Gon­zalo Higuain muss sich gefühlt haben, als hätte ihn ein Kleinbus gerammt. Eben noch hatte der Offen­siv­mann von Real Madrid ele­gant einen Abwehr­spieler Bar­ce­lonas im Straf­raum aus­steigen lassen, jetzt wollte er sein Kunst­werk voll­enden und den Ball ins Tor strei­cheln. Da rauschte von der Seite ein rot-blau gestreifter Der­wisch mit sagen­haft vielen Kor­ken­zieher-Locken auf dem Schädel heran und schürfte dem Argen­ti­nier das Spiel­gerät vom Fuß. Carles Puyol. Der Abwehr­chef vom FC Bar­ce­lona ist eine Insti­tu­tion in der eigenen Hälfte der Kata­lanen. Mit einem über­ra­genden Auf­tritt beim »El Clas­sico« gegen den Intim­feind aus der Haupt­stadt hat sich Puyol nun selbst Denkmal gesetzt.



In einer Aus­wahl an Fein­tech­ni­kern ist dieser drah­tige Spa­nier ein Stark­strom­elek­triker. Einer, der den Zwei­kampf ehrt und ver­liebt. Und zu einer wahren Kunst­form erhoben hat. So kon­se­quent und effi­zient grät­schen auf der inter­na­tio­nalen Fuß­ball-Bühne nur wenige in die Gegen­spieler. Wäh­rend 50 Meter ent­fernt von Puyols Stamm­po­si­tion in der Innen­ver­tei­di­gung Lio Messi, Thierry Henry und das kon­ge­niale Iniesta/​Xavi ihr berau­schendes Angriffs­spiel in höchster Geschwin­dig­keit auf­ziehen, besitzt Puyols Abwehr­spiel nicht weniger Tempo und Esprit. Gegen die Sturm- und Drang-Spitzen in Reals neu­for­mierter Mann­schaft verlor der Barca-Kapitän einige Sprints auf der Außen­bahn gegen den irr­sinnig schnellen Cris­tiano Ronaldo, aber sobald die Angreifer aus der Haupt­stadt den Straf­raum der Gast­geber betraten, been­dete Puyol (in äußerst intakter Zusam­men­ar­beit mit dem nicht minder flei­ßigen Kol­legen Pique) alle wei­teren könig­li­chen Bemü­hungen den Ball im Tor unter­zu­bringen.

Ein­ge­sprun­gene Vari­ante des Spiel­ver­der­bers

Puyol, nicht mit dem Sprint­ver­mögen der stür­menden Kon­kur­renz aus­ge­stattet, behilft sich dabei einer uralten – im Zeit­alter der lang­bei­nigen Alles­ab­fänger a lá Met­zelder und Pepé jedoch fast ver­ges­senen – Methode moti­vierter Ver­tei­diger: der guten alten Grät­sche. Die ein­ge­sprun­gene Vari­ante des Spiel­ver­der­bers ist auf diesem Niveau eine durchaus ris­kante Wahl den Zwei­kampf zu beginnen. Intel­li­gente Gegen­spieler (und Real besitzt spä­tes­tens seit der mons­trösen Ein­kaufs­tour im Sommer einige davon) sind in der Lage mit schnellen Bewe­gungen die ent­schei­denden Zen­ti­meter zu machen, damit der Grät­schende nicht den Ball, son­dern das Schien­bein erwischt.

Am Sonn­tag­abend im hei­mi­schen Camp Nou war Puxol gleich mehr­fach in der miss­li­chen Lage mit einer fal­schen Bewe­gung einen Straf­stoß zu ris­kieren, doch sein sagen­haftes Timing und die Anti­zi­pa­tion der geg­ne­ri­schen Angriffs­rich­tung ermög­lichten es dem Natio­nal­spieler seine Grät­schen sauber und gewinn­brin­gend ein­zu­setzen. Fast wäre das ver­wöhnte Barca-Publikum auf­ge­sprungen und hätte »Olé« geschrien, doch der end­gül­tige Ver­zü­ckungs­schrei ist beim Cham­pions-League-Sieger wei­terhin den Tem­po­dribblern aus der Offen­sive vor­be­halten. Puyol wird damit leben können.

Natür­lich, zwei, dreimal war auch Puyol gegen Real zu spät gekommen, die Madri­lenen frei zum Schuss gekommen. Doch feh­lende Kon­se­quenz im Abschluss und ein groß­artig reagie­render Tor­wart Victor Valdes ver­hin­derten ein Tor. Ohne einen guten Tor­hüter sind auch die Grät­schen von Carles Puyol nutzlos. Eine Tat­sache. Seiner Bril­lanz tut das aller­dings keinen Abbruch.