Dass die Leute zum Fuß­ball gehen, weil sie nicht wissen, wie es aus­geht, ist eine seit Seppl Her­berger häufig bemühte Weis­heit. Wer dabei aktuell an die Bun­des­liga denkt, kann aller­dings in den letzten Jahren nicht allzu oft im Sta­dion gewesen sein. Denn dort erleben wir seit Jahren die direkte Umkeh­rung des alten Sinn­spruchs. Bei nahezu jedem Spiel, an dem der FC Bayern betei­ligt gewesen ist, war schon vorher ziem­lich klar, wie es aus­gehen wird. Was in der letzten Saison dazu führte, dass die Gegner schon sin­gend und tan­zend im Par­tybus aus Mün­chen abfuhren, wenn sich die Klat­sche wenigs­tens eini­ger­maßen in Grenzen hielt. 

Es kann also in der kom­menden Saison alles nur besser und span­nender und auf­re­gender werden, auch wenn uns ein wenig die Phan­tasie fehlt, was denn so alles pas­sieren müsste, um den FC Bayern so richtig aus der Spur zu bringen. Ver­let­zungs­pech, Ein­ge­wöh­nungs­pro­bleme bei Carlo Ance­lotti, satte Stars, die feh­lenden Ermah­nungen des über­ra­schend demis­sio­nierten Mat­thias Sammer, die krea­tive Leer­stelle des nach Dort­mund geflo­henen Mario Götze, so was in der Rich­tung.

Wird Dort­mund zum ernst zuneh­menden Bayern-Jäger?

Wich­tiger noch wäre aller­dings, dass sich die Bun­des­liga-Kon­kur­renz end­lich mal wieder im Titel­kampf gerade macht. Borussia Dort­mund wirkte noch im Früh­jahr wie ein Klub, der kräftig Anlauf nimmt, um wieder ernst­haft um die Meis­ter­schaft mit­zu­spielen. Zweiter in der Liga und im Pokal­fi­nale weit­ge­hend auf Augen­höhe mit den Bayern, das konnte genauso Mut machen wie die leicht feiste Gewiss­heit, mit der Geschäfts­führer Aki Watzke ver­kün­dete, dass der BVB auf seine Leis­tungs­träger baue. Völlig aus­ge­schlossen“ sei es, dass gleich drei Dort­munder Stars den Klub ver­lassen würden. Wenige Wochen später waren Hum­mels, Gün­dogan und Mkhi­ta­ryan trotzdem über alle Berge, was wie­derum Wolfs­burgs Klaus Allofs etwas reha­bi­li­tierte, der vor Jah­res­frist den Weg­gang von Kevin De Bruyne nach Man­chester immerhin nur zu 99,9 Pro­zent aus­ge­schlossen hatte. 

Kein Wunder also, dass Tuchel zu Sai­son­be­ginn rei­fen­quiet­schend auf die Bremse trat: Wir werden Zeit brau­chen, die Dinge neu zu ordnen“, sprach der Coach mah­nend. Nun ist Tuchel eine Menge zuzu­trauen. Schon weil er das Kunst­stück fer­tig­ge­bracht hat, eine Mann­schaft wie­der­zu­be­leben, die nach dem stän­digen Rock n’ Roll der Klopp-Ära reich­lich aus­ge­laugt wirkte. Viel­leicht also inte­griert Tuchel all die Neu­zu­gänge, von Ous­mane Dem­bélé über Sebas­tian Rode bis hin zum Bar­ce­lona-Schnapper Marc Bartra, doch fixer als gedacht. Und ebenso viel­leicht findet er anders als Pep Guar­diola eine Rolle für Mario Götze, die dessen Stärken für die Dort­munder Angriffs­ma­schi­nerie nutzbar macht. Zuvor wird der BVB aller­dings erst einmal mühsam ver­su­chen müssen, die Anhän­ger­schaft davon zu über­zeugen, dass mit Götze tat­säch­lich ein ver­lo­rener Sohn nach Hause kommt, und nicht einer, der sich vor drei Jahren ein­fach mal so vom Acker gemacht hat, weil es in Mün­chen mehr Geld zu ver­dienen und mehr Titel zu gewinnen gab. Letz­teres ist zwar der Beweg­grund nahezu jeden Wech­sels im euro­päi­schen Spit­zen­fuß­ball, aber das spielt in der auf­ge­heizten Stim­mung keine allzu große Rolle. 

Der BVB ist vor allem an der Cham­pions League inter­es­siert

Und selbst wenn die Rück­füh­rung Götzes gelingt und die Dort­munder rasch zu einer kom­pakten For­ma­tion finden, wird das nichts daran ändern, dass dem BVB eher daran gelegen sein wird, sich wuchtig in der Cham­pions League zurück­zu­melden. Dort lockt das große Geld, dort lockt auch die inter­na­tio­nale Aner­ken­nung, nach der die Klub­spitze so giert. Und so wird Tuchel im Revier­derby wahr­schein­lich wieder die 2. E‑Jugend auf­bieten, um die erste Elf für die Königs­klasse zu schonen – wie schon in der letzten Saison höchst erfolg­reich prak­ti­ziert.