicht gemacht hat. Und viel­leicht trifft eines Tages doch ein, was ein jugend­li­cher Zaun­gast auf die Wer­be­bande des Trai­nings­platzes gekrit­zelt hat: »Irgend­wann werdet ihr Meister.«

Michael Ren­sing ist bereits Deut­scher Meister geworden, aber er durfte nicht viel dazu bei­tragen. Anders als Neuer oder Adler, die ihre alternden Vor­gänger ver­drängen konnten, bleibt ihm noch immer die Rolle des Thron­fol­gers. Ren­sing ist ein umgäng­li­cherer Typ als Oliver Kahn. Ein höf­li­cher Abitu­rient aus dem Ems­land, der sich am Ende des Gesprächs bedankt und sagt: »Schön war’s.« So etwas würde Kahn nicht über die Lippen kommen. Den­noch sollte sich nie­mand täu­schen: Ren­sing ist ebenso ehr­geizig wie der Mann, den er im nächsten Sommer im Tor der Bayern beerben soll. Er war es schon immer, selbst als Jugend­li­cher beim TuS Lingen, als er aus eigenem Antrieb begann, seine Ernäh­rung umzu­stellen. »Der Ehr­geiz wurde immer größer, ich wollte der Beste sein und immer gewinnen.« Das hat nicht Oliver Kahn gesagt, son­dern Michael Ren­sing. Als er 15 war, hatte sich sein Talent bis weit über die Grenzen des Ems­landes hinaus her­um­ge­spro­chen. Es gab die ersten Ange­bote von Bun­des­li­gisten, und eigent­lich hatte sich Ren­sing schon »zu 99 Pro­zent für Schalke ent­schieden«, da riefen die Münchner an. Das brachte den jungen Keeper in Gewis­sens­nöte, wo er doch sein Leben lang Bayern-Fan gewesen war.

Ren­sings Liebe zu den Roten ging so weit, dass sein erstes Vor­bild als Tor­wart der dama­lige Bayern-Keeper Rai­mond Aumann war. Kein Wunder also, dass Schalke den Kür­zeren zog. »Ich liebe Bayern Mün­chen und wollte mir nicht nach­sagen lassen, dass ich die Chance hatte und sie nicht genutzt habe«, sagt Ren­sing heute.

Ob sich der Wechsel nach Mün­chen gelohnt hat, werden die nächsten zwölf Monate zeigen. Jah­re­lang galt Ren­sing als das größte deut­sche Tor­wart­ta­lent, doch der plötz­liche Auf­stieg von Neuer und Adler hat die Koor­di­naten ver­schoben. Wäh­rend sich der Schalker und der Lever­ku­sener Woche für Woche in der Bun­des­liga bewähren, blieben dem Münchner meist nur die Ein­sätze in der Regio­nal­liga. Schon unkten die ersten Experten, dass Ren­sing den daraus resul­tie­renden Mangel an Erfah­rung nur schwer­lich werde kom­pen­sieren können. Ent­spre­chend nervös reagierte der 23-Jäh­rige, als Bayern-Vize Karl-Heinz Rum­me­nigge vor einiger Zeit dem Platz­hir­schen Kahn eine Ver­trags­ver­län­ge­rung über den Sommer 2008 hinaus in Aus­sicht stellte. Mitt­ler­weile hat sich die Lage für Ren­sing ent­spannt, die Ell­bo­gen­ver­let­zung, die Kahn der­zeit außer Gefecht setzt, gibt seinem Nach­folger in spe die Gele­gen­heit, sich ins Gedächtnis zu rufen. Da ihm dies mit Nach­druck gelingt, sind die leisen Zweifel, die sich auch bei den Ver­ant­wort­li­chen des FC Bayern ein­zu­schlei­chen drohten, vor­erst ver­stummt.

Mehr noch, als Manager Uli Hoeneß nach der mög­li­chen Leh­mann-Nach­folge im Tor der Natio­nalelf befragt wurde, sagte er einen Satz, der Fuß­ball­deutsch­land in Auf­ruhr ver­setzte: »In Frage kommen drei Tor­männer – Adler, Neuer und Ren­sing. Enke oder wie sie alle heißen, kann man ver­gessen.« Es war so ein typi­scher Uli-Hoeneß-Satz, der Spruch eines Lob­by­isten ohne Diplo­ma­ten­pass, aber die dahinter ste­hende Frage ist berech­tigt: Wird ange­sichts der her­aus­ra­genden jungen Tor­hüter der Mit­telbau der Enkes, Hil­de­brands und Wieses schlicht über­sprungen werden? Zuletzt galt ja ein unra­ti­fi­zierter Genera­tio­nen­ver­trag auf der Posi­tion, selbst ein Oliver Kahn musste 29 Jahre alt werden, bis er regel­mäßig für Deutsch­land spielen durfte. Jetzt aber sollte man sich da nicht so sicher sein, und das nicht nur, weil es zur Phi­lo­so­phie des Bun­des­trai­ners gehört, junge Spieler zu för­dern. Ein Robert Enke wird es mit Han­nover 96 kaum bis nach Europa schaffen, Timo Hil­de­brand hat genug damit zu tun, den Platz im Tor des FC Valencia zu behaupten, und Tim Wiese hat ja bereits das Hand­tuch geworfen, auf die ihm eigene, pol­ternde Art.

Die Par­tei­nahme seines Klub­ma­na­gers wird Michael Ren­sing gefreut haben, wenn­gleich er an die Natio­nal­mann­schaft noch keinen Gedanken ver­schwendet. Erst einmal gilt es, im eigenen Verein den Stamm­platz zu sichern. Kahn wird wie­der­kommen und Ren­sing erneut auf der Bank Platz nehmen müssen, zumin­dest dieses Mal noch, aber »dann wird end­lich mein großer Traum in Erfül­lung gehen«. Es klingt fast ein wenig beschwö­rend, und auf einmal wirkt der höf­liche Michael Ren­sing aus Lingen im Ems­land wie ein ner­vöses Renn­pferd, das seit einer Ewig­keit darauf wartet, dass end­lich der Start­schuss ertönt. »Die Schmerz­grenze ist spä­tes­tens nach dieser Saison erreicht», sagt er. »Da will und muss ich spielen.«

Dass sich Ren­sing über­haupt so lange in Geduld geübt hat, liegt an seiner guten Erzie­hung und Sepp Maier. Er hätte sich aus­leihen lassen können, doch ers­tens wollten die Bayern das nicht und zwei­tens war ihm das Trai­ning bei Maier in Mün­chen wich­tiger als die Mög­lich­keit, woan­ders im Tor zu stehen. Sepp Maier war nicht nur ein großer Keeper und umstrit­tener Bun­des­tor­wart­trainer, er hat auch Bücher über das Tor­wart­trai­ning geschrieben und war einer der ersten in Deutsch­land, der sich ernst­haft Gedanken über dessen Sys­te­matik gemacht hat. Mitt­ler­weile sieht das anders aus, alle Pro­fi­klubs beschäf­tigen einen oder meh­rere Tor­wart­trainer, doch jeder ver­tritt seinen eigenen Stand­punkt. »Es nützt mir nichts, wenn ich ein Buch von Sepp Maier lese, und dann nicht davon über­zeugt bin, was Sepp Maier sagt«, meint etwa Rüdiger Voll­born. Die For­de­rung des DFB-Trai­ners Jörg Daniel, die Stan­dards der Tor­wart­aus­bil­dung zu ver­ein­heit­li­chen und eine Lizenz für die Trainer ein­zu­führen, findet zwar durchaus Anhänger, doch letzt­lich will sich kein erfolg­rei­cher Coach in die Karten bli­cken oder gar in die Suppe spu­cken lassen. Und so gibt es die unter­schied­lichsten Schulen, und jede setzt ihre eigenen Prio­ri­täten.
Als eine der eigen­wil­ligsten darf die des Gerry Ehr­mann aus Kai­sers­lau­tern gelten. Der war zu Beginn seiner aktiven Kar­riere Ersatz­keeper in Köln hinter Toni Schu­ma­cher, und man hat bis heute den Ein­druck, dass ihn diese Erfah­rung für sein Leben geprägt hat. Die Tor­hüter, die Ehr­mann her­aus­ge­bracht hat, sind alles Klone von Schu­ma­cher oder eben Ehr­mann selbst: breiter Brust­korb, extro­ver­tierte Kör­per­sprache, Risi­ko­be­reit­schaft bis kurz vorm Hara­kiri. Tim Wiese und Roman Wei­den­feller haben es so in den erwei­terten Kreis der Natio­nal­mann­schaft gebracht, und nicht weniger ist das Ziel seines jüngsten Schütz­lings, Flo­rian From­lo­witz.

Rück­pass­regel und Vie­rer­kette haben das Tor­wart­spiel revo­lu­tio­niert

Ehr­mann ver­tritt einige unge­wöhn­liche Thesen über das Tor­wart­spiel. Zum Bei­spiel sagt er: »Als Tor­hüter gibt es ja im Grunde nichts Neues.« Da muss man erst mal schlu­cken, nachdem man wochen­lang gehört hat, wie sehr die Rück­pass­regel und die Vie­rer­kette das Spiel der Schluss­männer revo­lu­tio­niert haben. Die eine hat die Keeper zur Beid­fü­ßig­keit erzogen, die andere macht sie end­gültig zum elften Feld­spieler, weil sie als Absi­che­rung hinter der Kette einen Teil der Auf­gaben des frü­heren Liberos wahr­nehmen. Außerdem bietet eine solide Technik des letzten Mannes unge­ahnte Mög­lich­keiten der Spiel­eröff­nung. Doch Ehr­mann ficht das nicht an. »Ich halte nichts davon, wenn Tor­warte zu gute Fuß­baller sind«, sagt er unge­rührt. »Das kann schon wieder in Über­heb­lich­keit aus­arten.« In der Tat sind Ehr­manns Tor­hüter mit dem Fuß nicht die Besten, doch Mut, das muss man ihnen lassen, den haben sie, getreu dem Motto ihres Trai­ners: »Fehler kann man immer machen, aber wer Angst hat, macht zwangs­läufig Fehler.«
Ehr­manns Methoden sind in der Szene durchaus umstritten. »Das ist nur Kraft­raum und sonst nichts«, sagt ein Trai­ner­kol­lege aus der Bun­des­liga. Was auf­fällt bei den Kee­pern der Lau­terer Schule: Sie starten durch von Null auf Hun­dert, um an einem bestimmten Punkt ihrer Kar­riere zu sta­gnieren oder sich sogar zurück­zu­ent­wi­ckeln. Aber dann sind sie nicht mehr in Kai­sers­lau­tern, und so kann man viel­leicht sagen, dass das System Ehr­mann nur funk­tio­niert, wenn Ehr­mann dabei ist. Als neu­lich Roman Wei­den­feller in Dort­mund schwere Zeiten durch­machte, da hat er bei seinem alten För­derer Gerry Ehr­mann Trost gesucht und gefunden. Und Flo­rian From­lo­witz lacht, wenn er sagt: »Ich bin schon froh, dass ich dem Gerry nicht im Dun­keln begegnen muss.« Das hört sich jeden­falls nicht nach einem Schleifer an, der Angst und Schre­cken ver­breitet, auch wenn Ehr­mann selbst meint: »Wenigs­tens einmal die Woche müssen sie kurz davor sein, sich zu über­geben.«

Unbe­stritten ist das Auge des Lau­terer Tor­wart­trai­ners für Talente. From­lo­witz trai­niert er bereits seit der D‑Jugend. Der ging schon als kleiner Junge mit seinem Vater auf den Betze und hat des­halb zuletzt dop­pelt schwere Zeiten durch­ge­macht, als Sportler wie auch als Fan. Seine Stunde schlug, als sich Stamm­keeper Jürgen Macho im Früh­jahr 2005 den Arm brach. Zwar konnte auch From­lo­witz nicht den Abstieg des Tra­di­ti­ons­klubs ver­hin­dern, doch er über­zeugte mit starken Leis­tungen und teils spek­ta­ku­lären Paraden. Als er die fol­gende Sai­son­vor­be­rei­tung nach­lässig anging, setzte der dama­lige Coach Wolf­gang Wolf ihn wieder auf die Bank. So musste From­lo­witz, der Über­flieger, mit ansehen, wie ihn die anderen Talente seiner Genera­tion links und rechts über­holten, wie Neuer und Adler, die Kum­pels aus den Junio­ren­teams des DFB, die Schlag­zeilen domi­nierten, wäh­rend er nicht mal mehr in der 2. Liga zum Zuge kam. Mitt­ler­weile ist die Welt wieder in Ord­nung, wenn man das als Lau­terer mit Blick auf die Zweit­li­ga­ta­belle sagen kann. Der neue Trainer Kjetil Rekdal erklärte From­lo­witz zur Nummer Eins, Rivale Macho ist längst in Athen. Im Sommer 2008 läuft der Ver­trag von Flo­rian From­lo­witz aus. Danach wird der 1. FC Kai­sers­lauten aller Vor­aus­sicht nach nicht in die Bun­des­liga zurück­kehren, bei From­lo­witz kann man sich da nicht sicher sein. Das Jahr als Reser­vist, so scheint es, hat ihn geläu­tert: »Wenn du jung bist, ist es auch wichtig, wie du auf­trittst. Viel­leicht war ich zu selbst­si­cher, weil ich in der 1. Liga so gute Kri­tiken bekommen und schon als 19-Jäh­riger in der U21 gespielt habe.« An Neuer, Adler und die Sphären, in denen sie sich bewegen, denkt er im Moment nicht, und das ist wohl auch besser so.

Zurück in Lever­kusen. Rüdiger Voll­born phi­lo­so­phiert über die Launen des Tor­wart­le­bens: »Jeder hat mal ein kleines Wel­lental. Die Kunst ist, das Wel­lental so flach wie mög­lich zu halten. In den Hoch­phasen auf­fallen und in den Tief­phasen nicht negativ auf­fallen.« Viele haben Adler und Neuer vor dem ver­flixten zweiten Jahr nach dem plötz­li­chen Auf­stieg gewarnt. Nun, bis jetzt halten sie (sich) wacker, Adler viel­leicht noch ein biss­chen wackerer als Neuer. René Adler wirkt erwachsen für einen Mann seines Alters, viel­leicht liegt es daran, dass eine spät erkannte Rip­pen­ver­let­zung im letzten Jahr bei­nahe seine Kar­riere beendet hätte, bevor sie richtig begann. »Ich habe gelernt anders zu denken«, sagt Adler, »und erkannt, dass ich mich zu sehr auf den Fuß­ball fixiert hatte.«

Voll­born nickt bei­fällig, die beiden nähern sich gerade wieder ein wenig an. Von allen Trainer-Tor­wart-Paa­rungen dieser Geschichte haben sie die engste Bezie­hung. Das liegt daran, dass René Adler in gewisser Weise tat­säch­lich der Sohn von Rüdiger Voll­born ist. Zumin­dest hat er vier Jahre bei ihm gewohnt, damals, als er aus Leipzig ins Rhein­land kam. »Danach ist er mir ein wenig aus den Händen gerutscht«, gibt Voll­born zu. Es war ein natür­li­cher Abna­be­lungs­pro­zess, bezogen auf ihr Vater-Sohn-Ver­hältnis sozu­sagen die Pubertät. Heute begegnen sie sich auf Augen­höhe. »Er ist ein Mensch, zu dem ich gehe, wenn ich Pro­bleme habe«, sagt Adler. Er sagt »ein Mensch«, nicht »der Mensch«, und es ist viel­leicht dieser unbe­stimmte Artikel, der den Unter­schied zu früher mar­kiert.

»Ich hoffe, dass in Lever­kusen in Zukunft ein Mensch im Tor steht und kein Titan«, sagt Voll­born mit feinem Sei­ten­hieb auf ein Phä­nomen der jün­geren deut­schen Fuß­ball­his­torie. Ohne seine Loya­lität zum Arbeit­geber Bayer Lever­kusen in Frage stellen zu wollen: Im Zweifel würde er sich wohl immer für René Adler ent­scheiden. So unter­stützt er ihn bei der Ver­wirk­li­chung seines großen Traumes, obwohl er weiß, dass der Traum nichts mit Bayer und nicht einmal etwas mit Deutsch­land zu tun hat: Adler würde irgend­wann gerne für Man­chester United im Tor stehen. Voll­born müsste dann end­gültig los­lassen, doch das ist der Preis, den jeder Mentor zu zahlen hat. Als René Adler das Inter­view beendet, weil er einen anderen Termin hat, bleibt Rüdiger Voll­born einen Moment sitzen, er möchte noch etwas los­werden. Und dann beugt er sich vor wie Schle­mihl aus der Sesam­straße, wenn er eine Acht ver­kaufen will, und flüs­tert fast, als könnte sein Satz in fal­sche Ohren gelangen: »In der ganzen Zeit, in der ihn in der Jugend trai­niert habe, kann ich mich an höchs­tens vier oder fünf Fehler erin­nern.«

Viel­leicht ist auch dies ein Geheimnis der deut­schen Hüter: dass man sich nir­gendwo auf der Welt so um die Keeper sorgt und küm­mert wie hier.